
Eine Boulderhalle, viel zu enge Kletterschuhe und eine Jaqueline, die aus „Komm, wir machen was Kleines“ zuverlässig ein Fitnessprogramm mit Erniedrigungspotential baut. Der Hanswurst hängt an der Wand und plötzlich geht es um mehr als nur um Wurstgriffe und Restwürde.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Die Jaqueline schleppt den Hanswurst und den den Getränke-Manni zum Bouldern. Zwischen Kreide, Gummigeruch und einer Themenroute namens „Wurst“ wird aus Sport plötzlich Teamwork.
Die Geschichte lesen
Die Wand ist höher, als sie in den Instagram-Stories von den ganzen jungen Leuten aussieht. In deren Stories ist immer alles leichter: das Klettern, das Atmen, das Leben, die Miete. Hier riecht es nach Gummi, nach Kreide und nach diesem sauberen Schweiß, den Menschen haben, die sich freiwillig in Sportklamotten zwängen, ohne dass ein Arzt sie dazu zwingt.
Ich stehe mitten in der Boulderhalle und fühle mich wie ein Fremdkörper mit Bierbauch und Restwürde. Also wie sonst auch, nur dass ich heute keine Currywurst in der Hand habe.
Der Getränke-Manni steht neben mir und guckt zufrieden in den Raum, als wäre das hier sein Getränkemarkt, nur dass sich statt Kästen hier irgendwie die Menschen stapeln.
„Also“, sagt der Getränke-Manni, „hier geht’s ums Greifen. Das kann ich ziemlich gut. Ich greif seit zwanzig Jahren. Nämlich Kisten.“
Ich nicke. Ich würde auch gerne irgendwas seit zwanzig Jahren können, aber bei mir ist es eher: am Stehtisch stehen und so tun, als wäre das eine Haltung.
Und ja. Ich weiß. Ich bin der Hanswurst. Fiktiv. Eine Figur. Im Auftrag des Autors. Heute ist es Sport. Neues Jahr, neue Vorsätze. Der Autor hat wahrscheinlich irgendwo gelesen, dass Figurenentwicklung glaubwürdig wird, wenn der Protagonist leidet. Also schickt er mich jetzt an eine Wand.
Die Jaqueline ist auch da. Natürlich ist die Jaqueline da. Die Jaqueline ist so eine Person, die aus einem „Komm, wir machen was Kleines“ innerhalb von drei Minuten einen Halbmarathon machen kann.
Sie kommt auf uns zu wie ein Personal Trainer. In sportlich, in wach.
„So, Männer“, sagt die Jaqueline, „heute wird’s besser. Heute wird’s leichter. Heute wird’s…“ Sie schaut kurz auf mich. „…weniger Wampe.“
Ich will irgendwas sagen wie: Wampe ist gelebte Kulturgeschichte. Oder: Wampe ist mein letzter Besitz. Aber ich sag nichts, weil ich gerade damit beschäftigt bin, nicht direkt wieder nach Hause zu gehen.
„Ich hab euch angemeldet“, sagt die Jaqueline. „Schnupperkurs.“
Schnupperkurs ist ein Wort, das ich sonst nur bei Weinproben höre oder wenn der Schorsch irgendeine neue Soße testet. Man schnuppert nicht an Sport.
„Schnuppern“, murmle ich. „Ich schnupper gleich an der Notausgangstür.“
Der Getränke-Manni klopft mir auf die Schulter. „Komm, Hanswurst. Wir machen das.“
Ich denke an Bier. Und an Pommes. Und daran, dass ich jetzt barfuß in Kletterschuhen stehe, die aussehen wie Folterinstrumente für Leute, die im Leben zu selten „Nein“ gesagt haben.
Die Kursleiterin heißt Lina. Sie ist ungefähr so alt wie die Hälfte meiner Fehlentscheidungen und bewegt sich so leicht, dass ich mich frage, ob sie überhaupt Schwerkraft kennt oder nur so tut als ob.
„Bouldern ist Problemlösen“, sagt Lina.
Ich mag Problemlösen. Ich löse Probleme seit Jahren. Meistens mit Bier. Manchmal mit Weggucken. Einmal mit einem Umzug in eine noch kleinere Wohnung. Das war auch eine Lösung, nur halt in die falsche Richtung.
Lina zeigt uns die bunten Griffe an der Wand. „Die Farben sind die Routen. Ihr sucht euch eine aus, die zu euch passt.“
Die Jaqueline zeigt auf eine Route, die irgendwo zwischen „Kindergeburtstag“ und „Spaziergang“ liegt. „Nimm die da, Hanswurst.“
Ich schaue hoch. Die Route ist gelb. Gelb ist eigentlich eine freundliche Farbe. Gelb sagt: Sonne. Gelb sagt: Banane. Gelb sagt: Du schaffst das, du armer Trottel.
