
Ein abgewrackter Weihnachtsmann, eine streikende Zahnfee und der Imbiss ums Eck als letzte Zuflucht vor Konsumterror, Zimt-Latte und „Last Christmas“. Diesmal wird Weihnachten nicht gerettet. Diesmal wird gekündigt.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Kerstin Schmadtke
Worum geht’s?
Der Weihnachtsmann taucht ausgebrannt beim Schorsch auf und erklärt seinen Rücktritt: zu viel Kommerz, zu wenig Sinn und miserable Arbeitsbedingungen beim Zentralamt für Mythische Figuren.
Als auch noch die Zahnfee rebelliert, wird aus der Bescherung eine kleine Gewerkschaftssitzung mit Currywurst und Bier. Am Ende rettet niemand Weihnachten, aber alle sind noch da. Und das muss manchmal reichen.
Die Geschichte lesen
Ich stehe mal wieder im „Imbiss ums Eck“ und tue so, als hätte ich ein Leben. In echt. Wirklich. Der Hape steht neben mir an unserem Lieblingsstehstammtisch und malt kleine, aggressiv aussehende Tannenbäume auf eine Serviette. Und der Schorsch hinterm Grill brutzelt Currywürste, als wären sie seine persönliche Antwort auf alle ungelösten Fragen der Menschheit. So iss’er halt.
Aus dem alten Radio in der Ecke läuft zum dritten Mal „Driving Home for Christmas“ vom Chris Rea. Der Schorsch knurrt jedes Mal ein bisschen lauter, wenn das Klavier einsetzt. Ich weiß, dass ich mich nicht beschweren darf, weil ich nur eine fiktive Figur bin. Aber der Autor hat mich schon wieder in eine Weihnachtsgeschichte reingeschrieben. War ja klar. Diese Arschgeige will natürlich Stimmung, Reflexion und einen gewissen Tiefgang. Ich hätte aber eher Bock auf „Wurst- und Durstgeschichten – Der Hanswurst verschläft Heiligabend“ oder so. Aber natürlich. Mich fragt ja keiner. Is‘ klar.
Ich nehme einen Schluck Bier und überlege gerade, ob Weihnachten vielleicht einfach nur eine Betriebsstörung mit Lichterkette ist, da geht die Tür vom Imbiss auf. Sie quietscht. Dramatisch. Natürlich quietscht sie dramatisch. Wenn der Autor eins liebt, dann Effekte. Dieser Horst.
Und wer kommt da hereinspaziert? Der Weihnachtsmann.
Nicht einer mit billiger Kaufhausjacke, nein. Der volle Film: roter Mantel, weißer Bart, Mütze, Stiefel, alles. Nur der Gesichtsausdruck passt nicht so richtig. Der guckt, als hätte er gerade eine dreifache Wurzelbehandlung hinter sich und gleichzeitig erfahren, dass seine Rente keinen Pfifferling wert ist. Die Renten sind sicher. Zum Lachen. Oder Weinen. Ganz wie du willst, liebe Leserin oder Leser.
Er bleibt kurz in der Tür stehen, schaut einmal durch den Imbissraum, als würde er das Fluchtwegekonzept prüfen, dann stapft er rein. Der Schorsch hebt nur eine Augenbraue, mehr Emotion zeigt er gewöhnlich nicht. Der Weihnachtsmann setzt sich keuchend auf einen Hocker an dem anderen Stehtisch, zwei Meter von uns entfernt, klopft sich den Mantel ab, und ruft mit erstaunlich tiefer Stimme:
„Schorsch! Einmal doppelte Currywurst, scharf, mit Fritten. Und ’n Bier. Und…“ Er beugt sich vor. „…’n Fliegenden Mexikaner. Den richtigen. Also dieser Marihuana-Schnaps. Kein Kinderpunsch.“
Der Schorsch blinzelt langsam. „Ja. Frohes Fest dann auch“, brummt er. „Wurst oder Leben?“
„Wenn du mir noch so ’n dummen Spruch drückst, alter Mann, ramm ich dir den Renntierschlitten in deinen fetten Arsch“, sagt der Weihnachtsmann. „Einfach machen, ja? Bin durch für heute.“
Der Hape hört auf zu malen. Ich merke, wie ich im Kopf den Autor anschaue: Ernsthaft jetzt? Weihnachtsmann im Imbiss. Klar. Groteske, Symbolik, bla.
