Der Hanswurst und die Kripo in Curry

Drei Männer mit Currywurstschale in der Hand. Im Hintergrund sind Polizisten.

Ein Dienstausweis, ein falscher Polizist und eine Currywurst, die plötzlich fast wie ein Verhörgerät wirkt. Im Imbiss ums Eck wird aus einem Regentag eine kleine Ermittlung über Uniformen, Vorurteile und die Frage, wem man eigentlich noch glaubt.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Monika Wittmann

Worum geht’s?

Eine Kriminalbeamtin kommt in den Imbiss und sucht Zeugen für einen Überfall durch einen Täter in falscher Uniform. Der Hanswurst, der Hape, der Schorsch und der Murat liefern Hinweise auf Schuhe, Verhalten und einen verdächtigen E-Scooter.

Am Ende kippt das Klischee: Nicht Polizei gegen Imbiss, nicht „Bullen“ gegen Punk, sondern Menschen, die kurz dasselbe wollen, dass der Richtige erwischt wird.

Die Geschichte lesen

Der Regen hängt über der Straße wie ein schlecht gelaunter Verwaltungsakt. Nicht dramatisch. Eher so: „Bitte reichen Sie den Niederschlag in dreifacher Ausfertigung nach.“

Ich stehe an meinem Lieblingsstehstammtisch im „Imbiss ums Eck“. Der wackelt, weil der Schorsch irgendwann beschlossen hat, Stabilität sei ein bourgeoises Konzept. Der Hape steht neben mir und guckt so, als hätte er gerade wieder Kunst erfunden und würde jetzt darauf warten, dass die Welt ihm ein Stipendium dafür überweist.

„Wir müssen aufhören, immer Bullen zu sagen“, sagt der Hape.

„Warum?“ frage ich.

„Weil das irgendwann mal Konsequenzen hat.“

„Alles hat bei uns Konsequenzen“, sage ich. „Das ist die dramaturgische Grundversorgung. Der Autor füttert uns damit, wie der Schorsch uns mit Pommes: zu viel, zu fett, aber am Ende bist du trotzdem froh, dass du was im Bauch hast.“

Der Schorsch brummt hinterm Grill und wendet Würste mit der Präzision eines Mannes, der früher Seelsorger war und heute nur noch an die Dreifaltigkeit glaubt: Wurst, Soße, Bier.

„Außerdem“, sage ich, „war ich früher Punker. Punk sagt nicht ‘Polizei’. Punk sagt Dinge, die so klingen, als würde man gleich eine Mülltonne anzünden.“

„Du hast noch nie eine Mülltonne angezündet“, sagt der Hape.

„Weil der Autor mich immer vorher wegzieht“, sage ich. „Kaum wird’s interessant, zack, schickt er mich wieder zur Currywurst. Ich bin seine Sicherheitsvariante.“

Die Tür geht auf. Und sofort ist der Laden anders. Nicht, weil Wind reinkommt. Sondern weil jemand reinkommt, der nicht zufällig hier ist.

Eine junge Frau steht im Eingang. Ende zwanzig, Blick wie ein Scanner, Haltung wie „Ich hab heute schon drei Menschen ‘bitte beruhigen Sie sich’ gesagt und alle haben genau das Gegenteil gemacht“. Sie hängt ihre Jacke ordentlich auf einen Stuhl, als würde gleich ein Vorgesetzter aus der Decke klappen und Punkte vergeben.

„Ein Kaffee?“ fragt sie.

Der Schorsch guckt sie an, als hätte sie um ein glutenfreies Gespräch gebeten.

„Hier gibt’s Bier“, sagt der Schorsch. „Kaffee ist drüben bei den Leuten, die glauben, sie hätten ihr Leben im Griff.“

„Dann eine Currywurst“, sagt sie. „Mit Pommes.“

„Mayo oder Ketchup?“

„Beides.“

Ich mag sie sofort. Nicht aus Sympathie. Aus Respekt. Wer bei uns „beides“ sagt, meint es ernst.

