
Zwei geschenkte Opernkarten, ein skeptischer Hanswurst und ein Schorsch in Beerdigungsjacke mit Ankerkrawatte. Was nach kultureller Zumutung riecht, wird plötzlich ziemlich groß: mit Sopran, Sektpause, der Jaqueline im Chor und Currywurst hinter der Bühne.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Der Hanswurst und der Schorsch landen widerwillig in der Oper und werden wider Erwarten berührt. Als ein Sänger ausfällt, springt die Jaqueline spontan im Chor ein, während der Schorsch dem Intendanten eine Currywurst-Idee für die Pause verkauft.
Die Geschichte lesen
Ich bekomme zwei Tickets für die Oper geschenkt, ohne dass ich etwas dafür kann. Die stecken einfach so zwischen der kostenlosen Wochenzeitung, die sonst nur Heizungsbauer, Matratzen und Treppenlifte bewirbt. Keine Ahnung, wer die da reingesteckt hat. Vielleicht der Autor. Ich habe ihn im Verdacht. Ich, der Hanswurst, mag ja eigentlich Punk. Also früher, als ich noch dachte, eine Nietenjacke schützt vor Liebeskummer und man könne mit einem „Oi!“ die Welt verbessern. Oper mag ich nicht. Oper ist das Gegenteil davon. Oper ist… na gut: Oper ist Oper. Fertig.
Ich stehe im „Imbiss ums Eck“, lehne an meinem Lieblingsstehstammtisch, die Currywurst dampft, das Bier perlt, und ich halte diese zwei Tickets in der Hand, als wären es zwei glitschige Aale. Der Schorsch raucht hinterm Grill und tut so, als würde er mich nicht beobachten. Tut er aber. Der Hape stützt sein Kinn in die Hand und sagt, das sei ja mal wieder typisch Gesellschaft, Kunst als Festungsveranstaltung mit Sitzkissen. Die Jaqueline macht gerade Ausfallschritte im Eingangsbereich, weil sie nach dem Laufen noch nicht genug hat. Sie ist die einzige, die Ausfallschritte elegant aussehen lassen kann. Wenn ich das versuche, denken die Leute, ich wäre gestolpert. „Will jemand mit?“, frage ich. „Zwei Tickets, mittenrein, heute Abend.“
„Ich hab heute Konzeptzeichnen“, sagt der Hape. „Ich zeichne Geräusche. Sehr leise Linien. Für die Galerie von der Antonia. Außerdem reagiere ich seit 1998 allergisch auf Opernhäuser.“
„Ich hab Spinning“, sagt die Jaqueline. „Mit Steigung. Und dann noch Bauch, Beine, Po. Wobei. Bei Oper gibt es ja immer Bauch. Und Beine. Und bestimmt auch Po, aber mit Samt drüber.“
Der Schorsch zieht an seiner Kippe und schaut in die Glut. „Oper ist nix für Leute mit Geschmack“, knurrt er und legt vier Fritten extra in meine Schale. „Da rascheln alle mit Bonbonpapier, aus Prinzip. Und wenn einer Hustensaft dabei hat, ist er der König. Außerdem tun alle so, als ob sie die Handlung verstehen.“
„Also niemand“, sage ich. „Niemand“, sagt der Schorsch. „Dann gehe ich halt allein“, sage ich. Und höre mich selbst, wie ich das in der Ich-Form sage, weil ich es muss. Der Autor will, dass ich in die Oper gehe, und ich kann hier widersprechen, so viel ich will. Es nützt nichts. Aber ich kann verhandeln. „Oder du kommst mit, Schorsch. Wenn du mich schon leiden siehst, dann in Reihe zwölf. Neben mir.“
Der Schorsch sagt nichts. Er schiebt eine Wurst quer, damit sie das Grillmuster kriegt. Dann sagt er: „Ich komm mit. Nicht, weil ich will. Weil’s sonst keiner aushält mit dir danach. Du redest doch dann die ganze Nacht darüber, was man hätte besser machen können. Und du weißt, dass das mein Bereich ist.“ Er zieht die Augenbraue hoch. „Aber wir trinken vorher Bier. Und nachher noch eins.“
„Abgemacht“, sage ich. Und denke, dass es ein Fehler ist. Ich weiß nur noch nicht, welcher.
Wir ziehen uns um. Also, ich versuche das. Was zieht man an, wenn man kein Opernmensch ist? Ich hole mein altes Hemd raus, das früher mal blau war. Jetzt ist es das Blau von Jeans kurz vor dem Reißen. Der Schorsch kommt in seiner Jacke, die er für Beerdigungen nutzt. Krawatte, ja. Aber die Krawatte hat kleine Anker. „Gehen wir“, sagt er. „Bevor du absagst, weil du plötzlich merkst, dass die Oper kein Punkkonzert ist.“
*
Das Opernhaus ist aus Stein und Spiegeln. Die Türen sind groß. Am Eingang steht ein Mann mit Jackett, der Jacken nimmt. Das habe ich so noch nie erlebt: Leute geben einem fremden Mann ihre Jacken. Er gibt ihnen dafür eine Nummer. Ich denke an meine Metzgerlehre: Wir gaben Fleisch ab und nahmen einen Zettel mit ner Nummer drauf entgegen. Das funktioniert erstaunlich gut. Im Foyer riecht es nach Parfum und Teppich. Es ist sehr hell und gleichzeitig dunkel. Es gibt Treppen, die zu noch mehr Foyer führen. Viele Menschen stehen herum und sagen „Ach“ und „Wie schön, Sie“ und „Haben Sie schon“. Ich habe noch nichts. Ich habe nur die Tickets. Wir haben Plätze „Parkett, Mitte“. Parkett klingt nach Holz, Mitte klingt nach Sicht. Ich bin zufrieden, noch bevor ich sitze. Eine Frau mit Schmuck verkauft Programmhefte. Ich kaufe eins. Es ist ein Buch. Es kostet so viel wie zwei Currywürste und ein Bier. Der Schorsch nimmt es mir aus der Hand, blättert, grunzt. „Handlung: Frau, Mann, Liebe, Tuberkulose. Musik: laut und schön. Ende: Tränen. Es ist immer Traviata, auch wenn’s was anderes ist.“ Er sagt das, als würde er die Speisekarte im Imbiss ums Eck vorlesen. Unsere Plätze sind belegt, natürlich. Zwei Leute sitzen da. Wir zeigen Tickets. Sie zeigen Tickets. Es sind die gleichen Plätze, nur mit anderen Zahlen. Ein Platzanweiser mit Leuchte kommt, macht „psst“ ohne Ton und regelt es, indem er eigentlich niemanden bewegt, aber doch. Plötzlich sitzen wir. Das Licht geht aus, ein Licht geht an, und ich sehe einen Mann mit Stab in einem Loch. Der Stab ist wichtig. Er winkt mit dem Stab, und alle fangen an zu spielen, die gar nicht da sind, weil sie auch in einem Loch sitzen. Das ist der Orchestergraben. Ich habe das im Programm kurz gelesen, bevor es dunkel wurde. Wenn ich will, kann ich schnell lesen.
Die Musik beginnt. Auf der Bühne stehen Leute und singen. Ich weiß nicht, warum sie singen, aber ich weiß, dass es sein muss. Vor mir raschelt jemand mit Bonbonpapier. Es ist das erste Bonbonpapier und es ist das lauteste. Er versucht leise zu rascheln. Das ist das Zweitlauteste. Ich höre, wie die Frau neben mir ihren Sitz an sich anpasst, als würde der Sitz weglaufen wollen. Ich höre ein Husten, erst eins, dann zwei, dann ein Konzert. Der Schorsch sitzt ruhig und zählt mit. Er kann das: Eins, zwei, drei Huster. Und der Stab da vorne dirigiert die Huster mit, weil man in der Oper alles dirigiert, auch das, was nichts mit Musik zu tun hat. Die Sopranistin – ich nenne sie so, weil es im Programm so steht und weil es stimmt – tritt auf. Sie hat eine Stimme, die den Raum vermisst. Eine gewaltige Stimme. Sie singt nicht über Würste, aber sie singt über das Leben, als ginge es darum, eine Soße anzusetzen: langsam, heiß, dann plötzlich sprudelnd. Der Tenor kommt später. Gegen ihn habe ich nichts, aber die Sopranistin ist heute die Chefin. Ich werde weich, obwohl ich mich wehren wollte. Ich, der Punk, der keine „alte Musik“ mag. Ich sitze da und denke: Wenn man so singt, kann man alles sagen. Ich denke auch: Der Autor hat mich reingelegt. Er wusste, dass ich mich rühren lasse. Aber ich rühre mich nicht freiwillig, ich werde gerührt. Das ist ein Unterschied. Ich sitze sehr still, damit man das nicht merkt.
