
Ein ruhiger Tag im Imbiss ums Eck. Der Hanswurst kaut auf einer Pommes herum, der Hape verlangt nach Bewegung, und der Schorsch sagt ausgerechnet das Wort, das niemand erwartet: Hobby-Horsing.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Katharina Biebl
Worum geht’s?
Der Hape findet, dass der Hanswurst und er mehr Bewegung brauchen. Der Hanswurst findet, dass Bewegung grundsätzlich überschätzt wird, sofern sie nicht mit einer Bierflasche Richtung Mund zu tun hat.
Also wird erst einmal über mögliche neue Sportarten nachgedacht: Wurstringen, Bierdosen-Boccia, Pfandflaschenweitwurf. Alles schwierig. Zu fettig, zu gefährlich, zu verhaftungswahrscheinlich.
Dann schlägt der Schorsch Hobby-Horsing vor. Und obwohl der Hanswurst das zunächst für den größten Unsinn der Welt hält, steht der Hape am nächsten Tag mit zwei selbstgebastelten Steckenpferden vor seiner Tür.
Die Geschichte lesen
Ich stehe an meinem Lieblingsstehstammtisch im Imbiss ums Eck. Also ich, der Hanswurst. Und neben mir der Hape. Und hinterm Tresen der Schorsch, der aussieht, als würde er einen besonders schwierigen mathematischen Beweis lösen, dabei zählt er nur die Wechselgeldmünzen nach.
„Wir brauchen Bewegung“, sagt der Hape plötzlich.
Ich kaue auf einer Pommes rum und versuche, das zu ignorieren. Bewegung ist ein Wort, das mir grundsätzlich suspekt ist, außer es hat mit einer Bierflasche Richtung meines Mundes zu tun.
„Richtig Sport machen“, fügt der Hape hinzu.
„Sport ist Mord“, sage ich. „Steht so in den alten Schriften.“
„Du hast doch noch nie ein altes Schriftstück gelesen“, sagt der Schorsch, ohne von seiner Kassenabrechnung aufzublicken.
„Stimmt“, sage ich. „Aber du kannst mir nicht weismachen, dass irgendwo in irgendeiner Pergamentrolle nicht steht, dass man lieber sitzen und Bier trinken soll, als sich komisch zu bewegen.“
Der Hape seufzt. „Wir könnten eine neue Sportart erfinden.“
Und genau hier spüre ich es wieder. Diese seltsame Kraft, die mich in eine Richtung drängt, in die ich freiwillig nicht gehen würde. Ich hätte jetzt nämlich ganz normal mein Bier getrunken, vielleicht noch eine zweite Currywurst bestellt und über irgendwas Belangloses philosophiert. Aber nein, der Autor – ja, ich weiß, dass ich in einer Geschichte existiere, ich bin ja nicht blöd – hat anscheinend entschieden, dass ich heute kreativ werde. So eine Arschgeige.
Aber gut, dann spiele ich halt mit.
„Wurstringen“, sage ich.
„Zu fettig“, sagt der Hape.
„Bierdosen-Boccia.“
„Unfallversicherungstechnisch schwierig.“
„Pfandflaschenweitwurf?“
„Verhaftungswahrscheinlichkeit hoch.“
Der Hape trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. Der Schorsch zieht an seiner Zigarette, dann schnauft er durch die Nase, so, wie er immer schnauft, wenn er eine der seltenen Gelegenheiten hat, uns mit einem einzigen Satz gleichzeitig zu erniedrigen und zu erleuchten.
„Warum fangt ihr nicht einfach mit Hobby-Horsing an?“
Und hier, genau hier, hätte ich am liebsten die Geschichte beendet. Also, wenn ich das selbst entscheiden könnte. Weil mal ehrlich: Hobby-Horsing?
Aber ich kann halt nichts entscheiden. Ich bin ja nur der Hanswurst.
„Hobby-was?“ frage ich, wohl wissend, dass die Geschichte hier ihren Lauf nimmt, ob ich will oder nicht.