Sie greift nach ihrem Portemonnaie, und dabei blitzt kurz ein Dienstausweis auf. Nicht so dramatisch, eher so beiläufig, wie andere Leute ein Kaugummipapier zeigen. Der Hape sieht es. Ich sehe es. Der Schorsch sieht alles, tut aber immer so, als sähe er nichts, weil er sich dann nicht zuständig fühlen muss.

Die Frau seufzt leise, als hätte sie innerlich schon das Klischeeformular ausgefüllt.

„Kriminalpolizei“, sagt sie. „Keine Sorge. Ich bin nicht wegen Ihnen hier.“

Das ist der Satz, bei dem man automatisch denkt: Warum sollte sie nicht wegen uns hier sein? Wir sehen aus wie zwei Männer, die ständig irgendwo falsch abbiegen. Und der Schorsch sieht wie jemand aus, der schon mal eine Leiche wegignoriert hat, bevor er sie gemeldet hat. Rein optisch. Also so, wie es der Autor gerne anlegt, damit alle Verdächtigungen halbwegs plausibel wirken.

„Wir machen nichts“, sagt der Hape sofort. Das sagt nur jemand, der innerlich schon den Satz „Ich hab gar nichts gemacht“ geprobt hat.

„Das sagen alle“, sagt die Kriminalbeamtin.

„Stereotyp“, murmelt der Hape.

„Stereotype sparen Zeit“, sagt sie. „Sie sind nur leider oft falsch.“

Der Satz sitzt so sauber, dass ich kurz überlege, ob sie heimlich Drehbuchautorin ist und nur nebenbei Leute verhaftet.

„Ich suche Zeugen“, sagt sie. „Heute früh wurde an der Ecke beim Kiosk ein Mann überfallen. Der Täter trug Uniform. Oder sah zumindest so aus.“

Der Schorsch stellt ihr die Currywurst hin, als wäre das jetzt ein Verhörgerät. Currywurst als Ermittlungsdruck. Funktioniert bei mir hervorragend. Bei der Kripo offenbar auch.

„Uniformen sind gerade ein Thema“, sagt sie. „Wenn Leute anfangen, nicht mehr zu glauben, wer echt ist, kippt schnell etwas. Vertrauen. Ordnung. Das ganze Zeug.“

In dem Moment geht die Tür nochmal auf.

Zwei uniformierte Polizisten kommen rein. Und sie kommen so rein, wie Uniformen in Filmen reinkommen: breit, offiziell, leicht zu laut, als müssten sie die Luft anschnauzen, damit sie Platz macht.

Der erste ist groß, geschniegelt, Kiefer wie eine Vorschrift. Der zweite ist kleiner und hat rote Ohren.

„Da sind Sie ja“, sagt der Große zur Kriminalbeamtin.

Die Kriminalbeamtin nickt knapp. Das ist ihr „Kollegen“-Ton. Der Ton, der aussagt: Ich mag euch nicht, aber wir teilen denselben Papierkrieg.

Der Große dreht sich zu uns, nimmt die Situation auf, und man sieht ihm an, wie er innerlich in den Modus „Dienst nach Vorschrift“ schaltet, weil das sein Safe Space ist.

„Guten Tag“, sagt er zu laut. „Polizei. Wir ermitteln wegen eines Überfalls. Wer war heute Morgen hier?“

Der Hape hebt die Hand, als wären wir in der Grundschule. Das ist so absurd, dass ich kurz lachen muss.

„Wir stellen hier die Fragen“, sagt der Große automatisch.

Und dann, und das ist der erste Riss im Pappklischee, merkt er, was er gerade gesagt hat. Er kneift die Augen zusammen, als hätte ihm jemand einen Spiegel vors Gesicht gehalten.

„Entschuldigung“, sagt er. „Gewohnheit.“

Der kleinere Polizist räuspert sich. „Wir suchen Details. Abzeichen. Gürtel. Funkgerät. Schuhe.“

„Schuhe“, sage ich sofort.

Alle gucken mich an, als hätte ich soeben freiwillig Kompetenz ausgestrahlt.

„Warum Schuhe?“ fragt die Kriminalbeamtin.

Ich nehme einen Schluck Bier. Für den dramatischen Effekt. Ich hasse mich dafür, aber der Autor, diese Arschgeige, liebt sowas.

