
Fastnacht im Imbiss ums Eck: Girlanden, Bieratem, Pappnase und ein Totte, der eigentlich nur ordentlich nach Hause will. Doch dann verschwindet sein Schlüssel im Gully, der Keller wird zur Katastrophenzone und plötzlich steht da draußen offenbar noch ein zweiter Totte.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Katharina Biebl
Worum geht’s?
Der Totte verliert nach der Fastnacht seinen Schlüssel und versucht, heimlich durchs Kellerfenster ins Haus zu kommen. Das endet mit Marmelade, Gurken, Wasserrohr-Chaos und einer sehr schlechten Nacht.
Die Geschichte lesen
Fastnacht hat so dieses Geräusch, das man nicht erklären kann, ohne dass es eigentlich richtig traurig wird. So ein Rascheln aus Krepppapier, Bieratem und dem leichten Knistern von Würde, die irgendwo auf dem Boden liegt und sich nicht mehr bücken will. Oder kann.
Der Schorsch hängt zwei Girlanden auf. Eine ist gold, eine ist „hat der Autor im Sonderangebot gefunden“. Im Radio läuft irgendwas, das „Helau“ schreit. Klingt aber nicht wirklich glaubwürdig. Der Hape steht an unserem Lieblingsstehstammtisch und trägt eine rote Pappnase, weil er sagt, es sei „eine Intervention in das Konzept der Identität“ oder so. Ich glaube, er hat einfach seine echte Kartoffelnase satt.
Ich, der Hanswurst, stehe dazwischen und tue so, als wäre ich freiwillig hier. In Wahrheit bin ich natürlich wie immer eine Figur, die in eine Fastnachtsgeschichte geschrieben wird, weil irgendein Autor glaubt, das Leben hätte Rhythmus und brauche Jahresthemen. Ich hätte heute auch einfach im Bett bleiben können. Aber nein. Ich stehe im Frittierduft und warte darauf, dass Fastnacht mir etwas antut. Mir zum Beispiel von hinten auf den Kopf haut.
Dann kommt der Totte rein. Eigentlich mit vollem bürgerlichen Namen Torsten Kowalski. Aber alle nennen ihn nur Totte.
Der Totte ist also so einer, der aussieht, als hätte er sich sein ganzes Leben lang bemüht, nicht aufzufallen. Und dann hat er geheiratet und seitdem fällt er aus Prinzip auf, weil er ständig darüber redet, dass er eigentlich nicht auffallen will. Er trägt einen viel zu kleinen Umhang, der wahrscheinlich mal ein Badetuch aus Frottee war, und einen Papierhut, der schon bei der Tür schwächelt und dann ganz aufgibt. Seine Wangen sind rot, aber nicht vom Schminken, sondern vom „Ich hab’s krachen lassen“-Selbstbetrug.
„Der Schorsch“, sagt der Totte, „zwei Bier. Und was Warmes. Irgendwas, das mich wieder in die Gegenwart bringt.“
Der Schorsch brummt, als würde er das Bier erst noch aus einem tiefen moralischen Brunnen schöpfen müssen. Der Hape guckt den Totte an, als wäre er eine Skulptur, die gleich umfällt.
„Du feierst?“ frage ich, und merke sofort: Das ist eine dieser Fragen, die man nur stellt, wenn man hören will, wie jemand scheitert.
Der Totte nickt schwer. „Zum ersten Mal seit… ewig. Der Tisch war reserviert. Karten bezahlt. Und ich war nicht krank. Nicht wie sonst. Keine Influenza, keine Schwippschwägerin, nix. Da hat die Frau Kowalski gesagt: Geh. Geh einfach. Aber komm mir nicht weinend zurück.“
„Romantik“, sagt der Hape und malt mit Senf eine Linie auf die Stehtischplatte, die bestimmt irgendwann ein Kunstwerk wird, sobald jemand drüber rutscht.
