
Ein müder Abend im Imbiss ums Eck, vier Bier auf dem Stehtisch und die Erkenntnis, dass von oben selten etwas kommt. Zwischen Kiosk, Niedriglohn, Altersarmut und Currywurst wird aus einem gewöhnlichen Feierabend eine ziemlich bittere Bestandsaufnahme.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Der Hanswurst, der Hape, der Schorsch und der Murat reden über Arbeit, Geld, Würde und das Gefühl, jahrelang am selben Tresen zu stehen, während andere einfach vorbeiziehen.
Die Geschichte lesen
Ich lümmle wieder an meinem Lieblingsstehstammtisch beim Schorsch im „Imbiss ums Eck“ und weiß jetzt schon, dass der Autor heute keinen guten Tag hatte. Man merkt das daran, wie er mich hier hinstellt. Kein launiger Einstieg, keine Pointe am Anfang, kein „Haha, der Hanswurst ist schon wieder zu blöd zum Scheißen“. Diesmal drückt er so lange auf mir rum, bis ich mich innerlich anfühle wie eine durchgekaute Kippe. Der Hape steht halb neben mir, halb in seinem Kopfkino, und schmiert mit Ketchupreste-Fingern irgendwas auf die Stehtischplatte. Der Schorsch steht hinter seinem Tresen, Kippe im Mundwinkel, Rauchverbot im Imbiss hin oder her, und glotzt auf den Grill, als würde da gleich die Offenbarung vom Himmel drauf fallen. Und dann kommt der Murat rein.
„Abend“, sagt der Murat, so wie Leute „Abend“ sagen, wenn der Tag eigentlich längst vorbei sein sollte, aber sich noch weigert umzufallen. Er trägt seine übliche Kapuzenjacke, die irgendwann mal schwarz war und jetzt eher die Farbe von verwaschenen Bordsteinen hat. In der Hand eine Plastiktüte, die nach irgendwas klappert.
„Hab zu“, sagt er, „Kippen und Schnaps sind alle verkauft, Hoffnung leider auch.“
Er grinst kurz, so aus Prinzip, gesellt sich zu uns an den Stehtisch und stützt sich mit den Unterarmen ab, als würde er sonst einfach umkippen.
„Wie läuft’s, Murat?“, fragt der Hape. Es ist eine dieser Fragen, wo die Antwort klar ist, aber wir stellen sie trotzdem, weil wir höflich erzogen wurden. Und weil wir uns sonst eingestehen müssten, dass wir nichts Besseres zu sagen haben.
„Das Übliche“, sagt der Murat. „Die Kids holen sich die Energy-Drinks auf Pump, die Alten kaufen Rubbellose, als wäre das Rentenpolitik, und die Typen in den viel zu sauberen Autos tanken bei mir nur Mitleid, weil sie keinen Parkplatz finden.“
Der Schorsch stellt kommentarlos vier Bier auf den Stehtisch. Eins für mich, eins für den Hape, eins für den Murat, und natürlich eins für sich. Wir haben nicht bestellt, aber er weiß, wie der Laden läuft. Wenn die Stimmung so ist wie heute, ist Bier die Grundversorgung.
„Auf die da oben“, sagt der Schorsch und hebt die Flasche, „die nicht verstehen, wie man von unten aufschaut.“ Er nimmt einen langen Zug. Wir auch. Prost ohne Begeisterung, nur wegen der Gewohnheit.
Ich muss kurz einwerfen: Ja, ich bin der Hanswurst. Ja, ich weiß, dass ich nur eine Figur bin. Und ja, wenn es nach mir ginge, hätte ich heute lieber eine Geschichte, in der zufällig irgendwo Geld auftaucht oder wenigstens eine halbwegs brauchbare Idee für die Zukunft. Aber der Typ, der mich schreibt, hat sich offenbar Pascow reingezogen und beschlossen, dass wir heute kollektiv im Arsch sind. Da kann ich auch nichts machen. Ich laufe halt da, wo er den Boden hinmalt. Sozusagen. Bildlich gesehen eben.
