Drei Männer vor einem Imbiss.

Ein nasser Abend, ein Heimweg, der keiner wird, und ein Imbiss, der den Hanswurst einfach nicht loslässt. Zwischen dem Deckelheft vom Schorsch, der Wurmloch-Theorie vom Hape und der Tristessa entsteht ein Bermudadreieck aus Bier, Gewohnheit und literarischer Fremdsteuerung.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Holger Eberle

Worum geht’s?

Der Hanswurst will nach Hause. Wirklich. Doch jedes Mal, wenn er den Imbiss verlässt, landet er wieder an einer Theke: entweder beim Josh oder zurück am Lieblingsstehstammtisch.

Die Geschichte lesen

Der erste Fehler war, aufzustehen

Ich merke es daran, wie mir der Wind ins Gesicht weht, sobald ich die Tür aufmache. So ein Wind, der sagt: Du könntest jetzt auch einfach drinbleiben. Und weil ich der Hanswurst bin, also die Figur, die der Autor gerne mal an Türen platziert, damit irgendwas passiert, mache ich natürlich genau das Falsche: Ich gehe raus.

Also. Ich versuche rauszugehen.

Der „Imbiss ums Eck“ ist wie immer. Als hätte ihn jemand in den frühen Achtzigern eingetütet und dann vergessen, die Tüte wieder aufzumachen. Fettfilm auf den Fliesen, der Geruch aus Fritteuse, Rauchverbot als Witz, den keiner zu Ende erzählt. An der Decke dieses Licht, das nicht leuchtet, sondern nur so tut, als wäre hier Tag. Der Schorsch steht hinterm Grill und raucht. Der Hape steht an unserem Lieblingsstehstammtisch und hat diesen Blick, den er immer hat, wenn er etwas denkt, das er später „Kunst“ nennt, damit es nicht nach „Schnapsidee“ klingt.

Ich habe mir vorgenommen, heute einfach mal nach Hause zu gehen.

Das klingt banal, aber in meinem Leben ist das ein großer Satz. „Nach Hause“ meint bei mir eine Wohnung, die ich mal gehabt haben könnte, irgendwo, wo nicht ständig ein Radio dudelt und ein Mann namens Schorsch mir mit Blicken erklärt, dass ich ihm die Luft wegatme.

„Ich hab’s versucht“, sage ich, mehr zu mir als zu den beiden. „Aber es geht nicht.“

Der Hape nickt nur.  Der Schorsch knurrt, ohne aufzusehen, weil Knurren seine Form von Gespräch ist.

Ich gehe trotzdem.

Draußen ist‘s feucht. Die Straße glänzt, die Laternen schwimmen im eigenen Licht, und irgendwo klappert ein Schild, das seit Jahren klappert, ohne dass es je abfällt. Ich laufe los, ganz entschlossen, als würde Entschlossenheit hier entschieden meine Motivation anheizen können.

Zehn Schritte.

Zwanzig.

Ich sehe kurz das Ende der Straße. Ich sehe sogar ein Stück Welt, das nicht nach Imbiss aussieht. Und dann, ohne dass ich stolpere, ohne dass ich umdrehe, ohne dass ich irgendwas falsch mache, stehe ich am Tresen.

Nicht beim Schorsch.

Sondern beim Josh.

Die „Tristessa“ ist die Sorte Kneipe, die einen nicht begrüßt, sondern einfach hinnimmt. Dunkles Holz, schummriges Licht, der Geruch von altem Bier. Der Tresen sieht aus, als hätte er schon vor mir Dinge gesehen, die er nicht weitererzählt. Der Josh poliert Gläser, die längst sauber sind, weil Polieren so eine Beschäftigung ist, bei der man so tun kann, als wäre man eben schwer beschäftigt.

Vor mir steht ein Bier. Voll. Frisch. Als hätte es schon auf mich gewartet.

Ich gucke nach links, nach rechts. Ich gucke an mir runter, als könnte irgendwo ein Hinweis kleben.

Nichts.

Nur dieses Bier.

„Warst du nicht gerade noch…?“ fängt der Josh an, und dann lässt er es. In der Tristessa passiert nichts mit Ansage. Hier passiert alles so, als wäre es schon immer so gewesen.

Ich trinke einen Schluck. Nicht weil ich will, sondern weil man in solchen Situationen automatisch trinkt. Das ist eine Körperfunktion. Wie Blinzeln. Wie Verdrängen.

Und da wird mir klar: Das ist nicht das erste Mal.

Es ist nur das erste Mal, dass ich es merke.