Der Totte trinkt das Bier, als wäre ihm die Lizenz zum Leben gerade neu ausgestellt worden. Dann sagt er: „Und jetzt geh ich heim. Ordentlich. Anständig.“
Das sagt er mit einer Überzeugung, die ich nur von Menschen kenne, die gleich irgendwas sehr Unanständiges machen.
*
Später in der Nacht. Wie viel später, weiß ich nicht. Fastnacht hat keine Uhr, nur Stufen. Du gehst eine Stufe runter, dann noch eine, und irgendwann sitzt du plötzlich auf dem Bordstein und diskutierst ernsthaft mit einem Konfettischnipsel über den Sinn von Politik. Ich bin jedenfalls draußen, weil der Autor mich kurz an die frische Luft schicken will. So ein literarischer Trick: einmal raus, damit später das Drinnen wieder wärmer wirkt als zuvor.
Da sehe ich Torsten Kowalski. Also den Totte.
Er wankt. Er hat dieses halb-suchende, halb-beleidigte Gesicht, das Leute haben, wenn sie nicht wissen, wo sie sind, aber sicher sind, dass es nicht ihre Schuld ist. Er murmelt irgendwas, was klingt wie ein Fastnachtslied, das man zu oft gehört, aber nie wirklich gelernt hat.
Und dann bleibt er stehen. Direkt vor einem Gully.
Ich sehe es richtig: Er kramt in seinen Taschen, findet Kleingeld, findet eine Quittung, findet offenbar den Sinn seines Lebens. Aber offensichtlich keinen Schlüssel. Er klopft an sich alles ab, als würde der Schlüssel gleich aus Scham rausfallen.
Dann passiert dieses winzige Geräusch: pling. Also nix schlimmes oder ernsthaft Aufregendes, nur Physik. Der Schlüssel macht sich selbständig und verschwindet im Gully, als hätte er nur auf diesen Moment gewartet.
Der Totte starrt auf den Abfluss, als hätte der ihm gerade die Ehe gekündigt.
„Ach komm“, sage ich, weil ich noch glaube, Worte hätten Macht.
Der Totte beugt sich vor. Ich sehe, wie er überlegt: Wecke ich die Frau Kowalski? Oder sterbe ich lieber leise im Keller?
Man muss dazu wissen: Die Frau Kowalski ist, soweit ich sie aus seinen Erzählungen kenne, eine Frau, die einen ruhigen Abend mit Eierlikör und irgendeiner Inga-Lindström -Weltanschauung so ernst nimmt wie andere Leute ihren Glauben. Und der Totte weiß: Wenn er jetzt klingelt, wird er nicht nur angeschrien, er wird in seiner ganzen Existenz abmoderiert.
Also entscheidet er sich für den Keller.
Ich sehe ihn um das Haus herumtorkeln, als würde er eine geheime Mission erfüllen. In Wahrheit wirkt er eher wie jemand, der gegen eine unsichtbare Choreografie kämpft.
Ich folge ihm nicht. Nicht, weil ich Anstand habe, sondern weil der Autor mich zurück zum Imbiss schiebt. „Der Hanswurst braucht noch ein Bier“, sagt er vermutlich irgendwo, und ich hab halt keinen Einfluss. Bier klingt aber nicht schlecht. Ich kann nur hoffen, dass es nicht zu schlimm wird.
Spoiler: Es wird schlimm.
*
Am nächsten Tag ist Aschermittwoch und der Imbiss ist so still, als hätte jemand die ganze Stadt auf „Kater“ gestellt. Der Schorsch steht hinterm Tresen und putzt Sachen, die er sonst nie putzt, also ist es ernst. Der Hape sitzt da und sagt, Fastnacht sei „eine kollektive Entgrenzungsperformance“. Ich sage, Fastnacht sei „ein Unfall mit Ansage“.
Da kommt der Totte wieder rein.