„Weil Betrüger immer übertreiben“, sage ich. „Echte Uniformierte haben irgendwas, das nicht perfekt ist. Ein Knick. Eine Macke. Ein Senffleck, der seit zwei Wochen da ist, weil niemand im Dienst ‘mal eben’ Flecken entfernt. Aber so ein Fake… der sieht wie frisch ausgepackt aus. Wie ein Polizeikostüm aus dem Fastnachtsladen. Nur mit weniger Humor.“

Der kleinere Polizist nickt langsam. „Das stimmt erschreckend.“

„Und?“ fragt die Kriminalbeamtin. „Haben Sie jemanden gesehen?“

Ich denke an den Morgen. An den Typen, der nicht gegessen hat, sondern geguckt. An die Art, wie er im Laden stand: zu aufrecht für einen Imbiss. Zu wach. Als würde er warten, dass irgendwo ‘Action’ passiert.

„Der Typ hatte neue Stiefel“, sage ich. „Zu neu. Saubere Sohle. Und so Plastiküberzieher. Billig. Damit keine Spuren bleiben.“

Der Große macht ein Gesicht, als hätte er gerade „Plastiküberzieher“ in sein Weltbild einordnen müssen.

„Plastiküberzieher?“ fragt er.

„So Dinger“, sage ich. „Tatort für Arme.“

Der Hape kramt in seiner Tasche. Natürlich hat der Hape Papier dabei. Der Hape hat immer Papier dabei, weil er Angst hat, dass ein Moment vergeht, ohne dass er ihn kunstvoll falsch interpretiert.

„Ich hab den gezeichnet“, sagt der Hape.

„Sie haben…“ Der Große stockt.

„Gezeichnet“, sagt der Hape. „Kunst. Paranoia. Früherkennung. Suchen Sie sich was aus.“

Er hält ein Blatt hoch. Ein Gesicht. Grob, aber treffend. Ein Mann, der neutral wirken will, und genau daran scheitert.

Die Kriminalbeamtin nimmt das Blatt. Ihre Augen werden kurz schärfer.

„Das hilft“, sagt sie.

Und jetzt, ganz platt, ganz klischeehaft, passiert das, was in so einem Moment passieren muss: Alle wollen los.

„Wir gehen zum Kiosk“, sagt die Kriminalbeamtin.

„Wir kommen mit“, sagt der Hape sofort.

„Nein“, sagt sie. „Sie bleiben hier.“

Der Hape schaut wie ein Kind, dem man gesagt hat, es dürfe nicht mit Blaulicht spielen.

„Wir bleiben hier“, sage ich, obwohl ich auch lieber mitgehen würde. Nicht wegen Heldentum. Wegen Neugier. Und weil ich in Geschichten immer dann am besten funktioniere, wenn ich irgendwo nicht sein sollte.

Draußen an der Ecke steht der Murat in seinem Kiosk, wie immer hinter Glas und Haltung. Der Murat hat diese Art, in der Stadt zu existieren, als wäre er gleichzeitig Nachrichtenredaktion, Sicherheitsdienst und moralische Instanz.

Als er die Uniformen sieht, verzieht er kurz das Gesicht. Nicht feindselig. Wachsam. Der Murat ist nicht gegen Polizei. Der Murat ist gegen Dummheit. Und Dummheit trägt manchmal Uniform.

„Was wollt ihr?“ fragt der Murat.

„Überfall“, sagt die Kriminalbeamtin. „Jemand in Uniform.“

„Hab ich gesehen“, sagt der Murat. „Und ich sag euch was: Das war keine echte Uniform. Der Typ hatte ‘nen Gürtel, wie ihn nur Leute tragen, die nie acht Stunden am Stück stehen. Und er hat ‘Sie’ gesagt.“

Der Große blinzelt. „Was ist falsch an ‘Sie’?“ fragt er.

„Wenn jemand Stress macht“, sagt der Murat, „sagt er nicht ‘Sie’. Er sagt ‘Ausweis. Jetzt.’ Der Fake war zu höflich. Zu geschniegelt. Zu Instagram.“

Der kleinere Polizist muss kurz lachen. Ein echtes, kurzes Lachen. Nicht das Polizeilachen aus dem PR-Video.