Der Getränke-Manni grinst. „Gelb ist easy.“
„Gelb ist Verrat. Da muss ich gleich an die FDP denken“, sage ich.
Ich setze die Hände an die ersten Griffe. Ich ziehe mich hoch. Mein Körper reagiert überrascht, als hätte er nicht damit gerechnet, dass ich ihn heute benutze.
Das ist der Moment, in dem mir auffällt: Bouldern braucht Bewegung. Viel Bewegung. Und ich habe mir das vorher so vorgestellt, dass man da mehr nachdenkt als macht. Wie Schach. Nur in Turnschuhen.
Ich komme zwei Züge weit. Dann hängt mein rechter Fuß irgendwo, wo er nicht hingehört, und meine linke Hand ist zwar am Griff, aber innerlich schon beim Schorsch im Imbiss, wo sie ein Bier aufmacht.
„Hüfte ran“, ruft Lina.
Ich weiß nicht, welche Hüfte sie meint. Ich habe eher so ein Hüftgebiet.
Die Jaqueline klatscht. „Komm, Hanswurst! Du kannst das!“
Das ist das Schlimme: Die Jaqueline glaubt das wirklich. Sie ist so eine Person, die Menschen aufbauen kann, selbst wenn sie gerade dabei sind, runterzufallen.
Ich versuche, die Hüfte an die Wand zu kriegen. Das klappt auch kurz. Dann rutsche ich ab. Nicht spektakulär. Eher so wie ein nasser Einkaufszettel an der Kühlschranktür.
Ich lande auf der Matte. Die Matte federt mich ab, als wäre ich ein kleines Kind. Ich bin aber kein kleines Kind. Ich bin ein mittelgroßer Mann mit einem Körper, der mehr „Imbiss ums Eck“ als „Boulderhalle“ ist.
Der Getränke-Manni ist jetzt dran. Er greift, setzt den Fuß, zieht nach. Ziemlich ruhig. Ziemlich stabil.
„Siehst du“, sagt er, während er da hängt, „Kisten sind Training.“
„Ja“, sage ich. „Ich hätte auch mehr Kisten schleppen sollen. Stattdessen hab ich mehr Currywurst gegessen.“
Der Getränke-Manni lacht kurz, nicht böse, eher so wie jemand, der weiß, dass wir beide die gleichen Ausreden im Sortiment haben, nur in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen.
Ich probiere es nochmal. Und nochmal. Und nochmal.
Ich komme immer ungefähr bis zu dem Punkt, an dem der Körper fragt: Warum?
Und der Kopf antwortet: Weil die Jaqueline.
Und irgendwo im Hintergrund lacht der Autor leise in seine Tastatur. Der hat heute wieder Spaß, der Drecksack.
Nach einer halben Stunde bin ich offiziell warm. Also nicht sport-warm, eher so wie ein Bierkasten in der Sonne: aufgeheizt, aber ohne Nutzen.
Dann passiert was.
Lina führt uns zu einer anderen Wand. „Jetzt machen wir eine kleine Challenge.“
Ich hasse Challenges. Challenges sind das, was Menschen erfinden, wenn ihnen das normale Leben nicht mehr aufregend genug ist.
„Ihr macht eine Route zusammen“, sagt Lina. „Zu zweit. Teamwork. Einer hilft dem anderen, liest die Züge mit, motiviert.“
Der Getränke-Manni und ich schauen uns an. Wir sind nicht so die Teamwork-Typen. Wir sind eher so: nebeneinander stehen und gemeinsam über die Welt meckern. Das ist auch Teamwork, aber ohne Bewegung.
„Die Route heißt ‘Wurst’,“ sagt Lina und zeigt auf ein Schild.
Ich blinzle. Da steht wirklich: WURST.
Ich gucke die Jaqueline an. Die Jaqueline guckt unschuldig. Das macht sie immer, wenn sie lügt oder wenn sie gerade richtig stolz auf sich ist.
„Was ist das?“ frage ich.
„Zufall“, sagt die Jaqueline scheinheilig.
„Bestimmt nicht“, sage ich entrüstet. „Das hier ist bestimmt ein Hinterhalt.“
Und dann sehe ich die Griffe. Die Griffe sind…
Sie sehen aus wie kleine Würste. Und dazwischen welche, die aussehen wie Pommes. Kein Scheiß. Wurst und Pommes. Aus Plastik.
Ich fühle mich auf einmal persönlich angesprochen. Als wäre mein ganzer Lebenslauf hier an die Wand geschraubt.
