
Ein Morgen wie jeder andere im Imbiss ums Eck. Das Fett wird heiß, der Schorsch ist schlecht gelaunt, der Hape ist bereit für Unsinn und der Hanswurst stellt eine Frage, die in einer Currywurstbude ungefähr so beliebt ist wie Tofu im Schlachthof: Wer macht eigentlich den besten Döner der Stadt?
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Der Hanswurst betritt mit dem Hape den Imbiss ums Eck und verkündet dem Schorsch, dass sie den besten Döner der Stadt finden müssen. Der Schorsch reagiert angemessen empört. Schließlich steht man nicht in einer Currywurstbude und spricht einfach so von Döner. Das ist keine Meinungsäußerung, das ist fast schon Hausfriedensbruch mit Knoblauchsoße.
Trotzdem lässt sich der Schorsch auf die Mission ein. Zu Fuß, per klapprigem Fahrrad und mit leicht beschädigten Elektrorollern ziehen die drei los.
Die Geschichte lesen
Es ist ein Morgen wie jeder andere in der Stadt. Nichts Besonderes, keine ungewöhnlichen Himmelsphänomene, keine mysteriösen Fremden. Alles ist so normal, dass es fast schon verdächtig wirkt. Der Schorsch öffnet wie jeden Tag seinen Imbiss „Imbiss ums Eck“[1] und bringt gerade das Fett für die Fritten auf Temperatur, als ich, der Hanswurst, zusammen mit dem Hape hereinkomme, mit der typischen Mischung aus Weltverdruss und Appetit im Gesicht.
Und bevor jetzt wieder irgendwer glaubt, ich hätte das alles so geplant: Ich bin eine fiktive Figur. Ich laufe hier durchs Leben, weil ein Autor das so hinschreibt. Und dieser Autor ist, sagen wir mal, eine Arschgeige mit Ambitionen. Ich würde heute eigentlich gern einfach nur am Stehtisch stehen, Bier trinken und nix fühlen. Aber nein, der Depp schickt mich auf Döner-Mission.
„Schorsch“, sage ich ohne Umschweife, „wir müssen rausfinden, wer den besten Döner in dieser Stadt macht.“
Der Schorsch hält inne und sieht mich an, als hätte ich vorgeschlagen, einen Pudding mit zwei Gabeln zu essen. „Döner? In meiner Imbissbude sprichst du von Döner? Hast du den Arsch offen oder womöglich deinen Verstand verloren?“
Der Hape, der sich nie von solch trivialen Problemen wie Loyalität zu einem Imbiss abhalten lässt, nickt eifrig. „Ja, es geht um’s Prinzip! Stell dir vor, Schorsch, wir finden heraus, welcher Döner den höchsten kulinarischen Anspruch hat. Ein würdiger Gegner für deine legendäre Currywurst!“
„Und warum sollte mich das interessieren?“, fragt der Schorsch, während er darüber nachdenkt, ob es möglich ist, uns beide aus dem Laden zu werfen, ohne die Fritteuse umzustoßen.
Ich lehne mich gegen den Tresen und flüstere verschwörerisch: „Weil es das einzig Richtige ist. Außerdem lernen wir dabei vielleicht was. Oder wir finden zumindest einen Grund, uns zu beschweren. Keine Ahnung worüber, aber das finden wir dann vielleicht noch heraus. Hm?“
Das überzeugt den Schorsch nicht wirklich, aber er ist immer ein Mann, der die Kunst des gepflegten Jammerns zu schätzen weiß. „Na gut“, seufzt er, „aber wenn ich auch nur einen besseren Döner finde, dann schmeiß ich den Laden hier hin und mach einen Spätkauf auf und verkaufe auch den Fliegenden Mexikaner. Ganz so wie der Murat.“
Und so beginnt unsere ungewöhnliche Quest. Natürlich zu Fuß, denn nichts zerstört die Atmosphäre eines epischen Abenteuers mehr als ein funktionstüchtiges Auto. Ganz zu schweigen davon, dass keiner von uns dreien einen fahrbaren Untersatz sein Eigen nennt und niemand mehr Lust hat, sich erneut die Karre von der Uschi zu leihen. Also schnappe ich mir mein altes Fahrrad, das schon so viele Jahre auf dem Buckel hat, dass man es beinahe als Antiquität verkaufen könnte, wenn es nicht so elend klapprig wäre. Aber es ist treu und hat sogar einen eigenen Namen: Rosi. Der Schorsch und der Hape schnappen sich einen dieser Elektroroller, die von einem Sharing-Anbieter stammen und bereits in der App als „leicht beschädigt“ markiert sind. Denn immerhin hat der Schorsch ein eigenes Smartphone, mit dem so was möglich ist.
