
Zwischen den Jahren läuft das Radio im Imbiss ums Eck. Es rauscht, knistert und findet plötzlich eine Frequenz, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Und dann meldet sich einer, der lange genug überhört wurde: der Josef.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Michael Elze
Worum geht’s?
Zwischen den Jahren steht der Hanswurst wie so oft am Lieblingsstehstammtisch im Imbiss ums Eck. Der Himmel hängt tief, der Schorsch schlägt mit der Zange gegen den Grill, der Hape schaut in sein Skizzenbuch, und das alte Radio rauscht vor sich hin.
Dann kommt eine Stimme durch. Nicht irgendeine. Josef. Der Josef. Der Mann am Rand der großen Geschichte. Der mit dem Holz, der Werkstatt, dem Esel, der berühmten Familie und dem Gefühl, in der eigenen Erzählung immer nur als Hintergrundfigur aufzutauchen.
Die Geschichte lesen
Zwischen den Jahren ist die Stadt am ehrlichsten. Da tut sie nicht so, als wäre gleich alles besser. Da hängt der Himmel tief, die Gehwege glänzen nass, und selbst die Ampeln wirken, als würden sie kurz überlegen, ob sie heute wirklich noch umschalten müssen.
Ich stehe im Imbiss ums Eck an meinem Lieblingsstehstammtisch. Der Tisch hat schon bessere Tage gesehen, aber er steht. Immer noch. Das reicht. Ich, der Hanswurst, stehe ja auch. Meistens jedenfalls. Und wenn ich ehrlich bin: Ich stehe oft nur, weil irgendwer mich hier hinstellt. Der Autor zum Beispiel. Der schiebt mich gern in Räume, in denen Fett in der Luft liegt und Männer über Dinge reden, die sie sonst nicht anfassen würden. Gefühle. Verantwortung. Gott.
Der Schorsch steht hinterm Grill und macht dieses Geräusch, wenn er mit der Zange gegen den Rost schlägt. Das ist sein Geräusch für: Redet nicht so viel. Stille ist auch schön.
Der Hape lungert am Stehtisch rum wie immer. Ganz so, als würde er nur kurz bleiben und dann doch wieder den ganzen Abend. Er hat ein Bier vor sich und schaut in sein Skizzenbuch. Er schaut aber nicht wirklich. Vielmehr hält er das Buch wie einen Schutzschild.
„Zwischen den Jahren“, sagt der Hape. „Das ist die Zeit, in der man merkt, dass man sein Leben auch einfach so lassen könnte. Ohne Vorsätze.“
„Vorsätze sind was für Leute mit angestaubten Fitnessstudio-Verträgen“, sage ich.
Der Schorsch schnaubt. „Vorsätze sind was für Leute mit Zeit.“
Es läuft Radio. Das alte Ding steht auf dem Regal neben den Servietten und dem Senf. Es ist ein Radio aus einer Zeit, in der Technik nicht so tat, als wäre sie dein Freund. Es ist einfach da. Es brummt. Es rauscht. Es bringt Fußball und Verkehr und manchmal eine Stimme, die so klingt, als wäre sie schon müde geboren worden.
Heute ist das Radio besonders nervös. Es knistert, als würde jemand mit trockenen Händen in einem Teppich graben.
„Mach aus“, sagt der Schorsch.
„Kannst du selber“, sage ich.
Der Schorsch sagt nichts, weil der Schorsch das Prinzip „Nichts sagen“ perfektioniert hat. Früher war er Seelsorger bei der Armee. Da lernst du, wie man schweigt, ohne dass es freundlich wirkt.
Der Hape tippt auf den Knopf und dreht. Musik. Rauschen. Eine Frauenstimme, die irgendwas über Resturlaub sagt. Dann wieder Rauschen.
Und dann kommt eine Stimme, die nicht hierher passt.
Nicht vom Klang. Der ist normal. Rau, wie Holz, das man zu oft angefasst hat. Aber von der Art. Die Stimme redet, als hätte sie lange gewartet, dass endlich jemand mal zuhört.
„…wenn das jemand hört: Ich brauche ein Wort.“
Der Hape hält inne. Der Schorsch hält inne. Ich halte meine Currywurst kurz wie eine Zigarette, die man nicht anzünden will.