„Hast du das grad gehört?“, flüstere ich zum Hape.
„Ja“, sagt der Hape. „Entweder Method Acting oder er ist wirklich der Weihnachtsmann.“ Er tritt einen Schritt zur Seite, so dass er den Typen besser inspizieren kann. „Der hat Aura.“
Die Klingel vom Kühlhaus scheppert leise, als der Schorsch nach hinten verschwindet, um Nachschub zu holen. Der Weihnachtsmann stöhnt, legt beide Ellenbogen auf den Stehtisch und vergräbt den Kopf in den Händen.
„Alles okay bei Ihnen?“ frage ich, weil der Depp von Autor offensichtlich will, dass ich die Gesprächsöffnung übernehme. Der Weihnachtsmann hebt den Kopf langsam. Er hat kleine rote Äderchen in den Augen und eine Fahne, gegen die unser Stammkater nüchtern wirkt.
„Siezen wir uns hier, oder was?“, knurrt er. „Ich bin der Weihnachtsmann, keine Abteilungsleitung. Sag einfach ‚du‘. Oder ‚du arme Sau‘, das passt auch.“
„Gut“, sage ich. „Na dann. Alles klar bei dir, du arme Sau?“
Er lacht einmal kurz, trocken, wie jemand, der seit zwanzig Jahren denselben Witz erzählt. „Nein. Nix klar. Ich hab fertig. Der Weihnachtsmann kündigt. Scheiß auf den Laden.“
Ich nehme noch ein Bier. Wer weiß, wohin das hier führt.
Der Schorsch kommt zurück, stellt dem Weihnachtsmann kommentarlos eine übervolle Pappschale mit doppelter Currywurst hin, ordentlich rot eingesaut, Berge von Fritten daneben. Dazu eine Bierflasche und ein kleines Schnapsglas mit etwas, das verdächtig grün leuchtet.
„Bitteschön“, sagt er. „Doppelte Wurst, scharf, Fritten, Bier, Fliegender Mexikaner. Haftungsausschluss für Folgeschäden kennste ja sicher.“
„Du bist ’n Engel“, sagt der Weihnachtsmann. „Aber die hab ich ja alle rausgeworfen.“
Er nimmt das Schnapsglas, schnuppert kurz, nickt anerkennend und kippt es dann runter. „Boah“, sagt er, schüttelt sich. „Wenigstens hier noch echte Drogen und nicht diese scheiß alkoholfreien Zimt-Latte-irgendwas.“
„Schlimmer Stress heute, was?“, frage ich. Es ist offensichtlich, dass ich fragen muss. Der Weihnachtsmann schaut mich an, als hätte ich eben „Na, auch hier?“ gesagt.
„Alter. Du hast ja keine Ahnung. Ihr faullenzt hier, fresst Wurst und tut so, als wäre die Welt nur Pommes mit Soße. Ich baller seit vier Wochen durch alle Zeitzonen, weil diese Landeier da oben in der Organisation wieder an der Logistik rumsparen. ‚Mehr Effizienz, weniger Schlittenstunden‘, weißte? Ich bin doch nicht der letzte Vollidiot auf dem Globus.“
„Wer ist ‚da oben‘?“, fragt der Hape. „Die Geschäftsführung vom Weihnachtswesen oder Käpt’n Iglo?“
„ZAMF“, sagt der Weihnachtsmann und beißt ein Stück Wurst ab. „Zentralamt für Mythische Figuren. Also die mit den Verträgen. Die anderen sind voll im Arsch. Also noch voller.“
Ich merke, wie der Autor innerlich nickt. Keine Ahnung warum. Ich glaube, dass der total besoffen, bescheuert oder auf Drogen ist. Oder alles zusammen. Natürlich gibt’s ein Zentralamt. Symbolik, Bürokratie, Kapitalismuskritik. Alles drin. War ja irgendwie klar, dass der sowas hier wieder einbaut.
