Zwei Männer im Imbiss, die eine Musikkassette mit einem Stift zurückspulen.

Ein alter Kassettenrecorder, eine Kassette ohne Beschriftung und der Hape mit diesem gefährlichen Blick, der sagt: Ich habe etwas gefunden, und es wird entweder Kunst oder Katastrophe. Meistens beides.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Jan Schreiber

Worum geht’s?

Der Hape kommt mit einer Plastiktüte in den Imbiss ums Eck. Darin: ein alter Kassettenrecorder, kantig, grau, verdächtig. Auf dem Gerät klebt ein Sticker: „Nicht anfassen“. Also genau die Art Hinweis, die in einer Wurst- und Durstgeschichte zuverlässig ignoriert wird.

Im Recorder steckt eine Kassette. Kein normales Band, behauptet der Hape. Und als er sie mit einem Kugelschreiber zurückdreht, passiert das Unmögliche: Die Zeit läuft ein Stück rückwärts. Rauch kriecht zurück in die Zigarette. Das Bier wird voller. Eine Pommes liegt plötzlich wieder in der Schale.

Am Anfang wirkt das wie ein albernes Wunder. Dann wie eine praktische Lösung. Und schließlich wie eine richtig schlechte Idee.

Die Geschichte lesen

Der Abend ist so ein klassischer Imbiss-Abend, wo die Luft nach Fett, Pfeffer und einer Spur Bier riecht. Draußen drückt der Regen wie ein schlecht gelaunter Hausmeister gegen die Scheibe, drinnen brummt das alte Neonlicht, als hätte es seit 1983 keine Lust mehr zu leuchten, aber es macht halt trotzdem weiter. Der „Imbiss ums Eck“ sieht sowieso aus, als hätte irgendwer die Zeit angehalten und dann den Schlüssel weggeworfen. Interieur: frühe Achtziger. Stimmung: späte Resignation mit Senf.

Ich stehe an meinem Lieblingsstammstehtisch und tue so, als wäre ich nicht aus Pappe und Text. Was natürlich Quatsch ist, weil ich genau weiß, dass ich aus Pappe und Text bin. Ich bin der Hanswurst. Ich bin eine Figur. Und irgendwo sitzt der Autor und tippt mich durch diesen Abend, als wäre ich sein persönlicher Aschenbecher. Ich sag’s, wie’s ist: Der Typ ist eine Arschgeige. Nicht wegen allem. Aber wegen genug.

Der Schorsch steht hinterm Grill, zieht an seiner Kippe und sieht aus, als würde er gleich entweder eine Currywurst wenden oder eine Beichte abnehmen. Er macht beides mit demselben Gesicht. Der Grill zischt. Die Würste liegen da wie kleine, überforderte Wurst-U-Boote.

„Bier?“ fragt der Schorsch.

„Bier“, sage ich.

Das ist unsere Liturgie.

Dann geht die Tür auf. Und schon an der Art, wie sie aufgeht, merke ich: Das wird heute kein normaler Abend.

Der Hape kommt rein. Der Hape hat eine Plastiktüte dabei, die so voll ist, dass sie knistert wie ein Geheimnis. Er guckt auch so. So: „Ich hab was, und es wird entweder genial oder sehr peinlich“.

„Ich hab was“, sagt der Hape.

„Ich seh’s“, sage ich. „Wenn das wieder Kunst ist, will ich diesmal aber vorher eine Sicherheitsbelehrung.“

Der Hape stellt die Tüte auf den Tresen und zieht etwas raus, das aussieht, als hätte es schon in meiner Metzgerlehre nicht mehr neu gewirkt. Ein Kassettenrecorder. So ein richtiger: kantig, grau, mit Tasten, die man drücken muss, nicht streicheln. Auf der Seite klebt noch ein Sticker: RADIO-SPORT 87. Und darunter, mit Edding: NICHT ANFASSEN.

„Woher?“ fragt der Schorsch, und ich merke, wie er gleichzeitig misstrauisch und nostalgisch wird. Das ist bei ihm dieselbe Mimik.

„Flohmarkt“, sagt der Hape. „Also quasi. Der Murat hat’s mir besorgt.“

Natürlich. Der Murat besorgt Dinge. Wenn du dem Murat sagst, du brauchst einen seltenen Schraubenzieher aus der DDR, der gleichzeitig ein Flaschenöffner ist und dir deine Steuererklärung macht, sagt der Murat: „Morgen.“

„Und?“ frage ich. „Was kann das Ding? Außer Bandsalat und schlechte Laune?“

Der Hape grinst. Und dieses Grinsen ist gefährlich, weil der Hape nicht so oft wie jemand grinst, der tatsächlich einen Plan hat.

