Drei Männer und ein Schokoladen-Osterhase im Imbiss ums Eck.

Ein überdimensionaler Schokohase auf der Theke, ein schlecht gelaunter Schorsch und der Hanswurst im österlichen Erklärungsnotstand. Zwischen Auferstehung, Fruchtbarkeit, Kommerz und Currywurst wird klar: Ostern ist vielleicht das wirrste Fest von allen. Aber immerhin gibt’s Schokolade.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Stefan Gläsel

Worum geht’s?

Im Imbiss ums Eck steht plötzlich ein riesiger Schokohase. Der Hanswurst, der Hape und der Schorsch diskutieren, was Ostern eigentlich bedeutet: christliches Fest, Frühlingssymbol, Hasenlogik oder doch nur sehr erfolgreich vermarktete Schokolade. Am Ende bleibt ein ziemlich buntes Durcheinander aus Religion, Konsum, Tradition und Imbisshumor. Frohe Ostern, aber mit Currysoße.

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Also, damit das gleich mal klar ist: Ich bin eine fiktive Figur.

Das ist mir mittlerweile sonnenklar, und mir ist auch klar, dass mich der Autor heute wieder in so eine bescheuerte Diskussion lotsen wird, die ich mir so sicherlich nicht ausgesucht hätte. Definitiv nicht. Logisch. Ich hätte einfach im Imbiss ums Eck sitzen können, eine Currywurst in mich reinfuttern, dabei ein Bierchen zischen und mich darüber freuen, dass es im März wenigstens nicht mehr so scheiße kalt ist.

Aber nein. Stattdessen stehe ich hier mit dem Hape und dem Schorsch, und direkt vor mir thront ein überdimensionaler Schokohase auf der Theke.

Ich meine… warum?

Weil irgendein literarischer Osterhirsch mit Schreibzwang beschlossen hat, dass ich mich heute mit Frühlingssymbolik befassen soll, statt in Ruhe zu essen. Der Autor, dieser bemalte Ostereierdepp mit Zuckerguss im Kopf, hält das vermutlich für eine gute Idee. Ich halte es für seelische Belästigung in Pastellfarben.

Ich starre den Hasen an. Der Hase starrt zurück. Er sagt nichts. Ich sage auch nichts. Aber ich spüre, dass ich die Oberhand verlieren werde, wenn ich noch länger so tue, als wäre das normal.

„Schorsch“, sage ich und zeige auf das schokoladene Monstrum. „Was zur Hölle ist das? Und bevor du antwortest: Falls das wieder so eine Idee vom Autor war, dann sag’s gleich. Dann weiß ich wenigstens, welchem narrativen Eiermaler ich innerlich die Leviten lesen muss.“

Der Schorsch lehnt sich über die Theke, grinst mich an wie ein Händler, der mir gerade einen Gebrauchtwagen ohne Bremsen andrehen will, und klopft dem Hasen auf den Kopf.

„Das ist unser diesjähriges Osterangebot.“

„Osterangebot?“ Ich runzle die Stirn. „Seit wann haben wir hier Osterangebote? Ist das neu? Hab ich ein Memo verpasst? Oder hat der Autor entschieden, dass das hier heute Thema sein muss? Der österliche Plot-Klempner.“

„Nee“, sagt der Schorsch und zieht demonstrativ die Schultern hoch. „Aber ich dachte, wenn jeder Supermarkt, jede Tankstelle und sogar der Murat in seinem Kiosk tonnenweise Schokohasen unter die Leute bringt, dann kann ich das auch.“

Der Hape lehnt sich auf die Theke und betrachtet den Hasen. „Aber warum nur einer? Ist das ein symbolischer Schokohase?“

„Symbolisch?“ Der Schorsch schnaubt. „Der steht hier als Warnung.“

„Warnung wovor?“

„Davor, dass ich zwar Schokolade verschenken kann, aber nicht muss.“

Ich tippe den Hasen mit dem Finger an. Er gibt ein dumpfes, hohles Geräusch von sich. „Und was genau hat das jetzt mit Ostern zu tun? Oder anders: Welcher schreibende Karfreitagskasper hat beschlossen, dass ich mir darüber Gedanken machen soll?“

„Alles und nichts“, sagt der Schorsch und dreht sich zur Fritteuse um. „So wie Ostern eben.“

„Sag mal, Hanswurst“, fragt der Hape nach einer Weile und öffnet sich ein Bier, „was ist Ostern eigentlich für dich?“

„Naja…“, ich kratze mich am Kopf. „Ich würd’s mal so sagen: Das ist das Fest der Auferstehung. Der Sieg über den Tod. Oder anders gesagt: Die ultimative Comeback-Story der Menschheit. Oder halt Weihnachten ohne Geschenke und mit mehr Hasen. Wobei ich natürlich sagen muss: Wenn hier einer ständig wiederaufersteht, dann bin das ja wohl ich. Der Autor jagt mich von Geschichte zu Geschichte, als wär ich sein persönlicher Karsamstagsidiot.“

Der Hape lacht. „Das trifft es ganz gut.“

„Aber warum?“ Ich lehne mich zurück und stemme die Arme in die Hüften. „Ich mein, an Weihnachten ist wenigstens klar, worum es geht. Geburt von Jesus, Geschenke, Völlerei. Passt. Aber Ostern? Jesus, Hasen, Eier, Schokolade. Das ist doch ein völlig wirres Durcheinander. Wie passt das denn zusammen?“

