Ein Mann mit Bier in der Hand. Auf dem Imbissteller vor ihm ist ein kleiner Atompilz zu sehen.

Eine Zeitungsschlagzeile, drei Stunden bis zum Ende der Menschheit und ein Imbiss, in dem es plötzlich stiller wird als sonst. Zwischen Bier, Currywurst und schwarzem Humor fragen sich der Hanswurst, der Hape und der Schorsch, was bleibt, wenn keiner mehr etwas tun kann.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Katharina Biebl

Worum geht’s?

Im Imbiss ums Eck lesen der Hanswurst und der Hape von einem möglichen Atomkriegsszenario. Aus einem absurden Zeitungsschreck wird ein Gespräch über Angst, Macht, Kontrollverlust und die Frage, wie man die letzten Stunden verbringen würde.

Die Geschichte lesen

Der Imbiss ums Eck. Es ist einer dieser Nachmittage, an denen es draußen viel zu kalt ist, um irgendetwas Sinnvolles zu machen. Der Wind bläst durch die Straßen, als wolle er alle daran erinnern, dass der Winter immer noch nicht vorbei ist. Drinnen im Imbiss ist es warm, es riecht nach Fett und Bier, und der Schorsch steht hinter dem Tresen und poliert mit einem eher zweifelhaften Lappen die Gläser.

Ich stehe mit dem Hape an unserem Lieblingsstammstehtisch, Ellenbogen auf dem Tresen, und wir schauen auf die Zeitungen, die irgendwer liegengelassen hat. Ich hebe eine Augenbraue, als ich die Überschrift lese: „Wie lange braucht es, die Menschheit auszulöschen? Etwa drei Stunden.“

Drei Stunden. Klar. Drei Stunden, und Ende Gelände. Das ist so eine Überschrift, die dich kurz anstarrt wie ein Hund, der weiß, dass du gleich stolperst, aber er sagt’s dir nicht.

Und jetzt kommt natürlich der Teil, wo ich als fiktive Figur reflektieren soll, wie sich das anfühlt. Der Autor – diese Arschgeige – schiebt mir das hier hin, als wär’s eine hübsche philosophische Serviette zum Bier. Ich würde eigentlich lieber einfach eine Currywurst essen und die Zeitung anzünden. Aber nein. Ich soll lesen. Ich soll denken. Ich soll „menschlich“ wirken. Danke auch.

„Drei Stunden?“, murmele ich und nehme einen Schluck von meinem Bier. „Das ist ja gar nicht mal so lange.“

Der Hape zündet sich gerade eine Zigarette an und nickt nachdenklich. „Ja, das ist ungefähr die Zeit, die ich brauche, um das Chaos in meiner Werkstatt wieder aufzuräumen, wenn ich mal richtig loslege.“

Der Schorsch, der das Gespräch mit halben Ohr verfolgt hat, lehnt sich über den Tresen. „Was ist das denn jetzt wieder für ’n Quatsch? Menschheit auslöschen in drei Stunden? Wer denkt sich so’n Mist aus?“

Ich halte ihm die Zeitung hin. „Steht hier drin. Irgendwas mit neuen Raketen, die Russland entwickelt hat. Und dann noch der Iran und Nordkorea… alle wollen sie die große Keule schwingen.“

Der Hape bläst eine Rauchwolke aus und zuckt mit den Schultern. „Die Angst vor ’nem Atomkrieg war ja nie ganz weg, oder? Die war immer da, aber irgendwie war sie nur so ein leises Hintergrundrauschen. Jetzt ist sie wieder laut, also die rauschende Angst.“

Der Schorsch schnaubt. „Ja, die Angst, die kommt und geht, je nachdem, wie die Nachrichtenlage ist. Aber mal ehrlich, was würden wir machen, wenn’s wirklich losgeht?“

Ich starre auf meine Bierflasche, als wäre die Antwort irgendwo am Boden zu finden. „Ich weiß nicht, Schorsch. Wahrscheinlich nix. Man kann ja eh nix machen, wenn einer auf den Knopf drückt. Das geht alles so schnell, dass man nicht mal Zeit hat, sich zu verabschieden.“

Der Hape nickt. „Diese Journalistin, die das Buch geschrieben hat – ’72 Minuten bis zur Vernichtung‘ oder so – die sagt ja, dass alles in ein paar Stunden vorbei wäre. Dass das richtig schnell geht.“

Der Schorsch wirft sein Geschirrtuch auf den Tresen und schüttelt den Kopf. „Das ist doch Wahnsinn. Einfach alles ausradieren, nur weil irgendein Irrer seine Macht beweisen will. Und wir können gar nix machen, weil die da oben sich gegenseitig die Stirn bieten müssen.“

Ich nehme einen weiteren Schluck Bier und seufze. „Da gibt’s ja dieses Szenario… das ‚mad king‘-Ding, wo einer, der nix mehr zu verlieren hat, einfach sagt: Nach mir die Sintflut. Und dann geht’s los.“

Der Schorsch grinst schief. „Na, das wäre doch ’ne tolle Art zu gehen, oder? ‚Nach mir die Sintflut.‘ Aber wer ist denn dieser irre König?“

