Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der invertierte Hanswurst“ mit Hanswurst, Hape, Schorsch und Jaqueline im Imbiss ums Eck

Der Hanswurst kommt in den Imbiss und die Diskussion läuft schon, bevor er überhaupt da ist. Zwischen Mobarchie, Merz, König Bockwurst und Currywurst mit vorauseilender Bestellung wird aus einem normalen Imbisstag ein ziemlich schräges Experiment mit Ursache, Wirkung und politischem Bauchgrummeln.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Thomas Andersson

Worum geht’s?

Im Imbiss ums Eck diskutieren der Hanswurst, der Hape, der Schorsch und die Jaqueline über Mobarchie, Social Media, Proteststimmung und die Frage, wer eigentlich noch Macht hat.

Dabei spielt die Geschichte fröhlich mit invertierter Kausalität: Bier und Wurst sind schon da, bevor sie bestellt werden, die Jaqueline hat die Diskussion vorher aufgeschrieben und am Ende ist nicht mehr ganz klar, ob die Realität dem Text folgt oder umgekehrt.

Die Geschichte lesen

Ich merke schon beim Reingehen, dass heute irgendwas nicht stimmt. Also, noch mehr als sonst. Normalerweise komme ich in den Imbiss ums Eck, nehme meinen Platz an meinem Lieblingsstehstammtisch ein, der Hape steht schon da, der Schorsch knurrt ein „Na“, und dann geht alles seinen gewohnten Gang. Heute aber stehe ich noch mit einem Fuß draußen in der nassen Straße, da höre ich die Jaqueline schon sagen:

„…und das ist halt Mobarchie, ihr Würste.“

Ich friere kurz ein, halb draußen, halb drinnen. Der Autor hätte mich jetzt – logisch – gern mit einem lässigen Spruch reinkommen lassen, aber offensichtlich hat er beschlossen, die Kausalität zu sabotieren. Ich bin offiziell noch gar nicht im Raum und trotzdem schon mitten in der Diskussion. Verrückt. Invertierte Kausalität nennt man das. Total verrückt. Ich hab den Begriff neulich mal gegoogelt. Ich weiß nicht, ob der Autor das verstanden hat. Ich glaube, ehrlich gesagt: eher so mittel.

Ich trete endgültig ein – also in den Imbiss. Der Imbiss brummt leise vor sich hin mit so einer Art weißem Rauschen: Fritteusenblubbern, Radiogedudel, irgendwas mit Gitarren im Hintergrund. Die Neonröhren flackern müde. Die Wände sind leicht vergilbt, und alles wirkt irgendwie leicht klebrig. Vorsicht Hygiene!

Der Schorsch steht hinter seiner Theke am Grill, Zigarette im Mundwinkel, die Hitze vom Grill spiegelt sich in seinen Augen. Geht das überhaupt? Wenn man es ganz groß aufziehen will, könnte man sagen, er sei die Sonne in unserem kleinen Imbiss-Universum. Oder ihm scheint die Sonne aus dem Arsch? Man weiß es einfach nicht so genau.

„Mobarchie? Ich kenn eigentlich nur die Monarchie. Und von der bin ich kein Fan“, sage ich, obwohl das Gespräch längst läuft. Invertierte Kausalität eben. „Kann ich wenigstens erst ein Bier bestellen, bevor wir über Staatsformen reden?“

„Bier steht schon da“, sagt der Hape und nickt zum Stehtisch. „Du hast vorhin gesagt, du willst eins. Also später. Jetzt steht’s schon da.“

Ich gucke auf die Flasche. Sie ist geöffnet. Kleine Perlen steigen im Hals hoch. Ich nehme einen Schluck, um das ontologische Problem[1] zu klären. Schmeckt echt. Also ist es wohl passiert, bevor es passiert ist. Aber eigentlich liebe ich es, wenn der Autor sich in solche Sachen reinsteigert. Und mal ehrlich: der ist doch nicht mehr ganz frisch, dieser Typ.

„Mobarchie“, wiederholt die Jaqueline, stellt ihren Sportbeutel auf den Boden und strafft die Schultern. Sie trägt Leggings, Laufschuhe und einen Hoodie, der so aussieht, als hätte sie ihn aus einem feministischen Online-Shop. „Das ist doch die neue Regierungsform. Der Mob entscheidet. Lautstärke statt Inhalt.“

„Also wie Social Media“, murmele ich.