*

Seit „damals“ ist es so.

„Damals“ ist das Wort, das man benutzt, wenn keiner mehr genau sagen will, was passiert ist, aber alle wissen, dass es irgendwann mal geknallt hat. Irgendwo im Viertel, nicht weit vom Imbiss, hat es eine Explosion gegeben. Nichts, was in der Zeitung groß romantisiert wurde. Kein „Zum Glück ist keiner gestorben“. Eher so: viel Krach, viel Staub, und danach war die Straße eine Spur schiefer als vorher. Als hätte jemand an der Welt gedreht, aber nur minimal, weil er nicht sicher war, ob es auffällt.

Seitdem gibt es dieses Bermudadreieck oder so.

Du kannst drin rumlaufen, von Tresen zu Tresen, von Fettgeruch zu Zigarettenluft, von „nur noch eins“ zu „ich geh jetzt wirklich“. Und jedes Mal, wenn du gehst, landest du wieder irgendwo, wo ein Glas vor dir steht, als wäre es eine natürliche Station in irgendeinem Kreislauf namens Leben.

Man versucht, nach Hause zu gehen, und kommt nicht an.

Man kommt nie an.

Man kommt nur an die nächste Theke.

*

Ich stehe also beim Josh, trinke dieses Bier, und während ich trinke, sehe ich im Spiegel hinterm Tresen mein Gesicht.

Es sieht aus wie meines, klar. Lockige schwarz-weiße Haare, der Bart, den ich trage wie eine Ausrede, mich nicht dem Diktat der Rasur unterwerfen zu müssen. Aber irgendwas ist anders. Nicht sichtbar. Eher so ein zusätzlicher Schatten hinter meinen Spiegel-Augen.

Und da schiebt sich dieser Gedanke rein, den ich eigentlich hasse, weil er alles kaputt macht, was man „Geschichte“ nennt:

Vielleicht liegt’s an mir.

Vielleicht bin ich gar nicht dafür gemacht, irgendwo anzukommen.

Weil der Autor mich nicht dafür „gebaut“ hat.

Ich bin eine Figur, die gut an Stehtischen funktioniert. Ich bin der Mann, der den Satz „Ich geh dann mal“ sagen darf, damit er gleich wieder da ist und der Leser lacht. Das ist mein Job. Das ist meine Tragik. Und wenn ich ehrlich bin, ist es auch mein Komfort.

Ich könnte jetzt sagen: Ich entscheide mich, aus diesem Bermudadreieck auszubrechen. Ich gehe raus, ich laufe geradeaus, ich finde irgendeine Haustür, hinter der ein normales Leben wartet.

Aber so läuft das nicht.

Der Autor hat mich nicht gefragt.

Und wenn der Autor will, dass ich scheitere, dann scheitere ich. Elegant. Mit Bier.

Der Hape erklärt die Raumzeit, ohne gefragt worden zu sein

Ich versuche es trotzdem noch mal.

Ich stelle das Bier hin, nicke dem Josh zu, tue so, als wäre das hier nur ein kurzer Besuch gewesen. Ich gehe zur Tür. Drücke sie auf.

Kälte.

Nebel.

Dieser Nebel ist nicht gruselig, also nicht so horrorfilmmäßig. Das ist eher so ein Nebel, der sich anzieht wie ein schlechtsitzender Mantel. Der versucht, dir in den Kragen zu kriechen. In die Gedanken. In die kleine Ecke im Kopf, wo du eigentlich noch weißt, wer du bist.

Ich trete raus.

Zwei Schritte.

Und da ist er wieder.

Der runde Stehtisch.

Der Imbiss.

Der Schorsch.

Der Hape.

Als wäre ich nur kurz pinkeln gegangen.

Der Hape hebt nicht mal den Kopf, als hätte er gewusst, dass ich in genau diesem Moment wieder auftauche. Der Schorsch zieht an seiner Kippe und sagt: „Na.“

Ich spüre, wie sich Verzweiflung in mir breitmacht. So wenn du merkst, dass du schon wieder denselben Fehler gemacht hast und trotzdem gleich wieder damit anfängst.

„Es geht nicht“, sage ich.

„Das sagst du jedes Mal“, sagt der Hape, und ich hasse ihn kurz dafür, weil er recht hat.

Der Hape erklärt, das sei ein „urbanes Wurmlochnetz“ und malt mit Ketchup Kreise auf den Tisch, verbindet sie mit Linien und schreibt an den Rand „Kontinuum wabbelt“ und guckt dabei so zufrieden, als hätte er persönlich die Raumzeit entdeckt. Der Schorsch nennt es „Quatsch“ und brät weiter Würste. Beim Braten muss man nicht denken.