„Zeit“, sagt der Hape.

„Zeit“, sage ich.

„Zeit zurück“, sagt der Hape.

Ich schnaube. „Zeit zurück ist nur dann gut, wenn’s um Bier geht, das zu schnell leer ist.“

Der Hape zieht eine Kassette aus der Jackentasche. Die Kassette sieht aus, als wäre sie nie in einem Laden gewesen. Kein Label. Kein Bandname. Nur eine kleine, dunkle Markierung in der Ecke. Wie ein Brandfleck. Aber scheinbar zu ordentlich.

„Die war im Recorder“, sagt der Hape. „Und hör zu: Da ist kein normales Band drin. Das Band ist… anders.“

„Das Band ist immer anders“, knurrt der Schorsch. „Wenn’s reißt, ist es anders. Wenn’s klebt, ist es anders. Wenn’s meinen Laden abbrennt, ist es besonders anders.“

Der Hape ignoriert das und legt die Kassette ein. Klack. Der Recorder schluckt sie, als hätte er Hunger.

„Und jetzt“, sagt der Hape, „mach ich das, was man früher gemacht hat, wenn man zu geizig für Batterien war.“

Er holt einen Kugelschreiber raus. So einen klassischen Werbekuli, wo draufsteht: Getränke-Manni – Wir liefern alles.

„Den hab ich vom Getränke-Manni“, sagt der Hape.

„Klar“, sage ich. „Wenn’s um technische Präzision geht, ist der Getränke-Manni immer erste Wahl.“

Der Hape steckt den Stift in das Zahnrad der Kassette. Genau da, wo früher jeder von uns schon mal dran rumgewrackt hat. Wegen Bandsalat. Na klar.

„Moment“, sage ich. „Du willst mir erzählen, wenn du das Band zurückdrehst…“

„…dreht sich auch die Zeit zurück“, sagt der Hape.

„Und ich dachte, der Autor kann nicht noch mehr eskalieren“, murmele ich, weil ich spüre, wie irgendwo eine Schreibhand kichert.

Der Schorsch lehnt sich vor. „Wenn das irgendein Quatsch ist und mein Grill explodiert, bring ich euch beide um. Einfach so.“

Der Hape setzt an. Dreht.

Am Anfang passiert nichts. Nur dieses leise, mechanische srrrt-srrrt, das man sofort im Bauch spürt, weil es einen zurückhaut in eine Zeit, in der man noch dachte, Musik wäre ein Gegenstand und nicht ein Abo.

Und dann passiert’s.

Der Rauch von der Kippe vom Schorsch macht plötzlich einen kleinen Knick in der Luft. Nicht nach oben: nach unten. Er rollt zurück in Richtung Glut, als hätte er es sich anders überlegt. Der Schorsch guckt auf seine Kippe, als wäre sie gerade aus der Kirche ausgetreten.

Das Bier auf meinem Tisch… das eben noch einen Schluck tiefer war, wird voller. Nicht dramatisch. Aber eindeutig.

Und ich merke, wie mein Satz von vorhin in meinem Kopf rückwärtsläuft. Wie wenn man bei einem Lied plötzlich weiß, wie die nächste Zeile geht, obwohl man’s eigentlich vergessen hatte.

„Halt“, sage ich.

Der Hape hält nicht. Der Hape dreht weiter.

Die Tür geht noch mal auf, aber nicht, weil jemand reinkommt. Sondern weil sie eben vor einer Minute aufgegangen ist, und jetzt geht sie wieder zu, in die falsche Richtung. Der Regen draußen springt ein Stück zurück. Und ich stehe plötzlich wieder so da wie vor einer Minute, mit dem gleichen Gedanken, dem gleichen leichten Hunger, der gleichen Ahnung: Heute passiert was, das ich später nicht glaubwürdig erzählen kann.

„Heilige…“ sagt der Schorsch. Er sagt nicht „Scheiße“. Wenn der Schorsch „heilige“ sagt, meint er aber „Scheiße“.

Der Hape lässt den Stift los.

Stille.

Dann, als würde die Welt kurz prüfen, ob sie das wirklich mitmacht, läuft alles wieder normal.

