
Eine Kreidetafel, ein Spruch mit Wurst und Käse und plötzlich diskutieren der Hanswurst, der Hape, der Schorsch und die Jaqueline über Essensnamen, Sprache und alten Quatsch, der entweder herrlich oder problematisch ist. Natürlich nicht ohne Jägersoße. Und natürlich nicht ohne Pilze.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Im Imbiss ums Eck steht auf der Tafel: „Es geht um die Wurst, der Rest ist Käse.“ Daraus wird eine Diskussion über Jägersoße, alte Rezeptnamen, verletzende Begriffe und die Frage, wann Sprache sich ändern sollte.
Dann taucht ausgerechnet „der Jäger“ mit einem Korb Pilze auf und plötzlich wird aus Wortklauberei eine ziemlich schöne Imbisslektion über Humor, Respekt und Soße.
Die Geschichte lesen
Der Regen hängt heute so tief, dass er den Bürgersteig glatt bügelt. Vor dem „Imbiss ums Eck“ steht der runde Stehtisch, an dem ich schon so oft gelehnt habe, dass ich langsam Miete zahlen müsste. Drinnen brennt die Neonröhre, der Grill zischt, und der Geruch von Fett und Zwiebeln legt sich einem um die Schultern, als hätte man ihn bestellt.
Auf der Kreidetafel hat der Schorsch großgeschrieben: ES GEHT UM DIE WURST, DER REST IST KÄSE.
Ich lese das zweimal, weil ich bei Parolen gerne sicher bin, dass sie auch wirklich so dumm sind, wie sie klingen.
Der Hape steht neben mir, mit einem Bier in der Hand und diesem Blick, der immer so tut, als hätte er gerade eine Idee, die ihn reich macht und uns arm.
„Das ist doch wahr“, sagt der Hape und tippt mit dem Finger gegen die Tafel. „Das ist Lebensphilosophie. Minimalismus. Fokus.“
„Das ist Werbung“, sage ich. „Du bist nur zu romantisch, um’s zuzugeben.“
Der Schorsch knallt zwei Currywürste auf den Tresen, als hätte er das Gespräch schon gehört, bevor wir es führen. Er raucht nicht, weil er keinen Bock hat, dass irgendwer ihm wieder erklärt, was er mit seiner Lunge machen darf. Seine Zange klappert. Seine Laune auch.
„Hier geht’s um Essen“, sagt der Schorsch.
„Sag ich doch“, sage ich. „Wurst.“
Der Hape lächelt zufrieden, als hätte ich ihm gerade zugestimmt, obwohl ich ihn nur entlarvt habe. Der Hape kann das.
Die Tür geht auf, kalte Luft schneidet rein, und die Jaqueline kommt rein, geschniegelt, sportlich, aus irgendeinem Kurs, bei dem man schwitzt. Sie hat die Haare hoch, die Wangen rot, und diese Energie, die mich nervös macht, weil sie selten ohne Auftrag kommt.
„So, ihr zwei Standbildhelden“, sagt die Jaqueline. „Ich hab eine Frage, die mich seit dem Supermarkt verfolgt.“
Der Schorsch seufzt.
„Wenn du wieder so eine Nährwert-App meinst, die einem das Leben schlecht rechnet, dann…“
„Nein“, sagt die Jaqueline. „Jägersoße.“
Der Hape wird sofort wach. Das Wort klingt für ihn nach Wald, Kunst und einem Förderantrag.
Ich werde wach, weil ich Jägersoße mag und mir nicht gern etwas wegnehmen lasse. Das ist mein Charakterzug. Den hat der Autor mir gegeben, damit ich in Diskussionen nicht einfach rausgehen kann. Trotzdem ist der Autor eine Arschgeige.