„Vielleicht ist es die Luft“, sagt der Hape. „Vielleicht ist es das Fett. Vielleicht ist es aber auch das alte Radio.“

Aus dem Radio kommt genau in diesem Moment irgendein alter Song, der so tut, als wäre er Nostalgie, dabei ist er nur eine Wiederholung. Der Schorsch knurrt wieder, lauter als nötig.

„Vielleicht“, sagt der Schorsch, „ist es, weil ihr zwei nie zahlt.“

Das sitzt.

Weil es stimmt.

Der Deckel ist bei uns kein Zahlungsmittel, der Deckel ist eine Lebenseinstellung. Der Deckel ist das Versprechen, dass man später ein anderer Mensch sein wird. Ein besserer vielleicht. Also irgendwann später, wenn man möglicherweise vernünftig ist. Später, wenn man nicht mehr ständig am Stehtisch klebt wie ein Kaugummi unter der Schulbank.

„Ich zahl doch“, sage ich.

Der Schorsch guckt mich an, als würde er überlegen, ob er mich aus der Geschichte streicht, wenn er dazu in der Lage wäre.

„Du zahlst selten“, sagt er.

Ich merke, wie in mir etwas aufploppt, so ein unangenehmer Mix aus Scham und Trotz.

„Das kann doch nicht sein“, sage ich. „Dass man nicht nach Hause kommt, weil man einen Deckel hat.“

Der Schorsch zuckt die Schultern. „Wär zumindest eine logische Erklärung.“

Und jetzt passiert etwas, das ich nicht erwartet habe: Ich glaube ihm.

Nicht, weil es wissenschaftlich ist. Sondern weil es in diesem Kosmos passt. Weil hier alles über Essen, Trinken und kleine Abmachungen läuft.

*

Am nächsten Tag oder am selben, man weiß das hier nicht mehr so genau, tauchen dann tatsächlich Leute auf, die aussehen, als würden sie an Formeln und Hypothesen und so was glauben.

Zwei Wissenschaftlertypen. Keine weißen Kittel, weil das in echt selten vorkommt. Eher Outdoorjacken, Rucksäcke, diese leicht übermüdete Sorte von Menschen, die zu lange in Räumen mit Neonlicht saßen. Sie stellen sich vor als irgendwas mit Fakultät und Physik und machen Notizen, als wären wir hier ein Experiment.

Sie gehen einmal zur Tür raus.

Und kommen zehn Sekunden später wieder rein.

Nicht mal überrascht. Eher genervt.

„Aha“, sagt der eine. „Lokale Rückführung.“

„Das ist keine lokale Rückführung“, sagt der Schorsch. „Das ist mein Laden. Und ihr scheint jetzt im Weg zu stehen.“

Der Hape ist sofort Fan. Er fragt nach „Einstein-Rosen-Brücken“ und „Wurmlöchern“ und tut so, als würde er die Antworten verstehen. Die Wissenschaftler erklären irgendwas von Spalten, von Minimalverschiebungen, davon, dass das Kontinuum „wabert“. Ich höre zu und merke, wie mein Kopf gleichzeitig voll und leer wird. Krasses Gefühl.

Weil das alles schlau klingt, aber nichts ändert.

Weil du auch mit drei Doktortiteln nicht nach Hause kommst, wenn sich die Tür entscheidet, dich nicht durchzulassen.

Der eine Wissenschaftler seufzt irgendwann und sagt: „Wir bräuchten… eine Möglichkeit, die Spalte zu schließen.“

Der Schorsch sagt: „Schließen könnt ihr hier nur die Tür. Aber nur dann wenn’s zieht.“

Und ich stehe dazwischen und denke: Vielleicht ist das hier nicht Physik. Vielleicht ist das nur unser Leben, das so lange in denselben Mustern läuft, bis es zum Naturgesetz wird.

Heimweg ist auch nur ein Konzept

Der Twist kommt, als der Schorsch tatsächlich den Deckel holt.

Nicht irgendeinen imaginären. Den echten. Ein abgegriffenes Heft, Flecken, Eselsohren, die Namen drauf in seiner krakeligen Schrift. Manche Namen sind durchgestrichen. Manche nicht. Und ganz unten, als würde er seit Jahren warten, steht ein bestimmter Eintrag: Hanswurst: „Heimweg“, 1x

„Was ist das?“ frage ich.