„Hallo?“, sagt der Hape in Richtung Radio, als wäre das eine Zoom-Konferenz.
Die Stimme atmet einmal. Dann sagt sie:
„Ich bin der Josef.“
Der Schorsch lacht einmal kurz. Dieses Motor-Geräusch. „Ah. Und ich bin der Kaiser von China.“
„Nicht der Kaiser“, sagt die Stimme. „Der Josef. Der, der immer mit dem Esel verwechselt wird. Der mit dem Holz. Der Mann am Rand.“
Der Hape blinzelt. Der Hape liebt Kunst, Trends, Hypes. Aber wenn etwas zu echt wird, ist er kurz vorsichtig.
„Wer macht da Witze?“, fragt er.
„Keiner“, sagt die Stimme. „Ich mach keine Witze. Ich hab nie Witze gemacht. Ich hab Nägel eingeschlagen. Ich hab Türen gebaut. Ich hab einen Jungen großgezogen, der nicht meiner war und dann so getan, als wäre das nichts Besonderes.“
Ich merke, wie in mir was aufsteht. Nicht religiös. Eher so ein altes Männerding. Dieses: Aua, aber man sagt nichts.
„Wie…“, sage ich, und hasse mich sofort dafür, weil ich wieder mal der Erste bin, der in sowas reinredet. „Wie kommst du ins Radio?“
„Zwischen den Jahren“, sagt der Josef. „Da sind die Übergänge dünn. Da fällt alles durch, was sonst in den Textlücken steckt.“
Der Schorsch macht einen Schritt ans Regal, als wollte er dem Radio eine runterhauen. Er lässt es. Der Schorsch schlägt selten. Er droht lieber.
„Was willst du?“, fragt er.
„Dass jemand aufhört, mich zu vergessen“, sagt der Josef. „Dass jemand mal fragt: Wie hält man das aus?“
Der Hape setzt sich gerader hin. „Wovon reden wir genau?“
„Von dem Ding“, sagt der Josef. „Von der unbefleckten Sache. Von der Geschichte, in der alle wissen, wie sie zu fühlen haben, nur ich nicht. Die Frau erzählt überall: Ein Engel war’s. Alle nicken. Die Nachbarn nicken. Die Schafe nicken. Der Esel kriegt mehr Text als ich.“
Ich starre aufs Radio, als könnte ich da ein Gesicht sehen. Der Hape schaut auch.
„Kratzt das an deiner…“, setze ich an.
„Sag’s ruhig“, sagt der Josef. „Männlichkeit. Ich kenn das Wort nicht. Ich kenn nur: Holz ist Holz. Ein Haus steht oder es steht nicht. Und ich stehe da und soll sagen: Ja. Wunderbar. Gott hat das gemacht. Und ich soll gleichzeitig so tun, als hätte ich nicht gefragt, ob ich jetzt der Dumme bin.“
Der Hape atmet aus. „Das ist…“
„Das ist menschlich“, sage ich.
„Und dann?“, fragt der Hape. „Nach der Geburt. Nach dem ganzen Engeltheater.“
„Dann kommt der Alltag“, sagt der Josef. „Windeln. Fieber. Das erste Mal, dass das Kind hinfällt. Das erste Mal, dass es mich ansieht, als wäre ich die Wand, gegen die es sich lehnt. Das ist die Rolle. Die Wand.“
Der Hape grinst kurz. „Wand. Das gefällt mir. Als Motiv.“
„Halt’s Maul“, sagt der Schorsch.
Ich nehme einen Bissen Currywurst. Die Soße ist heute scharf. Nicht brutal. Eher so, dass sie dich kurz daran erinnert, dass du einen Körper hast und nicht nur ein Programm aus Gewohnheiten.
„Und was ist mit diesen dreißig Jahren?“, frage ich. „Zwischen Stall und Wunderzirkus.“
Der Josef lacht nicht. Er sagt nur: „Arbeit.“
Dann sagt er, fast ruhig: „Ich hab ihm beigebracht, wie man eine Latte hält, ohne dass sie bricht. Ich hab ihm beigebracht, dass man an einer Tür misst, bevor man sägt. Ich hab ihm beigebracht, dass du nicht alles mit Kraft lösen kannst. Manches löst du mit Geduld. Manches gar nicht.“
Der Hape starrt auf sein Bier, als wäre da jetzt ein kleiner Jesus drin, der ihm Vorwürfe macht.