Der Getränke-Manni prustet los. „Hanswurst, das ist deine Route!“
Ich drehe mich langsam zur Jaqueline. „Hast du das organisiert?“
Die Jaqueline hebt die Hände. „Okay. Ja. Ein bisschen. Ich kenne jemanden, der jemanden kennt. Und die Halle hatte Lust auf so eine… Themenroute. ‘Food & Climb’.“
„Ich bin das Thema“, sage ich.
„Genau“, sagt die Jaqueline. „Motivation!“
„Also“, sagt Lina, „Team. Ihr schafft ‘Wurst’ bis zum Top-Griff. Und dann…“
„Und dann gibt’s Bier?“ frage ich.
Lina lacht höflich. „Und dann gibt’s Applaus.“
Applaus ist kein Getränk.
Wir stellen uns hin. Der Getränke-Manni macht den Anfang. Er greift nach der ersten Wurst. Zieht sich hoch. Setzt den Fuß auf eine Pommes. Das sieht so falsch aus und gleichzeitig so passend, dass ich kurz das Gefühl habe, ich bin in einer sehr schlechten Kindersendung.
Ich stehe unten und soll coachen. Coach. Ich. Der Hanswurst. Der Autor hat heute wirklich Fantasie.
„Äh“, sage ich. „Greif… die nächste Wurst. Und dann… Pommes.“
„Danke, Hanswurst“, ruft der Getränke-Manni. „Ohne dich wär ich verloren.“
Er kommt erstaunlich weit. Die Kistenarme machen wirklich was her. Seine Unterarme sehen aus, als könnten sie ein kleines Auto stemmen.
Dann hängt er in der Mitte. Und stockt.
„Ich komm nicht weiter“, sagt er.
Ich schaue hoch. Er hängt da irgendwie hilflos in der Luft. Beinahe verloren.
Lina ruft: „Atmen! Hüfte! Vertrauen!“
Der Getränke-Manni atmet. Die Hüfte ist dran. Vertrauen… na ja. Vertrauen ist bei uns beiden so ein Luxusartikel wie Craft-Beer.
„Du musst…“, sage ich und merke, dass ich keine Ahnung habe, was man beim Bouldern wirklich muss.
Und dann passiert der zweite Twist, der eigentlich der erste ist, nur dass ich ihn zu spät bemerke:
Hinter uns steht der Schorsch. Verrückt. Was will’n der hier?
Der Schorsch in einer alten Lederjacke, Kippe im Mundwinkel, mitten in der Boulderhalle. Rauchverbot, klar. Aber beim Schorsch ist Rauchverbot wie Sport bei mir: prinzipiell bekannt, praktisch ignoriert.
„Was ist’n das für’n Zirkus?“ knurrt der Schorsch.
Ich starre ihn an. „Was machst du denn hier?“
„Ich hol euch ab“, sagt der Schorsch. „Der Imbiss hat ’nen Notfall.“
„Notfall?“ fragt die Jaqueline.
„Die Mayo ist alle“, sagt der Schorsch.
Die Jaqueline stöhnt. Lina guckt verwirrt, weil sie noch nicht weiß, dass beim Schorsch die Mayo quasi ein Grundgesetz ist.
„Und“, setzt der Schorsch nach, „der Hape hat angerufen. Der Hape sagt, er hat ‘ne Idee. Und wenn der Hape ‘ne Idee hat, kostet das am Ende immer Geld oder Nerven. Oder beides.“
Ich spüre, wie mein Körper kurz in Richtung Ausgang kippt. Reflex. Heimat.
Aber der Getränke-Manni hängt da oben. Und guckt runter. „Hanswurst! Ich komm nicht weiter!“
Der Schorsch guckt hoch. „Was macht der denn da?“
„Sport“, sage ich.
„Sport“, wiederholt der Schorsch, als würde er mal ein fremdes Wort ausprobieren. Einfach mal so.
Die Jaqueline klatscht wieder. „Komm! Teamwork!“
Und ich merke, wie in mir was passiert, was gefährlich ist: so eine Art Trotz. So eine Art: Wenn schon der Autor mich hierherschickt, dann will ich wenigstens nicht als kompletter Totalausfall enden. Das ist das Einzige, was mir bleibt: die Illusion von Würde in einem Text, der mich grundsätzlich auslacht.
„Okay“, sage ich. „Manni. Hör zu.“
Er nickt.
„Du greifst jetzt nicht die Wurst“, sage ich, „du greifst die Pommes rechts. Die sieht stabil aus. Und dann drehst du dich. Nicht nachdenken. Machen.“
Der Getränke-Manni guckt dahin. Greift. Und tatsächlich: Es klappt. Er dreht sich rein, kommt an einen besseren Griff, zieht hoch.