„Und was genau ist jetzt dein Problem, du arme Sau?“ frage ich. „Außer, dass du grad aussiehst wie ein Burn-out auf zwei Beinen.“
„Mein Problem“, sagt der Weihnachtsmann, „ist diese ganze Scheiße namens Weihnachten.“ Er wedelt mit der Gabel. „Früher: bisschen Bescherung, paar Kerzen, ein Liedchen, alle heulen vor Rührung, fertig. Heute: Black Friday, Cyber Monday, Wunschlisten, Amazon-Gutscheine, Influencer-Adventskalender, vegane Hundekekse mit Goldstaub. Und dann gucken mich alle an, als wäre ich schuld, wenn die PS5 ausverkauft ist.“
Er nimmt eine Handvoll Fritten, tunkt sie gnadenlos in der Soße, stopft sie in den Mund und redet ungeniert weiter. „Ich bin ein ausgelutschter Markenartikel mit Bauch. Eine laufende Werbefigur. Und selbstverständlich irgendwie Freier Mitarbeiter ohne Rentenpunkte trotz Vertrag beim ZAMF. Rechnung auf Honorarbasis. Von wegen Ho-Ho-Ho. Eher: Ha-Ha-Haftungsrisiko.“
Ich spüre, wie der Autor sich freut. Sozialkritik: check.
„Also willst du… was?“ frage ich. „Aussteigen? Sabbatjahr? Berufsberatung? Coaching?“
„Ich will gar nix mehr“, sagt der Weihnachtsmann. „Das Christkind soll den Scheiß machen. Ist jung, flink, billiger. Sollen sie ruhig ihre Kinderarbeit mal konsequent zu Ende denken.“
„Kinderarbeit ist verboten“, murmele ich, reflexhaft.
„Ach was“, knurrt er. „Da oben gilt Tarifvertrag Märchenwesen. Da ist alles erlaubt. Offenbar.“
*
Die Tür vom Imbiss geht wieder auf, ohne dramatisches Quietschen. Das ist fast schon enttäuschend. Rein stolpert der Getränke-Manni, leicht durchgefroren, mit einer Kiste Leergut unterm Arm und dem Gesicht eines Mannes, der heute zum dreihundertsten Mal gehört hat, dass „das Bier letzte Weihnachten billiger war“.
„Mahlzeit“, keucht er. „Ich stell das mal hinten rein, ja?“
Dann bleibt der Getränke-Manni einfach mitten im Raum stehen, als er den Weihnachtsmann sieht. „Ach du heilige… äh… Guten Tag.“
Der Weihnachtsmann hebt die Hand, in der immer noch die Wurstgabel steckt. „Entspann dich. Ich bin privat hier. Im Streik. Oder so.“
Der Getränke-Manni stellt die Kiste vorsichtig ab. „Ja gut, ich mein, Weihnachten ist bei mir Hochrisikogebiet. Wenn du wirklich streikst, sag Bescheid, dann kann ich den Laden zumachen. Ohne deine ganze Glühwein- und Prosecco-Panik wär mein Leben schon deutlich ruhiger. Wusstet ihr eigentlich, dass es jetzt auch Hot Aperol und Glüh-Gin gibt? Nee? Auch egal.“
„Was machst du?“ fragt der Weihnachtsmann.
„Gerade eben? Hier stehen und mit dir reden. Ansonsten Getränkemarkt“, sagt der Manni. „Selbstständig. Also offiziell Unternehmer, praktisch Dauer-Hampelmann mit Rückenschaden. Ich liefer seit Jahren die Billigbrause, mit der sie deine Fake-Schokomänner runterspülen.“
Der Weihnachtsmann guckt ihn erst an, dann sein Bier. „Respekt, Kollege. Auch keine Rente, oder?“
„Klar. Keine“, sagt der Manni. „Ich bin der feuchte Traum vom Neoliberalismus.“
„Seht ihr“, sage ich. „Ihr seid im gleichen Boot.“
Der Getränke-Manni mustert den Weihnachtsmann, dann uns, dann den Schorsch hinterm Grill. „Also wenn du wirklich nicht mehr willst“, sagt er, „musst du was organisieren. Gewerkschaft. Betriebsrat. Solidarische Weihnachtsfront. Oder so. Sonst hängst du hier in zehn Jahren noch im Mantel und verteilst Rabattcodes.“
„Gewerkschaft“, wiederholt der Weihnachtsmann. „Für Fabelwesen.“
„Warum denn nicht?“ fragt der Manni. „Wir leben in einer Zeit, in der es für alles eine Satzung, einen Ausschuss oder einen Arbeitskreis gibt. Da gehen Fabelwesen auch noch rein.“
Ich merke, wie ich grinsen muss. Der Autor wahrscheinlich auch. (Ja. Er grinst. Definitiv.)
