
Ein Mittwoch im Imbiss ums Eck. Der Hanswurst wartet auf seine Wurst, der Hape zückt das Notizbuch, und plötzlich wird aus ein paar Minuten an der Theke eine halbe Philosophie des Wartens. Mit Currysoße, Pommes und erstaunlich viel Soziologie.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Lydia Simunic
Worum geht’s?
Der Hanswurst, der Hape und der Schorsch diskutieren im Imbiss über das Warten: auf die Wurst, auf den Bus, auf bessere Zeiten und darauf, dass überhaupt mal etwas passiert.
Zwischen Norbert Elias, Bourdieu und der sehr praktischen Grilllogik vom Schorsch entsteht eine kleine Imbiss-Philosophie: Gute Dinge brauchen Zeit. Aber wehe, die Wurst liegt zu lange.
Die Geschichte lesen
Es ist ein Mittwoch. Zumindest glaubt der Schorsch das. Und ich, der Hanswurst, glaub’s auch, weil der Autor – diese Arschgeige – mir hier schon wieder keinen Kalender in die Hand drückt, sondern nur so ein Gefühl von „wird schon stimmen“ ins Hirn schreibt. Mittwoche sind die Wochentage, die aussehen, als hätten sie sich die Schuhe vertauscht und jetzt schief durchs Leben laufen. Der „Imbiss ums Eck“ ist wie immer gut besucht, was im Fall vom Schorsch bedeutet, dass die gleiche Handvoll Kunden wie jeden Tag das Fett der Fritteuse mit ihren täglichen Beschwerden würzt.
Der Hape und ich stehen an unserem angestammten Lieblingsstehstammtisch, der mehr ächzt und knarzt als ein schlecht geöltes Garagentor. Der Hape ist vertieft in ein Notizbuch, in dem er irgendetwas schreibt, das wahrscheinlich niemals jemand lesen wird. Ich schiebe eine Karikatur von Pommes durch meine Zähne, während ich gedankenverloren auf einen kleinen Spatzen starre, der emsig bemüht zu sein scheint, Pommesreste vom Gehweg im Eingangsbereich des Imbisses ums Eck aufzupicken. Das ist so ein Moment, wo ich eigentlich was anderes machen würde. Weggehen. Ein neues Leben anfangen. Aber nein. Der Autor will, dass ich Spatzen anglotze. So ist das, wenn man fiktiv ist: Man darf Gefühle haben, aber keine Entscheidungsgewalt.
„Weißt du“, beginne ich mit einer plötzlichen Erleuchtung, die ungefähr so tiefgründig ist wie eine Pfütze nach einem Sommerschauer, gewandt an den Hape, „ist doch so. Warten ist eigentlich das, was wir die meiste Zeit unseres Lebens tun.“
Der Schorsch, der hinter dem Tresen steht und eine Bratwurst wendet, wirft einen Blick auf uns. Er hat mich schon viele skurrile Dinge sagen hören, aber dieser Satz klingt besonders verdächtig nach Philosophie. Und das vor dem Mittagessen.