Er trägt wieder normale Kleidung. Aber normal ist relativ. Seine Hände sind voller kleiner Pflaster. Sein Hals hat Kratzer. Und er bewegt sich, als hätte er mit einem Möbelstück gerungen und knapp verloren.
„Du siehst aus“, sage ich, „als hättest du Helau falsch ausgesprochen.“
Der Totte setzt sich, bestellt einen Kaffee, was bei uns ungefähr so ist, als würde man im Rotlichtviertel nach einem ruhigen Abend fragen. Der Schorsch knurrt, macht aber Kaffee, weil auch der Schorsch weiß: Manche Menschen haben heute keine Wahl.
„Ich bin gefallen“, sagt der Totte.
„Worüber?“ fragt der Hape interessiert.
„Über… mein Leben“, sagt der Totte, und ich weiß nicht, ob das ein Witz oder ein vielleicht eher ein Hilferuf ist.
Der Totte holt tief Luft, als würde er gleich zur Beichte ansetzen wollen. Vielleicht ist das auch die Fastnachts-Nachwirkung: plötzlich will jeder rein werden. Fastnachts-Beichte sozusagen.
„Ich hab den Schlüssel verloren“, sagt er. „Im Gully. Und ich wollte die Frau Kowalski nicht wecken.“
Der Schorsch macht so ein Geräusch, das zwischen Mitleid und Häme pendelt.
„Also“, sagt der Totte, „bin ich durchs Kellerfenster.“
Der Hape nickt, als hätte er genau das erwartet. Ich auch. Man kennt das. Männer tun alles, um nicht fünf Sekunden unangenehm zu sein, und investieren dafür drei Stunden in eine Katastrophe.
„Das Fenster ist…“, sagt der Totte, „kaputt.“
„Aha“, sagt der Schorsch.
„Und im Keller stand ein Regal. Mit Einmachgläsern.“
„Aha“, sagt der Schorsch, diesmal mit mehr Leben in der Stimme.
„Und ich bin…“ Der Totte schaut kurz auf seine Pflaster, als könnten die die Geschichte übernehmen. „Ich bin reingerutscht. Kopfüber. Ich weiß auch nicht warum. Das Gehirn macht bei Fastnacht irgendwas. Es wird dann immer so weich.“
„Ich liege dann da“, sagt der Totte, „in… Marmelade. Und Gurken. Und irgendwas, das mal Rotkraut war. Und ich will mich festhalten. Da ist ein Schlauch. Ich zieh dran. Und plötzlich kommt Wasser. Mit Druck.“
Der Schorsch lacht nicht. Der Schorsch lacht nie. Aber er verzieht den Mundwinkel. Das ist bei ihm ungefähr wie Standing Ovations.
„Ich erschrecke“, sagt der Totte, „lasse los, rutsche, stoße das nächste Regal um. Und dann…“ Er macht eine Pause. „Dann hab ich kurz kein Bewusstsein.“
„Bewusstlos im Keller“, sagt der Hape leise und zufrieden, als hätte er einen Filmtitel gefunden.
„Nicht lange“, sagt der Totte schnell. „Nur… so lang, dass ich mir danach dachte: Jetzt musst du alles vertuschen.“
„Natürlich“, sage ich, weil ich das kenne. Nicht den Keller, aber den Reflex, alles heimlich wieder geradezubiegen, damit zu Hause niemand merkt, dass man Scheiße gebaut hat. Oder bloß ein Mensch ist.
Der Totte erzählt weiter: wie er sich ausgezogen hat, weil alles klebt. Wie er seine Kleidung in die Waschmaschine stopft, weil er irgendwo im Keller noch die alte Hausmeister-Logik in sich spürt: Problem rein, Klappe zu, fertig. Wie er in der Badewanne oben versucht, nicht mehr nach Kirsche und Kohlenstaub zu riechen.
„Und die Frau Kowalski hat nix gemerkt?“ frage ich.