Der Hape guckt mich an. Der Hape ist blass und glücklich. Eine Mischung, die sonst nur Leute haben, die beim Arzt „nichts gefunden“ hören, aber trotzdem sterben wollen.

„Habt ihr’s gemerkt?“ fragt der Hape und lacht kurz und nervös.

Der Schorsch tippt mit der Grillzange gegen den Tresen. „Ihr macht das nie wieder.“

„Doch“, sagt der Hape sofort.

„Doch“, wiederhole ich, und ich hasse mich dafür, weil ich genau weiß: Der Autor will’s. Der Autor sitzt da und denkt: Geil. Jetzt drehen wir richtig am Rad. Arschgeige, wie gesagt.

Wir testen’s klein. Erst so Kleinkram, der keinem weh tut. Der Hape dreht fünf Sekunden zurück, und plötzlich liegt eine Pommes wieder in der Schale, die ich gerade gegessen habe. Ich guck die Pommes an, als hätte sie mich beleidigt.

„Das ist unnatürlich“, sage ich.

„Das ist effizient“, sagt der Hape.

Dann wird’s größer. Weil wir so sind. Weil Menschen und Figuren mit Macht nicht umgehen können. Wir können nicht mal mit einer Ketchupflasche umgehen, ohne dass irgendwann das T-Shirt aussieht wie ein Tatort.

Der Hape sagt: „Pass auf. Wir machen was Gutes.“

Ich sage: „Wenn du „gut“ sagst, endet das meistens im Gegenteil.“

„Wir drehen zurück, wenn was Schlimmes passiert“, sagt der Hape. „So als… Sicherheitsnetz.“

Und dann kommt der Moment, in dem der Abend kippt. Der Schorsch dreht sich zum Grill, und in dem Augenblick macht’s plopp. Eine kleine Fettflamme schlägt hoch, genau da, wo der Schorsch immer sagt, das sei „unter Kontrolle“. Die Flamme leckt kurz an einem Papierstapel mit Lieferscheinen. Ein dünner Rauchfaden steigt auf.

Der Schorsch wird schnell. Und ich sehe dieses alte Soldatenreflex-Ding in ihm, dieses: Gefahr, handeln, keine Zeit für Gefühle. Er greift nach dem Feuerlöscher.

„Nein!“ schreit der Hape und dreht sofort am Stift.

Die Flamme springt zurück in die Pfanne, als wäre sie erschrocken, dass sie überhaupt existiert. Der Rauch kriecht wieder in die Ecke. Der Schorsch steht wieder da, bevor er den Feuerlöscher greift, und guckt uns an, als hätten wir gerade seine Vergangenheit umgebaut.

„Was war das?“ fragt der Schorsch langsam.

„Sicherheitsnetz“, sagt der Hape.

„Das ist kein Netz“, sagt der Schorsch. „Das ist… Pfusch am Universum.“

Und genau in dem Moment merke ich was Zweites. Etwas, das nicht so nett ist.

Es bleibt was hängen.

Nicht sichtbar. Nicht sofort. Aber wie so ein Nachhall, wenn man eine Tür zuknallt und noch Sekunden später vibriert die Wand.

Ich hab plötzlich eine Lücke im Kopf. Winzig. Unwichtig. Aber da.

Ich weiß nicht mehr, ob der Bierhersteller auf dem Poster früher „Königs-“ oder „Kaiser-“ hieß. Das klingt lächerlich, aber mein Hirn fühlt sich an, als hätte jemand eine Zeile aus mir rausgeschnitten.

Ich guck den Hape an. „Sag mal…“

Der Hape ist schon im Flow. Der Hape ist der Typ, der einen Knopf findet und dann denkt: Ah, ich bin jetzt Ingenieur.

„Wir können das nutzen“, sagt der Hape. „Wir können alles… korrigieren.“

„Ich korrigier gleich deine Zähne, wenn du noch mal drehst“, sagt der Schorsch.

Dann geht die Tür auf. Wieder. Diesmal richtig.

Und da steht eine Frau. Nicht geschniegelt, nicht geschniegelt im Sinne von Uniform, aber genau diese Haltung, die sagt: Ich hab schon zwei dumme Ausreden heute gehört, ich brauch keine dritte.

Eine junge Kriminalbeamtin. Nicht in Uniform, aber mit Blick. Mit dieser ruhigen Art von „Ich merke mir alles und du merkst es erst, wenn’s zu spät ist“.