Der Schorsch schnauft. „Bei mir im Imbiss ist keine Mobarchie. Hier ist Grillokratie. Wer an der Zange steht, hat das letzte Wort. Also ich.“

Er wendet eine Wurst, dreht sich halb zu uns, der Qualm zieht eine kurze Linie durch den Raum. Manchmal denke ich, der Schorsch ist der letzte Philosoph, der noch mitten im Leben steht – ohne Elfenbeinturm und so. Dann wieder denke ich, das hat der Autor ihm einfach in die Biografie geschrieben, damit einer von uns geistig kompetent wirkt. Danke dafür. Danke für nix.

„Die Goldenen Zitronen hatten das doch schon längst erkannt, also früher“, sagt der Hape, hebt bedeutungsvoll den Finger, als sei er kurz davor, eine Habilitation am Stehtisch zu schreiben. „‘Heil Bockwurst – großer, dicker König’. Das war doch damals schon ‘ne Anti-Mobarchie-Hymne. Oder Pro. Irgendwas mit König jedenfalls.“

„Du Depp. Und Rio Reiser war König von Deutschland“, wirft die Jaqueline ein. „Und jetzt will der Merz das sein.“

Der Name hängt kurz im Raum, als hätte jemand eine Pfeffernote in die Luft gestreut.
Im Hintergrund läuft gerade irgendein Nachrichtensprecher im alten Radio. Ich schwöre, ich hab vor einer Sekunde noch (nur) Gitarre gehört. Jetzt fällt der Name „Merz“ durchs Rauschen, und ich weiß nicht, ob das Radio sich der Handlung anpasst oder die Handlung dem Radio. Invertierte Kausalität, schon wieder. Ach Kacke.

„Der Friedrich“, brummt der Schorsch, „der will alles. Macron, Thatcher und König von Deutschland in Personalunion. Aber im Imbiss hat er nix zu melden. Wenn der hier reinkäme, würde ich sagen: Reih dich hinten ein, Fritzchen. So funktioniert das in der Grillokratie.“

Ich stelle meine Currywurst-Bestellung in den Raum. Sie ist, völlig konsequent, schon da. Eine Pappschale, Pommes, geschnittene Wurst, rote Sauce, ein leichtes Gelb vom Currypulver darauf. Ich habe nichts gesagt, aber sie steht da. Mein Magen ist schon halb satt, bevor ich den ersten Bissen nehme. Die invertierte Kausalität frisst sich heute durch alles. Kann das bitte mal aufhören? Du Freak, du Autor?

„Also“, sage ich mit vollem Mund, „Mobarchie heißt, dass der Mob regiert. Aber wer ist der Mob? Wir hier?“

„Der Mob“, sagt die Jaqueline, „das sind die, die keine Lobby haben. Der kleine Mann von der Straße. Die kleine Frau auch. Die Leute, die nach Feierabend hier in den Imbiss kommen, weil sie zu müde zum kochen und zu wütend sind, um sich noch über irgendwas zu freuen. Die, die am Wahltag gerade so den Kugelschreiber halten können vor Erschöpfung.“

Ich schaue auf meine Wurst. Ich hab keine Lobby. Ich hab höchstens Schärfegrad drei und die anderen mindestens eine Tasse mit Sprung im Oberstübchen.

„Wenn der Mob regiert“, überlegt der Hape laut, „heißt das doch, dass die, die sonst immer nur reagieren, auf einmal agieren. Aber im Moment ist es doch andersrum. Erst schreien alle, dann merken sie, dass sie keine Idee haben, was sie eigentlich wollen. Invertierte Kausalität in der Politik: Die Wirkung ist schon da, bevor jemand den Plan hatte.“

„Wie beim Shitstorm“, nicke ich. „Erst sind alle empört, dann wird geschaut, worüber eigentlich.“

Der Schorsch stellt sich neben unseren Tisch, legt den Zigarettenstummel in einen der Alu-Aschenbecher, und schaut uns an.