„Ich hab neulich so’n Song gehört“, sagt der Hape, „‘Von unten nichts Neues’. Kennste, Murat?“
„Klar“, sagt der Murat. „Läuft bei mir manchmal nachts im Kiosk. Wenn nur noch die da sind, die keinen Schlaf mehr finden oder nach drei Uhr immer noch glauben, dass das Leben gleich anfängt.“
„Ey, das ist doch genau hier“, meint der Hape, zeigt mit der Ketchupfinger-Hand erst auf sich, dann auf mich, dann auf den Schorsch und zum Schluss auf den Murat. „Der Text, das sind wir. Nur ohne Plattenvertrag.“
„Ja“, sage ich, „aber wir hätten wenigstens gern die GEMA-Einnahmen für den Schmerz.“
Der Murat lacht, hustet, hört fast sofort wieder auf.
„Weißte, was das Schlimmste ist?“, sagt er dann. „Du stehst da hinter deinem Tresen. Zwölf Stunden. Meistens länger. Jeden Tag. Du siehst Leute reinkommen, älter werden, wieder reinkommen, noch älter werden. Die erzählen dir von ihren Jobs, die immer beschissener werden. ‚Zeitarbeit‘, sagen sie, als wär das ein Wetterbericht. ‚Kündigung‘ sagen sie leiser. Und irgendwann siehste sie nur noch mit Pfandflaschen. Wenn überhaupt.“
Der Schorsch stubst zwischendurch mit der Zange zwei Bratwürste – die davon träumen einmal Currywürste zu werden – um, mehr aus Reflex als aus kulinarischem Anspruch. „Ich hab früher gedacht“, sagt er, „als ich noch bei der Bundeswehr die Seelsorge gemacht hab: Schlimmer als Leute im Tarnanzug trösten wird’s nicht. Stimmt nicht. Schlimmer ist, wenn sie alle in Jogginghose vor dir stehen und du weißt: Das hier ist jetzt ihr Schlachtfeld.“
„Brauchste Fritten, Hanswurst?“, fragt er dann mich. Dieses plötzliche Umschalten ist typisch Schorsch. Eben noch Existenzphilosophie, dann wieder Fritteuse. Wahrscheinlich seine einzige Überlebensstrategie.
„Joa“, sage ich. „Groß. Mit Mayo. Wenn schon Scheißwelt, dann wenigstens mit viel Fett und Kalorien.“
Der Hape nippt an seinem Bier und schaut durch die beschlagene Imbissscheibe raus auf die Straße. Draußen zieht so ein Typ an uns vorbei, Lieferdienstrucksack auf dem Rücken, Fahrradhelm in der Hand, als hätte er keine Zeit, ihn richtig aufzusetzen. Den sehe ich ständig. Nie ohne Stress, nie ohne dieses zu schnelle Laufen.
„Guck dir den an“, sagt der Murat leise. „Der macht wahrscheinlich drei Jobs. Fährt Essen aus für Leute, die zu müde sind zum Kochen von all der Arbeit, die sie machen, damit irgendwer anders reich wird.“
„Hey“, sage ich, „wir sind wenigstens fiktiv arm. Wir dürfen theoretisch alles, ohne dass die Rentenversicherung uns stresst.“ Ich sag das halb ironisch, halb ernst. Weil es stimmt: Ich safe mir keine Rente. Ich hab keine Krankenkasse. Ich existiere hier nur, solange der Autor Lust hat und jemand die Wurst- und Durstgeschichten liest. Also vielleicht. Ich hätte vermutlich besseres zu tun. Ich werde nie alt. Ich werde höchstens weggeschrieben.
„Meine Mutter“, sagt der Murat plötzlich, „steht mit zweiundsiebzig immer noch an der Kasse im Supermarkt. Teilzeit, nennen die das. Damit sie nicht ganz verhungert. Wenn im Fernsehen wieder einer sagt, man soll fürs Alter vorsorgen, krieg ich‘s Kotzen.“
Wir sagen nichts dazu. Weil wir alle so eine Mutter kennen. Oder sind.