Lina strahlt. Die Jaqueline jubelt. Der Schorsch schüttelt den Kopf, als hätte er gerade gesehen, wie jemand freiwillig in eine Veggiewurst beißt.
Der Getränke-Manni erreicht den Top-Griff. Er klopft obendrauf wie auf einen Kasten Bier, der endlich geliefert wurde.
Er springt runter, landet auf der Matte, lacht. Ein echtes Lachen. Kurz, laut, ehrlich.
Und dann guckt er mich an. „Jetzt du, Hanswurst.“
Ich sage: „Ich?“
Der Schorsch sagt: „Er?“
Die Jaqueline sagt: „Er!“
Der Autor sagt nichts, aber ich spüre ihn. Wie so ein kleines, schadenfrohes Lichtlein über der Szene. Vermutlich ist er ansonsten auch ein kleines Lichtlein. Ein klitzekleines. Diese Arschgeige.
Ich gehe zur Wand. Wurst und Pommes. Meine Gegner. Meine Biografie.
Ich setze die Hände an. Ich ziehe mich hoch. Es ist schwer. Natürlich ist es schwer. Mein Körper ist nicht gebaut für senkrechte Entscheidungen. Eher für waagerechte.
Ich komme höher als vorhin. Nicht weil ich plötzlich sportlich bin. Sondern weil ich will, dass der Schorsch nicht recht behält. Und weil der Getränke-Manni unten steht und sagt: „Langsam. Atmen. Greif die Pommes.“
Ich greife die Pommes.
Die Pommes hält.
Ich ziehe nach. Ich setze den Fuß auf eine Wurst. Ich komme weiter. Mein Herz hämmert so laut, dass ich kurz denke, das alte Radio im Imbiss spielt wieder irgendwas Dramatisches, aber das ist nur mein Kreislauf, der endlich mal arbeitet.
Kurz vor oben komme ich ins Zittern. Meine Arme sind fertig. Meine Hände auch.
„Komm schon“, ruft die Jaqueline. „Nur noch zwei Züge!“
„Zwei Züge“, keuche ich. „Ich rauche nicht mal! Also im Moment.“
„Nur noch“, ruft der Getränke-Manni, „die letzte Wurst!“
Ich greife. Ich rutsche fast ab. Ich fluche. Ich schaffe es. Ich klatsche oben auf den Top-Griff.
Und in dem Moment, in dem ich oben bin, sehe ich was, was ich vorher nicht gesehen habe:
Auf dem Top-Griff steht klein, eingraviert, fast unsichtbar: IMBISS UMS ECK.
Ich starre drauf. Dann starre ich runter.
Die Jaqueline grinst. Der Getränke-Manni lacht. Der Schorsch guckt weg, als hätte er damit nichts zu tun. Das macht er sehr gut.
„Das ist Werbung“, sage ich heiser.
„Nein. Kooperation“, sagt der Schorsch.
„Hast du das gemacht?“, frage ich.
Der Schorsch zuckt mit den Schultern. „Der Hape hat die Griffe designt. War natürlich ein Kunstprojekt für ihn. Wie immer. Irgendwas mit ‘Körperlichkeit der Konsumkultur’. Ich hab nur gesagt, wenn mein Name draufsteht, will ich auch was davon.“
„Und das wäre?“ frage ich.
Der Schorsch zeigt auf mich. „Dass du nachher im Imbiss die Mayo aus dem Lager holst. Du bist jetzt ja sportlich. Dann kannst du das auch tragen.“
Ich hänge noch einen Moment oben, als wäre ich plötzlich ein Held oder so. Aber ich bin keiner. Ich bin ein Hanswurst. Nein. Ich bin der Hanswurst. Fiktiv. Und der Autor lässt Helden höchstens mal ganz kurz in seinen Geschichten zu. Nämlich damit’s danach wieder wehtut. In dem Fall also mir.
Ich lasse los. Ich falle. Die Matte fängt mich auf.
Unten klatscht Lina. Warum? Weil sie das muss. Die Jaqueline klatscht auch. Allerdings weil sie das will. Der Getränke-Manni klatscht, vermutlich weil er’s fühlt. Und der Schorsch? Der klatscht nicht, weil der Schorsch nie klatscht. Der Schorsch ist Applausverweigerer. Aus Prinzip.
Ich merke: Ich bin jetzt offiziell jemand, der einmal in seinem Leben eine Wand bezwungen hat. Und zwar eine Wurstwand.
Das wird mir niemand glauben.
Außer dem Autor. Der schreibt das ja gerade…
ENDE