Der Schorsch stellt uns noch zwei Bier hin. Ohne zu fragen. Das ist seine Art von Affirmation.
„Also“, sagt der Hape, „bevor wir hier die ‚Vereinte Mythologien‘ oder so gründen, können wir vielleicht mal klären, was Weihnachten eigentlich soll.“
„Hör mir auf“, brummt der Weihnachtsmann. „Wenn mir noch einmal jemand mit ‚Fest der Liebe‘ kommt, hau ich ihm die Christbaumkugeln im Querformat um die Ohren. Also 16:9.“
Der Schorsch zieht an seiner Zigarette, ist angeblich nicht mit den Hygienestandards vereinbar, interessiert ihn aber offensichtlich nicht, und sagt dann langsam: „Eigentlich… sollte es mal darum gehen, dass man sich bewusst macht, dass wir alle…“ Er verheddert sich, winkt ab. „Ach Kacke. Ist doch egal. Am Ende sitzen die Leute unterm Baum, fressen zu viel und streiten sich über Politik. Bei mir kriegen sie wenigstens vorher was Vernünftiges in den Magen.“
„Fest der Fritten“, sage ich. „Damit kann ich leben.“
„Ich nicht“, sagt der Weihnachtsmann. „Ich kann mit gar nix mehr leben. Ich hab Katalog-PTSD.“
„Hä? Was ist das denn?“ frage ich.
„Posttraumatisches Saison-Discounter-Syndrom“, erklärt er. „Wenn ich nur ein rotes Plüschband mit Goldglöckchen sehe, krieg ich Ausschlag.“
Er kippt sich das nächste Bier rein. Der Fliegende Mexikaner scheint langsam Wirkung zu zeigen, die Augen werden glasiger, aber die Sprache klarer. Das ist bei uns hier eigentlich ganz normal.
„Ich sag euch“, fährt er fort, „die Kinder sind nicht das Problem. Die sind ja meistens ganz okay. Schreiben Wunschzettel, malen mich scheiße ab, stellen mir Kekse hin, die aussehen, als wären sie bei einem Backunfall entstanden, aber nett gemeint. Das Problem sind die Erwachsenen. Die Eltern. Die Großeltern. Die, die glauben, dass ein 600-Euro-Set aus Plastikkram die emotionalen Baustellen der letzten zehn Jahre löst.“
„Also jetzt auch Kapitalismuskritik“, sage ich. „Kennen wir.“
Das Radio im Hintergrund wechselt das Lied. Es läuft eine fröhliche Popversion von „Last Christmas“. Betroffene Stille. Sogar der Schorsch verdreht kurz die Augen.
„Siehste“, sagt der Weihnachtsmann. „Wenn das kein Kündigungsgrund ist, weiß ich auch nicht.“
*
Und genau in dem Moment klingelt das uralte Imbiss-Telefon. So ein graues Ding mit Wählscheibe, das hier aus Prinzip überlebt hat. Der Schorsch nimmt ab. „Imbiss ums Eck. Ja…“ Er sagt nichts, hört zu, schaut dabei langsam zum Weihnachtsmann rüber. Seine Stirn bekommt Falten, die selbst mit viel Schönheitschirurgie nicht rauszubügeln wären.
„Ja, der sitzt hier“, sagt der Schorsch schließlich. „Wer ist da?“ Kurze Pause. „Zentralamt für… was?“ Noch eine Pause. „Aha.“ Er hält den Hörer halb zu. „Für dich“, knurrt er zum Weihnachtsmann. „ZAMF. Die suchen ihren roten Mann.“
Der Weihnachtsmann stöhnt. Tief. „Natürlich“, murmelt er. „GPS-Tracking in der Mütze.“ Er nimmt den Hörer. „Ja? Hier Dienstnummer 24. Ja, ich hab Pause. Ja, ich weiß, dass wir Peak Season haben. Ja, ich weiß, was ‚verantwortungsbewusst‘ heißt, ich hab’s erfunden. Nein, ich komm nicht zurück. Nein, ich unterschreibe keine Zusatzschichtvereinbarung. Nein, ihr könnt mich nicht durch den Osterhasen ersetzen, der ist im Skiurlaub. Was? Vertragsstrafe? Ach, wisst ihr was – steckt euch den Vertrag dahin, wo keine Kerze hinscheint, ihr Arschgeigen. Grüße an die Compliance-Abteilung.“ Er knallt den Hörer auf die Gabel. Das Gerät überlebt, wie immer. „So“, sagt der Weihnachtsmann. „Jetzt bin ich offiziell raus. Fristlose Weihnachtsverweigerung.“
Ich sehe, wie im Kopf des Autors kurz ein Warnlämpchen angeht. Weihnachten fristlos gekündigt. Das ist für viele Leserinnen und Leser wahrscheinlich harter Tobak. Aber zum Glück bin ich nur eine beliebige Figur in einer beliebigen Geschichte. Ich muss mir keine Gedanken über Zielgruppen machen.