Der Hape schnippt seine Asche ins Aschenbecherchen. „Vielleicht Kim Jong-un? Vielleicht auch Putin. Oder irgendjemand anderes, der meint, dass er nix mehr zu verlieren hat. Es reicht ja, wenn nur einer von denen durchknallt. Indien? Pakistan?“

Der Schorsch schnaubt. „Die haben alle ’n Schuss, wenn du mich fragst. Aber während die da oben Krieg spielen, sitzen wir hier und können nichts machen, außer zu hoffen, dass die da oben doch noch zur Vernunft kommen.“

Ich kratze mich am Kopf. „Aber was passiert denn genau, wenn’s losgeht? Also, wie sieht so ein Atomkrieg aus?“

Der Hape blättert die Zeitung weiter und liest vor: „Sobald eine Rakete abgefeuert wird, braucht es nur Sekunden, bis die Satelliten sie bemerken. Dann wissen die Militärs nach wenigen Minuten, wo das Ding hinfliegt.“ Er schaut auf. „Das heißt, die wissen sofort, dass sie am Arsch sind, haben aber noch ein paar Minuten, um ’n Gegenschlag zu planen.“

Der Schorsch schüttelt den Kopf. „Also so ’ne Art Rache, bevor sie selber explodieren. ‚Du kriegst mich nicht ohne, dass ich dir auch noch eins verpasse.‘ Klingt nach ’ner miesen Kneipenschlägerei, wenn du mich fragst. Nur halt mit Atomraketen statt Fäusten.“

Ich lache trocken. „Ja, genau so. Nur dass bei ’ner Kneipenschlägerei keiner danach noch den ganzen Planeten aufräumen muss.“

Der Hape schnippt erneut seine Asche ab und schaut den Schorsch an. „Und das Beste ist: Niemand weiß, ob ’ne Rakete wirklich ’nen Atomsprengkopf trägt oder nicht. Das erfährt man erst, wenn’s knallt.“

Der Schorsch verzieht das Gesicht. „Großartig. Stell dir vor, du siehst ’ne Rakete fliegen und denkst: Ist das jetzt das Ende oder einfach nur ’n Test? Da kriegst du doch ’nen Herzinfarkt, bevor das Ding überhaupt ankommt.“

Ich schüttele den Kopf. „Die Leute da in den Kontrollzentralen müssen echt Nerven aus Stahl haben. Stell dir vor, du sitzt da und musst entscheiden, ob du den Präsidenten weckst oder nicht. Und wenn du falsch liegst, na ja… dann gute Nacht.“

Eine Zeitlang schweigen wir drei. Nur das leise Klirren von Besteck und das Zischen des Frittieröls ist zu hören. Und ich merke, wie der Autor wieder grinsend am Rand der Szene steht, und darauf wartet, dass ich jetzt „tiefer“ werde. Als könnte man Tiefe bestellen wie ’ne Portion Pommes. Ich würde gern die Zeitung zusammenrollen und ihm damit auf seine Finger hauen. Geht aber nicht. Ich bin ja nur der Hanswurst. Auf Papier.

Dann sagt der Schorsch leise: „Aber mal im Ernst. Was würden wir machen, wenn’s wirklich losgeht?“

Der Hape zuckt die Schultern. „Ich würde wohl versuchen, noch so viel Schnaps zu trinken, wie ich kriegen kann. Ist doch eh alles egal, wenn der Knall kommt.“

Ich schaue auf mein Bier und nicke langsam. „Vielleicht wäre ich einfach hier. Bei euch. Wir würden trinken, uns erinnern, und warten. Was anderes bleibt uns ja nicht.“

Der Schorsch grinst. „Na ja, wenigstens wären wir nicht alleine. Stell dir vor, du sitzt in deinem scheiß Apartment und wartest alleine auf den großen Knall. Dann lieber hier, mit ’ner Currywurst und ’nem Bier in der Hand.“

Der Hape lacht. „Ja, vielleicht sollten wir noch ’n Schild an die Tür hängen: ‚Letzter Imbiss vor dem Weltuntergang. Hier gibt’s Bier, Wurst und Gesellschaft.’“

Ich schüttele den Kopf und lächle. „Irgendwie makaber, aber auch passend. Wir machen das Beste draus, was bleibt uns sonst? Wenn schon alles den Bach runtergeht, dann wenigstens in guter Gesellschaft.“

Der Schorsch hebt seine Flasche. „Darauf einen Toast: Auf den Weltuntergang und die, die ihn überleben. Oder auch nicht. Hauptsache, wir sind zusammen.“

Der Hape hebt seine Bierflasche und stößt mit uns an. „Auf uns und auf das Ende der Welt. Hoffentlich dauert’s noch ein bisschen, damit wir wenigstens noch ’ne Runde trinken können.“

Ich lache, aber es ist ein bitteres Lachen. „Ja, hoffentlich. Aber wer weiß das schon. Vielleicht sind wir doch schneller dran, als uns lieb ist.“

Der Schorsch lehnt sich zurück und wird plötzlich ernst. „Aber mal ehrlich: Warum ist das überhaupt so weit gekommen? Warum muss es immer diese Drohgebärden geben? Hat die Menschheit nichts dazugelernt?“