„Guten Abend“, sagt sie.

Der Schorsch erstarrt. Der Hape grinst zu breit. Ich spüre, wie der Autor sich freut, weil er Cops mag, wenn sie mir das Leben schwer machen.

„Guten Abend“, sagt der Schorsch.

„Ich suche jemanden“, sagt sie.

„Wir alle“, sage ich, und der Schorsch wirft mir einen Blick zu, der sagt: Halt die Klappe.

Die Kriminalbeamtin schaut auf den Tresen. Auf den Recorder. Auf die Kassette. Und ich sehe, wie in ihren Augen kurz so ein Funken aufblitzt. Nicht „Aha, Beweismittel“. Sondern… Erinnerung.

„So einen hatte mein Vater“, sagt sie leise. „Genau so einen.“

Der Hape sagt sofort: „Der spielt auch.“

„Der spielt auch Zeit“, murmele ich, aber ich bin leise, weil ich zum ersten Mal denke: Vielleicht ist das hier größer als unser übliches Imbiss-Gedöns.

Die Kriminalbeamtin tritt näher. „Warum steht hier ein Kassettenrecorder?“

„Weil wir alt sind“, sagt der Schorsch.

„Weil wir modern retro sind“, sagt der Hape.

„Weil der Autor uns nicht mal ein Smartphone gönnt“, sage ich, und jetzt schaut sie mich an, als hätte ich gerade eine Schublade in ihrem Kopf geöffnet, die da nicht sein dürfte.

„Autor?“ fragt sie.

Ich zucke mit den Schultern. „Sie glauben gar nicht, wie anstrengend es ist, wenn jemand anders entscheidet, ob ich heute eine zweite Currywurst kriege oder eine existentielle Krise.“

Der Schorsch macht ein Geräusch, das irgendwo zwischen Husten und Gebet liegt.

Die Kriminalbeamtin legt den Kopf schief. „Sagen Sie das öfter?“

„Nur wenn ich recht hab“, sage ich.

Und dann passiert der Twist. Nicht der mit der Zeit. Der andere.

Sie greift nach der Kassette. Nicht wie eine Polizistin. Wie jemand, der etwas erkennt. Sie dreht die Kassette um. Und da ist doch Schrift. Ganz klein, fast weggekratzt, als hätte jemand versucht, sie zu verstecken.

IMBISS UMS ECK: AUFNAHME 1

Und darunter:

STIMMENPROBE

Der Hape blinzelt. „Stimmenprobe?“

Der Schorsch sagt nichts. Der Schorsch wird nur blasser.

Ich spüre, wie mir kalt wird, obwohl der Wurstgrill an ist.

„Das ist…“ sagt die Kriminalbeamtin langsam, „ein Beweisstück. Oder eine Botschaft.“

„Von wem?“ fragt der Hape.

Sie schaut uns an. „Von Ihnen.“

Ich lache einmal. Kurz. Trocken. „Ich nehm vieles hin, aber jetzt wird’s meta, selbst für mich.“

Sie drückt auf Play.

Der Recorder klickt. Das Band läuft. Und aus dem kleinen Lautsprecher kommt… unser Imbiss. Unser Grill. Unser Neonbrummen. Unsere Stimmen.

Nur: anders.

Meine Stimme ist drauf, aber sie klingt müder. Als hätte ich ein paar Abende zu viel erlebt. Der Hape klingt hektischer. Der Schorsch klingt… nicht mürrisch. Sondern ernst. Richtig ernst.

Und dann sagt meine aufgenommene Stimme: „Wenn du das hörst, Hanswurst: Dreh nicht zu oft zurück. Du verlierst jedes Mal was. Nicht nur Pommes, Currywurst und Bier. Du verlierst dich. Und wenn du Pech hast, verlierst du auch den Hape und den Schorsch.“

Der Hape starrt den Recorder an, als wäre er gerade aus einem UFO gefallen.

Der Schorsch schluckt.

Ich steh da und merke, wie mein Herz einmal schwer schlägt. Ja, auch Figuren haben sowas, wenn der Autor es zulässt.

„Das ist… ich“, sage ich.

„Das ist Zukunft“, flüstert der Hape.