„Warum heißt Jägersoße eigentlich Jägersoße?“, fragt die Jaqueline. „Was hat das mit Jagd zu tun? Wird die Soße aus Jägern gemacht?“
Der Hape prustet. „Endlich fragt das mal jemand.“
„Da sind doch hauptsächlich Pilze drin“, sagt die Jaqueline. „Werden Pilze geschossen? Mit einer Flinte? Das ist doch verrückt.“
„Pilze sind hinterhältig“, sage ich. „Die tarnen sich als harmlose Natur und dann liegen sie dir schwer im Magen und du denkst über dein Leben nach.“
„Das ist der Autor“, sagt der Schorsch, ohne mich anzusehen. „Der lässt dich immer über dein Leben nachdenken, wenn du kaust.“
Ich nicke. Ich bin der Hanswurst. Ich weiß, dass ich eine Figur bin. Ich hab keine Wahl, ob ich diese Diskussion jetzt führe oder lieber in Ruhe esse. Wenn der Autor will, dass ich über Jägersoße rede, dann rede ich über Jägersoße. Das ist die einzige Form von Schicksal, die ich kenne: Plot.
Ich sag’s ja: Arschgeige.
„Also“, sagt der Hape, „ich glaube, Jägersoße heißt so, weil Jäger im Wald sind und da Pilze sammeln. Pilze sind sozusagen… Beifang.“
„Jäger sammeln Pilze?“, fragt die Jaqueline. „Ich dachte, die schießen Tiere.“
„Man schießt auch Fotos“, sagt der Hape sofort. „Vielleicht ist das eine Soße für Fotojäger. Kunst!“
Der Schorsch schnaubt. „Jägersoße heißt Jägersoße, weil sie irgendwer mal so genannt hat. So. Fertig.“
„Das ist keine Erklärung“, sagt die Jaqueline. „Das ist monotone Resignation.“
Ich nehme einen Schluck Bier und sehe zu, wie der Schorsch das Fett von der Platte zieht. Seine Bewegungen sind routiniert. Trotzdem hängt da was Schweres in ihm, das nicht vom Grill kommt.
„Bei der Bundeswehr“, sagt der Schorsch plötzlich, „gab’s einen Koch. Der hieß Jäger. Kein Witz. Und der hat immer so eine braune Soße gemacht. Mit Pilzen. Weil er Pilze mochte. Und weil er behauptet hat, er hätte die im Wald… ‘erlegt’.“
„Pilze erlegt“, sagt die Jaqueline und lacht. „Das ist ja großartig.“
„Der Typ war ein Depp“, sagt der Schorsch. „Aber die Soße war gut.“
Der Hape klatscht leise in die Hände. „Das ist es! Jägersoße ist einfach ‘Soße vom Jäger’. Person, nicht Beruf! Das ist… Konzeptkunst au‘m Teller.“
„Das ist ein Name“, sage ich. „Mehr brauchen Menschen nicht, um eine Sache zu glauben.“
Die Jaqueline lehnt sich an den Tresen und schaut in unsere Gesichter, als würde sie prüfen, ob wir das wirklich so stehen lassen.
„Wenn das stimmt“, sagt sie, „dann ist die Soße nicht aus Jägern gemacht. Schade.“
„Schade?“, fragt der Schorsch.
„Ich meine: Dann ist die Welt wieder logisch“, sagt die Jaqueline. „Und Logik ist manchmal langweilig.“
„Dann iss doch Käse“, sage ich und deute auf die Tafel. „Der Rest.“
Der Hape hebt den Finger. „Apropos Namen. Das bringt mich zu einem anderen Punkt.“ Und ich weiß sofort: Jetzt kommt etwas, was der Hape für klug hält und der Schorsch für anstrengend.
Die Jaqueline nimmt ihm den Moment weg, weil sie schnell ist.
„Zigeunerschnitzel“, sagt sie. „Das stand neulich auf einer Speisekarte. Und dann hat jemand am Nachbartisch gesagt, das darf man nicht mehr sagen und jetzt muss das Paprikaschnitzel heißen.“
Der Schorsch verzieht das Gesicht, aber nicht aggressiv. Mehr so: müde.
„Ich hab da keinen Bock auf Theater“, sagt der Schorsch.
