
Ein Junggesellenabschied, eine Laser-Tag-Halle im Gewerbegebiet und der Hanswurst mittendrin, obwohl er eindeutig eher für Stehtischsport gebaut ist. Zwischen Neonlicht, Nebel und Gruppenzwang wird aus einem albernen Ausflug plötzlich eine ziemlich ernste Entscheidung.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Michael Elze
Worum geht’s?
Der Murat nimmt den Hanswurst mit zum Laser-Tag-Junggesellenabschied seines kleinen Bruders. Erst sieht alles nach JGA-Klamauk, Plastikwesten und wildem Geballer im Neonlabyrinth aus. Doch dann vertraut der Bräutigam dem Hanswurst an, dass er gar nicht heiraten will und den Lärm der Halle nutzen möchte, um abzuhauen.
Plötzlich geht es nicht mehr ums Gewinnen, sondern darum, jemandem Luft zum Atmen zu verschaffen.
Die Geschichte lesen
Der Schorsch putzt heute die Theke so gründlich, dass ich kurz denke, er hat sich vertan und will eigentlich einen Tatort aufbereiten. Dann sehe ich den Lappen. Der ist genauso alt wie die Wandfliesen. Also doch alles normal.
Ich stehe an meinem Lieblingsstehstammtisch. Der Hape steht neben mir und guckt in sein Bier, als würde er dort eine neue Kunstrichtung entdecken. Ich esse Currywurst. Ich esse sie nicht, weil ich Hunger habe. Ich esse sie, weil Gewohnheit und so.
Der Murat kommt rein. Er kommt rein wie jemand, der gerade entschieden hat, dass heute nicht diskutiert wird.
„Du kommst mit“, sagt der Murat.
Ich sage: „Wohin?“
„Laser Tag.“
Ich halte kurz inne. Ich finde, Laser Tag klingt wie eine dieser Therapien, bei denen man sich in einem abgedunkelten Raum mit Licht anbrüllt, bis man wieder funktioniert.
„Warum“, frage ich.
Der Murat nickt nach draußen, als stünde dort die Antwort im Halteverbot.
„JGA.“
Definitiv Halteverbot. Sogar absolutes Halteverbot.
Der Hape hebt den Kopf. „Junggesellenabschied ist ein performatives Ritual des Übergangs. Ich könnte…“
„Du könntest gar nichts“, sagt der Schorsch, ohne aufzusehen. „Du schuldest mir noch acht Euro.“
Der Murat sagt: „Mein kleiner Bruder heiratet.“
„Klein“, sage ich.
Der Murat schaut mich an. Sein Blick sagt: Mach’s jetzt nicht witzig.
Ich mach’s natürlich trotzdem witzig, aber leise. „Klein heißt bei euch wahrscheinlich: zwei Meter und Vollbart.“
Der Murat atmet aus. Das ist sein Lachen. „Komm einfach mit.“
Ich will nein sagen. Ich bin kein Lasertyp. Ich bin ein Stehtyp. Wenn es Medaillen gäbe für „Nicht umfallen, obwohl man schon lange müsste“, hätte ich eine Vitrine.
Aber der Autor, der mich schreibt, hat heute Lust auf Neon und Gruppenzwang. Der Autor könnte mich auch einfach hier am Imbiss lassen. Currywurst, Bier, ein bisschen Würde. Macht er nicht. Der Autor hat offensichtlich selber mal Laser Tag gespielt und will, dass ich leide. So eine verdammte Kack-Arschgeige.
Also gehe ich.
*
Die Laser-Tag-Halle liegt im Gewerbegebiet, da wo man tagsüber Paletten sieht. Ein Schild flackert. Es flackert nicht aus Style-Gründen, es flackert, weil niemand dieses Schild liebt. Niemand. Wirklich niemand.
Drinnen ist es zugleich warm und kalt. Warm von den Körpern. Kalt von der Klimaanlage, die aus Prinzip arbeitet. Es riecht nach Teppich, nach Energydrink und nach dem süßen und gleichermaßen scharfen Reinigungsmittel, das so tut, als wäre hier alles hygienisch, obwohl gleich Leute schwitzend durch Kunststoffschluchten krabbeln. Also quasi Meister Propper Süßsauer. Oder eben Scharfsüß.
