Ein Mann und Knecht Ruprecht vor einem Imbiss

Dezember im Imbiss ums Eck: draußen grauer Schnee, drinnen Bratwurst, Bier und die Gedanken vom Hape über Lebkuchenhäuser. Dann tritt ein ziemlich heruntergekommener Knecht Ruprecht herein: grantig, durstig und kurz davor, Weihnachten endgültig hinzuschmeißen.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Carmen Settmacher

Worum geht’s?

Knecht Ruprecht landet im Imbiss ums Eck und hat die Nase voll: vom Nikolaus, von Helikopter-Eltern, Weihnachtsmärkten, Konsumkitsch und „I’m Driving Home for Christmas“ in Dauerschleife.

Zwischen Currywurst, Bier und einem Fliegenden Mexikaner wird aus dem düsteren Weihnachtsboten ein erschöpfter Typ mit Jobfrust. Und der Hanswurst erkennt: Manche Rollen sucht man sich nicht aus, aber vielleicht hilft Wurst trotzdem.

Die Geschichte lesen

Der Dezember hat den Imbiss ums Eck fest im Griff. Vor dem kleinen Imbiss liegt ein Hauch von Schnee. Mehr grau als weiß. Und die Luft riecht nach kaltem Diesel, feuchtem Asphalt und einer Ahnung von Glühwein, die sich irgendwo in der Ferne verlieren muss. Der Schorsch steht hinter seiner Theke, wie immer mit seinem verschlissenen Imbiss-Shirt, das an den Rändern mehr Fettflecken als Stoff besitzt, und brummt vor sich hin, während er eine Ladung Bratwürste wendet.

Am Lieblingsstehstammtisch vom Hanswurst herrscht eine gewohnt entspannte Betriebsamkeit. Der Hanswurst selbst steht mit einem Bier in der Hand da, auf das er starrt, als wolle er daraus die Zukunft lesen. Wobei er ziemlich genau weiß, dass er die Zukunft nicht lesen kann, weil der Autor sie bereits geschrieben hat. Und zwar so, wie’s ihm gerade passt. Der Hanswurst ist sich sehr bewusst, dass er eine fiktive Figur ist, festgenagelt in einem Text, den irgendeine Arschgeige von Autor lenkt, wenn’s dramaturgisch gerade hübsch knarzt. Der Hape, eine Zigarette lässig im Mundwinkel, doziert gerade über das Wesen von Lebkuchenhäusern.

„Ich mein, wer kam eigentlich auf die bescheuerte Idee, dass man ein Haus aus Lebkuchen bauen sollte?“ fragt der Hape in den Raum, während er Rauchkringel in die Luft pustet. „Das ist doch architektonisch völliger Unsinn. Stell dir mal vor, du wohnst in ’nem Haus, das von… von der Feuchtigkeit abhängt. Das hält doch kein Dachdecker der Welt aus, oder nicht?“

Der Schorsch schnaubt hinter seiner Theke. „Hape, du bist echt ein Künstler durch und durch. Aber manchmal frag ich mich, ob du nicht einfach ein bisschen zu viel nachdenkst. Besonders über die falschen Sachen.“

Der Hanswurst grummelt, hebt sein Bier und murmelt: „Besser zu viel nachdenken als gar nicht. Mann Schorsch, ehj.“ Und innerlich ergänzt er: Besser auch, als von so einem Autor ständig irgendeinen Mist reingeschrieben zu werden.

Da knarzt die Tür. Ein eisiger Luftzug weht herein, und mit ihm ein Mann, der aussieht, als hätte ihn jemand aus einem Märchenbuch herausgerissen, nur dass das Märchen seit Jahren auf einem Flohmarkt in der hintersten Ecke vor sich hingammelt. Der Fremde ist groß, bärtig und trägt einen langen, schwarzen Mantel, dessen Saum so zerfleddert ist, dass er aussieht, als wäre er durch eine Horde Marder geschleift worden. Auf dem Kopf balanciert er eine Art Nikolausmütze, die mehr traurig als festlich wirkt, und seine Augen sind rot und blutunterlaufen. Der Hanswurst weiß sofort: Das ist so ein Auftritt, den der Autor liebt. Tür knarzt, Kälte rein, Gestalt wie aus dem Bilderbuch. Zack, Plot. Arschgeige halt.

