Ein Soldat mit einer auf einem Bajonett aufgespießter Bratwurst.

Wehrpflicht im Imbiss ums Eck: der Schorsch sieht Ordnung, der Hape sieht Befehlslogik, die Jaqueline sieht Zwang und der Momo bekommt plötzlich Post zur Musterung. Zwischen Currywurst, Spezi und Frittengeräusch wird aus einer politischen Debatte eine sehr persönliche Frage.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Lydia Simunic

Worum geht’s?

Der Hanswurst, der Hape, der Schorsch, die Jaqueline und der Momo diskutieren über Wehrpflicht, Pflichtdienst, Verantwortung und die Frage, ob der Staat jungen Menschen einfach ein Jahr ihres Lebens nehmen darf.

Die Geschichte lesen

Ich hänge also mal wieder im „Imbiss ums Eck“ rum, weil der Autor sich denkt: Wo sonst soll ein gesellschaftspolitischer Diskurs stattfinden, wenn nicht zwischen Fritteuse und Bierkiste. Ich persönlich wäre ja auch mit einer Hängematte in Portugal einverstanden gewesen, aber gut. Ich bin der Hanswurst, ich hab hier nichts zu melden.

Der Schorsch steht hinterm Tresen und kratzt mit der Zange angebrannte Wurstreste vom Grill. Neben mir lehnt der Hape an unserem Lieblingsstehstammtisch, so ein grauer Metallpilz mit klebriger Platte, die schon mehr Wellen gesehen hat als die Nordsee, allerdings aus Bier. Die Jaqueline kommt gerade rein, Sportleggings, Hoodie, Haare zum Zopf, und hängt ihren Rucksack an den Haken, als würde sie hier einziehen.

„Na, Revolutionsbrigade“, brummt der Schorsch, „habt ihr schon gelesen? Wehrpflicht. Kommt vielleicht wieder. Endlich mal wieder Ordnung im Laden.“

Ich nehme einen Schluck Bier. Es ist noch nicht mal richtig dunkel draußen, aber wenn die Gesellschaft über Wehrpflicht debattiert, darf der Hanswurst über Tagesrandzeiten hinweg trinken, finde ich. Der Autor sieht das wohl ähnlich.

„Ordnung, ja“, sagt der Hape, „weil ja auch nichts so für Ordnung sorgt wie eine Horde orientierungsloser 18-Jähriger mit Sturmgewehr und Pickeln.“

Der Schorsch zieht die Augenbraue hoch. „Typisch Künstler. Du warst nie bei dem Verein, du hattest ja immer schon zu viel Meinung im Kopf. Ich war da. War nicht alles Mist.“

Die Jaqueline stemmt sich lässig an den Stehtisch, nimmt mir das Bier weg, probiert einen Schluck und stellt es zurück. „Kann man so sagen, Schorsch. Oder man sagt: Systematische Zeitverschwendung im Tarnfleck, plus Trauma-Flat-Rate für die Unterschichten.“

Ich merke, wie das Gespräch Fahrt aufnimmt, und denke mir: Aha, es ist also wieder eine dieser Geschichten, in denen ich plötzlich soziologische Sätze denke, die ich mir im echten Leben nie merken könnte. Danke, Autor.

„Ich find’s scheiße“, sage ich laut, damit wenigstens einmal klar ist, wo ich stehe. „Wehrpflicht. Rückwärtsgang mit Ansage.“

Der Schorsch stellt mir eine Currywurst hin, Pommes extra knusprig, so wie bei Leuten, die sich die Zähne sowieso längst weggesoffen haben. „Du findest immer alles scheiße, Hanswurst. Außer Bier und Fritten.“

„Und den Hape“, sage ich.

„Und die Currywurst vom Schorsch“, ergänzt der Hape.

„Und meine Sporttipps“, wirft die Jaqueline ein.

Ich muss kurz überlegen und nicke. „Okay, fast alles scheiße. Aber Wehrpflicht noch ein bisschen mehr. Also mehr scheißiger.“

Der Schorsch tippt sich mit der Zange an die Stirn. „Früher, da wusstest du wenigstens, wo die Jungs sind. Nicht alle auf der Couch vor der Spielkonsole, sondern beim Bund oder Zivildienst. Hat auch Charakter gemacht.“

„Charakter machen kann auch ein Pflegedienst ohne Gewehr“, sagt die Jaqueline. „Oder ein soziales Jahr, das gut bezahlt ist. Aber klar, warum Leute ausbilden, wenn man sie auch einfach nur durch die Gegend kommandieren kann.“

*

Die Tür geht auf, und da steht der Momo. Ich kenn ihn noch vom Fußballspiel, bei dem wir uns alle wie die letzten Ultras aufgeführt haben, obwohl es nur Kreisliga Jugend war. Der Momo ist gewachsen, die Schultern breiter, das Gesicht ernster.