Der Totte schüttelt den Kopf. „Sie schläft wie ein Stein. Wenn Inga Lindström in ihr wohnt, ist die Welt abgeschlossen.“
Der Schorsch stellt dem Totte den Kaffee hin, schaut ihn an und sagt: „Und warum war heute Morgen ein nasser, halbnackter Sarazenenhäuptling im Innenhof?“
Der Totte wird blass. Also so blass, wie man werden kann, wenn man eh noch Restrot im Gesicht hat.
„Sarazenenhäuptling?“ wiederholt er.
Der Schorsch deutet mit dem Kinn auf die Ecke, wo unser kleines altes Radio steht. „Die Nachbarn reden. Einer ist rumgetorkelt. Ohne Schuhe. Hat dauernd versucht, ne Hose anzuziehen, hat’s aber wohl nicht geschafft.“
Der Totte starrt in seinen Kaffee, als könnte der ihm einen Fluchtweg zeigen.
„Das war ich nicht“, sagt er leise.
„Aha“, sage ich.
Der Hape beugt sich vor. „Das ist aber interessant.“
Und dann erzählt der Totte etwas, das alles noch schlimmer und gleichzeitig logisch macht:
„Als ich im Keller aufwache“, sagt er, „höre ich draußen Schritte. Ich denke: Passant. Zeuge. Skandal. Also… ich steige nicht sofort hoch. Ich bleibe im Dunkeln. Und dann… sehe ich durch das kleine Fenster… jemanden.“
„Wen?“ frage ich, obwohl ich schon ahne, dass es niemand sein sollte.
Der Totte schluckt. „Mich.“
Kurze Stille. So eine Stille, die sogar im Imbiss selten ist.
„Wie meinst du dich?“ fragt der Hape.
Der Totte reibt sich die Stirn. „Da steht einer im Hof. In meinem Mantel. Mit meinem Hut. Ohne Schuhe. Und der sucht… meinen Schlüssel. Als hätte er ihn verloren.“
Der Schorsch schaut mich an, als wäre ich jetzt dran, das Universum zu erklären.
Ich kann’s aber auch nicht. Ich bin nur der Hanswurst. Fiktiv. Und wenn der Autor Bock hat, dass Fastnacht nicht nur peinlich, sondern auch unheimlich ist, dann macht er das. Ganz ohne Rücksprache mit mir.
„Vielleicht“, sagt der Hape langsam, „hat Fastnacht eine zweite Version von dir ausgespuckt. Eine, die weiterfeiert, während du schon aufgegeben hast.“
„Das ist Quatsch“, sagt der Totte, aber er klingt dabei nicht wirklich überzeugt.
Der Schorsch brummt: „Fastnacht ist immer Quatsch. Aber manchmal halt mit Konsequenzen.“
Ich schaue auf die Girlanden, die jetzt schon schlaff rumhängen. Ich denke daran, wie der Totte gestern „ordentlich“ gesagt hat, als wäre das ein Schutzzauber.
Und ich weiß: Das Allerschlimmste an Fastnacht ist nicht, dass man sich lächerlich macht. Das geht vorbei. Klar.
Das Schlimmste ist, dass manchmal etwas von einem übrig bleibt, was man gar nicht mehr kontrollieren kann.
„Was machst du jetzt?“ frage ich.
Der Totte schaut auf seine Hände. Auf die Pflaster. Auf die kleinen Beweise.
„Ich räume den Keller auf“, sagt er. „Den ganzen Nachmittag.“
„Und wenn der andere du wiederkommt?“ fragt der Hape.
Der Totte zuckt mit den Schultern. „Dann… soll er halt helfen.“
Der Schorsch nickt, als wäre das die einzig vernünftige Antwort seit Tagen.
Ich trinke mein Bier, obwohl es eigentlich zu früh ist, aber Aschermittwoch ist auch nur ein Konzept. Und der Schorsch hängt eine Girlande wieder gerade…
ENDE