„Es ist kein Theater“, sagt die Jaqueline ruhig. „Es ist Sprache. Und Sprache verändert sich. Zum Glück. Empathie verändert sich auch. Toleranz. Verständnis. Das gehört zusammen.“
Der Hape nickt eifrig, als wäre Empathie sein neues Material. „Wörter sind wie Rahmen“, sagt der Hape. „Die bestimmen, was wir sehen. Und wenn ein Rahmen Menschen verletzt, dann…“
„Dann tauscht man ihn aus“, sage ich. „Auch wenn das Bild gleich bleibt: Paprika.“
Der Schorsch kratzt sich am Kinn, guckt kurz in die Fritteuse, als könnte die ihm die Antwort geben. Der Schorsch hat früher Seelsorge gemacht, sagt er nicht gern, aber man merkt es manchmal. Er weiß, wie Menschen an Worten hängen. Und wie Worte an Menschen kleben.
„Ich versteh das“, sagt der Schorsch schließlich. „Ich hab nur keinen Nerv, dass mir jemand erklärt, ich wäre ein schlechter Mensch, weil ich ein Wort gelernt hab, als ich zwölf war.“
„Du bist kein schlechter Mensch“, sagt die Jaqueline. „Du bist nur in der Mitte deines Lebens und wirst dauernd von der Zeit überholt. Das passiert.“
Der Hape lacht. „Das ist doch schön. Dass man noch überholt wird. Heißt, man lebt.“
„Heißt auch, man muss ständig Platz machen“, murmelt der Schorsch.
Ich sehe den Autor schon an seinem Schreibtisch sitzen und zufrieden nicken. Er mag solche Sätze. Er mag es, wenn der Schorsch plötzlich Tiefe hat. Ich hätte jetzt lieber gegessen. Aber gut. Ich bin der Hanswurst. Ich laufe, wenn der Honk von Autor pfeift.
„Und“, sagt die Jaqueline, „wenn wir schon bei Essensnamen sind: Ich hab da eine Liste.“
Natürlich hat die Jaqueline eine Liste. Die Jaqueline ist ein Mensch, der im Kopf Ordnung hat und im Leben Tempo. Sie zieht ihr Handy raus, wischt, als würde sie ein Geheimarchiv öffnen.
„Hoppelpoppel“, liest sie vor.
Der Hape grinst. „Das klingt wie ein Kaninchen, das ein Start-up gegründet hat.“
„Kalter Arsch mit Schneegestöber“, sagt die Jaqueline.
Der Schorsch blinzelt. „Was soll das sein?“
„Ein Kuchen“, sagt die Jaqueline. „Oder ein Dessert. Ich weiß es nicht genau. Aber der Name ist so unverschämt, dass man es probieren muss.“
„Versoffene Jungfern“, liest sie weiter.
Der Hape verschluckt sich fast. „Das ist doch… das ist doch erfunden.“
„Nein“, sagt die Jaqueline. „Das ist Tradition. Irgendwas Süßes. Mit Alkohol. Natürlich.“
Der Schorsch schnaubt, und ich sehe: Er kämpft. Nicht gegen den Namen, sondern gegen das Lachen, das er sich selten erlaubt.
„Das ist doch genau der Punkt“, sagt die Jaqueline. „Manches ist aus der Zeit gefallen und gut so. Und manches ist aus der Zeit gefallen und einfach nur… herrlich.“
„Wie ich“, sage ich.
„Du bist nicht herrlich“, sagt der Schorsch. „Du bist hier.“
„Das ist schon viel“, sage ich.
Der Hape tippt mit dem Stift auf den Tresen. „Wir sollten das machen. Einen Themenabend. ‘Es geht um die Wurst, der Rest ist Käse’. Und dann servieren wir Gerichte mit den absurdesten Namen. Als Kunst. Als Kommentar. Als…“
„Als Stress“, sagt der Schorsch.
„Als Spaß“, sagt die Jaqueline.
Und genau in diesem Moment geht die Tür wieder auf.
Ein Mann kommt rein, triefend, grün-braune Jacke, Filzhut, Tropfen an der Krempe. Er hält einen Korb, der nach Wald riecht. Der Korb ist voll mit Pilzen. Und ich meine nicht: ein paar Champignons. Ich meine: richtige Pilze.
Der Mann schaut sich um, als wäre das hier sein Revier.
„Grüß euch“, sagt er und stellt den Korb auf den Tresen. „Ich such den Schorsch.“
Der Schorsch erstarrt einen Moment. Dann verengt er die Augen.
„Nicht du“, sagt der Schorsch leise.