„Oh Gott,“ murmelt der Hape, „was ist das denn für einer?“

Der Mann wuchtet sich schwer an den Tresen, blickt mit glasigen Augen auf den Schorsch und brummt: „Bratwurst. Mit Pommes. Und ’nem Bier. Aber dalli.“

Der Schorsch hebt eine Augenbraue, mustert den Mann, der nach einer Mischung aus Tabak, Schnaps und etwas Unbestimmtem riecht, das regelmäßiges Nächtigen unter einer Autobahnbrücke erahnen lässt. „Kannst du bezahlen?“ fragt er trocken.

Der Mann greift in seine Manteltasche und zieht einen Beutel hervor, der aussieht wie das verfilzte Überbleibsel eines Stofftiers. Daraus kippt er eine Handvoll Kleingeld auf die Theke. „Das reicht, oder?“

Der Schorsch nickt widerwillig, während sich der Hanswurst und der Hape Blicke zuwerfen. „Was ist das denn für ein Vogel?“ flüstert der Hanswurst. (Und denkt: Wenn ich Einfluss hätte, hätte ich jetzt einfach meine Ruhe. Aber nein, der Autor will Weihnachtsfolklore.)

„Sieht aus wie Knecht Ruprecht, der nach zehn Jahren Heroin und einer gescheiterten Entziehungskur wieder auf Tour ist,“ murmelt der Hape zurück. „Vielleicht hat er sich verlaufen?“

Der Hanswurst grinst schief. „Ja, oder den Job verloren. Arbeitsloser Knecht Ruprecht… Da würd ich auch saufen.“

Währenddessen wirft der Fremde einen düsteren Blick in den Raum, sein Blick bleibt an den beiden hängen. „Was glotzt ihr so ihr Vollspasten? Nie ’nen Heiligen gesehen, der ’nen Bier trinkt?“

Der Hanswurst zögert, hebt dann aber sein Glas. „Na ja, heilig siehst du jetzt nicht aus. Mehr so wie… Knecht Ruprecht auf Entzug.“

Der Mann lacht rau und kurz auf, ein ungesundes Husten folgt. „Tja, genau das bin ich. Knecht Ruprecht. Groß, grantig und absolut keinen Bock mehr auf diesen Job.“

Der Hape lacht trocken. „Knecht Ruprecht, ja? Und wo ist dein Chef, der Nikolaus? Auf Weltreise?“

„Ach, der alte Sack,“ knurrt der Fremde und kippt das Bier in einem Zug hinunter, bevor er es absetzt und den Schorsch ansieht. „Noch eins.“ Dann wendet er sich den beiden zu. „Der Nikolaus? Der hat’s gut. Der macht seine paar Auftritte, winkt ein bisschen, lässt sich von den Kids ansabbern und kriegt dafür Champagner und Lobgesänge. Und ich? Ich darf durch den Dreck stapfen und den bösen Kindern mit der Rute drohen. Weißt du, wie oft ich die Bullen am Hals hatte, weil irgendwelche Helikopter-Eltern mich wegen Kindeswohlgefährdung angezeigt haben?“

Der Hanswurst schnaubt und nimmt einen Schluck Bier. „Ja, klingt wie ein echter Scheißjob. Warum machst du’s dann?“ Der Hanswurst würde ja an der Stelle gern sagen: „Dann kündig halt“, aber er weiß auch: Figuren dürfen nur so frei sein, wie der Autor sie lässt. Und seiner lässt ihn meistens genau so frei wie eine angeleinte Promenadenmischung vorm Discounter.

