
Eine finstere Nacht, flackerndes Licht und ein dunkler Fleck an der Imbisswand, der eindeutig nicht zur normalen Einrichtung gehört. Während der Autor die Horror-Orgel aufdreht, wollen der Hanswurst, der Hape und der Schorsch eigentlich nur eins: Currywurst, Bier und keine Tentakel.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Michael Elze
Worum geht’s?
Im Imbiss ums Eck kippt die Nacht plötzlich ins Unheimliche: Ein Schatten breitet sich aus, etwas uraltes Dunkles greift nach der Realität und der Hanswurst beschwert sich zurecht über kosmischen Horror im Frittierölbetrieb.
Zwischen Cthulhu-Anklang, Fliegendem Mexikaner und blankem Grauen bleibt am Ende nur die Flucht. Lovecraft trifft Imbiss. Arschgeige, dieser Autor.
Die Geschichte lesen
Es ist eine Nacht, wie sie in finsteren Geschichten vorkommt. Der Mond steht blass über der Stadt und sendet nur ein schwaches, geisterhaftes Licht durch die dichten Wolken. Der Wind säuselt um die Ecken, und alles scheint in eine merkwürdige, bedrückende Stille getaucht. Inmitten dieser unwirklichen Stille steht der Imbiss ums Eck, dessen vertrauter Geruch nach Frittieröl und Currywurst wie ein Anker in der sonst so seltsam anmutenden Nacht wirkt. Ich merke schon beim Reingehen: Heute hat der Autor wieder Lust auf „Stimmung“. Nicht auf Pommes. Nicht auf Ruhe. Auf Stimmung. So ein dramaturgischer Arschgeigen-Move, wenn du mich fragst.
Ich stehe also mit dem Hape an unserem Lieblingsstehstammtisch und beobachte, wie der Schorsch hinter seiner Theke hantiert. Doch irgendetwas ist anders heute. Es liegt eine drückende Spannung in der Luft, etwas Unaussprechliches, das sich kaum benennen lässt. Ich schüttle die beklemmende Ahnung ab und starre in mein Bier, als könnte ich darin eine Erklärung finden. Schließlich ist das Bier im Imbiss bisher immer die Antwort auf alle Fragen gewesen. Und wenn nicht, dann ist es zumindest das Einzige, was sich hier verlässlich benimmt.
„Sag mal, Hape,“ murmele ich, „hast du nicht auch das Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmt?“
Der Hape sieht mich an und nickt langsam, seine Stirn in Falten gelegt. „Ja… aber ich kann’s nicht genau sagen. Irgendwie… als ob da draußen was lauert, was uns beobachtet. Der Mond, das Licht… alles fühlt sich seltsam an.“
Der Schorsch, der bislang schweigend hinter dem Tresen gewerkelt hat, schaut auf. „Ihr seid einfach Schisshasen,“ brummt er und lacht grimmig. „Hier ist alles wie immer, nur die Nacht, die ist halt ein bisschen finsterer als sonst.“
Kaum hat er das gesagt, flackern die Lichter im Imbiss, und ein unheimliches Brummen erfüllt den Raum. Es scheint, als würde das Brummen tief aus dem Inneren der Erde aufsteigen und den Boden erzittern lassen. Die Flaschen hinter dem Tresen klirren, und ich spüre, wie mir ein kalter Schauer den Rücken hinunterläuft. Und ich denke: Aha. Da sind wir also. Der Autor dreht an der Horror-Orgel und ich soll jetzt gefälligst mitspielen.
„Was war das?“ frage ich, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.
„Ach, sicher nur ein kaputtes Neonlicht oder so,“ sagt der Schorsch, doch seine Hände zittern leicht. „Na, Prost, auf die Nerven,“ fügt er hinzu und schenkt sich und uns einen „Fliegenden Mexikaner“ ein, als würde der Schnaps vor dem Bösen da draußen schützen können.
Doch das unheilvolle Brummen verstummt nicht. Stattdessen wird es stärker, tief und resonant, als käme es aus einem fremden, uralten Raum hinter dem Raum, aus einer Tiefe, die kein Mensch je gesehen hat. Der Boden scheint zu vibrieren, und ich spüre ein namenloses Grauen, das mich wie ein unsichtbarer Nebel umhüllt. Ich hätte jetzt gerne irgendwas Bodenständiges. Senf. Ketchup. Realität. Aber nein, der Autor findet, es ist Zeit für kosmischen Quatsch.
Plötzlich hebt der Hape den Kopf und blickt zur Theke hinüber. „Schorsch… was ist das?“ Er deutet auf die Wand hinter dem Tresen, wo plötzlich ein dunkler Fleck auftaucht. Der Fleck scheint zu pulsieren, als wäre er lebendig und sich langsam ausdehne.
Der Schorsch tritt einen Schritt zurück, unfähig, den Blick von der unheilvollen Erscheinung abzuwenden. Der Fleck ist kein gewöhnlicher Schatten, das wissen wir alle. Etwas an ihm ist… falsch. Es wirkt, als würde sich eine Art Dunkelheit, tief wie die Schwärze des Universums, in den Raum schieben und die Grenzen von Realität und Verstand auflösen. Und ich weiß in dem Moment gleich doppelt, dass das nicht stimmt: einmal, weil es sich falsch anfühlt, und einmal, weil ich eh nur eine Figur bin, die ein Autor gerade wie eine Schachfigur über sein Brett schiebt. Arschgeige.
„Das ist nicht möglich,“ murmelt der Schorsch, und seine Stimme zittert. „Das… das ist nicht nur ein Schatten. Das ist… es sieht aus wie…“ Er bricht ab, unfähig, das Grauen in Worte zu fassen.