„Warten? Wie?“ fragt der Hape und kritzelt weiter in sein Notizbuch. „Was soll das heißen?“
„Na ja“, erkläre ich, „ist doch irgendwie logisch“, und ich merke, wie ich plötzlich den Klang meiner eigenen Stimme sehr mag, was vermutlich auch wieder so ein Trick vom Autor ist, damit ich mich selber reden höre, „wir warten doch ständig auf etwas. Auf den Bus, auf dich, Hape, auf bessere Zeiten. Selbst hier, im Imbiss beim Schorsch, ist Warten das Zentrum unseres Daseins. Die Wurst wird erst gut, wenn man wartet.“
Der Schorsch nickt unbestimmt. „Das stimmt. Aber nur, wenn man nicht zu lange wartet. Sonst wird die Wurst trocken und die Fritten ganz labbrig. Warten ist wie… Salz in der Suppe. Zu viel davon und alles schmeckt scheiße.“
Ich lehne mich zurück und schaue in die Ferne, als würde ich versuchen, in der Rauchwolke aus dem Frittierfett etwas Tiefsinniges zu sehen. „Das ist es, Schorsch! Wir warten, um die Dinge in Balance zu halten. Zu schnell und das Leben rauscht an einem vorbei. Zu langsam und man verpasst den ganzen Spaß. So isses. Genau.“
Der Hape schaut auf und zieht die Stirn kraus. „Das klingt wie die Theorie der Zeitstrukturen von Norbert Elias.[1] Warte mal…“ Er blättert in seinem Notizbuch und beginnt zu lesen: „Elias sagte, dass die Gesellschaft die Zeit rhythmisiert, um Ordnung in den menschlichen Alltag zu bringen. Also ist das Warten an sich im Grunde die Anpassung an diesen Rhythmus. Oder?“
Ich blinzle und starre den Hape an, als hätte er gerade angefangen, in einer fremden Sprache zu sprechen. Was im Grunde auch der Fall ist. „Also“, sage ich langsam, „sind wir eigentlich Sklaven des Wartens, oder was?“
„So ein Bockmist“, mischt sich der Schorsch ein. „Wir sind nur Menschen, die wissen, dass eine gute Currywurst ihre Zeit braucht. Alles andere ist so Studierten-Gewäsch. Ich brate die Wurst ja auch nicht langsamer, nur weil jemand darüber diskutieren will, wie sich die Zeit verhält.“
„Hm. Stimmt schon“, sage ich und beiße erneut in meine Pommes. „Aber irgendwie ist doch das Warten das Einzige, was wir wirklich kontrollieren können. Warten wir zu lange, sind wir unzufrieden. Warten wir zu kurz, sind wir auch unzufrieden. Also warten wir immer gerade so viel, wie wir aushalten können. Logisch soweit?“
„Das ist doch alles Käse“, murmelt der Schorsch, während er die fertige Bratwurst auf einem Teller mit Currysauce ertränkt. „Ihr denkt viel zu viel nach. Man muss nicht über das Warten nachdenken. Man macht es einfach. So einfach ist’s. Basta.“
Der Hape nickt und schreibt etwas in sein Notizbuch. „Also ist das Warten eine Form von aktiver Passivität. Geil. Man ist bereit, etwas zu tun, aber nicht jetzt. Sondern… später.“
Ich grinse breit. „Genau! Das ist es. Warten ist nicht Nichts-Tun, es ist… Vorbereitetsein.“
„Hä? Vorbereitetsein für was?“ fragt der Schorsch und stellt die Currywurst auf den Tresen. „Essen ist fertig, Jungs.“
„Für alles“, antworte ich, als wäre das die offensichtlichste Sache der Welt. „Für die Wurst, für das Leben, für den Moment, in dem etwas passiert. Wir warten darauf, dass etwas passiert, weil wir wissen, dass es irgendwann passieren wird. Klar?“
Der Hape schaut nachdenklich auf seine Armbanduhr. „Das erinnert mich an die Dialektik der Zeit von Bourdieu. Der soziale Raum strukturiert sich durch das Warten, nicht durch das Handeln.[2]“
Der Schorsch rollt mit den Augen. „Der Einzige, der hier wirklich weiß, wie man mit Zeit umgeht, ist der Typ, der meine Würste brät. Und das bin ich.“
Ich stehe auf und hole die Teller mit Currywurst vom Tresen ab. „Vielleicht hast du recht, Schorsch. Aber dennoch: Es ist doch so, dass das Warten ein Rätsel zu sein scheint, das sich selbst erschafft. Wenn man nicht warten müsste, wäre das Leben doch viel langweiliger.“
Der Schorsch hebt die Augenbrauen. „Ach ja? Ich wette, du würdest nicht so reden, wenn du hungrig auf deine Currywurst wartest und ich dir sage, dass sie noch zwei Stunden auf meinem Grill braten muss.“
Ich lache. „Vielleicht nicht. Aber dann hätte ich wenigstens Zeit, über das Warten nachzudenken. Hehe. Guten Appetit und Prost!“
Wir drei essen schweigend unsere Wurst, während die Uhr leise hinter dem Tresen tickt und die Welt draußen einfach weitergeht. Es ist ein Mittwoch, an dem die Zeit, das Warten und die Wurst sich auf wundersame Weise im Gleichgewicht befinden. Zumindest bis der Schorsch beschließt, dass es Zeit ist, den Grill zu reinigen. Und ich beschließe gar nichts, weil ich ja nur der Hanswurst bin und der Autor, dieser Depp, mich hier stehen lässt, als wäre ich ein Möbelstück mit Hunger.