Unser erster Halt ist ein Dönerladen namens „Ali’s Paradies“, eine zwielichtige Bude, die mehr neonfarbenes Licht als Hygienevorschriften kennt. Der Ali, der Besitzer, ist ein Hüne von einem Mann, dessen Hände so groß sind, dass er vermutlich eine ganze Gurke in einem Zug schälen könnte.
„Ali, alter Freund!“, rufe ich und bestelle sofort drei Döner. Die erste Bestellung erweist sich gleich als knifflig, weil ich einen Döner Dürüm mit allem und scharf will, der Hape aber lieber die klassische Sandwich-Version (aber ohne Rotkohl) und der Schorsch den Döner à la Turka „mit bisschen scharf“. Während wir auf unsere Bestellung warten, sitzen wir draußen in der Gasse auf einer wackeligen Bank und diskutieren über die großen Fragen des Lebens. Zum Beispiel: „Ist eine Gurke wirklich eine Frucht, oder wird uns da etwas vorgemacht?“
Als die drei Döner kommen, wird es still. Jeder nimmt einen Bissen. Dann noch einen. Schließlich sehen wir uns an.
„Schlecht ist er nicht“, sagt der Schorsch und wischt sich die Soße vom Kinn. „Aber das Brot… es fehlt das gewisse Etwas.“
Der Hape nickt zustimmend. „Ja, es hat nicht diesen… na, diesen Biss. Und die Soße könnte mehr Kick haben.“
Ich schließe die Augen, als würde ich tief in mich gehen, um eine alte Weisheit hervorzuholen. Was natürlich Quatsch ist. In Wahrheit genieße ich nur kurz, dass gerade nichts eskaliert. Aber so was schreibt der Autor nicht. Der will Pathos. Der Depp. „Der Döner ist gut, aber nicht perfekt. Weiter geht’s.“
Und so fahren wir weiter, von einem Dönerladen zum nächsten, jeder skurriler als der vorherige. Es gibt „Kebab König“, der angeblich das Fleisch von handverlesenen Ziegen aus den Alpen verwendet, und „Doner XL“, wo man den Döner nur mit einer speziellen Unterschrift und einer Haftungsausschluss-Erklärung bekommt.
Die Stunden vergehen, und unsere Bäuche werden immer voller und schwerer, da helfen die vielen schwarzen Tees auch nix. Schließlich kommen wir bei „Süleyman’s Geheimtipp“ an, einem kleinen Laden, der so versteckt liegt, dass man ihn nur findet, wenn man genau weiß, wonach man sucht. Der Laden sieht aus, als würde er von einem ambitionierten Dachdecker betrieben, der nach Feierabend Döner macht.
„Ich hab ein gutes Gefühl bei diesem hier“, nuschle ich, während wir eintreten.
Kaum bestellen wir unsere üblichen Döner-Variationen, da betreten zwei stämmige Damen vom Ordnungsamt den Dönerladen. Sie tragen ernste Mienen zur Schau, geprägt von jahrelanger Verachtung für Unordnung und Regelbrüche in unordentlichen Gassen.
„Ordnungsamt!“, ruft eine der Damen. „Zeigen Sie uns sofort Ihre Betriebserlaubnis!“
Der Süleyman, ein kleiner Mann mit einem zu großen Schnurrbart, starrt sie an, als hätten sie ihn nach der Quadratwurzel von 923 gefragt. „Betriebserlaubnis? Ich dachte, das ist ein Hobby.“
Die Damen sehen sich um und entdecken uns drei Antihelden, die augenblicklich versuchen, möglichst unauffällig zu sein, was uns naturgemäß nicht gelingt. „Und was machen Sie hier?“, fragt die zweite Dame, die eine Sonnenbrille trägt, obwohl wir uns im Inneren des Dönerladens befinden. Skurril.