Die Dunkelheit wächst weiter, und aus der Mitte des Flecks scheint sich eine Art Form zu winden. Eine tentakelartige Bewegung, die sich aus dem Nichts heraus entwickelt und in der Luft zu schweben scheint. Die Tentakel scheinen nach uns zu greifen, die Luft mit einer Kälte füllend, die so unergründlich wie der Tod selbst ist. Ich spüre, wie mich das Grauen zu verschlingen droht. Und ganz ehrlich: Ich bin für vieles zu haben, aber Tentakel im Imbiss sind keine Kategorie, die ich in meinem Vertrag unterschrieben habe. Nur dass ich keinen Vertrag unterschreibe. Der Autor unterschreibt mich. Oder für mich? Ach egal.
„Wir sollten hier raus,“ flüstert der Hape, doch seine Füße scheinen am Boden festgewachsen. Er kann sich nicht bewegen, und ich fühle mich auch wie erstarrt, gebannt von der entsetzlichen Erscheinung vor uns.
„Das ist… das ist Wahnsinn,“ stammle ich. „Das ist nicht echt. Das kann nicht echt sein.“ Ich meine, klar: Ich bin nicht echt. Aber das hier ist sogar für mein Niveau an Fiktionalität eine Zumutung.
Doch die Tentakel nähern sich weiter, und in der Dunkelheit glaube ich, Augen zu erkennen. Augen, die mich aus einer Dimension jenseits aller menschlichen Vorstellungskraft anstarren. Sie sind alt, unergründlich, und in ihnen liegt eine Bosheit, die so tief ist, dass sie die Seele durchbohrt. Ein Geräusch, eine Art kehlige Stimme, die wie ein Flüstern und doch wie ein Dröhnen klingt, erfüllt den Raum:
„Ph’nglui mglw’nafh Cthulhu R’lyeh wgah’nagl fhtagn…“
Ich verstehe die Worte nicht, doch die fremde Sprache erfüllt mich mit einem Schaudern, wie ich ihn noch nie gespürt habe. Die Dunkelheit breitet sich aus, und plötzlich spüre ich, wie mein Verstand beginnt, die Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn zu verlieren. Bilder tauchen in meinem Kopf auf: endlose Städte aus fremdartigem Stein, schreckliche Kreaturen, die in den Tiefen lauern, ein unergründlicher Ozean voller Wesen, die jenseits allen menschlichen Verständnisses existieren. Und ich denke: Super. Genau das, was man braucht, wenn man eigentlich nur Currywurst will. Danke, Autor. Wirklich. Arschgeige.
„Hanswurst!“ Der Hape packt mich am Arm und reißt mich zurück in die Realität. „Wir müssen hier raus! Jetzt!“
Doch ich bin wie gelähmt, unfähig, den Blick von der Dunkelheit und den grausigen Augen abzuwenden. „Es… es beobachtet uns,“ murmle ich. „Es wartet… auf uns.“
Der Schorsch, der sich gerade noch rechtzeitig gefangen hat, tritt nach vorne und schnappt sich die Flasche „Fliegenden Mexikaner“ vom Tresen. „Drecksvieh! Du wirst hier nichts holen, hörst du!“ brüllt er und wirft die Flasche direkt auf die schattenhafte Gestalt.
Die Flasche durchdringt mühelos den Schatten, und für einen Augenblick scheint die Dunkelheit zu beben, als würde sie von dem Aufprall gestört. Doch dann kommt sie mit noch mehr Bosheit zurück, stärker und dunkler als zuvor. Ein donnerndes Lachen erfüllt den Raum, das wie ein ferner Donner durch den Imbiss rollt und alle Ecken des Raumes erfüllt.
„Götter, helft uns,“ flüstere ich, während die Dunkelheit näherkommt. Der Schorsch und der Hape klammern sich aneinander, und in diesem Moment fühlt es sich an, als würde die Realität um uns herum zu zerbrechen beginnen. Die Lichter flackern, die Flaschen hinter dem Tresen zerspringen, und die Welt scheint sich in einen Albtraum aus Schatten und Tentakeln zu verwandeln. Ich will anmerken: Ich hätte auch gerne eine Szene gehabt, in der ich heldenhaft bin. Oder wenigstens nicht komplett am Zittern. Aber ich hab da keinen Einfluss. Das ist ja das Gemeine an der Sache: Du bist fiktiv, du weißt es, du bist sogar schlau genug, es zu kommentieren und trotzdem zieht dich der Autor durchs Grauen wie eine Einkaufstüte mit dünnen Henkeln.
„Hanswurst!“ schreit der Hape und packt mich erneut. „Wir müssen hier raus, bevor dieses… dieses Ding uns kriegt!“
Mit einer letzten Anstrengung reiße ich mich von dem Anblick los, und wir stürmen gemeinsam zur Tür hinaus, während das Brüllen der Dunkelheit hinter uns herhallt. Wir rennen die Straße hinunter, ohne zurückzublicken, während der Imbiss ums Eck hinter uns immer kleiner wird und in der finsteren Nacht verschwindet.
Als wir endlich anhalten, keuche ich und stütze mich am Hape, und der Schorsch stützt sich irgendwo dazwischen, als wäre er ein mürrischer Pfeiler, der gleich zusammenbricht. Dann drehe ich mich um. Der Imbiss steht still und verlassen in der Ferne, kein Anzeichen mehr von dem Grauen, das wir gerade erlebt haben. Die Nacht ist ruhig, und die Stille ist zurückgekehrt. Doch etwas in mir ist anders. Etwas Dunkles, das ich gesehen habe und das ich nie wieder vergessen werde… schon allein, weil der Autor es mir in den Kopf geschrieben hat, wie so ein schlechter Ohrwurm. Arschgeige…
ENDE