„Hey, Momo“, ruft die Jaqueline und winkt ihn heran. „Komm mal rüber. Es geht um dein Lieblings-Thema: Staatlicher Zugriff auf deinen Körper.“

Der Momo guckt, als hätte sie „Matheklausur“ gesagt. „Was?“

„Wehrpflicht“, erkläre ich. „Wir sprechen hier über dein zukünftiges Leben als Kanonenfutter.“

„Boah, Hanswurst“, sagt der Momo, „du kannst auch nix neutral ausdrücken, oder?“

„Neutralität ist was für Länder mit Geld und guter PR, quasi wie die Schweiz“, murmele ich. Das ist so ein Satz, den sich der Autor ganz sicher in Ruhe am Schreibtisch ausgedacht hat, während ich hier virtuell mein Bier hebe.

Der Momo stellt sich zu uns. Der Schorsch holt ihm eine Spezi. „Aufs Haus“, sagt er. „Solange sie euch noch nicht zum Schützengraben einberufen haben.“

„Also“, beginnt die Jaqueline, wieder im Trainerinnen-Modus, „Momo hat gestern Post vom Kreiswehrersatzamt bekommen.“

„Heißt jetzt anders“, murmelt der Hape.

„Mir egal, wie die sich nennen“, sagt der Momo. „Ist trotzdem scheiße. Da steht Einladung zur Musterung. Und meine Mutter ist völlig ausgerastet. Insgesamt drei Weinkrämpfe, vier WhatsApp-Sprachnachrichten an ihre beste Freundin und ein Wutbrief, den sie dann doch nicht abgeschickt hat.“

„Und du?“, frage ich.

Der Momo zuckt mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Ich hab keinen Bock auf Befehle, Alter. Ich hab schon genug, wenn der Trainer rumschreit. Und ich hab keinen Bock, irgendwo in so einem Lager aufzuwachen, um fünf Uhr morgens, weil irgendein Feldwebel meint, ich müsste jetzt durch den Schlamm robben, damit ich lerne, was Disziplin ist.“

Der Schorsch lehnt sich über den Tresen. „Disziplin schadet dir aber nicht, Junge.“

„Nö“, sagt der Momo, „aber ich kann mir auch beim Pflegedienst in der Seniorenresidenz Disziplin holen. Oder bei der Tafel. Oder beim THW. Oder ich mach ’n Freiwilligendienst in Portugal. Da kann ich nebenbei surfen. Und Hängematten gibt’s da bestimmt auch.“

Ich merke, wie es in mir arbeitet. Nicht die Currywurst, die ist wie immer tadellos. Sondern so ein Gefühl, das ich nicht so oft habe: so eine Mischung aus Wut und Müdigkeit. Der alte Bukowski würde jetzt wahrscheinlich was von „humanes Versagen im Neonlicht“ (oder so ähnlich) schreiben und noch einen Schnaps bestellen. Ich bleibe pragmatisch und nehme noch ein Bier.

*

„Guck mal“, sage ich zum Schorsch, „es geht doch nicht darum, ob du früher ein paar gute Kameraden hattest oder ordentliche Erbsensuppe. Es geht darum, dass der Staat sagt: Dein Leben, deine Pläne, dein Körper. Alles ganz nett, aber zuerst komm ich.

Der Schorsch zieht an seiner Kippe und pustet den Rauch in Richtung Dunstabzug, der schon lange kapituliert hat. „Du tust ja so, als wären sie gleich mit der Pistole vor der Tür gestanden. Es ist ein Pflichtdienst. Für alle. Gleiche Pflicht, gleiche Rechte.“

„Ja, ja, gleiche Pflicht“, sagt die Jaqueline. „Nur dass dann wieder die Kids aus Familien wie unseren gehen, und die mit dicken Bankkonten und den richtigen Kontakten sich rauswinden. Weißte noch, wie viele früher ‚untauglich‘ waren, wenn Papa ’n guten Anwalt kannte?“

Der Hape nickt. „Wehrpflicht hat immer so getan, als wäre sie gerecht. Aber sie war selten gerecht. Sie hat nur sehr staatsnah ausgesehen.“