„Und was passiert jetzt?“ fragt der Hape. „Also… global gesehen?“
Der Weihnachtsmann zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Logistikkollaps. Eltern drehen durch. Kinder merken vielleicht, dass der Zauber nicht im Karton steckt, sondern, äh…“ Er überlegt kurz. „…ach Quatsch, die hängen dann halt auch am Tablet oder Handy. Läuft.“
Die Tür geht schon wieder auf. Diesmal kommt keine grummelige Gestalt, sondern jemand, der optisch nicht so recht nach „Imbiss ums Eck“ klingt: klein, drahtig, glitzernde Winterjacke, weiße Adidas-Sneakers, ein Zopf, der aus einer Kapuze mit Sternchenmuster hängt. In der Hand eine kleine Umhängetasche und ein Beutel, der verdächtig klappert. Sie guckt einmal durch den Raum, sieht den Weihnachtsmann und stöhnt. „Nein“, sagt sie. „Du nicht auch noch.“
„Zu spät“, murmelt der Hape. „Die Zahnfee.“
Irgendwie liebe ich es, wie der Autor solche Sachen einfach reinsetzt. Als wäre es das Normalste der Welt.
„Moin“, sage ich. „Imbiss ums Eck. Wurst, Fritten, und jetzt auch Existenzkrisen.“
Die Zahnfee ignoriert mich souverän, marschiert direkt zum Weihnachtsmann und knallt ihre Tasche auf seinen Stehtisch. „Du kannst nicht einfach kündigen“, zischt sie. „Weißt du, was das für mich bedeutet? Wenn du raus bist, häng ich alleine im ZAMF-Ranking ganz oben. Dann kommen die mit ‚Synergien‘. Dann soll ich plötzlich nachts nicht nur Zähne einsammeln, sondern auch Geschenke liefern. Ich bin doch nicht blöd, du Ego-Arsch!“
„Liebe Kollegin“, sagt der Weihnachtsmann, „setz dich, iss ’ne Wurst, wir sind hier im Widerstand.“
Die Zahnfee seufzt, klettert auf den Hocker neben ihm, winkt dem Schorsch. „Was gibt’s Zahnfreundliches?“
„Nix“, sagt der Schorsch. „Currywurst oder verzieh dich du Glitzertante.“
„Dann Currywurst“, sagt sie. „Scharf. Man lebt ja doch nur einmal.“
Der Getränke-Manni glotzt sie an. „Ey, bist du echt…? Also… die Zahnfee? Mit den Zähnen unterm Kopfkissen?“
Sie zieht eine Augenbraue hoch und holt zur Demonstration ein kleines Glasröhrchen aus der Umhängetasche, halb voll mit Milchzähnen. „Ich hab ein Lager, von dem kannst du als Getränkemarkt nur träumen.“
„Okay“, sagt der Manni. „Das ist eklig und beeindruckend zugleich.“
Die Zahnfee dreht sich zu uns um. „Und wer seid ihr?“
„Der Hanswurst“, sage ich. „Fiktive Figur, zuständig für Meta-Kommentare und Currywurstkonsum.“ Ich zeige auf den Hape. „Der Hape, Künstler ohne Gattungsbindung.“ Auf den Manni. „Getränke-Manni, Neoliberalismusgegner.“ Auf den Schorsch. „Schorsch, Ex-Seelsorger, jetzt Imbissgott.“
„Gut“, sagt sie. „Dann haben wir hier ja alles, was es braucht: Alkohol, Fett, Resignation und eine halbintelligente Erzählerstimme.“
Ich überlege kurz, ob ich beleidigt sein soll, entscheide mich aber dagegen. Passt schon. Der Autor findet das nämlich lustig, das spüre ich.