„Das ist eben die Magie von Ostern“, beginnt der Hape feierlich, „ein wilder Mix aus christlichen, heidnischen und wirtschaftlich motivierten Traditionen, die irgendwann in einen Topf geworfen wurden. So wie ein schlecht sortierter Wühltisch im Discounter.“

„Aha.“ Ich nicke langsam. „Also wie eine Currysoße, in die jemand aus Versehen Ketchup und Mayo reingeschüttet hat und dann gesagt hat: Ja, das ist jetzt Tradition. Klingt ehrlich gesagt auch nach etwas, das der Autor machen würde, dieser halbgekochte Osterplot-Schmied.“

„Exakt!“ ruft der Hape begeistert. „Niemand weiß mehr genau, warum das alles zusammengehört. Aber es gehört halt zusammen.“

„Ja, aber ist Ostern nicht eigentlich eine christliche Nummer?“ frage ich.

Der Schorsch schaltet sich ein: „Na ja, irgendwie schon, aber mal ehrlich. Feiern das nicht mittlerweile alle? Sogar die, die keinen blassen Schimmer haben, worum es eigentlich geht?“

„Also so wie Weihnachten“, murmle ich.

„Ja, nur dass es an Weihnachten Geschenke gibt und an Ostern Schokolade.“

„Warum eigentlich?“ frage ich stirnrunzelnd.

„Warum was?“

„Warum Schokolade? Was hat das mit Jesus zu tun?“

Der Hape überlegt kurz. „Gar nichts. Aber die Schokoladenindustrie war schlau genug, sich Ostern zu schnappen und Hasen und Eier in Massenproduktion zu schicken. So einfach ist das.“

„Also Schokolade ist quasi das kommerzielle Make-up von Ostern?“ frage ich.

„Genau. Man hat sich gedacht: Hm, wenn wir es schon nicht hinkriegen, dass die Leute die Auferstehung feiern, dann wenigstens, dass sie dabei fett werden.“

Ich nicke. „Macht Sinn.“

Der Schorsch, der im Hintergrund eine Wurst wendet, wirft uns einen skeptischen Blick zu. „Das mit den Hasen hab ich eh nie kapiert. Eier verstecken, bunte Farben. Ja gut. Aber warum ausgerechnet ein Hase?“

Der Hape seufzt und nimmt einen Schluck Bier. „Der Hase steht für Fruchtbarkeit. Also für das Leben, das im Frühling wieder erwacht. Na, ihr wisst schon. Rammeln wie die Karnickel.“

„Aha“, murmelt der Schorsch. „Also hoppelt er rum, verteilt Eier und das soll uns dann an die Wiedergeburt erinnern?“

„Im Prinzip ja“, sagt der Hape.

Ich runzle die Stirn. „Und warum nicht ein Huhn? Ich mein, wenn’s um Eier geht…“

„Ja“, ergänzt der Schorsch. „Oder ein Storch? Oder ein Reh? Rehe vermehren sich doch auch wie blöd.“

Der Hape grinst. „Tja, irgendwann hat sich halt der Hase durchgesetzt. Vielleicht weil er niedlicher ist als ein Huhn mit einem Eierkorb.“

Ich lehne mich vor. „Oder weil der Hase der bessere Verkäufer ist? So ein Huhn verkauft halt keine Mythen. Das schafft nur ein Hase oder eben ein Autor, der genug Lack geschnüffelt hat.“

„Na siehste“, brummt der Schorsch. „Wirtschaft schlägt Religion. Wieder mal.“

Ich lehne mich zurück und starre nachdenklich auf den Hasen. „Aber mal ernsthaft. Schenkt ihr euch was zu Ostern?“

„Nee“, sagt der Schorsch kategorisch. „Ich bin doch kein Weihnachtsmann auf Frühlingsurlaub.“

„Also ich kenn Leute, die tun das“, sagt der Hape nachdenklich. „Gerade wenn sie Kinder haben. Dann werden aus den Schoko-Eiern plötzlich Plüschhasen, Spielzeug und Fahrräder.“

„Also ist Ostern inzwischen Weihnachten mit weniger Lametta und mehr Tiermotiven?“ frage ich.

„So sieht’s aus“, sagt der Hape. „Und niemand hinterfragt es.“

„Tja“, murmelt der Schorsch, während er den Schokohasen leicht zur Seite schiebt, „dann bleibt ja alles beim Alten. Die Leute kaufen Unsinn, tun so, als wäre es Tradition, und am Ende bleibt nur Chaos. Frohe Ostern.“

Ich grinse. „Frohe Ostern, Schorsch.“

„Frohe Ostern“, murmelt auch der Hape.

Und während ich an meinem Bier nippe, weiß ich: Der Autor hat mich heute mal wieder durch ein unnötiges Gespräch gezerrt. Der österliche Drehbuchdödel. Der narrative Eierwärmer. Der Palmesel mit Füller. Aber immerhin gab’s was zu lachen. Und vielleicht, ganz vielleicht, hol ich mir doch noch so einen blöden Schokohasen. Nur aus Trotz…

ENDE

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