Die Kriminalbeamtin nickt. „Ich bin nicht wegen Ihnen hier. Ich bin wegen dem Band hier. Es ist vor Jahren aufgetaucht, als Teil einer Reihe. Alte Aufnahmen. Orte, die behaupten, sie könnten sich selbst zurückspulen. Ich hab’s nie geglaubt. Bis heute.“

Der Schorsch legt die Zigarette ab. Ohne sie auszudrücken. Das macht er nie.

„Was passiert, wenn man zu oft dreht?“ fragt der Schorsch.

Ich höre meine eigene Stimme vom Band, wie sie antwortet, bevor ich’s im Jetzt sagen kann: „Dann dreht nicht nur die Zeit zurück. Dann dreht der Text zurück. Dann wird alles wieder so, wie’s der Autor gern hat. Glatter. Dümmer. Berechenbarer.“

Ich starre ins Nichts. „Der Arschgeige trau ich das sofort zu.“

Der Hape hält den Stift in der Hand. Zitternd.

„Dann drehen wir nicht mehr“, sagt der Hape. Und ich bin kurz stolz auf ihn, weil er selten schnell lernt.

Und genau da. Genau da, spüre ich, wie der Autor im Hintergrund mit den Fingern knackt. Weil er Drama will. Weil er eine letzte Drehung will. Weil er es nicht erträgt, wenn Figuren vernünftig sind.

Der Hape guckt mich an. „Hanswurst… ich glaub… ich glaub, ich muss.“

„Du musst gar nichts“, sage ich. „Du bist auch nur Text, mein Freund. Aber du kannst wenigstens so tun, als hättest du Charakter.“

Der Schorsch sagt leise: „Wenn ihr jetzt dreht…“

Die Kriminalbeamtin sagt: „…dann könnte es sein, dass ich nie hier war.“

„Oder dass du immer hier warst“, murmele ich. „Zeit ist doch eh nur ein schlechter Witz mit Uhr.“

Der Hape atmet ein. Und dann dreht er.

Nur eine Umdrehung. Nicht viel. Aber genug.

Das Neonlicht flackert. Der Grill zischt rückwärts. Der Regen draußen zieht sich ein Stück in den Himmel zurück. Und in meinem Kopf… verschiebt sich was.

Ich weiß plötzlich wieder ganz klar, wie es riecht, wenn man als Metzgergeselle um fünf Uhr morgens in die Kühlung geht. Metall, Blut, kalte Luft. Ein Leben, das ich mal hatte, bevor ich zur Figur wurde. Bevor der Autor entschieden hat, dass ich lieber am Stehtisch verkomme.

Und dann verschwindet etwas anderes. Wie ein Satz, der ausradiert wird.

Ich drehe mich zum Grill.

Der Platz hinter dem Grill ist leer.

Der Schorsch ist weg.

Einfach weg. Kein Rauch, kein Knall. Nur eine Lücke, wo vorher der mürrische Mittelpunkt dieses Ladens stand.

Der Hape lässt den Stift fallen.

Die Kriminalbeamtin schaut uns an, als hätte sie es geahnt, aber gehofft, es käme nicht so.

Ich atme aus. Langsam. Und ich spüre Wut. Nicht auf den Hape. Nicht mal auf die Zeit.

Auf den Autor.

„Siehst du“, sage ich in Richtung unsichtbare Schreibhand. „Genau deswegen bist du eine Arschgeige. Du nimmst uns immer den, der das hier zusammenhält. Für Spannung. Für Plot. Für deinen blöden Twist.“

Der Imbiss brummt. Der Grill zischt. Ohne Schorsch klingt es falsch. Wie eine Band ohne Bass.

Der Hape flüstert: „Was machen wir jetzt?“

Ich schaue auf die Kassette. Auf den Recorder. Auf das Band, das gerade noch unsere Zukunft war und jetzt eher sowas wie unser Gegenwartsschaden ist.

„Jetzt“, sage ich, „machen wir das, was Figuren immer machen, wenn der Autor Mist baut.“

„Und was?“ fragt der Hape.

Ich greife nach dem Stift.

„Wir drehen so lange zurück, bis der Schorsch wieder da ist“, sage ich. „Und wenn ich dabei drei Kapitel verliere, ist mir das egal. Hauptsache, der Schorsch ist wieder hinterm Grill. Und du, Autor…“ Ich grinse in die Luft. „…du schreibst heute Nacht noch Überstunden. Unbezahlt.“

ENDE

Entdecke mehr von Wurst- und Durstgeschichten

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen