Zwei Männer sitzen auf einer Bank am Fluss, auf dem gerade ein großes Schiff vorbeifährt.

Ein Abend am Fluss, lauwarmes Späti-Bier und ein Frachter mit einem Namen, der viel zu sehr nach Seemannsgarn klingt. Doch als im Nebel Menschen in silbrigen Decken über die Reling gehievt werden, kippt die Legende plötzlich in etwas sehr Reales.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Katharina Biebl

Worum geht’s?

Der Hanswurst, der Hape und der Brezel-Peter sitzen am Fluss und sehen ein dunkles Schiff: De Vliegende Hollander. Erst wirkt alles wie Mythos, Film oder Hafenspuk dann erkennen sie Menschen, die heimlich an Bord gebracht werden.

Die Geschichte lesen

Ich sitze mit dem Hape auf der Bank und wir schauen auf den großen Fluss, der heute so tut, als wäre er schnödes Wasser. In Wahrheit ist er eine Straße, nur ohne Ampeln. Ich tue so, als wäre das hier Freizeit und nicht einfach nur das Loch zwischen zwei Tagen, in das man Bier kippt. Die Luft riecht nach nassem Holz, kaltem Metall und diesem modrigen Flussgeruch. Meine Rosi lehnt neben mir an der Rückenlehne der Bank, ein kleines verbeultes Damenrad, das so aussieht, als hätte es schon bessere Besitzer gehabt. Trotzdem findet sie immer wieder zu mir zurück, als hätte sie mich ausgesucht und nicht umgekehrt. Wir haben Späti-Bier, lauwarm, im Plastikbeutel, das Etikett schon halb abgerieben, und der Brezel-Peter ist auch da, weil der Brezel-Peter immer da ist, wo es nach Abendveranstaltung und nach einer Idee riecht, die man morgen bereut. Auf dem Wasser schiebt sich ein Frachter vorbei, Container obendrauf, Lichter wie müde Augen. Das Geräusch kommt später als das Bild, erst die Masse, dann das Brummen, dann ein Klirren in der Luft. Der Hape schaut dem Schiff hinterher und wird dabei so still, dass man denkt, er hört sich selbst beim Altern zu. Ich denke kurz daran, dass wir hier manchmal einschlafen, einfach so, Bier in der Hand, Kopf nach hinten, und dann wacht man morgens auf und die Stadt tut, als wäre das ganz normal. Ich mag diese Abende. Ich mag sie sogar dann, wenn der Autor irgendwo im Hintergrund lungert und mich wie so eine Playmobilfigur hinsetzt, weil er weiß, dass am Fluss nachts Dinge passieren können. „Heute kommt was“, sagt der Brezel-Peter und grinst dabei nicht. Das ist neu. „Du mit deinem Heute kommt was“, sage ich. „Du sagst das auch bei Regen.“ Der Brezel-Peter hebt das Kinn Richtung Wasser. „Nicht Regen. Holländer.“ Ich lache einmal, kurz. „Der fliegende?“ Der Hape sagt nichts, nimmt nur einen Schluck und wird still. Das macht er immer, wenn er merkt, dass es gleich echt wird und nicht nur so ein Gespräch, das man am nächsten Tag vielleicht nochmal im Imbiss ums Eck beim Schorsch aufwärmen kann.

Ein Horn tutet wieder, tiefer, näher, und aus dem Nebel, der über dem Wasser hängt, schiebt sich ein Schiff, das nicht wie die anderen aussieht. Kein Touristending, kein Ausflugsgedöns. Metall und Dunkelheit. Auf der Seite steht ein Name, weiß auf schwarz: DE VLIEGENDE HOLLANDER. Ich lese das zweimal, weil mein Kopf bei Fremdsprachen immer erst prüfen muss, ob ich das irgendwie verstehe und wenn ja, es ein Warnhinweis sein könnte. Das Schiff fährt langsamer als es eigentlich müsste. Es bleibt nicht stehen, aber es tut so. Dann sieht man ein kleineres Boot daneben, schnell, ohne Licht, nur eine schwarze Form, die sich an den Rumpf schmiegt wie ein Babywal an seinen Mamawal. Das Boot kommt an die Bordwand, da wird was hochgezogen. Erst denke ich an Kisten, Zigaretten, irgendwas, womit man Geld macht und für gewöhnlich kein Gewissen braucht. Dann sehe ich Hände. Ich sehe Arme. Ich sehe diese silbrigen Decken, die man Leuten gibt, die irgendwo rausgezogen wurden, oder irgendwo raus mussten. Zwei, drei Gestalten werden rübergehievt. Einer stolpert, fängt sich am Geländer. Der Hape flüstert: „Scheißdreck.“ Mir wird kalt, obwohl ich Bier im Bauch habe. Der Autor sitzt irgendwo über uns, vielleicht auf einem Tennisplatzhochsitz, und reibt sich die Finger, weil er jetzt sein Drama hat. Ich würde lieber wegsehen, aber ich bin der Hanswurst. Wegsehen ist in Geschichten nicht vorgesehen. „Das sind keine Kisten“, sage ich. „Das sind Leute.“ Der Brezel-Peter nickt und sagt: „Arme Seelen.“ Er sagt es so, als wäre das ein normaler Begriff aus dem Großhandel. „Und die gehen rüber“, sagt er. „Richtung Holland. Da gibt’s Gewächshäuser. Tulpen. Viel Glas. Viel Hitze. Viel Arbeit. Ohne Fragen.“ Der Hape schaut ihn scharf an. „Woher weißt du das?“ Der Brezel-Peter zuckt mit den Schultern. „Ich weiß Dinge. Dafür bin ich doch der Brezel-Peter.“ Dann redet er weiter, weil er merkt, dass er uns damit offenbar kalt erwischt hat. Er erzählt von Leuten, die plötzlich nicht mehr auftauchen. Von diesen Aushängen, die keiner liest, weil man sonst zugeben müsste, dass es sowas gibt. Von „Jobs“, die nach Rettung klingen, und von Fahrten, die nicht als Fahrten verkauft werden. Er sagt, es sei modern, Menschen nicht zu entführen, sondern sie zu überreden, dass sie selbst einsteigen. Mit Schulden, mit Versprechen, mit dem Satz „nur ein paar Wochen“. Er sagt, drüben sei alles aus Glas, alles hell, und genau deswegen sieht dich keiner. Verrückt. Er sagt, Tulpen seien schön, aber Schönheit brauche Personal, und Personal werde knapp, wenn es frei ist. Ich merke, wie mein Kopf versucht, das als Spinnerei zu sortieren, weil das bequemer ist. Und genau in dem Moment dreht sich auf dem Frachter ein Scheinwerfer. Er streicht übers Ufer, langsam, als sucht er nicht irgendwen, sondern nur die Gewissheit, dass da keiner guckt. Und natürlich gucken wir. Drei Idioten auf einer Bank, mit Bier und einem verbeulten Damenrad. Wenn das ein Film wäre, sind wir die Szene, die man später rausschneidet, weil sie zu dumm wirkt. Der Lichtkegel bleibt an der Rosi hängen. Metall blitzt. Ein Rad ist auffällig, wenn sonst alles dunkel ist. Der Brezel-Peter flucht leise. „Wir gehen jetzt“, sagt er. „Langsam.“ Ich stehe auf, die Knie knacken, und das Geräusch kommt mir plötzlich viel zu laut vor. Der Hape nimmt noch den Beutel mit, als hätte das Bier hier irgendeine Priorität, aber ich verstehe ihn. Man hält sich an Kleinigkeiten fest, wenn man merkt, wie groß etwas sein kann. Wir gehen am Uferweg entlang. Hinter uns knallt etwas. Kein Schuss. Eher Metall auf Metall. Dann Schritte. Schnell. Nicht unsere. Und da ist es auf einmal nicht mehr spannend, da ist es nur noch eng. Mein Herz macht diesen dummen Sprint, den es sonst nur bei Treppen macht.

„Renn“, sagt der der Brezel-Peter. Das ist lustig, weil der Brezel-Peter sonst immer so tut, als stünde er über allem und sei sowieso zu cool für diese Welt. Ich schnappe mir die Rosi, der Lenker wackelt, das Vorderrad eiert, und ich hasse dieses Rad in dem Moment, weil es so ehrlich ist. Der Hape springt hinten drauf, weil er meint, das sei jetzt eine gute Idee. Es ist keine gute Idee, aber es ist die Idee, die der Autor uns gibt, also machen wir das. Wir fahren los, ich trete, die Kette kratzt, der Hape hält sich an meinem Mantel fest und lacht einmal, hart, weil ihm das Lachen hilft, nicht zu kotzen. Hinter uns ruft jemand auf Niederländisch, kurz, scharf. Dann auf Deutsch: „Stehenbleiben!“ Das Wort fliegt über den Weg. Wir bleiben nicht stehen. Ich bin zwar fiktiv, aber ich bin nicht lebensmüde, und ich habe plötzlich diese sehr reale Angst, dass Fiktion auch nur ein dünner Mantel ist. Dann passiert das, was mich richtig nervt, weil es genau diese Sorte Wendung ist, die der Autor liebt: Vor uns tauchen plötzlich drei Leute mit Kameras auf. Schulterrigs, Mikrofon, ein Typ mit Klemmbrett, ein Licht geht an, blendend, zu hell für einen Flussweg. „Cut!“, schreit jemand. Ich bremse so hart, dass der Hape und ich fast beide über den Lenker gehen. Der Klemmbrett-Typ winkt, geschniegelt, zu saubere Schuhe, als wäre das hier ein ganz normaler Abend. „Alles gut! Wir drehen nur!“ Der Hape steht da, schnauft, schaut zurück zum Fluss. Ich schaue auch. Und ich sehe wieder diese silbrigen Decken. Und ich sehe, wie zwei von den Gestalten nicht zum Filmteam gehören. Kein Funk, kein Lächeln, kein „alles gut“. Die ziehen jemanden weiter in Richtung Boot, weg vom Licht, weg von der Kamera. Der Film ist eine Tarnung. Das Boot ist echt. Das Schiff ist echt. Und wir stehen genau dazwischen, wo die Welt plötzlich so tut, als wäre sie harmlos, obwohl sie gerade Zähne zeigt.

