Der Hanswurst und die Imbisswette

Zwei Männer vor einem Imbiss, aus dem der Imbisswirt herausschaut.

Ein Abend im Imbiss ums Eck, eine große Behauptung vom Hape und eine Wette, die viel zu schnell viel zu ernst wird. Ein Jahr ohne Bier, ohne Wurst, ohne Freunde. Also im Grunde: der absolute Hanswurst-Horror.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Kerstin Schmadtke

Worum geht’s?

Der Hape wettet mit dem Schorsch, dass er ein Jahr lang auf alles verzichten kann, was sein Imbissleben ausmacht: Bier, Currywurst, Ablenkung und Gesellschaft.

Die Geschichte lesen

Es ist einer dieser Abende im „Imbiss ums Eck“, an denen alles wie immer scheint und doch ein bisschen anders ist. Der Grill zischt, der Rauch schleicht sich gemächlich nach oben, als wolle er den Tag genauso verschlafen ausklingen lassen wie der Schorsch, der mit seiner Grillzange wie ein Philosoph des Bratens wirkt. Vor ihm liegt die Wurst, hinter ihm das Universum. Oder zumindest die Wand mit dem verblassten Poster eines Bierherstellers, dessen Namen niemand mehr lesen kann. Und irgendwo darüber sitzt der Autor und denkt sich: Ja, genau so. Lass den Hanswurst da mal stehen und existieren. Arschgeige.

Ich stehe an meinem Stammstehtisch. Den wackeligen Tisch kenne ich so gut, als wäre er ein alter Freund: Kratzer, Flecken, eingebrannte Geschichten. Auf der anderen Seite der Hape, der mich immer wieder mit seiner Art zu sprechen daran erinnert, dass Worte nicht nur für Inhalte da sind, sondern manchmal einfach so im Raum schweben dürfen, wie Dampf aus einem Kochtopf. Heute bringt er ein Thema auf, das mir schwer im Magen liegt und das liegt nicht an der Currywurst. Ich würde jetzt normalerweise sagen: „Hape, lass den Quatsch“, und dann wäre gut. Aber nein. Der Autor will Drama. Natürlich will er Drama.

„Hanswurst, weißt du, dass manche Menschen freiwillig alles hinter sich lassen? Kein Handy, keine Menschen, kein Bier?“ Seine Stimme klingt, als wäre er auf einer archäologischen Entdeckungstour durch die menschliche Seele.

Ich grinse, nehme einen Bissen von meiner Wurst und kaue genüsslich, bevor ich antworte. „Die haben wohl noch nie Currywurst gehabt. Anders kann ich mir das nicht erklären.“

Der Hape setzt sein Bier ab, lehnt sich zurück und schaut mich an, als wäre ich ein unfassbar dummes, aber irgendwie liebenswertes Experiment. „Vielleicht glauben die, dass das Leben mehr zu bieten hat als das hier.“ Er zeigt mit einer großen Geste auf die Fritten, die Flaschen, den Schorsch.

Der Schorsch schaut kurz hoch, nur um dann wieder seinen Grill zu fixieren. Vielleicht denkt er nach, vielleicht summt er innerlich „Smoke on the Water“.

„Aber mal ehrlich, Hape,“ sage ich, „du schaffst das doch auch nicht. Zwei Tage ohne Wurst und Bier und du drehst durch. Man hat’s ja schon gesehen, als du letztes Jahr deine „Fastenzeit“ durchziehen wolltest. Drei Stunden, dann hattest du wieder ’ne Molle in der Hand.“

Der Hape hebt seinen Kopf, schaut mich an, und ich sehe es kommen. Das ist der Moment, in dem er die Wette anzettelt. Der Moment, in dem ich weiß, dass alles, was danach kommt, ein kleines Desaster wird. Und ich weiß es auch deshalb so genau, weil ich spüre, wie der Autor hinten im Text schon die Streichhölzer sortiert. Er liebt sowas. Der sitzt da und grinst. Arschgeige.

„Wollen wir wetten?“ sagt er, und ich sehe die Augen vom Schorsch blitzen. Er ist der Dritte in unserem kleinen Theaterstück, der heimliche Regisseur, der das Chaos orchestriert.

„Was gibt’s zu gewinnen?“ frage ich, halb neugierig, halb fürchtend, dass er wirklich ernst macht.

Der Schorsch steckt die Grillzange zur Seite, wischt sich die Hände ab, als würde er sich für einen Boxkampf vorbereiten. „Ein Jahr lang gratis Wurst und Bier. Aber: Du, Hape, verzichtest ein Jahr auf alles. Kein Bier, keine Wurst, keine Freunde. Nur du und deine Gedanken.“

Der Hape lächelt. Ein selbstsicheres, leicht irrsinniges Lächeln, das nichts Gutes verheißt. „Deal.“ Er streckt die Hand aus, der Schorsch schüttelt sie, und ich sitze dazwischen, das Bier in der einen, die Wurst in der anderen Hand, und frage mich, wie man hier rauskommt, ohne sich total zu blamieren. Die Antwort: gar nicht. Schon gar nicht, wenn der Autor beschlossen hat, dass ich mich blamiere. Er könnte mich auch einfach mal würdevoll sein lassen. Aber nein. Arschgeige.