Der Hape beugt sich vor. Die Jaqueline hält inne. Ich merke, wie der Autor hinten im Text die Hände reibt. Jetzt kommt sein Twist. Ich spür das immer. So ein kleiner Ruck in der Realität.
„Doch ich“, sagt der Mann. „Der Jäger.“
Der Hape flüstert: „Nein.“
Der Mann grinst. „Doch. Der Jäger. Koch damals. Bundeswehr. Pilze erlegt. Erinnerst dich?“
Der Schorsch schaut den Mann an, als würde er gleichzeitig wütend und gerührt sein. Das kann er gut. Der Schorsch kann zwei Gefühle auf einmal tragen, ohne dass ihm was runterfällt.
„Was willst du?“, fragt der Schorsch.
Der Jäger klopft auf den Korb. „Pilze. Für deine Soße. Für die echte. Nicht für den Quatsch aus’m Eimer. Und ich will was zurückgeben.“
„Zurückgeben?“, fragt die Jaqueline.
Der Jäger nickt. „Ich hab damals die Soße nach mir benannt. War eitel. War jung. Und du, Schorsch, hast’s durchgewunken, weil du immer gedacht hast, Namen sind egal, Hauptsache satt.“
Der Schorsch sagt nichts. Das gilt bei ihm oft das Eingeständnis.
Der Jäger zieht ein vergilbtes Blatt aus der Jacke. Handschrift. Flecken. Leben.
„Und ich hab noch was“, sagt der Jäger. „Ein altes Rezeptblatt. Von der Feldküche. Da standen immer so Namen drauf, damit die Jungs lachen. Hoppelpoppel. Versoffene Jungfern. Kalter Arsch. Alles. Ich hab gedacht: Vielleicht passt das heute wieder. Aber ohne die Sachen, die andere verletzen. Nur der Quatsch, der niemandem wehtut.“
Die Jaqueline nimmt das Blatt, liest, lächelt.
„Das ist… wirklich“, sagt sie. „Das ist wunderschön bescheuert.“
Der Hape hat glänzende Augen. „Das ist Kulinarikgeschichte“, flüstert er.
„Das ist Essen“, sagt der Schorsch. Aber seine Stimme ist weicher.
Ich sehe den Jäger an, die Pilze, das Blatt, die Kreidetafel. Und ich merke: Das ist die ganze Unterhaltung in einem Korb. Wurst. Käse. Namen. Geschichte. Und dieses ständige Nachjustieren, weil Menschen merken, dass sie mit Worten auch schneiden können.
„Also“, sage ich, „werden Pilze doch geschossen?“
Der Jäger lacht. „Mit der Hand. Und mit dem Kopf. Du musst wissen, was du tust. Sonst wird’s gefährlich.“
„Wie Sprache“, sagt die Jaqueline.
„Wie Kunst“, sagt der Hape.
„Wie Imbiss“, sagt der Schorsch.
Ich nicke und denke: Ich hätte jetzt gern einfach meine Currywurst. Ohne Sinn. Ohne Botschaft. Ohne Autor, der mir den Abend vollschreibt. Aber dann sehe ich, wie der Schorsch den Korb annimmt. Wie er die Pilze prüft, ernsthaft, respektvoll. Und wie er dem Jäger ein Bier hinstellt, ohne zu fragen.
Vielleicht ist das der einzige Fortschritt, den wir wirklich hinkriegen: Dass wir Dinge umbenennen, wenn sie anderen weh tun. Und dass wir die absurd schönen Namen behalten, die niemanden verletzen, außer vielleicht den guten Geschmack.
Der Schorsch schreibt mit Kreide unter den Spruch auf der Tafel eine zweite Zeile:
„Heute: Jägersoße. Nicht aus Jägern. Aus Pilzen. Erlegt.“
Die Jaqueline lacht. Der Hape macht sofort ein Foto. Ich esse endlich.
Und ich weiß: Morgen zwingt mich der Arsch von Autor wieder in irgendeine Diskussion, die ich nicht bestellt habe. Aber heute, für diesen Moment, geht’s wirklich um die Wurst. Und der Rest ist Käse. In der besten Version davon…
ENDE