„Und dann wird er bekannt“, sage ich. „Er sammelt Leute. Er macht Wunder. Er kriegt Fame.“
Die Stimme wird kurz dünn. Nicht traurig. Eher müde.
„Fame“, sagt der Josef. „Dieses Wort hätt ich gebraucht. Bei uns hieß das: Gerücht. Auf einmal reden alle. Auf einmal kommen Männer, die sagen, sie hätten alles verstanden, und ich denk mir: Ihr wart nicht da, als er nachts geschrien hat. Ihr wart nicht da, als wir kein Geld hatten. Ihr wart nicht da, als ich mich gefragt hab, ob ich nur ein Statist bin.“
Der Schorsch wischt sich die Hände am Lappen ab. Er macht das zu hart. Der Lappen hat keine Schuld.
„Und warst du stolz?“, frage ich.
Es knackt im Radio. Dann sagt der Josef:
„Stolz ist so ein Wort. Stolz ist oft nur Eitelkeit in Sonntagskleidung. Ich war… erleichtert, dass er seinen Weg findet. Und ich war wütend, weil sein Weg mich ausradiert.“
Der Hape nickt langsam. Der Hape hat auch diese Angst. Dass er irgendwann „der Künstler“ ist, aber keiner erinnert sich, wer er war, als er noch keiner war.
„Und Maria?“, frage ich. „Hat sie dich benutzt?“
Der Josef atmet. Lange.
„Maria hat geglaubt“, sagt er. „Und Glauben ist manchmal ein Messer. Man hält es falsch, man schneidet die, die man liebt. Sie hat nicht gesagt: Josef, ich hab Angst. Sie hat gesagt: Josef, das ist jetzt so. Und dann war ich der Mann, der das aushält, damit die Geschichte funktioniert.“
Ich muss lachen, weil ich das so gut kenne, dass es weh tut. Der Hanswurst lacht über seine eigene Statistenrolle. Der Autor lacht wahrscheinlich auch. Der Autor, diese Arschgeige, lacht gern, wenn es existenziell wird. Das ist seine Art, nicht zugeben zu müssen, dass er gerade selber was fühlt.
„Willkommen im Club“, sage ich zum Radio.
„Welcher Club?“, fragt der Josef.
„Der Club der Figuren, die den Laden am Laufen halten, während andere die Plakate kriegen“, sage ich.
Der Hape hebt den Finger. „Moment. Das ist Kunst.“
„Das ist das Leben“, sagt der Schorsch.
Das Radio knistert wieder. Dann sagt der Josef:
„Ihr habt wenigstens Bier.“
„Das stimmt“, sage ich.
Ich schiebe mein Bier einen Zentimeter Richtung Radio, als könnte die Stimme trinken. Der Hape macht das auch. Der Schorsch verdreht die Augen, aber er stellt ein kleines Glas Wasser daneben. Der Schorsch ist eben fair. Mürrisch fair.
„Josef“, sagt der Hape. „Warum meldest du dich jetzt? Zweitausend Jahre später.“
„Weil ich merke, wie ihr heute über Väter redet“, sagt der Josef. „Ihr tut so, als wäre Vatersein entweder ein Heldending oder ein Problem. Als wäre es entweder ‚mein Blut‘ oder ‚nicht mein Blut‘. Aber es gibt noch was anderes. Es gibt: bleiben.“
Der Schorsch sagt leise: „Bleiben ist schwer.“
Der Hape schaut rüber. „Das sagst du?“
„Ich bleib im Imbiss“, sagt der Schorsch. „Seit Jahren. Ich bleib, obwohl ich oft gehen will.“
Ich sehe ihn an. Das klingt fast wie ein Geständnis. Der Schorsch hasst Geständnisse. Er macht sie nur, wenn er nicht merkt, dass es welche sind.
„Und was ist dein Problem?“, frage ich den Josef. „Du bist doch geblieben. Du hast doch gemacht.“
Die Stimme wird härter. „Mein Problem ist, dass ich in der Erzählung nicht vorkomme. Ich bin der Mann, der alles trägt und am Ende nicht mal auf der Bühne stirbt. Ich verschwinde einfach. Als hätte ich keine Zeit verdient.“
„Hey“, sage ich. „Wenn du willst, geb ich dir Seiten. Ich kann mit dem Autor reden. Vielleicht.“
„Du kannst nicht mit dem Autor reden“, sagt der Schorsch.