„Und wer soll denn sonst die Lücke füllen?“, fragt der Schorsch. „Bundeswehr, Katastrophenschutz, Pflege, alles am Limit.“

„Vielleicht“, sage ich, „indem man die Jobs einfach anständig bezahlt. Verrückte Idee, ich weiß. Aber könnte man ja mal ausprobieren, bevor man der Jugend das Leben abknapst.“

Der Momo schaut auf seine Spezi-Flasche, dreht sie in der Hand. „Ich check eins nicht: Warum ist immer unsere Generation dran, wenn irgendwas repariert werden soll? Klima? Wir. Digitalisierung? Wir. Fachkräftemangel? Wir. Und jetzt Sicherheit? Auch wir.“

„Weil ihr jung seid“, sagt der Schorsch.

„Nee“, sagt der Momo. „Weil ihr es verkackt habt und jetzt jemanden braucht, der den Dreck aufräumt.“

Im Imbiss wird es für einen Moment sehr ruhig. Man hört nur das Fett leise zischeln, und das Radio dudelt irgendeinen Oldie, in dem jemand immer wieder „freedom“ singt, was schon wieder ein sehr schlechter Witz vom Autor sein könnte. Der Schorsch schaut den Momo an, und in seinem Gesicht zuckt was. „Wir haben es nicht nur verkackt“, sagt er leise. „Wir haben auch versucht, das Beste draus zu machen. Manche von uns zumindest.“

„Ja“, mische ich mich ein, „aber ihr habt euch bequem eingerichtet in diesem ‚Wir konnten ja nix machen‘. Und jetzt soll die Wehrpflicht plötzlich alles lösen?“

*

Die Jaqueline klatscht in die Hände, als wäre sie in einem Workshop. „Okay, lass uns das sortieren. Schorsch, du bist pro Pflichtdienst, richtig?“

„Joa“, grummelt er. „Grundsätzlich.“

„Gründe?“, fragt sie streng.

Der Schorsch zählt an der Zange ab. „Erstens: Gemeinschaftsgefühl. Du triffst Leute aus allen Ecken, nicht nur aus deinem eigenen Kiez. Zweitens: der Laden braucht Personal, sonst kannste Landesverteidigung und Katastrophenschutz vergessen. Drittens: Vielleicht schadet es niemandem, mal zu kapieren, dass es nicht immer nur um einen selbst geht.“

Ich muss sogar kurz nicken. Nicht, weil ich zustimme, sondern weil ich die Ehrlichkeit respektiere.

„Okay“, sagt die Jaqueline. „Jetzt die Gegenrede. Hanswurst, du fängst an, du alte Menschenrechtswurst.“

Ich stelle das Bier ab. „Erstens: Der Staat hat nicht das Recht, ein Jahr meines Lebens zu konfiszieren, nur weil er seine Hausaufgaben verpennt hat. Zweitens: Wehrpflicht trifft nie alle gleich. Es sind immer die, die sich nicht rausmogeln können. Drittens: Wenn du Leute zwangsrekrutierst, kriegst du keine motivierte Truppe, sondern frustriertes Fußvolk. Ich will keine Armee aus Menschen, die lieber irgendwo anders wären.“

Der Hape hebt zwei Finger. „Viertens: Wer einmal gelernt hat, dass Befehle über Moral stehen, der gewöhnt sich dran. Ich will nicht, dass noch mehr Leute in diesem Land lernen, wie sich das anfühlt. Und fünftens: Wenn schon Pflicht, dann bitte ein gut bezahltes, frei wählbares Gesellschaftsjahr. Pflege, Bildung, Katastrophenschutz. Alles drin. Aber nicht nur Militär mit ein bisschen Zivildienst als Feigenblatt.“

Die Jaqueline nickt. „Sechstens: Körperliche und psychische Gesundheit. Musterung kann richtig reinknallen, besonders bei Leuten, die sowieso schon strugglen. Zwangsdienst in einer Zeit, in der die Jugend ohnehin unter Druck steht, ist wie Benzin in den Burnout kippen.“

Der Momo seufzt. „Siebtens: Ich hab einfach keinen Bock. Und das ist auch ein Grund.“

Der Hape kratzt sich am Kopf. „Für manche wär’s vielleicht ganz gut, mal ’n Wecker zu haben, der nicht Mama heißt. Aber wenn ich dran denke, dass der Staat mich einfach ein Jahr aus meinem Leben rausgerissen hätte… nee. Ich hab so schon Mühe, mein Leben am Laufen zu halten. Pflichtdienst klingt für mich nach: du bezahlst mit deiner Zeit, weil andere kein Geld zahlen wollen.“

Ich merke: Das ist der Punkt, an dem der Autor gerne mal eine Wendung einbaut. Und weil ich ihn inzwischen kenne, warte ich. Ich kaue langsamer. Das Fett knistert verdächtig spannend.