Neben mir macht das Bonbonpapier ein Finale. Die Sänger machen eins. Das Licht wird hell, weil Pause ist. Alle tun so, als hätten sie gerade etwas sehr Wichtiges erlebt, was ja irgendwie auch stimmt, und als hätten sie das sowieso gewusst, was nicht stimmt. Wir gehen raus, wir schwimmen mit der Menge, an der Garderobenfrau vorbei, ins Foyer, wo Sekt in Gläsern steht wie kleine Wellen aus Glas. „Zwei“, sagt der Schorsch. „Und zwei von den Laugengebäckdings.“ Die Laugengebäckdings sind klein und sehen aus wie Salzbrezeln, aber ohne Salz. Sie sind trocken. So trocken, dass ich sie mit Sekt nachdrücken muss. Der Sekt ist kalt und schmeckt nach Bläschen. Die Jaqueline taucht plötzlich auf, natürlich elegant, natürlich in Schwarz, aber mit knallbunten Turnschuhen, die nicht leise sind, sondern irgendwie quietschen. „Ich hatte doch noch Zeit“, sagt sie. „Spinning ist ausgefallen.“
Der Schorsch hat sich schon in ein Gespräch verwickelt. Das geht schnell bei ihm, wenn er will. Neben ihm steht ein Mann mit Brille und grauem Bart, der Intendant. Das weiß ich, weil es im Programm ein Foto von ihm gibt, auf dem er genauso aussieht wie jetzt. Er hat diese Art, allen gleichzeitig zuzuhören, obwohl er nur einen Menschen anschaut. Ich mag das nicht, und gleichzeitig bewundere ich das, und der Autor will wahrscheinlich, dass ich das schreibe. Vermutlich bewundert er diese Eigenschaft oder Tugend auch. Bestimmt. „Currywurst in der Pause“, sagt der Schorsch gerade. „Nicht, dass ich mich aufdränge. Aber das wäre was. Sattmacher, ehrlich, heiß. Und nicht so trocken wie die Dinger da.“ Er deutet mit einem der Dings, das langsam zu Staub wird, auf die Dingsschale. Der Intendant lächelt. „Currywurst im Opernhaus?“
„Jawoll“, sagt der Schorsch. „Klein serviert, in Papierschiffchen. Messingständer dazu, wenn’s sein muss. Sie wollen doch, dass die Leute nach der Pause wieder reinfinden und nicht in der Garderobe sterben.“
„Sterben tun die bei uns erst im dritten Akt“, sagt der Intendant. „Aber Sie haben einen Punkt. Wir versuchen, moderner zu werden. Niedrigschwelliger, sagt man. Haben Sie Erfahrung mit Massen?“
„Ich hab Bundeswehr-Kasernen bekocht. Und seit Jahren den Hanswurst. Das ist praktisch dasselbe.“
Der Intendant lacht, obwohl er nicht ganz weiß, warum. „Kommen Sie nach der Vorstellung kurz in die kleine Kantine. Ich will mir das vorstellen lassen.“
„Gern“, sagt der Schorsch. Er sagt nie „gern“, aber heute schon.
„Ich glaube, wir machen Kunst“, sagt der Hape, der plötzlich da ist, als hätte er sich die ganze Zeit hinter einer Säule versteckt. „Currywurst in der Oper. Eine soziale Skulptur. Das Curry als Rezitativ, die Wurst als Arie, die Fritten als Chor.“ Er nickt sich selbst zu. „Ich zeichne das dann als leise Linien.“
„Hast du nicht Konzeptzeichnen?“, frage ich.
„Ich zeichne gerade Konzept“, sagt der Hape und streicht über die Luft. „Hier ist sehr viel Konzept.“
Wir ziehen uns um. Also, ich versuche das. Was zieht man an, wenn man kein Opernmensch ist? Ich hole mein altes Hemd raus, das früher mal blau war. Jetzt ist es das Blau von Jeans kurz vor dem Reißen. Der Schorsch kommt in seiner Jacke, die er für Beerdigungen nutzt. Krawatte, ja. Aber die Krawatte hat kleine Anker. „Gehen wir“, sagt er. „Bevor du absagst, weil du plötzlich merkst, dass die Oper kein Punkkonzert ist.“
*
Der zweite Akt beginnt, und ich bin plötzlich sicher, dass ich doch ein Opernmensch sein könnte, wenn ich dürfte. Aber das darf ich nicht, sagt der Hanswurst in mir. Ich muss skeptisch bleiben, damit es witzig bleibt. So funktioniert mein Berufsprofil. Der Autor hat mir das eingebaut. Trotzdem sitze ich da und denke: Das Brindisi-Lied, das alle kennen, ist eine Einladung zum Saufen, und die singen das so, dass es klingt, als wäre Saufen eine sehr hübsche Lösung. Ich möchte aufspringen und rufen: „Noch zwei Sekt hier, bitte!“, aber ich tue es nicht. Ich bleibe sitzen, weil der Schorsch neben mir sitzt.
Dann passiert etwas, das nicht im Programm steht. Der Tenor setzt an, um zu singen, und da kommt kein Ton. Nur ein Hauch. Dann hustet er. Nochmal. Die Sopranistin schaut ihn an, als hätte jemand die Luft aus einer Luftmatratze gelassen. Im Orchestergraben hebt der Mann mit dem Stab die Augenbrauen. Es ist der einzige Moment, in dem ich einen Dirigenten ohne Musik verstanden habe: Oha.
Ein Herr mit Headset erscheint am Bühnenrand, so unauffällig, wie man nur kann, wenn man auf einer Bühne steht, auf der dich niemand sehen soll. Er flüstert der Sopranistin etwas zu. Sie nickt sehr langsam, als würde sie zustimmen, dass die Welt eine Kugel ist. Die Musik hört auf, ganz kurz. Dann setzt sie wieder an, nur anders. Ich bin plötzlich sehr wach. „Ersatztenor“, flüstert der Schorsch. Er weiß offensichtlich Bescheid. „Der ist krank. Oder die Stimme ist weg. Jetzt singen die den Rest anders.“ Die Jaqueline steht plötzlich auf. Ich will sie zurückziehen, aber sie steht schon. Sie steht so, dass man denkt, sie hat die Erlaubnis dazu. Sie schlüpft am Ende der Reihe vorbei, lächelt, nickt, sagt „Entschuldigung“ zu den Knien der Leute, die sie streift, und ist im Gang. Als sie zurückkommt, hat sie einen kleinen schwarzen Passierschein an der Brust. „Chor“, steht da. Ich sehe es, weil ich gute Augen habe, wenn ich eigentlich nicht hinsehen soll. „Was“, flüstere ich.
„Ich war im Jugendchor“, flüstert die Jaqueline zurück. „Und in der Uni mal in einem Projektchor. Die brauchen Frauenstimmen jetzt lauter, damit der Ausfall nicht so auffällt. Ich springe ein. Mach dir bloß keine Sorgen Hanswurst, ich singe nur im Hintergrund.“ Bevor ich fragen kann, verschwindet sie an einer Seitentür. Auf der Bühne tritt der Chor wieder an. Ich kann die Jaqueline nicht sehen. Aber ich kann sie hören. Ich schwöre, ich höre sie, obwohl hundert andere da sind. Es ist diese Energie, die sie hat, wenn sie beim Spinning ruft: „Noch zehn Sekunden! Noch fünf! Noch!“, nur eben gesungen. Es funktioniert. Der Tenor lächelt, als er merkt, dass er getragen wird. Ich sitze und halte die Luft an, weil ich nicht stören will. Am Ende des Aktes applaudieren alle, als wären sie dafür bezahlt. Manche rufen „Bravo“, einer ruft „Brava“, weil er klug ist, und einer ruft „Bravi“, weil er glaubt, das deckt alles ab. Ich rufe gar nichts. Ich klatsche nur, bis meine Hände warm sind.
In der zweiten Pause gibt es wieder Sekt. Der Intendant kommt direkt auf uns zu. „Ihre Freundin hat uns gerettet“, sagt er zu mir, weil ich neben der Jaqueline stand, bevor sie Chor wurde. „Sie ist nicht meine Freundin“, sage ich reflexartig, und merke, dass das klingt, als wäre ich beleidigt. „Also doch. Aber anders.“
„Schon gut“, sagt der Intendant. „Kommen Sie bitte nach dem Schlussapplaus mit hinter die Bühne. Sie alle. Und Sie“, er schaut den Schorsch an, „zeigen mir in der Kantine, wie man eine Currywurst so macht, dass sie zur Oper passt.“
„Fein. Wurst passt immer“, sagt der Schorsch.
*
Der dritte Akt schlägt mir mit voller Wucht direkt in den Bauch, und ich merke, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn man sich treffen lässt. Die Sopranistin singt, dass sie sterben wird, und ich denke an meine Eltern und diese Ferien in Dänemark, wo es immer geregnet hat und wir trotzdem an den Strand sind, weil man das so macht. Ich denke daran, wie ich Metzger gelernt habe und an den Geruch von frisch aufgeschnittenem Brot. Ich denke daran, dass manche Dinge einfacher sind, wenn man sie nicht beschreiben muss. Die Sopranistin singt, der Tenor singt auch wieder, die Musik schwillt an, und ich merke, wie mir die Augen brennen. Ich tue so, als hätte ich etwas im Auge. Der Applaus dann am Ende ist lang. Der Intendant verbeugt sich mit, obwohl er nichts gesungen hat, aber er hat ja auch gearbeitet, nur anders vermutlich. Wir gehen hinter die Bühne. Dort sind Gänge, die so tun, als wären sie ein Labyrinth, aber alle führen in eine Kantine. Die Jaqueline kommt, fängt meinen Blick, hebt den Daumen. Schweiß auf der Stirn, strahlende Augen. Ich bin stolz auf sie, obwohl ich nicht weiß, ob man auf Freunde stolz sein darf oder so.
In der Kantine stehen Töpfe und Pfannen und Dinge, die „Mise en place“ heißen, weil jemand es so auf Zettel geschrieben hat. Der Schorsch nimmt die Küche ein, ohne Lärm. Er bewegt sich so, dass die Dinge ihm Platz machen. Er fragt nach nichts, er findet. In einer Metallwanne liegen Würstchen, aber die sehen traurig aus. Cateringwürstchen. Der Schorsch schüttelt den Kopf. „Wir machen das anders“, sagt er. „Habt ihr Zwiebeln? Paprika? Tomaten? Pulver? Essig? Zucker?“
„Wir haben alles“, sagt die Kantinenchefin, die plötzlich da ist, weil Kantinenchefinnen immer plötzlich da sind, wenn man sie braucht. Der Schorsch schneidet Zwiebeln, er schwitzt sie an, er rührt, er baut auf. Ich kenne das Rezept, weil ich es in seiner Nähe oft gegessen habe. Aber heute macht er die Soße mit einer Geduld, die man eher bei Orgelbauern sieht. Die Jaqueline holt kleine Papierschiffchen aus einem Schrank, in dem sonst Kekse wohnen. Ich schneide Würste. Ex-Metzger, sagte ich schon. Ich schneide Würste in Scheiben, nicht zu dünn, damit sie etwas sind, und nicht zu dick, damit sie was hergeben. Der Schorsch würzt mit Paprika, und streut Curry, ich rühre, ich probiere, der Schorsch nickt. Es ist eine Bewegung, die Hand, der Löffel, der Topf. Es ist fast Musik, wenn man dabei leise ist. Ich bin leise.