„Doch“, sage ich. „Ich rede ständig mit dem Autor. Ich beleidige ihn sogar. Er lässt es drin, weil er denkt, das sei Literatur.“
Das Radio rauscht kurz, als würde jemand lachen, aber es ist nicht klar, ob das der Josef ist oder nur die Frequenz.
Dann passiert was, womit ich nicht rechne.
Die Stimme sagt:
„Hanswurst.“
Ich zucke zusammen. Ich heiße nicht Hanswurst. Also: Ich heiße schon Hanswurst, aber das ist mein Name in dieser Welt. Und wenn jemand mich so sagt, als wäre das normal, wird es komisch.
„Woher weißt du…“, beginne ich.
„Ich höre eure Wurst- und Durstgeschichten“, sagt der Josef. „Ich stecke ja dazwischen. Zwischen den Absätzen. Zwischen den Jahren. Ich höre, wie ihr euch durchs Leben schiebt. Ich höre dich.“
Der Hape schaut mich an. Sein Blick sagt: Das ist jetzt nicht mehr nur ein Gag.
Der Schorsch zieht an seiner Zigarette. Er zieht zu tief. Er hustet nicht. Er lässt es im Hals stehen.
„Was willst du von mir?“, frage ich.
„Ich will, dass du mir hilfst“, sagt der Josef. „Nicht als Heiliger. Als Handwerker. Du warst doch mal Metzger. Du kennst das mit dem Schneiden. Mit dem Teilen. Mit dem, was übrigbleibt.“
Das trifft mich, weil der Autor manchmal genau weiß, wo er mich packt. Metzgerlehre, triste Urlaube, Vater, Schweigen. Der Autor hat ein Regal mit meinen wunden Stellen und greift da rein, wenn ihm langweilig wird.
„Was soll ich tun?“, frage ich.
„Bau mir einen Platz in eurer Welt“, sagt der Josef. „Einen kleinen. Einen, wo ich nicht nur der Typ bin, der im Hintergrund steht.“
Der Hape schiebt mir sein Skizzenbuch hin. „Wir könnten…“
„Wir könnten gar nichts“, sagt der Schorsch. „Wir sind ein Imbiss. Kein Museum.“
„Und trotzdem kommen alle hier her“, sage ich. „Weil es hier warm ist. Weil es hier nach Fett riecht. Weil man hier kurz nicht so tun muss.“
Ich schaue zum Radio. „Josef. Du kriegst deinen Platz. Aber du musst dafür auch was tun.“
„Ja. Und was?“, fragt die Stimme.
„Du musst ehrlich sein“, sage ich. „Sag, was du wirklich gefühlt hast. Nicht so fromm. Nicht so brav.“
Das Radio knackt, als würde etwas in Holz beißen.
Dann sagt der Josef, sehr leise:
„Ich hab ihn manchmal gehasst.“
Der Hape hält den Stift an. Der Schorsch hört auf zu kauen. Ich spüre, wie es im Raum dichter wird.
„Weil er ein Wunder war?“, frage ich.
„Weil er mir gezeigt hat, wie klein ich bin“, sagt der Josef. „Nicht absichtlich. Er war ein Kind. Aber alle um uns herum haben mir das Gefühl gegeben: Du bist nur das Gerüst. Und keiner klatscht für ein Gerüst.“
Der Schorsch nickt fast unmerklich. Der Schorsch kennt das. Er ist das Gerüst für unsere Lottertage.
„Und dann?“, frage ich.
„Dann hab ich ihn wieder geliebt“, sagt der Josef. „Weil Liebe nicht sauber ist. Liebe ist eine Werkstatt. Überall Späne. Überall Splitter. Man steht drin und macht weiter.“
Der Hape wischt sich über die Augen, als hätte er Staub abbekommen. Er tut so, als wäre es das Licht.
Und dann kommt der Twist. Nicht groß angekündigt. Einfach da. So wie es im Leben ist, wenn es dich trifft.