Der Klemmbrett-Typ kommt näher und lächelt professionell. „Ihr wart super“, sagt er. „Total authentisch. Genauso brauchen wir das. Ihr könnt euch gern im Hintergrund halten, aber nicht in die Linse schauen.“ Der Hape starrt ihn an, als würde er gleich zuschlagen oder weinen, und entscheidet sich für gar nichts. Der Brezel-Peter sagt: „Ihr dreht hier was über den Holländer?“ Der Klemmbrett-Typ lacht. „Über den Fliegenden Holländer. Mythos. Moderne. Fluss. Das ganze Ding.“ Er hält kurz inne und schaut auf mich, und ich kenne dieses Gefühl: Wenn jemand meinen Namen sagt, obwohl er ihn nicht kennen kann. „Du bist doch der Hanswurst, oder?“ Und in meinem Bauch kippt etwas, weil mir klar wird, dass ich nicht nur Zeuge, sondern schon eingeordnet bin. Ich sage: „Ja. Aber nur, weil mich jemand schreibt.“ Der Typ nickt, als wäre das die normalste Info der Welt. „Perfekt“, sagt er. „Wir brauchen genauso einen Satz. Kannst du den nochmal sagen, nur mit mehr …“ Er macht eine Handbewegung. „… Wahrheit?“ Hinter ihm knallt wieder Metall, weiter unten am Ufer. Einer schreit kurz. Nicht fürs Drehbuch. Der Hape packt meinen Arm. „Wir müssen weg.“ Ich nicke, und in dem Moment, in dem ich mich umdrehe, ist der Brezel-Peter weg. Einfach weg. Nicht dramatisch. Nicht mit Abschied. Als hätte der Nebel ihn eingesammelt, wie der Brezel-Peter es eben noch über die armen Seelen gesagt hat. Und jetzt ist das Wort plötzlich kein Witz mehr.

Am Morgen wache ich auf der Bank auf, der Rücken kalt, der Mund trocken, die Rosi liegt neben mir im Gras, als hätte sie die Nacht auch nicht verstanden. Der Hape schläft noch, Kopf auf dem Rucksack, Gesicht wie nach einer durchgemachten Woche. In meiner Jackentasche steckt ein laminiertes Kärtchen. Darauf steht eine Nummer und ein Name: De Vliegende Hollander – Production Office. Unten klebt ein kleines Tulpen-Symbol, sauber, freundlich, wie Werbung. Ich sehe zum Fluss. Da ist nur Wasser und Alltag. Kein Schiff. Kein Boot. Kein Filmteam. Keine Menschen in silbrigen Decken. Nur Möwen, die so tun, als wären sie hier die Eigentümer. Ich stecke die Karte wieder ein, weil ich nicht weiß, was man sonst mit sowas macht. Und weil ich spüre, dass der Autor jetzt gleich wieder anfängt, mich irgendwohin zu schieben. Ich hasse das ein bisschen. Ich steige trotzdem auf die Rosi, trete los, und zum ersten Mal seit langem denke ich nicht an Kater oder Currysoße, sondern daran, wie schnell man von einer Bank in ein Gewächshaus kommen kann, ohne je zu entscheiden, dass man auch wirklich dahin will. Ich hoffe, dass der Brezel-Peter wieder auftaucht. Ich hoffe es so sehr, dass es wehtut. Und ich merke, wie ich beim Fahren immer wieder über die Schulter schaue, obwohl da nur Straße ist. Manchmal reicht das schon, damit die Angst mitfährt….

ENDE

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