„Hobby-Horsing“, wiederholt der Schorsch.
„Kenn ich“, sagt der Hape. „So ’ne TikTok-Nummer. Die galoppieren mit so Holzpferdchen rum und tun so, als wären sie Springreiter.“
Ich lache. Ich lache besonders laut, weil das hier mein stiller Protest ist.
Aber dann.
Der Fehler ist, dass der Hape nicht locker lässt.
Am nächsten Tag steht er mit zwei selbstgebastelten Steckenpferden vor meiner Tür.
Und hier mal eine Klarstellung: Ich hätte natürlich die Tür nicht geöffnet. Ich hätte mich einfach totgestellt. Oder so getan, als hätte ich einen wichtigen Termin, irgendwas mit Steuerberatung oder einem Krampf im Fuß.
Aber ihr wisst ja, wie es läuft. Der Autor hat andere Pläne. Arschgeige, sag ich doch. Also öffne ich die Tür.
Das eine Steckenpferd hat eine lustige Plüschmähne, das andere hat einen Aufkleber mit einem Flammenmuster. Ich will mich drüber lustig machen, aber dann fällt mir auf: das Flammenmuster ist … cool.
„Nur ein Versuch“, sagt der Hape. „Ein einziges Mal ausprobieren. Danach können wir aufhören.“
Ja, klar. Ich kenne diesen Trick. Genau so bin ich damals bei meiner ersten Currywurst gelandet. Und bei meinem ersten Bier.
Und so kommt es, dass wir, zwei erwachsene Männer, auf einem Parkplatz hinterm Imbiss ums Eck anfangen, über imaginäre Hindernisse zu springen.
Und, verdammt nochmal, es macht Spaß.
Und genau das ärgert mich.
Der Brezel-Peter kommt zufällig vorbei. Guckt uns zu. Macht ein Video mit seinem Handy. Dann sagt er den verhängnisvollen Satz: „Ich will auch mal.“
Ich weiß jetzt schon, dass das hier aus dem Ruder läuft.
Am nächsten Tag haben wir vier Mitstreiter.
Der Getränke-Manni, die Jaqueline, der Murat vom Kiosk und der Hopfen-Hugo.
Wir basteln Hindernisse aus Bierkisten und Besenstielen.
Wir üben unsere Gangarten.
Wir geben unseren Steckenpferden Namen. Meins heißt „Hengstfried“.
Und als der Schorsch sich dann doch selbst eines schnappt und ruft: „Leute, ich mach jetzt das Erste Hobby-Horsing-Turnier vom Imbiss ums Eck!“, ist klar, dass der Wahnsinn nicht mehr aufzuhalten ist.
Am Samstagabend stehen wir alle vor dem Imbiss. Ich trage ein eigens angefertigtes Bandana für Hengstfried. Die Jaqueline hat uns mit Stirnbändern ausgestattet, auf denen „Galopp oder geh heim“ steht.
Der Schorsch hat mit Kreide eine Rennbahn auf die Straße gemalt.
Es ist absurd.
Es ist würdevoll.
Es ist unser größter Moment.
Der Hopfen-Hugo stürzt beim ersten Sprung und bleibt einfach liegen.
Der Brezel-Peter gewinnt durch eine kreative Abkürzung durchs Gebüsch.
Ich werde Zweiter, weil ich am Ende über meine eigenen Füße stolpere.
Der Hape strahlt, weil er in einer Welt voller Unsinn endlich eine Sportart gefunden hat, die ihn glücklich macht.
Und der Schorsch?
Der Schorsch stellt sich hinter den Grill, zieht an seiner Zigarette und sagt:
„Das ist der größte Scheiß, den ich je gesehen habe.“
Dann verteilt er Freibier.
Und damit, meine Damen und Herren, ist das Hobby-Horsing offiziell Teil des Imbiss ums Eck geworden.
Ich hätte das anders geplant.
Aber naja. Ich bin halt nur der Hanswurst…
Ende