Das Radio rauscht. Die Frequenz springt. Und plötzlich ist da eine andere Stimme. Eine bekannte.
„Test. Test. Hört man mich?“
Der Schorsch zuckt zusammen. „Was ist das jetzt?“
Ich kenne die Stimme. Ich kenne sie aus der Tristessa. Von späten Abenden. Von Menschen, die zu viel wissen, weil sie immer da sind.
„Der Josh?“, sagt der Hape.
„…ich brauch kurz die Leitung“, sagt die Stimme im Radio. „Der Josef blockiert hier seit Jahrhunderten den Kanal. Der glaubt, nur weil er ‘ne biblische Nebenrolle hat, gehört ihm der Äther.“
„Was zum…“, sage ich.
Der Schorsch starrt das Radio an, als wäre es jetzt offiziell kaputt.
„Hanswurst“, sagt die Stimme, „hör zu. Der Josef ist nicht hier, weil er nur reden will. Der Josef ist hier, weil er was abgeben will.“
„Was abgeben?“, frage ich.
„Seine Rolle“, sagt der Josh. „Oder das, was davon übrig ist. Und weißt du, wer die abkriegt?“
Das Radio knistert. Und dann ist der Josef wieder da. Sehr klar.
„Du“, sagt der Josef. „Du kriegst sie. Weil du es verstehst. Weil du weißt, wie es ist, wenn man in einer Geschichte steckt und die anderen immer wichtiger sind.“
Mir wird kalt. Und das ist hier im Imbiss ums Eck selten.
„Moment“, sage ich. „Ich will keine…“
„Doch“, sagt der Josef. „Du hast längst. Du bist der, der bleibt. Du bist der, der aushält, dass andere glänzen. Du bist der, der hinterher die Stühle hochstellt, während die Jünger schon weiterziehen.“
Der Hape flüstert: „Das ist krass.“
Der Schorsch sagt: „Das ist Quatsch.“
Aber er klingt nicht überzeugt.
„Josef“, sage ich. „Ich bin nicht du.“
„Nein“, sagt der Josef. „Aber du bist verwandt im Gefühl.“
Das Radio rauscht wieder. Der Josef wird leiser.
„Ich wollte nur, dass jemand sagt: Ich sehe dich“, sagt er. „Und ich wollte, dass jemand versteht: Vater sein heißt nicht, der Ursprung zu sein. Vater sein heißt, die Hand zu sein, die dableibt, wenn es schwierig wird.“
Dann kommt noch ein Satz. Ein letzter. Der sitzt wie ein Nagel.
„Und Maria…“, sagt der Josef. „Maria hat mich nicht benutzt. Die Geschichte hat mich benutzt.“
Stille.
Das Radio brummt. Dann spielt es plötzlich einen alten Song, den hier keiner hören will. Irgendwas mit „Neues Jahr, neues Glück“. Der Schorsch dreht es aus.
Wir stehen da. Bier halbvoll. Currywurst halbwegs erledigt. Und dieser Raum wirkt kurz größer, als er ist.
Der Hape klappt sein Skizzenbuch zu. „Ich mach daraus keine Kunst“, sagt er.
Ich sehe den Schorsch an. „Hast du das gehört?“
„Ich hab gehört, dass das Radio spinnt“, sagt der Schorsch.
„Du hast mehr gehört“, sage ich.
Der Schorsch schaut kurz weg. Dann sagt er: „Vielleicht.“
Ich nicke. Mehr geht nicht.
Draußen zieht der Wind durch die Straße. Zwischen den Jahren ist nichts fest. Nicht mal Geschichten.
Und ich, der Hanswurst, merke: Der Autor wird mich damit nicht in Ruhe lassen. Der Autor wird jetzt wollen, dass ich „wachse“. Ich hasse das. Wachstum tut weh. Es ist wie neue Schuhe.
Ich nehme mein Bier, trinke den Rest und sage in Richtung ausgeschaltetes Radio:
„Josef. Wenn du nochmal durchkommst: Du hast jetzt einen Platz. Hier. Am Stehtisch. Zwischen Fettgeruch und Männern, die zu wenig reden.“
Der Schorsch stellt mir wortlos ein neues Bier hin.
Der Hape sagt leise: „Bleiben ist echt Arbeit.“
Ich sage: „Ja. Prost“
ENDE