Die ersten Currywürste gehen an die, die noch da sind: die Bühnearbeiter mit den schwarzen T-Shirts, die Frau mit dem Schmuck vom Programmstand, der Mann mit dem Stab, der jetzt ohne Stab seltsam nackt wirkt. Er nimmt ein Papierschiffchen wie einen Taktstock. „Sehr gut“, sagt er, was bei ihm wahrscheinlich „Bravo“ heißt. Der Intendant holt drei Sopranisten und zwei Tenöre, aber die sind alle schon abgeschminkt, also sind sie jetzt Menschen mit Müde im Gesicht. Sie essen und machen Geräusche, die zu jeder Kultur passen. Einer sagt: „Das könnten wir in der großen Pause machen.“ Ein anderer sagt: „Aber dann gehen die Leute nicht mehr rein.“ Der Intendant sagt: „Die gehen schon rein. Wir schreiben’s ins Programm: Zweiter Akt beginnt, wenn die Currywürste leer sind. Da kommt Bewegung in den Laden.“ Der Schorsch schaut ihn an, als wäre das jetzt zu viel auf einmal, aber er sagt nichts. Er rührt weiter. Rühren ist seine Art, Ja zu sagen.
Dann passiert der Twist, den ich nicht kommen sehe, obwohl ich wusste, dass einer kommen muss, weil Geschichten so sind: In die Kantine platzt eine Pressefrau vom Haus, also eine, die Texte schreibt und Dinge orchestriert, die nicht klingen. Sie sagt: „Wir haben morgen Vormittag eine Kooperationseinladung mit dem Stadtfestkomitee. Thema: ‚Kultur für alle‘. Der Intendant soll was dazu sagen. Wenn wir da eine Currywurst-Aktion ankündigen, dann kauft uns das die halbe Stadt ab – hundert pro. Wir brauchen ein Foto. Jetzt. Mit Wurst. Mit Intendant. Mit…“ Sie schaut in die Runde. „Mit der spontanen Chorsängerin. Und mit Ihnen“, sie zeigt auf den Schorsch, „weil Sie aussehen, als ob Sie sich mit Currywurst auskennen.“
Ich, der Hanswurst, stehe mit dem Wurstschneidemesser, das im Licht glänzt, daneben. „Und mit mir?“, frage ich.
„Wer sind Sie?“, fragt sie.
„Ich bin die Hauptfigur“, sage ich. „Aber nur, wenn der Autor es zulässt.“
„Nehmen wir ihn mit“, sagt der Intendant. „Er hat die richtigen Augenbrauen fürs Foto.“ Ich habe Augenbrauen, das stimmt. Sie sind schwarz-weiß, wie meine Haare. Ich gucke wichtig. Die Jaqueline hält ein Papierschiffchen mit Würstchen hoch, der Schorsch schaut in die Kamera, als würde er einem widerspenstigen Grill ordentlich einheizen, der Intendant legt einen Arm um ihn, als wären sie seit Jahren in der selben Altherren-Fußball-Kick- und Selbsthilfegruppe. Klick. Nochmal klick. Fertig.
„Und die Wurst?“, frage ich.
„Die essen wir jetzt“, sagt der Schorsch. Das ist der beste Satz des Abends.
Später, als wir wieder im „Imbiss ums Eck“ stehen, ist es Nacht und der Laden wirkt größer. „Und?“, fragt die Jaqueline, die die Schuhe ausgezogen hat und barfuß auf dem Fliesenboden steht, den der Schorsch jeden Abend abledert, als wäre er ein Instrument. „Und“, sage ich. „Ich habe in der Oper geweint. Aber nur einmal. Und nur, weil der Autor es so geschrieben hat.“
„Stell dich nicht so an“, sagt der Schorsch. „Das darf man. Sogar ohne Autor.“ Ich nicke. „Und du?“
Ich stehe da, ich trinke ein Bier, ich esse eine Wurst, ich bin still. Ich merke, dass in mir etwas weiter wird, so wie der Raum in der Oper groß wurde, als die Sopranistin die Stimme wie eine Decke ausbreitete. Ich werde nicht pathetisch. Ich bleibe Hanswurst. Aber ich weiß jetzt, dass Punk und Oper nicht Feinde sein müssen. Punk sagt: Mach. Oper sagt: Fühl. Der Imbiss sagt: Iss. Ich sage: Ja, gut…
ENDE