„Ihr macht euch immer so einen Kopp“, sagt er. „Für den kleinen Mann von der Straße ist die Kausalität doch einfach: Kein Geld – schlechte Laune – billige Wurst – noch schlechtere Laune – und irgendwann wählen sie halt die Falschen, weil die wenigstens so tun, als hätten sie zugehört.“

Er sagt das so ruhig, dass mir kurz kalt wird. Der Schorsch steht den ganzen Tag hinter seinem Tresen. Er sieht mehr Biografien durchlaufen als jedes Sozialforschungsinstitut, nur ohne Drittmittel.

„Und was bewirkt dann die invertierte Kausalität?“, frage ich. „Dass erst die falsche Partei gewählt wird und dann die Armut kommt?“

„Das wäre ja schön eindeutig“, sagt die Jaqueline trocken. „In echt ist es eher: erst Armut, dann falsche Partei, dann noch mehr Armut.“

Die Tür geht auf, kalte Luft kommt rein, zusammen mit dem Geruch von Regen und Straßenstaub. Für einen Moment überlagert das alles den Imbissduft. Dann setzt sich die Currywurst wieder durch. Das tut sie immer.

Und ich frage mich, nicht zum ersten Mal:
Riecht man nach einem Leben voller Currywurst eigentlich noch irgendwas? Oder ist das auch invertierte Kausalität – zuerst ist die Nase abgestumpft, und irgendwann tut man so, als wäre das der Normalzustand?

Der Hape zieht ein zerknittertes Notizbuch aus der Jackentasche.

„Ich arbeite gerade an einer Reihe Zeichnungen“, sagt er. „Titel: ‘Mobarchie im Imbiss’. Erste Skizze: ein großer dicker König Bockwurst, der auf einem Thron aus Frittierkörben sitzt. Das ist eine direkte Referenz an die Goldenen Zitronen, falls der Autor das mit den Rechten[2] geklärt hat. Zweite Skizze: Ein König von Deutschland, der versucht, sich an der Imbissschlange vorzudrängeln. Schafft er aber nicht, weil der Schorsch ihn erkennt und unflätig beschimpft.“

Das Radio knistert. Auf einmal hören wir die Worte „Demonstration“, „Innenstadt“ und „stark emotionalisierte Stimmung“. Dann bricht der Empfang ab, und irgendein alter Ton Steine Scherben-Song läuft an. Ich kann nicht sagen, ob das wirklich vom Sender kommt oder ob der Autor das gerade an dieser Stelle reinkopiert hat, weil es gut passt. Ich bin nun mal nur der Hanswurst. Ich bekomme die Skripte für gewöhnlich nicht zur Freigabe.

Die Jaqueline tippt auf ihrem Handy. „In der Stadt ist echt was los“, sagt sie. „Kundgebung, Protest, Gegendemonstration, alles dabei. Das ist Mobarchie in Reinform: alle gleichzeitig wütend, alle gleichzeitig im Recht. Oder so.“

„Und was macht der kleine Mann von der Straße damit?“, frage ich. „Also wir? Wir stehen hier, essen Wurst und reden schlau drüber. Das ist ja auch eine Form von Feigheit, oder?“

Es wird kurz still. Nur das Fett zischt. Draußen fährt eine Straßenbahn vorbei und zieht ein helles Quietschen durch die Szene.

„Vielleicht…“, setzt der Hape an, „…ist invertierte Kausalität genau das, was wir brauchen. Wir verhalten uns einfach so, als wäre der Laden halbwegs fair. Als würde die Politik funktionieren. Als wäre die Welt nicht komplett verrückt. Und erst hinterher gucken wir, ob sich was geändert hat.“

„Du willst sagen“, frage ich, „wir tun so, als wären wir keine Wurstfiguren in der Geschichte von einem Autor, der seine Depression mit Popkulturreferenzen kaschiert?“

„Jip. Ungefähr so“, sagt der Hape.