„Und er hatte ‘nen E-Scooter“, sagt der Murat. „Gemietet. Ich hab die Nummer gesehen.“

Er sagt die Nummer, als würde er ein Geburtsdatum aufsagen. Der kleinere Polizist tippt sie sofort ins Handy.

„Der Scooter wurde in der Seitenstraße abgestellt“, sagt der kleinere Polizist nach ein paar Sekunden. „Vor zehn Minuten.“

„Dann los“, sagt die Kriminalbeamtin.

Und jetzt passiert das zweite Klischee: Verfolgung.

In der Seitenstraße steht der Typ. Halb aus der Uniform raus, als würde er gerade sein Kostüm wechseln, bevor die nächste Szene beginnt. Neben ihm: Helm, billiges Funkgerät, Handschellen, die aussehen wie aus dem Spielzeugladen „Kommissar für Anfänger“.

„Polizei! Stehenbleiben!“ ruft der Große.

Der Typ rennt. Natürlich rennt er. In Geschichten rennen Leute immer, als wäre Flucht eine Sportart, bei der es Medaillen gibt.

Der kleinere Polizist rennt hinterher. Und der Große auch.

Zwei Ecken weiter hören wir Poltern, Fluchen, dann Stille. Und ich denke: Okay, der Autor hat sich heute mal Mühe gegeben. Das ist schon fast realistisch.

Sie kommen zurück. Der Große hält den Typ am Arm. Der kleinere hält den Helm. Beide atmen schwer. Beide sind nass. Beide sind jetzt sichtbar Menschen.

„Spielzeug“, sagt die Kriminalbeamtin und hält das Funkgerät hoch.

Der Typ spuckt auf den Boden. „War doch nur…“

„Nichts ist ‘nur’“, sagt sie.

Zurück im „Imbiss ums Eck“ stellt der Schorsch wortlos drei Currywürste auf den Tresen.

„Aufs Haus?“ fragt der kleinere Polizist überrascht.

„Auf die Realität“, sagt der Schorsch. „Die ist anstrengend genug.“

Der Große isst. Und natürlich hat er am Ende Soße am Kinn und auf dem Uniformhemd. Das Universum ist gerecht: Wer zu geschniegelt wirkt, bekommt irgendwann Curry an die falsche Stelle.

„Wir werden oft ‘Bullen’ genannt“, sagt die Kriminalbeamtin irgendwann. Ruhig. Nicht beleidigt. Eher so, als würde sie ein Wetterphänomen benennen.

„Wir nennen fast jeden irgendwas“, sage ich. „Das ist unser intellektueller Sparmodus.“

„Gewohnheiten kann man ändern“, sagt sie.

Der Hape nickt übertrieben. „Ab jetzt sagen wir… Polizistinnen und Polizisten.“

„Oder einfach ‘Kollegen’“, murmelt der Große.

Der Murat schnaubt. „Kollege bist du, wenn du bei mir jeden Tag Kaffee holst und nicht so tust, als wärst du besser als die anderen.“

Der Große schaut den Murat an. Und statt zurückzukeilen, sagt er: „Fair.“

Das ist der Moment, wo das Klischee kippt. Nicht in weich. Nicht in kitschig. Sondern in echt.

Der kleinere Polizist wischt sich die Hände ab und sagt: „Wissen Sie, was das Gemeine ist? Wenn jemand in Uniform Scheiße baut, kriegen wir alle das ab. Und wenn wir was Gutes machen, ist es normal. Dann sagt keiner was. Ist halt so.“

„Willkommen im Club“, sagt der Schorsch.

„Ja“, sagt der Murat.

Und ich merke: Das ist der Twist. Nicht der Fake in Uniform. Sondern dass wir für einen Moment alle dasselbe meinen. Ohne uns zu mögen. Ohne uns zu romantisieren. Einfach so.

Die Kriminalbeamtin zieht die Jacke an, steckt den Ausweis weg und schaut uns nochmal an.

„Danke“, sagt sie…

ENDE

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