Denn wie man so schön sagt: Alles hat seine Zeit. Außer vielleicht das Warten. Das ist immer da, egal, ob man es möchte oder nicht…
ENDE
[1] Norbert Elias ist einer der wenigen zeitgenössischen Soziologen, der sich in eigenständiger Weise mit dem Thema Zeit befasst hat. Was für andere eine sich im soziologischen Gewand präsentierende Fortführung bestimmter philosophischer Traditionen ist, richtet sich Norbert Elias charakteristischerweise gegen den von ihm beklagten philosophischen Überhang in unserem Denken. Während andere in ihren groß angelegten Systemplänen mit zwingender Notwendigkeit auf Zeit als eine systemdeterminierende Variable stoßen, verfällt Norbert Elias scheinbar zufällig auf dieses Thema: auf Ersuchen holländischer Freunde verfasst er ein Essay über Zeit. Er nimmt also eine von außen an ihn herangetragene Anregung auf und beantwortet sie mit einem theoretischen Entwurf: unfertig, aber richtungsweisend; autonom und polemisch; mit einer seiner charakteristischen Handbewegungen den philosophischen Staub von Jahrhunderten wegfegend; auf dem Recht soziologischer Eigenständigkeit pochend, fasst er in diesem Essay mehrere seiner zentralen theoretischen Anliegen zusammen. (Aus: ZU NORBERT ELIAS‘ ENTWURF EINER ZEITTHEORIE von Helga Nowotny)
[2] Unter jenen Vertretern der Sozialwissenschaften, die mit einer Theorie des sozialen Raums arbeiten, war (und ist) der französische Soziologe Pierre Bourdieu zweifellos einer der einflussreichsten und inspirierendsten. Bourdieu entwirft ein zweidimensionales Modell, das geeignet ist, die Herrschaftsbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Segmenten des sozialen Raums präzise abzubilden. Abgesichert durch eine ausdifferenzierte Kapitaltheorie, die neben dem ökonomischen auch kulturelles, soziales und symbolisches Kapital kennt, entwickelt er ein streng relationales Modell des sozialen Raums, das ausschließlich über die Beziehungen definiert wird, die die einzelnen Akteure miteinander unterhalten. Setzt man nun die unterschiedlichen Positionen, die über den Gesamtumfang und das besondere Profil des Kapitals definiert werden, zueinander in Beziehung, fallen zahlreiche Agglomerationen und Clusterbildungen ins Auge. Diese verweisen zwar auf verwandte Modi des Handelns, Wahrnehmens und Bewertens und hohe Übereinstimmungen des Lebensstils – sie können freilich nicht als Indiz für existierende soziale Klassen gelten: Obwohl sich in den gesellschaftlichen Machtkämpfen herrschende und beherrschte Fraktionen gegenüberstehen, existieren soziale Klassen doch nur in einem gleichsam virtuellen Modus. (Aus: SOZIALE RÄUME UND KULTURELLE PRAKTIKEN von Georg Mein und Markus Rieger-Ladich)
Na? Alles verstanden? Nicht? Ist nicht schlimm. Ich auch nicht. Und der Autor wahrscheinlich erst recht nicht, aber der tut immer so, als wäre das Absicht.