Eine Gruppe steht am Tresen. Zehn Männer, zwei davon in peinlichen T-Shirts. Einer trägt ein Stirnband mit der Aufschrift „BRÄUTIGAM“. Ich weiß nicht, warum man bei solchen Anlässen immer die sichtbarste Person markiert, damit auch wirklich jeder gezielt draufgehen kann. Vielleicht ist das der Punkt.
„Da ist er ja!“, ruft der Bräutigam, also der kleine Bruder vom Murat. Ich nenne ihn in meinem Kopf der Kleine, weil das Wort die ganze Absurdität trägt.
Der Kleine kommt auf mich zu, klatscht mir auf die Schulter und sagt: „Geil, dass du da bist.“
Ich sage: „Ich bin auch überrascht.“
Der Murat stellt mich vor, als wäre ich eine Anschaffung. „Das ist der Hanswurst. Der ist okay.“
Okay ist beim Murat eine Liebeserklärung.
Der Kleine schaut mich an. Seine Augen sind wach. Zu wach.
Ein Mitarbeiter mit Headset winkt uns heran. Er ist ungefähr siebzehn und guckt, als hätte er schon hundert JGAs überlebt, dabei aber ein Stück Seele verloren hat, das nicht wieder ersetzt werden kann.
„Willkommen“, sagt er. „Kurze Einweisung. Keine Körperkontakte. Nicht rennen. Nicht auf den Boden legen. Nicht fluchen. Und bitte keine Fotos in der Arena.“
„Warum nicht fluchen?“, fragt einer aus der Gruppe.
Der Mitarbeiter sagt: „Weil auch manchmal Kinder mitspielen.“
„Kinder sollen das früh lernen“, sagt der Typ.
Der Murat guckt ihn an, als würde er ihn gleich auf Null Punkte schießen, ohne Laser.
Wir bekommen Westen. Sie sind schwer. Die Weste fühlt sich an, als würde sie mich an meine Sterblichkeit erinnern. Dann bekommen wir diese Phaser. Also nicht so wie bei Raumschiff Enterprise. Irgendwie größer und noch plumper.
„Ihr seid Team Blau“, sagt der Mitarbeiter und zeigt auf unsere Westen, die in Neon blinken. „Die Gegner sind Team Rot. Treffer auf Sensoren geben Punkte. Nicht rennen.“
Fünf Minuten später rennen alle.
Auch ich.
*
Ich laufe durch ein Labyrinth aus schwarzen Wänden, fluoreszierenden Streifen und Nebel, der so dick ist, dass man im Grunde nix mehr sieht. Überall piept es. Die Westen vibrieren. In meinem Kopf läuft eine kleine Stimme, die sagt: Du bist eine fiktive Figur, du musst da durch. Und eine andere Stimme sagt: Du bist ein Mann mittleren Alters. Du musst gar nichts.
Ich werde getroffen, bevor ich überhaupt richtig verstanden habe, wo vorne ist.
BZZT.
Ich zucke. Ich hasse es. Ein bisschen mag ich es auch, weil mein Körper selten so direkt Feedback bekommt. Beim Biertrinken sagt für gewöhnlich niemand: „Treffer!“
Ich ducke mich hinter eine Wand. Der Boden klebt minimal. Das ist der Moment, in dem ich weiß: Hier wurde schon viel geschwitzt. Hier sind schon viele JGAs zerbröselt.
Der Hape ist nicht da. Zum Glück. Der Hape würde jetzt irgendwas sagen wie: „Das ist eine Metapher für den Kapitalismus.“ Und ich würde wieder getroffen werden.
Ich schleiche weiter. Ich werde wieder getroffen.
BZZT.
Ich höre Gelächter. Ich höre Sprüche. Ich höre dieses JGA-Gebrüll, das immer so klingt, als hätte man die Lautstärke für Freude mit der Lautstärke für Verzweiflung verwechselt.