„Äh, wir testen nur den Döner“, sagt der Hape und versucht, die Ernsthaftigkeit der Situation herunterzuspielen.
„Testen? Ohne Genehmigung?“, fragt die Dame, und in ihrer Stimme liegt dieser leise Anklang von Ärger.
„Natürlich haben wir – ähm – eine Genehmigung!“, rufe ich, in der Hoffnung, dass meine Dreistigkeit sie beeindruckt. „Hier, bitte schön!“ Ich halte meinen alten Büchereiausweis hoch, den ich aus meiner Jackentasche ziehe.[2]
Die beiden Ordnungsamt-Damen schauen sich an, dann lachen sie laut. „Genehmigung! Das ist ja köstlich! Wissen Sie was? Weil wir heute gute Laune haben, lassen wir Sie einfach weiterziehen. Aber wehe, wir sehen Sie nochmal ohne Genehmigung Döner testen!“
Wir bedanken uns übertrieben höflich und machen uns schnell aus dem Staub. Erst als wir wieder auf unseren Fahrzeugen sind und eine gute Strecke zurücklegen, fange ich laut an zu lachen. „Das hätte auch anders ausgehen können! Aber dieser Döner… der ist es wert.“
„Ja“, stimmt der Schorsch widerwillig zu. „Er ist gut. Vielleicht zu gut.“
Wir kehren zurück zum „Imbiss ums Eck“ und stellen uns an unseren Lieblingsstammstehtisch. „Und jetzt?“, fragt der Hape.
„Jetzt“, sagt der Schorsch und beißt in eine frische Currywurst, die er eben noch brutzelt, „jetzt wissen wir, dass der beste Döner derjenige ist, den man in guter Gesellschaft isst. Aber das heißt noch lange nicht, dass er besser ist als meine Currywurst!“
Ich grinse. „Vielleicht ist die wahre Lektion dieses Abenteuers, dass es keinen perfekten Döner gibt. Nur perfekte Momente.“ Den Hape erwischt eiskalt so ein seltsames Gefühl, dass wir seit einiger Zeit so etwas wie sinnstiftende Abenteuer erleben, deren Lehren aber auch aus Kaugummiautomaten oder Glückskeksen stammen könnten. So kitschig und klischeehaft wird das Ganze gerade.
Und während wir in die Nacht schauen und die leuchtenden Lichter der Stadt betrachten, wissen wir, dass es ein Abenteuer ist, an das wir uns lange erinnern. Vor allem aber wissen wir, dass wir immer einen Platz in Schorschs Imbiss ums Eck haben, wo wir nicht nur gutes Essen, sondern auch gute Freunde finden…
Und dass ich morgen wieder irgendwohin geschickt werde, weil der Autor es lustig findet, mich als literarischen Fußabtreter zu benutzen. Herzlichen Glückwunsch, du Depp…
ENDE
[1] Der Schorsch ist zeitlebens nicht wirklich zufrieden mit dem Namen seines Imbisses. Er würde ihn eigentlich immer schon gerne in „zur Knusperbude“ umbenennen. Leider bringt er sich in den entscheidenden Momenten nie wirklich dazu, geschweige denn rafft er sich auf.
[2] Ich, der Hanswurst, bin zeitlebens ein treuer Besucher der hiesigen städtischen öffentlichen Bücherei. Ich lungere gern in der Bücherei herum. Ich mag es, wie die Büchereiangestellten still Bücher in Regale einsortieren oder andere Besucher stets ermahnen, sich möglichst still zu verhalten. Damit habe ich sowieso wenig Probleme, weil ich sehr gut schweigen kann. In der Bücherei liebe ich es aber auch, in der Abteilung der alten Werke und Folianten in die Welt der Mythen, der Alchemie und Geheimgesellschaften abzutauchen. Irgendwie kann ich mich für so angestaubtes und weltfremdes Gedöns begeistern. Auch machen mir Verschwörungstheorien sehr viel Freude.