*
„Also“, sagt die Zahnfee, legt den Beutel mit den Zähnen neben sich ab und stützt die Arme auf den Tisch. „Statusbericht aus der Welt der Kindheitsfantasien: Es brennt. Aber so richtig.“
„Hab ich gemerkt“, murmelt der Weihnachtsmann.
„Bei mir läuft auch nix mehr rund“, fährt sie fort. „Die Kids schlafen mit Zahn-Apps ein, die Eltern transferieren das ‚Zahnfee-Geld‘ direkt per PayPal, und niemand macht mehr kleine handgeschriebene Zettelchen. Alles digital. ‚Liebe Zahnfee, bitte Geld für In-App-Käufe.‘ Ich hab neulich ernsthaft eine Rechnung über fünf Euro in Robux gesehen. Das ist doch krank.“
„Robux“, sagt der Hape leise. „Das ist schon als Wort ein Kunstfehler.“
„Außerdem“, sagt die Zahnfee, „erklärt mir mal, warum wir die ganze Care-Arbeit machen sollen. Wir putzen die emotionale Kindheit durch mit Glitzer und Geschenken, und die Erwachsenen kriegen es nicht auf die Reihe, halbwegs stabile Verhältnisse hinzubekommen. Und dann heißt es: ‚Du musst den Zauber aufrechterhalten!‘ Nee. Ich muss gar nix. Nee, muss ich nicht.“
Sie bekommt ihre Currywurst. Der Schorsch stellt ungefragt ein Bier dazu. „Hausrunde“, grummelt er. „Für Streikbrecher vom anderen Stern.“
Der Weihnachtsmann hält sein Glas hoch. „Auf die gescheiterte Festtagspädagogik“, sagt er. „Und auf die Tatsache, dass wir alle nur Figuren in irgendeinem schlechten Drehbuch sind.“
„In diesem Drehbuch“, sage ich. „Das hier ist eine Weihnachts-Wurst- und Durstgeschichte. 2025, sagt mir der Autor. Glaube ich.“
Die Zahnfee schaut mich scharf an. „Du hörst ihn auch?“
Ich zucke mit den Schultern. „Klar. Manchmal mehr, manchmal weniger. Heute sehr deutlich. Der will, dass wir über Bräuche reden, über das Abendland, über Sinnfragen. Und am Ende wird er versuchen, uns irgendeine kleine versöhnliche Szene unterzujubeln.“
„Kommt nicht in Frage“, sagt der Weihnachtsmann. „Ich verweigere Happy Ends.“
„Ich auch“, sagt die Zahnfee. „Ich bin für radikale Entzauberung.“
Wir stehen und sitzen also da: ein abgewrackter Weihnachtsmann, eine resignierte Zahnfee, der Manni, der Hape, der Schorsch und ich. Draußen fällt so eine Art halbherziger Nieselregen, der sich nicht sicher ist, ob er Schnee werden will oder einfach nur nervig bleibt.
„Was machen wir jetzt?“ frage ich, eher so ins Allgemeine. Es ist dieser Moment in Geschichten, in denen die Figuren normalerweise beschließen, Weihnachten zu retten. Ich spüre, wie der Autor kurz Luft holt.
„Gar nix“, sagt der Weihnachtsmann. „Ich bleib hier, sauf mich in die Horizontale und fress mich durch die Speisekarte.“
„Ich geh nachher nach Hause und lass den Zahnbeutel in der Schublade“, sagt die Zahnfee. „Kinder sollen ruhig mal merken, dass nicht alles kompensiert wird.“
„Und ich mach morgen den Imbiss später auf“, sagt der Schorsch. „Wenn die Leute dann heulen, dass sie keine Wurst kriegen, sag ich: ‚Beschwert euch doch beim Christkind, ihr Spacken.‘“
Ich merke, wie der Autor nervös wird. Kein Rettungsplan. Keine Rückkehr mit Schlitten. Kein rührender Moment mit Kindern, die trotzdem singen.