Ich denke kurz: Man schießt hier wirklich auf Menschen. Man nennt es Spiel, aber es ist ein Training für etwas, das wir nicht mehr trainieren sollten. Ich weiß, das klingt, als hätte ich ein Seminar besucht. Habe ich nicht. Ich habe Metzger gelernt. Ich habe gelernt, dass Dinge sterben, wenn man sie falsch behandelt. Oder richtig. Na ja. Egal. Und ich habe gelernt, dass man darüber entweder schweigt oder Witze macht.
Ich mache gerade keine Witze. Das ärgert mich.
Der Kleine taucht plötzlich neben mir auf. Er ist schnell. Er ist gut. Er ist nicht der Typ, der hier zum Spaß ist. Er wirkt, als würde er hier etwas erledigen.
„Alles okay?“, fragt er, ohne mich anzusehen. Er schießt, trifft jemanden, Punkte. Dann guckt er mich kurz an.
„Ich bin am Leben“, sage ich.
Er nickt. Dann sagt er leise: „Bleib nachher kurz.“
Dann ist er weg.
Und ich werde wieder getroffen.
BZZT.
Nach der ersten Runde liegen wir keuchend im Aufenthaltsbereich. Es gibt Bänke, die aussehen, als hätte man sie aus einer Schulturnhalle gerettet. Auf einem Bildschirm flackern die Punkte. Ich bin weit unten. Das ist okay. Ich will im Leben nicht alles gewinnen. Ich will nur nicht so verlieren, dass man mir später einen Spitznamen gibt.
Der Murat steht am Rand und trinkt Wasser. Wasser beim JGA ist schon ein Statement.
„Alles gut?“, fragt der Murat.
„Ich werde hier emotional bearbeitet“, sage ich.
Der Murat grinst kurz. „Zweite Runde. Dann Pizza. Dann Imbiss. Dann Ende.“
Der Plan ist solide. Der Plan ist Murat-typisch. Geradeaus.
Der Kleine kommt zu mir. Er riecht nach Plastik und Schweiß. Er sieht aus, als hätte er in der Arena nicht nur Punkte gesammelt, sondern auch Mut.
„Kann ich kurz mit dir?“, sagt er.
Ich gucke zum Murat. Der Murat nickt kaum sichtbar. So wie jemand nickt, der schon weiß, was kommt.
Wir gehen Richtung Flur. Da ist eine Feuerschutztür. Dahinter hört man eine Lüftung brummen.
Der Kleine lehnt sich an die Wand. Er atmet, als müsste er etwas hochhalten.
„Ich will nicht heiraten“, sagt er.
Er sagt es nicht dramatisch. Er sagt es wie: Ich habe gemerkt, dass ich laktoseintolerant bin.
Ich brauche einen Moment.
„Okay“, sage ich.
Mehr sage ich erst mal nicht. Das ist das Gute am Stehsport. Man lernt, Pausen auszuhalten.
„Ich hab’s allen gesagt“, sagt der Kleine. „Oder versucht. Es hört keiner zu. Alle sagen: ‚Jetzt stell dich nicht an.‘ Oder: ‚Das ist nur kalte Füße.‘ Dabei sind’s nicht die Füße. Es ist… alles.“
Er schiebt das Stirnband hoch und reibt sich die Stirn. Da ist ein roter Druckstreifen, als hätte das Ding ihn schon markiert, bevor er überhaupt Ja gesagt hat.
„Die Hochzeit ist in drei Wochen“, sagt er. „Ich hab alles bezahlt. Location. DJ. Fotograf. So ’ne Fotobox. Als ob ich in einer Fotobox wohnen will.“
Ich muss kurz lachen. Nicht, weil es lustig ist. Weil es sonst zu schwer wird.
„Und Laser Tag?“, frage ich.
Er atmet aus. „Laser Tag ist der einzige Termin heute, wo alle wegsehen. In der Arena. Nebel. Lärm. Und danach sind alle so fertig, dass keiner noch klar denkt. Ich brauch nur zehn Minuten.“
„Wofür?“, frage ich.
Er guckt mich an. Jetzt wird’s stiller in ihm.
„Zum Abhauen.“
Da ist er, der Twist in dieser Wurst- und Durstgeschichte. Der Autor ist sooo berechenbar. Erst lässt er mich erst schwitzen und dann: Zack. Der Autor ist manchmal auch ein Sadist. Ein Sadist und eine Arschgeige. Ich wiederhole mich.