Die Jaqueline grinst, lehnt sich an unseren Stehtisch und schaut mich an. „Du, Hanswurst“, sagt sie, „die Wahrheit ist: Die invertierte Kausalität läuft heute andersrum. Wir führen dieses Gespräch hier, weil ich gestern Abend schon einen Text darüber geschrieben habe.“

Ich blinzle. „Wie jetzt? Ich steige jetzt aus. Ich versteh gar nix mehr.“

„Ich hab gestern einen Essay über Mobarchie und Imbisse fertig gemacht“, erklärt sie. „Für so ein Online-Magazin. Ich hab uns da reingeschrieben. Den Schorsch, dich, den Hape. Unsere Diskussion. Den Goldene-Zitronen-Teil. König Bockwurst. Rio Reiser. Merz. Alles drin. Heute führt ihr das Gespräch, das ich gestern schon für euch erfunden habe.“

Ich starre sie an. Der Autor liebt solche Momente, in denen eine Nebenfigur kurz übernimmt und ihm die Deutungshoheit aus der Hand nimmt. Nimmt er das hier überhaupt ernst? Ich glaube nicht.

„Will sagen“, fährt die Jaqueline fort, „die Ursache bist gar nicht du, Hanswurst. Nicht mal der Autor. Die Ursache bin diesmal ich. Ich hab uns schon geschrieben, bevor wir gelebt haben.“

Der Schorsch lacht trocken. „Na super. Jetzt haben wir nicht nur einen Autor, der uns rumkommandiert, sondern auch noch eine Gastautorin.“

Ich schaue an mir runter, vorsichtig, als könnte sich mein Körper in Text auflösen.
„Heißt das“, frage ich, „ich rieche nach Currywurst, weil du das entschieden hast?“

„Nein“, sagt sie. „Das hat die Realität gemacht. Ich hab es nur abgeschrieben.“

Das Radio knackt wieder. Eine nüchterne Stimme meldet sich:

„…und so blieb es am Ende bei leeren Drohungen. Die befürchteten Ausschreitungen blieben aus, viele Demonstrierende zogen nach den Reden noch in die umliegenden Gaststätten. Unter anderem in einen kleinen Imbiss in Bahnhofsnähe, der sich selbst als Ort der Diskussion versteht…“

Der Schorsch runzelt die Stirn. „Bahnhofsnähe?“, fragt er. „Wir sind doch gar nicht so nah am Bahnhof.“

„Noch nicht“, sagt der Hape. „Wenn die Realität weiter brav unseren Texten folgt, stehen wir nächstes Jahr direkt im Zentrum. Oder wir werden plattgemacht wegen Mietsteigerung. Invertierte Kausalität, weißte: Erst Bericht, dann Wirklichkeit.“

„Und was hat das jetzt mit der Mobarchie zu tun?“, frage ich.

Die Jaqueline nimmt einen Schluck von ihrem Wasser – sie ist die einzige im Imbiss, die freiwillig Wasser trinkt, selbst Schuld – und sagt:

„Vielleicht ist Mobarchie gar nicht, wenn der Mob regiert. Vielleicht ist Mobarchie, wenn alle glauben, die anderen hätten die Macht. Die da oben sagen: Der Wähler wollte das so. Der Mob sagt: Die da oben haben alles in der Hand. Und wir hier im Imbiss sagen: Der Autor hat sich das ausgedacht. Und in Wahrheit“, sie tippt sich an die Stirn, „ist es ein bisschen von allem. Und ein bisschen niemand.“

Ich beiße in eine Pommes. Die ist perfekt. Außen knusprig, innen weich. Das ist eine Form von Gerechtigkeit, die ich verstehe. Draußen geht jemand an der Scheibe vorbei, guckt kurz rein, zieht dann weiter. Vielleicht ein zukünftiger Gast. Vielleicht der kleine Mann von der Straße…

ENDE


[1] Das „ontologische Problem“ bezieht sich meist auf die philosophische Frage nach der Natur des Seins und der Existenz, also „Was ist das Seiende?“ und „Was bedeutet es zu existieren?“, oft mit Bezug auf das ontologische Argument für die Existenz Gottes (Ableitung der Existenz aus dem Begriff des Perfekten), oder auf moderne Herausforderungen in der Informatik, wie die Erstellung konsistenter Klassifikationen und Metadaten in Ontologien (z.B. Umgang mit Synonymen, Zirkularitäten). Es kann sich auch auf die ontologische Differenz (Unterschied zwischen Sein und Seienden) oder das Problem des Kunstwerks beziehen. Aha. Prost!

[2] Zur Klarstellung: Es geht hier nicht um „die Rechten“ (also keine Nazis), sondern um ganz banale Verwertungsrechte an der Nennung des Bandnamens „Die Goldenen Zitronen“. War klar, oder?

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