*

„Wisst ihr, was das Lustige ist?“, sagt der Momo plötzlich. „Ich geh da wahrscheinlich trotzdem hin.“

Wir starren ihn an, als hätte er angekündigt, er wolle jetzt freiwillig FDP wählen.

„Wie bitte?“, frage ich.

„Na ja“, sagt er. „Ich geh zur Musterung. Ich will sehen, wie der Laden funktioniert. Ich will hören, was die mir erzählen. Wenn die wollen, dass ich irgendwas verteidige, sollen die mir das ins Gesicht erklären. Und dann entscheide ich, ob ich Bock habe, die Scheiße mitzutragen. Oder ob ich denen sage, dass sie sich ihren Dienst in den Tarnfleck stecken können.“

Der Schorsch guckt ihn eine Weile an. „Das ist mutiger, als ich damals war“, murmelt er. „Ich bin einfach hin, hab gemacht, was angesagt war.“

Der Momo grinst. „Genau. Ich geh da hin wie zu einem Vorstellungsgespräch. Nur dass ich diesmal die Fragen stelle.“

„Und wenn sie sagen, du bist tauglich?“, fragt die Jaqueline.

Der Momo zuckt die Schultern. „Dann sag ich ihnen, dass ich meine Pflicht lieber im Krankenhaus mache, oder bei der Feuerwehr. Oder im Altenheim. Dass ich was Sinnvolles machen will. Und wenn sie dann meinen, ich soll rumballern, dann sollen sie mir erklären, warum deren Vorstellung von Sicherheit immer eine Waffe braucht.“

Der Schorsch atmet schwer durch. Er sieht plötzlich älter aus. Nicht mürrischer, einfach älter. „Als ich beim Bund war“, sagt er langsam, „da hab ich gedacht, ich tu was Richtiges. Später hab ich gemerkt, dass ich’s eigentlich nie richtig verstanden hab. Wir haben geübt, geputzt, gewartet. Ich hab gelernt, Befehle zu befolgen. Und irgendwann hab ich gemerkt, dass ich das nicht mehr will.“ Er stubst eine Wurst mit der Zange an, als wäre sie schuld. „Vielleicht hab ich deswegen den Imbiss aufgemacht. Hier kann keiner ‚Stillgestanden‘ brüllen und mich dazu bringen, was zu tun, was ich nicht einsehe.“

„Also?“, frage ich leise. „Bist du dann immer noch für Wehrpflicht?“

Der Schorsch denkt nach. Man hört das Radio, wie es in die Stille hineinlabert. Auf einmal dreht er es lauter. Ausgerechnet ein Bericht über die aktuelle Debatte zur Wehrpflicht. Politiker, die von „Verantwortung“ reden, andere von „Bürgerdienst“, wieder andere von „Zeitenwende“. Die Stimmen vermischen sich mit dem Frittengeräusch, und ich denke: Der Autor hat null subtil gearbeitet, aber immerhin konsequent.

Der Schorsch dreht das Radio wieder leiser. „Ich glaub“, sagt er schließlich, „ich bin für Verantwortung. Aber nicht für Zwang. Wenn das der Unterschied ist, dann bin ich wohl…“ – er verzieht das Gesicht – „…dagegen.“

„Willkommen im Team“, sagt die Jaqueline und hebt ihre Spezi, als wäre es Champagner.

*

Ich schaue den Momo an, der etwas verlegen auf seine Schuhe starrt. „Weißt du“, sage ich, „ich hab leicht reden. Ich bin nur ’ne Figur in einer Geschichte. Der Autor kann mich in jede Debatte schicken, mich große Sätze sagen lassen, und am Ende geh ich wieder hier raus und trink mein Bier.“ Ich lehne mich näher zu ihm. „Du bist der, bei dem es wirklich zählt. Dein Jahr. Dein Körper. Deine Angst. Dein Mut.“

Der Momo nickt. „Und trotzdem…“, sagt er leise, „bin ich ganz froh, dass ihr mit mir drüber redet. Meine Mutter heult nur, im Fernsehen schreien sie sich an, und in der Schule sagen manche: ‚Geil, ich will ballern.‘ Hier ist es irgendwie… ehrlicher…“

ENDE

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