„Wohin?“, frage ich also.
„Einfach weg“, sagt der Kleine. „Zug. Irgendwo hin, wo mich keiner direkt findet. Ich will erst mal wieder in meinem Kopf wohnen.“
Das ist ein Satz, den ich verstehe, obwohl ich selber nicht viel in meinem Kopf wohne, eher so im Bauch und am Tresen.
Ich sage: „Und dein Bruder?“
Der Kleine guckt kurz zur Seite. „Der Murat weiß Bescheid.“
„Aha“, sage ich.
„Er hat’s nicht geplant“, sagt der Kleine schnell. „Also… vielleicht ein bisschen. Er hat mir gesagt: ‚Wenn du’s durchziehst, dann nicht in der Kirche. Nicht vor den Leuten. Mach’s vorher.‘ Und dann hat er Laser Tag gebucht, weil er wusste, dass alle da drauf anspringen. Und dass… na ja… dass es hier Ausgänge gibt.“
Ich nicke langsam.
Der Murat ist nicht nur Kiosk. Der Murat ist auch Bruder.
Ich gucke auf die Feuerschutztür. Ich gucke auf das grüne Schild mit dem rennenden Männchen. Das rennende Männchen darf rennen, obwohl das doch hier beim Laser Tag verboten ist.
„Was soll ich tun?“, frage ich.
Der Kleine schluckt. „Wenn ich nachher raus bin, kommt bestimmt jemand hinterher. Ich brauch einen Blocker. Jemanden, der wirkt, als hätte er keine Ahnung. Du wirkst, als hättest du keine Ahnung.“
Ich fühle mich ertappt.
„Danke für die Blumen. Aber ich bin auch eine Figur“, sage ich. „Ich wirke manchmal schlauer, als ich bin, weil der Autor mich so schreibt. Aber das hier… das ist echtes Leben. Für dich jedenfalls.“
Der Kleine nickt, als hätte er schon schlimmere Sätze gehört.
„Kannst du das?“, fragt er.
Ich könnte jetzt sagen: Nein. Ich will nicht zwischen Brüdern stehen. Ich will keinen Krawall. Ich will Currywurst.
Aber der Autor hat mich hergeschickt. Und der Autor hat mir gerade einen Menschen hingestellt, der nicht heiraten will, weil er sonst sein Leben in einer Fotobox verbringen muss. Quasi.
Also sage ich: „Ja.“
*
Runde zwei beginnt. Die Gruppe ist wieder laut. Der Typ mit dem „Kinder sollen fluchen lernen“ ist wieder vorne. Der Murat sagt zu ihm: „Wenn du heute noch einmal so einen Spruch machst, kaufst du ab morgen deine Kippen woanders.“
Der Typ lacht, weil er denkt, das sei Spaß. Der Murat lacht nicht.
Wir gehen rein.
Nebel.
Licht.
BZZT.
Ich laufe diesmal nicht planlos. Ich stelle mich an einen Ort, wo ich die Wege sehe. Ich merke, dass Laser Tag gar nicht so sehr Sport ist, sondern Orientierung. Und da bin ich überraschend gut. Ich war als Azubi in Kühlhäusern. In Schlachträumen. In Gängen, die nach Metall riechen. Man lernt, nicht im Weg zu stehen. Man lernt, wo man hingehen muss, wenn es eng wird.
Ich halte mich in der Nähe eines Seitengangs. Da ist eine Tür, die wie ein Mitarbeiterzugang aussieht. Dahinter ist wahrscheinlich ein Lager. Oder ein Ausgang. Oder ein Feuerlöscher. In so Hallen ist immer irgendwas hinter Türen, das man nicht sehen soll.
Der Kleine kommt vorbei. Er schießt. Er wird getroffen. Er flucht nicht. Er bewegt sich weiter. Dann verschwindet er Richtung Seitengang.
Ich tue so, als wäre ich beschäftigt. Ich schieße wild in die Dunkelheit. Ich treffe niemanden. Ich sammle keine Punkte. Ich sammle Zeit.
BZZT.
Ein Gegner kommt. Ich ducke mich. Ich lasse ihn vorbei. Ich bin kein Held. Ich bin eine… ähm, Verzögerung.