Der Hape lehnt sich zurück, als könnte er in einem imaginären Regiestuhl sitzen. „Eigentlich,“ meint er, „wär das doch das perfekte Kunstprojekt: Wir machen eine Ausstellung, ‚Von unten nichts Neues. Menschen hinter dem Tresen‘. Fotos von dir im Kiosk, Murat. Vom Schorsch hier. Vom Hopfen-Hugo in seiner Kneipe. Vom Getränke-Manni im Lager. Und darunter hängen wir ihre Geschichten. Keine großen Analysen, kein Soziologensprech. Nur: ‚Das bin ich. Das ist mein Tag. Das bleibt am Monatsende übrig.‘“
„Super“, murmle ich. „Dann kommen die von oben, machen Fotos von sich selbst beim Betroffen-Sein und schieben das als CSR[1] in ihren Geschäftsbericht.“
Der Schorsch schnaubt. „Genau“, sagt er. „‚Wir danken allen Menschen im Niedriglohnsektor, dass sie uns ermöglichen, uns sozial engagiert zu fühlen.‘ Da krieg ich Sodbrennen. Und das liegt nicht an der Currysoße.“
Der Murat klopft mit zwei Fingern auf die Tischplatte. Er macht das öfter, wenn er nach Worten sucht. Wie andere Leute auf einer Packung Kippen tippen, bevor sie eine rausziehen. Ein Ritual gegen die Leere. „Weißte, Hanswurst“, sagt er, „manchmal denk ich, wir sind wie Ampeln. Wir stehen da. Jahrelang. Am gleichen Platz. Und alle laufen an uns vorbei. Wir zeigen Rot, Gelb, Grün – oder bei uns halt Zigaretten, Bier, Kippe, Wurst – aber am Ende interessiert sich keiner dafür, wie lang wir schon durchschmoren.“
„Du bist aber schon eine sehr depressive Ampel“, sage ich. „Vielleicht solltest du wenigstens blinkergelb sein.“
„Blinkergelb sind die Politiker“, mischt sich der Schorsch ein. „Die blinken in alle Richtungen und am Ende fährt trotzdem jeder in die Kreuzung rein.“
Wir lachen kurz. So wie man lacht, wenn man den Witz schon kennt, aber inzwischen ehrlich froh ist, dass überhaupt noch irgendwas witzig ist. Im Radio läuft irgendein Popsong, der klingt, als wäre er in einer Sitzung mit zehn Marketingmenschen und null Herz geschrieben worden. Ich weiß, dass der Autor eigentlich einen Punk-Song hier hinhaben will, aber Rechte und so, also läuft eben Radiomüll. Selbst im eigenen Text kommt von unten nichts Neues durch, denke ich und nehme den nächsten Schluck Bier. Neben uns am Tresen steht jetzt eine Frau mit einer Arbeitsjacke von irgendeinem Reinigungsunternehmen. Sie bestellt eine kleine Currywurst, ohne Pommes. Kleines Geld, kleiner Hunger, großer Rücken. Der Schorsch macht ihr die Portion größer, als sie bezahlt hat. Sagt aber nichts. Sie merkt es auch nicht, sie ist zu müde.
„Wie spät ist es?“, fragt der Hape.
„Zeit für nix“, sagt der Murat. „Zwischen ‚zu früh, um aufzugeben‘ und ‚zu spät, um noch was zu ändern‘.“
„Guck nicht so“, sage ich, „du wolltest doch realistisch heute.“
Ja, das sage ich zum Autor. Nicht laut, nur in seinem Kopf. Falls ihr euch wundert: Ich habe manchmal so kleine Revolten. Bringt nichts, aber es hält mich wach.
„Was glaubst du, Murat“, fragt der Hape, „werden wir mal alt in Würde? So mit Balkon, Tomatenpflanzen und nervigen Nachbarn, die wir anschreien können, weil die Mülltrennung nicht klappt?“
Der Murat schüttelt den Kopf. „Wenn ich Glück habe“, sagt er, „werde ich einfach irgendwann am Tresen in meinem Kiosk einschlafen. So mit siebzig. Im Sitzen. Und keiner merkt‘s, weil ich eh immer so gucke. Dann ruft einer ‚Murat, einmal Kippen‘, und ich reagiere nicht. Und dann denken sie: ‚Boah, ist der heute aber unfreundlich.‘ Das trau ich dieser Welt zu.“
Der Schorsch stellt ihm kommentarlos eine Currywurst hin. „Geht aufs Haus“, sagt er.