Aus dem Radio kommt eine Nachrichtenmeldung. „In diesem Jahr“, sagt der Sprecher mit seriöser Stimme, „kommt es weltweit zu Störungen im Weihnachtsbetrieb. Das Zentralamt für Mythische Figuren meldet einen unerwarteten Ausfall des altbekannten Weihnachtsmann-Services. Vertreterinnen und Vertreter der Konsumwirtschaft betonen, dass dennoch ausreichend Angebote in den Märkten vorliegen und Geschenke selbstverständlich auch ohne symbolische Rahmenhandlung möglich sind.“ Der Sprecher macht eine kurze Kunstpause. „Psychologinnen und Psychologen weisen darauf hin, dass Kinder in der Lage seien, neue Rituale zu entwickeln. Eine Sprecherin des Familienministeriums sagte, Zitat: ‚Wir prüfen, ob eine koordinierte Ersatzbescherung notwendig ist.‘“
„Na siehste“, sagt der Weihnachtsmann zufrieden. „Die fucking Welt bricht also doch nicht zusammen.“
*
Wir schweigen eine Weile und essen. Die Zahnfee tunkt Fritten in die Soße, als wäre das eine neue Form von Zahnversiegelung. Ich spüre, wie der Autor nochmal ansetzt. So ein inneres Räuspern. Der will jetzt diesen Moment, in dem wir alle irgendwas Weiches sagen. Über Gemeinschaft. Über Wärme. Über das kleine Glück zwischen Fritteuse und Kühlschrank. Ich lege die Gabel hin, verschränke die Arme und schaue streng in die Leere, aus der der Autor kommt. „Nee“, sage ich laut. „Heute nicht.“
Der Schorsch runzelt die Stirn. „Was?“
„Ich rede nicht mit dir“, erkläre ich. „Ich rede mit da oben.“ Ich tippe mir an die Schläfe. „Mit dem, der uns hier reingeschrieben hat.“
Der Weihnachtsmann lacht auf. „Endlich einer, der es kapiert.“
Die Zahnfee nickt. „Ich sag denen seit Jahren, sie sollen mich aus dem Vertrag nehmen. Aber dann schreiben sie mich doch wieder in irgendeinen Text rein. ‚Och, dann machen wir noch eine kleine süße Szene mit der Zahnfee‘. Kotz.“
Ich schaue in den Raum, als könnten die Leserinnen und Leser uns sehen. „Also hört zu“, sage ich. „Der Hanswurst, der Hape, der Schorsch, der Getränke-Manni, der Weihnachtsmann und die Zahnfee sitzen hier im Imbiss ums Eck. Draußen ist es kalt, drinnen ist es warm. Ja. Das ist nett. Aber niemand von uns hat Bock, Weihnachten zu retten. Wir sind einfache Leute von der Straße. Wir kriegen unser eigenes Leben nur so mittelmäßig sortiert. Wir sind nicht die Avengers vom Fest der Liebe.“
Der Hape prostet in die Luft. „Genau. Wenn ihr ein Happy End wollt, müsst ihr das selber basteln. Draußen. In echt.“
Der Schorsch kratzt den letzten Soßenrest aus dem Topf und sagt: „Wenn ihr euch unbedingt was Gutes tun wollt: Kauft euch ’ne Currywurst. Oder macht eine. Das rettet zwar nicht die Welt. Schmeckt aber.“
Der Weihnachtsmann lehnt sich zurück, schließt für einen Moment die Augen. „Und wenn ihr unbedingt an irgendwas glauben wollt“, murmelt er, „glaubt dran, dass ihr was ändern könnt, bevor ihr mich anruft. Ich hab Feierabend.“
Die Zahnfee lächelt zum ersten Mal ein bisschen. „Und putzt die Zähne. Nicht für mich. Für euch, ihr Spacken.“
*
Wir stehen da, an unserem Lieblingsstehstammtisch, und ich merke, dass der Autor langsam Ruhe gibt. Der braucht ja auch irgendwann Feierabend. Die Welt draußen wird nicht besser von dieser Szene. Aber sie wird auch nicht schlechter.
„Noch ’n Bier und ’nen Fliegenden Mexikaner?“ frage ich in die Runde. Alle nicken. Sogar der Schorsch. Für sich selbst. Und falls jetzt jemand erwartet, dass doch noch irgendwo ein Kind reinkommt, mit großen Augen, und den Weihnachtsmann sieht und alles wird plötzlich magic: Tut mir leid. Nicht in dieser Geschichte. Hier, im „Imbiss ums Eck“, gibt’s heute nur Currywurst, Fritten, Bier, einen abgetauchten Weihnachtsmann, eine streikende Zahnfee und eine Runde Leute, die wissen, dass sie nichts Großes retten werden. Aber wir heben gemeinsam die Gläser. Nicht, weil Weihnachten ist. Sondern, weil wir noch da sind. Und das muss manchmal reichen…
ENDE