Dann sehe ich am Rand eine Bewegung. Der Kleine, ohne Weste. Ohne Phaser. Nur in seinem T-Shirt. Er gleitet durch die Tür, die ich beobachte. Dann ist er weg.
Mein Herz macht einen Satz, als hätte es auch eine Weste an. Ich merke plötzlich, dass ich mich gerade wirklich um jemanden kümmere. Das passiert mir selten. Normalerweise kümmere ich mich um Wurst. Und um Bier.
Ein paar Sekunden später kommt einer aus der Gruppe angerannt. „Ey, wo ist der Bräutigam?!“
Er ruft es, als wäre der Bräutigam ein Kasten Bier, den man irgendwo verlegt hat.
„Keine Ahnung“, rufe ich und schieße in die falsche Richtung.
Der Typ rennt weiter. Zwei andere hinterher. Dann hört man irgendwo hinten ein „HAHA, DER VERSTECKT SICH!“
Natürlich. Alles wird sofort wieder Spiel. Das ist das Gefährliche. Wenn man den Ernst nicht erkennt, weil er nicht neonfarben blinkt.
Ich gehe Richtung Seitengang. Langsam. So, als hätte ich einfach Bock, mich zu verstecken. Ich lege mich nicht hin. Ich renne nicht. Ich bin regelkonform, was mich selbst irritiert.
Vor der Tür steht jetzt ein Mitarbeiter. Headset. Siebzehn. Der Blick: Nicht schon wieder.
„Da ist nur Personalbereich“, sagt er.
Ich hebe die Hände. „Ich bin alt. Ich verlaufe mich. Ist wohl normal.“
Er seufzt. „Sie dürfen da nicht rein.“
„Ich muss kurz…“, sage ich und suche nach einem Wort, das in solchen Situationen hilft. „Ich hab… Kreislauf.“
Das ist das Gute am Mittleren Alter. Kreislauf ist immer glaubwürdig. Besonders bei so Siebzehnjährigen.
Der Mitarbeiter schaut mich an, dann auf meine Weste, dann auf mein Gesicht. Ich sehe wahrscheinlich wirklich aus wie Kreislauf.
„Da vorne ist Wasser“, sagt er und zeigt Richtung Aufenthaltsbereich.
„Danke“, sage ich. „Ich geh gleich.“
Ich gehe nicht gleich.
Ich bleibe.
Ich bin jetzt offiziell der Blocker.
Als die Runde endet, strömen alle raus. Keuchend. Schwitzend. Glücklich, weil sie für zehn Minuten wieder zwölf waren. Oder weil sie so tun.
„Und?!“, ruft einer. „Wo war der Bräutigam?!“
Der Murat steht am Rand. Er hat die Arme verschränkt. Er guckt nicht panisch. Er guckt so, als würde er gerade etwas aushalten, das weh tut, aber richtig ist.
„Vielleicht musste er pissen“, sage ich.
Der Typ lacht. „Der hat sich safe versteckt! Klassiker!“
„Klassiker“, murmelt der Murat.
Dann wird es unruhiger. Das Stirnband liegt auf einer Bank. Ohne Kopf. Jemand hält es hoch wie ein Beweisstück.
„Ey, das ist doch nicht witzig!“, sagt einer plötzlich. Sein Ton kippt. JGA ist nur so lange lustig, solange die Show funktioniert.
Der Murat geht nach vorne. Er nimmt das Stirnband, legt es hin, ganz ruhig. Dann sagt er: „Ich klär das.“
„Was soll das heißen?“, fragt der Typ.
Der Murat schaut ihn an. Sein Blick ist jetzt nicht mehr Kiosk. Sein Blick ist Familie.
„Das soll heißen“, sagt der Murat, „dass ihr jetzt alle mal kurz die Kresse haltet.“
Stille. Nicht komplett. Aber genug, dass man plötzlich die Klimaanlage hört. Und das Brummen der Halle. Und das eigene Blut.
„Isser weg?“, fragt einer, leiser.