„Du bist auch so ein Sozialstaat mit Kippe im Mund“, sagt der Murat leise. „Einer, der noch versucht, Leute satt zu kriegen, obwohl es sich nicht rechnet.“
Der Schorsch zuckt mit den Schultern. „Ich kenn die Leute hier“, sagt er. „Ich weiß, wer nur noch mit Pfand zahlt. Und ich weiß, wer im Lotto gewonnen hat und trotzdem so tut, als wäre er noch einer von uns. Manche Geschichten hängen in der Luft wie altes Frittierfett. Du kriegst sie aus den Wänden nicht mehr raus.“
Draußen fährt ein SUV vorbei, tatsächlich einer dieser glänzenden, die so tun, als würden sie morgen in der Wüste gebraucht und nicht auf dem Kopfsteinpflaster vorm Bioladen. Am Steuer ein Typ mit weißem Hemd, am Handy, keine Zeit, zu wichtig. Ich frage mich, ob er uns sieht. Oder ob wir für ihn nur Hintergrundrauschen sind: Licht, Geruch, Schemen vor einem Schaufenster.
„Ich hab mal ausgerechnet“, sage ich, „wenn ich echt wäre und meinen Lebenslauf so hätte, wie der Autor mir den gebaut hat: Metzgerlehre, dann so irgendwie durchs Leben treiben, Stunden hier, Stunden da, dann würde meine Rente ungefähr aus einer warmen Currywurst und einem halben Bier im Monat bestehen.“
„Luxus“, sagt der Murat. „Ich kenn welche, die bekommen nicht mal mehr die.“
Es wird still. Nicht peinlich still. Nur so eine Müdigkeits-Stille, die irgendwann auftritt, wenn die Themen alle durch sind, aber das Leben trotzdem weiterplätschert. Im Radio quatscht ein Moderator über irgendein Gewinnspiel. „Wer uns jetzt anruft, kann eine Reise gewinnen!“, schreit der ins Mikro, als könnte man sich raustelefonieren aus der ganzen Sache. Keiner von uns greift zum Handy.
„Manchmal“, sagt der Hape, „stell ich mir vor, dass einer von oben wirklich runterkommt. Irgendwann. Also nicht so albern wie Wahlkampf, sondern richtig. Setzt sich hierhin, hört zu, fragt nicht fürs Protokoll, sondern weil er’s wissen will. Und dann macht er was.“
„Ja“, sage ich. „Und manchmal stell ich mir vor, dass die Currywurst gesund ist und Bier Vitamine hat.“
Der Murat grinst. „Du bist schon ne tragische Figur, Hanswurst“, sagt er. „Aber immerhin weißt du, dass du eine bist.“
„Das unterscheidet mich von ziemlich vielen Leuten“, sage ich und schmunzle.
Der Schorsch dreht die Musik leiser, fängt an, ein bisschen aufzuräumen. Der Abend geht in diese Phase über, in der sich langsam entscheidet, wer noch bleibt und wer nach Hause geht, um morgen wieder so zu tun, als hätte alles Sinn.
„Machste zu, Schorsch?“, frage ich.
„Später“, sagt er. „Solange noch einer da ist, der nicht allein sein will, mach ich den Laden nicht dicht.“
Wir nicken. Es ist kein Trost. Aber es ist zumindest eine Regel. Draußen fahren die letzten Busse. Die Neonröhre über der Imbissfront flackert kurz, fängt sich wieder. Ich nehme den letzten Schluck Bier, stoße leise auf und stelle die leere Flasche zurück auf den Stehtisch.
Wenn ich jetzt ein optimistischer Erzähler wäre, würde ich an dieser Stelle irgendwas von Solidarität, Hoffnung oder „Wir von unten halten zusammen“ schreiben. Aber so ist das heute nicht gedacht. Der Typ, der schreibend am Küchentisch sitzt und mich hier durch die Szene schickt, hat Pascow im Ohr und die Nebenkostenabrechnung vor sich. Der ist gerade nicht in der Laune für Parolen.
Also stehen wir einfach nur da: der Schorsch hinter seinem Tresen, der Hape mit Ketchup an den Fingern, der Murat mit seinen müden Augen und ich, der Hanswurst, der weiß, dass er erfunden ist und trotzdem nicht aus der Nummer rauskommt. Von draußen dringt der Lärm der Straße rein, gedämpft durch Fett, Glasscheibe und Resignation.
Von oben kommt nichts. Von unten gibt’s auch nichts Neues. Nur Wurst, Bier, ein Tresen und morgen wieder auf…
ENDE
[1] Corporate Social Responsibility (CSR) oder gesellschaftliche Unternehmensverantwortung, auch Unternehmerische Sozialverantwortung, bezeichnet die Integration von ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Faktoren in die Unternehmenstätigkeit auf freiwilliger und manchmal auch rechtlicher Basis. Oha. Aha.