Der Hape zieht kräftig an seiner Kippe, schaut kurz nachdenklich zur Decke und meint dann: „Ich glaube, es geht immer um Macht. Immer dasselbe. Wenn einer mehr Raketen hat, dann hat er die größere Klappe. Und die anderen dürfen sich nicht unterkriegen lassen, sonst sind sie die Verlierer. Es ist wie auf‘m Schulhof, wo der Stärkste das Sagen hat, nur dass es hier um die ganze Welt geht.“

Ich nicke. „Das Schlimme ist, dass da oben alle irgendwie einen an der Klatsche haben. Diese Politiker und Generäle, die glauben, sie können sich alles erlauben. Für die sind wir doch nur Schachfiguren. Die drücken auf den Knopf, und wir sind weg. Einfach so.“

Der Schorsch ballt die Faust und haut auf den Tresen. „Das ist genau der Punkt! Warum müssen wir uns immer von solchen Leuten bestimmen lassen? Wir sind doch die, die am Ende alles ausbaden müssen. Die da oben sitzen in ihren Bunkern, während wir hier den ganzen Dreck abkriegen.“

Der Hape schüttelt den Kopf und lächelt schief. „Weil die Welt so funktioniert, mein lieber Schorsch. Weil die Mächtigen bestimmen, und wir machen das Beste draus. Ich meine, schau uns an. Wir sitzen hier, trinken Bier und reden darüber, was wir tun würden, wenn’s knallt. Wir haben keine Kontrolle darüber, was passiert, aber wir haben Kontrolle darüber, wie wir damit umgehen.“

Ich nehme einen großen Schluck von meinem Bier. „Kontrolle… Ja, vielleicht ist das der Punkt. Wir haben keine Kontrolle darüber, was passiert, aber wir können entscheiden, wie wir darauf reagieren. Wir können Angst haben, oder wir können hier sitzen und trinken und lachen, bis es vorbei ist.“

Der Schorsch nickt langsam. „Und das ist das, was uns von denen da oben unterscheidet. Die haben Angst, ihre Macht zu verlieren, und deshalb drücken sie auf Knöpfe. Aber wir… wir haben eigentlich nichts zu verlieren. Vielleicht ist das unsere Freiheit.“

Der Hape schnaubt und lacht trocken. „Freiheit. Ja, vielleicht. Freiheit, die letzten Minuten unseres Lebens zu verbringen, wie wir wollen. Mit Bier, Currywurst und ’nem Haufen schwarzem Humor.“

Ich grinse und hebe meine Flasche. „Genau. Und vielleicht ist das der einzige Strohhalm, den wir noch haben. Dass wir die letzte Runde noch selbst bestellen können.“

Der Schorsch nimmt seine Bierflasche und stößt mit den anderen an. „Auf die Freiheit, die wir haben. Auch wenn sie klein ist. Auf die Entscheidung, wie wir unser Ende verbringen wollen.“

Der Hape zündet sich eine neue Kippe an und lässt den Rauch langsam durch die Nasenlöcher entweichen. „Weißt du, vielleicht ist das alles doch nicht so kompliziert, wie wir denken. Vielleicht ist das Leben einfach eine Reihe von Entscheidungen, und am Ende zählt nur, dass man wenigstens ein paar davon selbst treffen konnte.“

Ich schaue nachdenklich auf meine Flasche. „Ja, vielleicht. Vielleicht ist das alles, was wir haben. Ein paar Entscheidungen, ein paar Momente. Und wenn die Welt wirklich untergeht, dann hoffe ich, dass wir wenigstens alle zusammen sind. Und dass der Schorsch noch genug Bier hat.“

Der Schorsch lacht. „Mach dir keine Sorgen, Hanswurst. Wenn’s wirklich so weit kommt, dann werde ich dafür sorgen, dass wir alle genug haben. Wenn schon Weltuntergang, dann wenigstens ein anständiger.“

Der Hape nickt. „Genau. Und bis dahin machen wir einfach weiter. So wie immer. Trinken, reden, lachen. Und vielleicht, nur vielleicht, finden wir dabei heraus, was das alles eigentlich soll.“

Ich hebe meine Flasche. „Auf uns. Auf das Leben, so lange es noch geht.“

Der Schorsch und der Hape heben ihrerseits ihre Bierflaschen und stoßen an. Und so sitzen wir da, im warmen Imbiss, während draußen der Wind durch die Straßen fegt und die Welt sich weiterdreht, als wäre nichts passiert. Drei Männer, ein paar Flaschen Bier, und die Ahnung, dass alles irgendwann vorbei sein könnte.

Und ganz hinten, irgendwo zwischen Satzzeichen und Fettgeruch, sitzt der Autor wie ein unsichtbarer Stammgast und tut so, als hätte er das alles im Griff. Hat er nicht. Er schreibt nur. Ich lebe’s. Zumindest so lange, bis er mich wieder irgendwo hinschickt.

Aber bis dahin mache ich das Beste draus. Mit Currywurst, Bier und Gesellschaft…

ENDE

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