Die Tage vergehen, dann Wochen. Der Hape verschwindet aus unserem Leben wie ein Wolkenstreifen am Sommerhimmel, einfach so. Am Anfang ist es fast lustig, wie oft sein Name noch in Gesprächen auftaucht: „Was meint der Hape dazu?“ „Hätte der Hape das gegessen?“ Aber irgendwann wird es stiller, und das Fehlen zieht sich wie ein kleiner, stiller Riss durch unseren Alltag.

Ich frage den Schorsch irgendwann: „Meinst du, er schafft das?“

Der Schorsch zieht die Augenbrauen hoch, hält inne, und man spürt, dass die Frage ihn eigentlich nicht loslässt. Aber natürlich sagt er nur: „Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir werden sehen.“ Und damit ist das Thema erst mal abgehakt.

*

Ein Jahr vergeht schneller, als man denkt, wenn alles gleich bleibt. Der Imbiss ist immer noch unser Universum, der Schorsch unser Gravitationszentrum. Aber dann passiert es: der Hape taucht wieder auf. Dünn, unrasiert, mit einem Blick, den ich nur schwer einordnen kann. Er sieht aus wie jemand, der etwas verloren hat und gleichzeitig mehr gefunden hat, als er je wollte.

„Mensch, Hape!“ rufe ich, und die Freude in meiner Stimme überrascht mich selbst. „Du lebst ja noch!“

Er nickt, setzt sich, nimmt das Bier, das der Schorsch ihm reicht, und sagt: „Und wie ich lebe. Ich habe überlebt.“

Ich schaue ihn an, und da ist diese kleine Pause, in der die Zeit anhält, weil man weiß, dass das, was jetzt kommt, wichtig ist. Ich würde in so einer Pause normalerweise einfach trinken und nichts fühlen, aber der Autor will natürlich Bedeutung. Der will diese Pause. Der will, dass es „wichtig“ ist. Arschgeige. „Und? Hast du’s geschafft?“ frage ich, und meine Stimme klingt leiser, als ich wollte.

Er trinkt einen Schluck, stellt das Glas ab und sagt: „Am Anfang war es die Hölle. Kein Bier, keine Currywurst, keine Ablenkung. Nur ich und meine Gedanken. Aber irgendwann… irgendwann wurde es besser. Ich habe die Stille schätzen gelernt. Die kleinen Dinge. Fliegen, die umherkriechen. Den Geruch von Holz. Ich habe Bücher gelesen, die ich nie lesen wollte. Und dann habe ich verstanden, dass ich all das hier nicht brauche.“

Ich starre ihn an, fassungslos. „Wie, ‘nicht brauche’? Das ist doch das Leben! Hier! Bier und Wurst und…“

„Vielleicht für dich,“ sagt er leise, „aber nicht mehr für mich.“

Der Schorsch tritt vor, legt eine Hand auf die Schulter vom Hape. „Du hast gewonnen. Ein Jahr lang gratis Bier und Wurst, wenn du willst.“

Der Hape schaut ihn an, lächelt. „Nein danke, Schorsch. Ich brauche das nicht mehr.“

Dann steht er auf, geht zur Tür, winkt zum Abschied. Und weg ist er. Einfach so.

Der Schorsch und ich stehen da, starren auf die Tür, die er gerade hinter sich geschlossen hat. Der Grill zischelt, die Luft ist schwer, und ich nehme einen großen und langen Schluck von meinem Bier. „Vielleicht hat er ja recht,“ sage ich leise. „Vielleicht brauchen wir das alles nicht.“ Und ich denke kurz: Vielleicht braucht der Autor auch nicht immer diese moralische Pointe. Aber er macht’s trotzdem. Weil er’s kann. Arschgeige.

Der Schorsch schaut mich an, hebt eine Augenbraue. „Was könnte wichtiger sein als eine perfekte Currywurst und ein kaltes Bier?“

Ich will etwas sagen, wirklich, aber am Ende zucke ich nur mit den Schultern. Und dann lache ich. Der Schorsch lacht mit. Und irgendwie ist alles wieder wie vorher.

Der Schnee fällt langsam auf die Straßen, der Imbiss wird stiller, und die Wärme innen scheint plötzlich kostbarer denn je. Vielleicht ist das hier kein großes Geheimnis, kein Schlüssel zum Leben. Aber es ist genug. Und manchmal reicht das.

Manchmal reicht es einfach, da zu sein…

ENDE

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