Der Murat nickt. „Er ist weg.“
„Das ist doch sein Tag!“, sagt der Typ. „Man kann doch nicht einfach…“
Der Murat unterbricht ihn. „Doch. Kann man. Wenn man sich sonst selbst verliert.“
Der Typ will noch was sagen. Dann merkt er, dass er nicht gewinnt. Dass es hier keine Punkte gibt. Nur Entscheidungen.
Ein paar murren. Ein paar sind peinlich berührt. Einer lacht unsicher, weil er nicht weiß, wohin mit sich. JGA ohne Bräutigam ist wie Currywurst ohne Wurst. Da bleibt nur Soße. Und Soße ist irgendwann auch nur noch warmes Rot.
Der Murat dreht sich zu mir. Sein Blick sagt: Danke. Er sagt es nicht. Der Murat sagt selten Danke. Er sagt eher: „Komm.“
Also komme ich.
*
Wir gehen raus in die kalte Luft vom Gewerbegebiet. Es ist Abend. Die Laternen sind gelb. Alles sieht aus wie ein Ort, an dem man kurz stehenbleibt, bevor man woanders hingeht.
Der Murat zündet sich keine Zigarette an. Das ist bei ihm ein Zeichen. Normalerweise raucht er nicht viel, aber in schweren Momenten würde er es tun. Jetzt nicht.
„Er hat mir vorhin geschrieben“, sagt der Murat. „Er sitzt im Zug.“
„Wohin?“, frage ich.
Der Murat zuckt mit den Schultern. „Irgendwo. Er sagt, er meldet sich, wenn er kann.“
„Und die Braut?“, frage ich.
Der Murat atmet aus. „Die kriegt heute noch eine Nachricht. Nicht von mir. Von ihm. Das ist sein Ding.“
Ich nicke.
Wir stehen kurz da. Zwei Männer, die in Neon geschossen haben und jetzt in der echten Dunkelheit versuchen, nicht zu pathetisch zu werden.
„War das geplant?“, frage ich.
Der Murat guckt mich an. „Ich hab Laser Tag gebucht, ja.“
„Damit er abhauen kann?“, frage ich.
Der Murat hebt eine Augenbraue. „Damit er einen Ort hat, wo er atmen kann. Und einen Moment. Den Rest hat er selbst gemacht.“
Ich glaube ihm. Der Murat ist kein Puppenspieler. Der Murat ist eher jemand, der die Bühne freiräumt, damit andere nicht stolpern.
„Und die Jungs da drin?“, frage ich.
Der Murat schaut Richtung Halle. „Die werden’s morgen als Story erzählen. Die werden sagen: ‚Der war so durch, der ist einfach abgehauen.‘ Und dann lachen sie. Und irgendwann merken sie vielleicht, dass das kein Witz war.“
„Vielleicht“, sage ich.
Ich denke kurz: Ich hätte den Kleinen auch einfach verraten können. Ich hätte sagen können: „Er ist da hinten raus.“ Dann wäre alles wieder im Plan gewesen. Hochzeit, DJ, Fotobox. Der Kleine hätte gelächelt und innerlich wäre er schon weg gewesen. So wie viele Leute weg sind, während sie noch da stehen.
Aber der Autor hat mich heute ausnahmsweise nicht zum Arschloch geschrieben. Das ist auch mal nett.
„Imbiss?“, fragt der Murat.
„Imbiss“, sage ich.
*
Der Schorsch guckt uns an, als wir reinkommen, als wären wir ein Problem, das er nicht bestellt hat.
„Na“, sagt der Schorsch. „Seid ihr jetzt Sportler?“
„Ich hab auf Menschen geschossen“, sage ich.
Der Schorsch macht zwei Currywürste. Eine für den Murat, eine für mich.
Der Murat setzt sich nicht. Der Murat steht. Stehsportler unter sich.
„Und?“, fragt der Schorsch. „Hat er’s überlebt?“
Der Murat sagt: „Er ist im Zug.“
Der Schorsch nickt, als hätte er genau das erwartet. Der Schorsch hat dieses Ding aus seiner alten Seelsorgerzeit. Er hört einmal zu, und dann weiß er, wo es in Menschen klemmt.
„Gut“, sagt der Schorsch. „Dann spart er sich wenigstens die Fotobox.“
Ich lache. Das tut gut…
ENDE