„Das“, sagt der Schorsch, „ist jedes Mal, wenn du sagst, du gehst jetzt.“

Der Hape lacht leise. Kein fröhliches Lachen. Eher so ein: ach du Scheiße, das ist genial und gleichzeitig total traurig. Irgendwie.

„Du hast den Heimweg aufgeschrieben?“ frage ich.

Der Schorsch guckt mich an. „Du wolltest doch immer nach Hause. Ich hab gedacht, vielleicht hilft’s, wenn man’s mal versucht abzurechnen.“

Und da ist plötzlich diese absurde Logik: Vielleicht ist der Heimweg bei mir tatsächlich eine Position auf einer Rechnung. Vielleicht komme ich nicht an, weil der Heimweg bei mir immer offen ist. Weil er nie bezahlt wird. Weil er nie stattfindet, sondern nur behauptet wird.

Ich weiß, dass das bescheuert klingt.

Aber mein Leben ist literarisch. Bescheuert ist hier keine Ausnahme.

Der Hape klopft mit dem Finger auf den Eintrag. „Wenn du den Heimweg bezahlst“, sagt er, „dann… ist das vielleicht die Lösung.“

Der Schorsch sagt: „Oder ihr verpisst euch einfach mal.“

*

Wir machen etwas, das wir seit Jahren nicht gemacht haben:

Wir rechnen ab.

Der Schorsch nennt Summen, der Hape wühlt Geldscheine aus seinen Taschen, und ich lege abgegriffene Münzen auf den Tisch.

Am Ende bleibt diese eine Zeile.

„Heimweg“, sagt der Schorsch.

Ich gucke ihn an. „Was kostet der?“

Der Schorsch zuckt die Schultern. „Heute? Ein Bier weniger.“

Das trifft mich mehr als jeder Betrag. Weil es bedeutet: Der Preis ist nicht Geld. Der Preis ist die Gewohnheit. Meine Gewohnheit.

Ich nicke.

Ich drehe mich zum Kühlschrank, nehme mir statt Bier eine Flasche Wasser. Ich öffne sie.

Der Hape guckt, als hätte ich gerade eine Kirche angezündet. Der Schorsch guckt, als würde er gleich weinen, aber er ist der Schorsch, also macht er‘s nicht.

Ich trinke.

Und dann gehe ich zur Tür.

Ich erwarte alles. Dass ich wieder beim Josh stehe. Dass ich wieder am Stehtisch lande. Dass der Autor einen neuen Absatz macht und mich zurückschubst.

Ich drücke die Klinke runter.

Ich gehe raus.

Und… ich stehe draußen.

Wirklich draußen.

Die Straße ist nass. Der Nebel ist noch da. Ich höre hinter mir den Imbiss, dieses leise Summen, als würde er sich kurz neu sortieren.

Ich gehe los.

Zehn Schritte.

Zwanzig.

Ich sehe das Ende der Straße.

Ich sehe die Welt.

Und dann merke ich etwas, das mich fast wieder zurückzieht: Es ist still. Keine Fritteuse. Kein Radio. Kein Schorsch-Knurren. Kein Hape-Gefasel.

Freiheit ist manchmal nur ein anderes Wort für „Keiner hält dich fest“.

Und genau in dem Moment, wo ich anfangen könnte, mich darüber zu freuen, spüre ich den Blick des Autors in meinem Nacken. Dieses unsichtbare „Nicht so schnell, mein Freund“.

Weil natürlich. Natürlich lässt er mich nicht einfach gehen. Was wäre ich denn dann? Ein Mann mit Heimweg. Ein Mann, der ankommt. Das ist nicht die Figur, die er geschrieben hat.

Ich bleibe stehen.

Ich drehe mich um.

Der Imbiss ums Eck ist da. Ganz normal.

Und ich weiß plötzlich: Ich kann gehen.

Aber ich werde zurückkommen.

Nicht weil ich muss.

Sondern weil das hier meine Bühne ist. Meine Schleife. Meine warme, fettige Singularität.

Und weil der Autor, diese Arschgeige, schon längst beschlossen hat, dass die nächste Geschichte wieder hier anfängt.

Ich stecke die Hände in die Jackentaschen, atme den Nebel ein, der jetzt nur noch Nebel ist, und gehe trotzdem weiter.

Ein paar Schritte.

Nur ein paar.

Fürs Gefühl.

Dann drehe ich wieder um.

Und gehe zurück zu meinem Lieblingsstehstammtisch, als wäre es meine Entscheidung gewesen…

ENDE

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