„Weil ich’s muss!“ brüllt Knecht Ruprecht, und für einen Moment scheint der ganze Imbiss stillzustehen. „Das ist die Bürde meiner Existenz. Ich bin Knecht Ruprecht. Ich kann nichts anderes. Aber ich hasse es. Weihnachten ist der größte Scheiß, den sich die Menschheit ausgedacht hat. Fest der Liebe? Pah! Das ist alles nur Konsum und Streit.“

„Hm, da ist was dran,“ murmelt der Hape. „Ich mein, ich hab letztens gesehen, dass in den Läden schon im Oktober Lebkuchen stehen. Und dieser Song… dieses vermaledeite ‚I’m Driving Home for Christmas‘ läuft seit Wochen in Dauerschleife.“

„Das ist der Tod!“ brüllt Knecht Ruprecht. „Dieser Song ist schlimmer als der Krampus nach einer durchzechten Nacht. Und was soll das überhaupt mit den Weihnachtsmärkten? Glühwein hier, Glühwein da, aber keinen ordentlichen Schnaps. Alles nur süße Brühe!“

Der Schorsch stellt Knecht Ruprecht ein weiteres Bier und dazu noch einen „Fliegenden Mexikaner“ hin und murmelt: „Bisschen aggressiv, der Typ. Aber wenigstens ehrlich.“

„Ja, ehrlich bin ich,“ knurrt Knecht Ruprecht und starrt auf seine Wurst, als würde sie ihn verspotten. „Und wisst ihr was? Ich schmeiß den Job hin. Sollen die scheiß Bratzen doch machen, was sie wollen. Mich braucht eh keiner.“

Der Hanswurst lehnt sich zurück und betrachtet den grantigen Mann vor sich. Und irgendwo in ihm drin gibt’s diesen kurzen, fiesen Moment von Solidarität: zwei Gestalten, die an Rollen gebunden sind, die sie sich nicht ausgesucht haben. Nur dass Knecht Ruprecht wenigstens so tut, als könne er aussteigen, während der Hanswurst weiß: Der Autor ist eine Arschgeige und schreibt ihn notfalls sogar mit gebrochenem Bein an den Stehtisch, wenn er’s lustig findet. „Na ja, ganz ehrlich: Du könntest auch mal ’ne Therapie in Erwägung ziehen. Oder wenigstens ’ne Currywurst. Die hilft immer.“

Knecht Ruprecht schaut auf die Wurst, dann auf den Hanswurst, und bricht plötzlich in ein heiseres Lachen aus. „Vielleicht hast du recht, Kumpel. Vielleicht ist Wurst die Antwort. Wirt, mach mal Currysauce über die Wurst. Aber das Bier hilft noch mehr. Und danke auch für den Schnaps.“

Der Abend zieht sich, und je mehr Bier und Schnaps in Knecht Ruprecht fließt, desto lockerer wird er. Irgendwann fängt er an, Geschichten zu erzählen. Von einem Weihnachtsmarkt, auf dem er gegen einen fiesen Weihnachtsmann kämpfen musste, weil der ihm die Rute klauen wollte, und von einem Rentier, das ihm aus Rache in die Tasche gekackt hat.

„Weißt du,“ sagt er schließlich zum Hanswurst, „du bist gar nicht so übel. Vielleicht werd ich hier sesshaft. Besser als das ewige Rumgestapfe.“

„Mach das,“ sagt der Hanswurst und hebt sein Bier. „Hier im Imbiss ums Eck ist jeder willkommen. Sogar du, Knecht Ruprecht.“ Und wenn der Autor jetzt gleich meint, er müsse noch irgendeinen sentimentalen Weihnachtsschlenker reinwürgen, dann soll er’s halt machen. Arschgeige bleibt Arschgeige…

ENDE

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