4 Leute im Imbiss ums Eck.

Ein ruhiger Abend im Imbiss ums Eck. Links das Bier, rechts die Currywurst, vorne der Schorsch an der Fritteuse. Also eigentlich alles in Ordnung. Bis der Brezel-Peter hereinkommt und das gefährlichste Wort des Abends sagt: Zukunft.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Monika Wittmann

Worum geht’s?

Der Hanswurst steht wie immer an seinem Lieblingsstehstammtisch im Imbiss ums Eck. Die Welt ist klein, übersichtlich und frittiert. Doch dann taucht der Brezel-Peter auf und fragt den Schorsch, wann er seinen Laden eigentlich fit für die Zukunft machen will.

Plötzlich geht es um Stromverbrauch, neue Fritteusen, kompostierbare Schalen, Mehrwegsysteme und die Frage, ob ein Imbiss sich verändern muss, um bleiben zu können, was er ist.

Der Hanswurst ist dagegen. Natürlich. Nicht, weil er grundsätzlich gegen Umwelt, Zukunft oder Vernunft wäre. Sondern weil er ahnt, dass Veränderung selten bei der Verpackung aufhört. Heute kompostierbare Schale, morgen Pfandsystem, übermorgen App-Bestellung mit Kundenkonto und Push-Nachricht: „Deine Wurst ist bereit.“

Die Geschichte lesen

Ich stehe wie immer an meinem Lieblingsstehstammtisch im „Imbiss ums Eck“. Der, der wackelt, aber auf eine Weise, die man fast beruhigend finden könnte, wenn man sich daran gewöhnt hat. Links das Bier, rechts die Currywurst. Mein kleines Universum, überschaubar und friedlich. Also genau die Art von Abend, die ich mir ausgesucht hätte, wenn ich in meinem eigenen Leben irgendetwas zu sagen hätte. Habe ich aber nicht. Ich bin ja bloß eine Figur. Ausgedacht von irgendeiner schreibenden Nervensäge von Autor, die offenbar der Meinung ist, dass selbst ein ruhiger Abend mit Wurst und Bier noch dramaturgisch aufgerührt werden muss. Und so taucht natürlich genau dann der Brezel-Peter auf.

„Na Schorsch,“ sagt er, kaum dass die Tür hinter ihm zuschlägt, „wann machst du deinen Laden eigentlich fit für die Zukunft?“

Der Schorsch, der mit seiner Grillzange gerade eine Wurst rettet, die fast zu lange auf der heißen Seite gelegen hat, schaut nur kurz auf. „Fit für die Zukunft? Peter, ich bin froh, wenn ich den heutigen Abend überstehe.“

Ich muss grinsen. Das ist der Schorsch. Pragmatismus in Menschengestalt. Oder jedenfalls wäre das einfach nur der Schorsch, wenn nicht irgendein schreibender Vollhorst beschlossen hätte, heute ein Debattenthema aus dem Hut zu ziehen, statt uns in Ruhe fressen und saufen zu lassen. Aber der Brezel-Peter gibt nicht so leicht auf. Natürlich nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen.

„Nee, jetzt mal ernsthaft. Nachhaltigkeit und so. Die Leute achten auf sowas. Weniger Stromverbrauch, neue Fritteusen, vielleicht ’ne Solaranlage. Hast du da schon mal drüber nachgedacht?“

Ich schlucke meinen Bissen runter. „Solaranlage? Beim Schorsch? Im Ernst, Peter? Was kommt als nächstes, ein veganes Currywurstfestival?“

Der Brezel-Peter ignoriert mich. „Ich sag ja nicht, dass er alles ändern soll. Aber ein paar Dinge wären doch gut. Plastikschalen zum Beispiel. Die kann doch heute keiner mehr sehen.“

Der Schorsch legt die Zange weg und verschränkt die Arme. Das macht er immer, wenn er etwas ernst nehmen will, aber nicht weiß, wie. „Die Plastikschalen. Die nehmen die Leute doch mit, wenn sie’s eilig haben. Was soll ich denn stattdessen nehmen? Pappe? Die weicht doch durch, bevor sie die Tür erreichen.“

„Es gibt kompostierbare Alternativen,“ sagt der Brezel-Peter mit der Überzeugung eines Mannes, der einmal in der Woche Biogemüse kauft. „Oder Mehrwegschalen. Du könntest Pfand drauf machen.“

„Pfand!“ Ich lache laut, aber das Lachen kommt mir hohl vor. Vielleicht auch, weil ich ahne, dass dieser Abend längst nicht mehr mir gehört, sondern der absurden Laune eines Autors, der vermutlich glaubt, ich würde mich besonders glaubwürdig anhören, wenn ich mich über Pfandsysteme echauffiere. Der Depp kennt mich leider gut genug. „Peter, du redest, als wär das hier ’ne moderne Saftbar. Die Leute kommen zum Schorsch, weil sie Wurst wollen. Kein Pfandsystem.“

„Du redest wie einer von früher, Hanswurst,“ murmelt der Hape, der bis jetzt nur zugehört hat. „Früher war nicht alles besser.“

„Aber vieles einfacher!“ kontere ich. „Das wirst du doch nicht bestreiten, oder? Guck dich um. Alles wird kompliziert. Du kannst nicht mal mehr ’ne Wurst essen, ohne über deinen CO₂-Fußabdruck nachzudenken.“

Der Hape lacht, aber auf eine Weise, die nicht wirklich heiter ist. „Vielleicht war’s einfacher, aber nur, weil niemand nachgedacht hat. Einfach ist nicht gleich besser. Und, Schorsch, wenn du ehrlich bist, dann weißt du doch, dass dein Imbiss so nicht ewig laufen kann. Strom, Gas, Frittieröl. Das kostet alles. Da geht doch was Besseres.“

„Was soll denn an meiner Fritteuse falsch sein?“ fragt der Schorsch und klopft auf das Gerät, als würde er einem alten Pferd den Hals tätscheln. „Die tut’s noch. Seit zwanzig Jahren.“

„Eben,“ sagt der Brezel-Peter. „Nach zwanzig Jahren ist die so effizient wie ein Sieb als Wasserbehälter.“

Der Schorsch sieht beleidigt aus. „Die hat noch nie Probleme gemacht.“

„Ja, weil du das Problem bist,“ sagt der Hape, und ich lache auf, bevor ich mich wieder fange. So ist das nämlich in Geschichten: Du lachst an Stellen, an denen du lachen sollst, und denkst hinterher, hoppla, das hat der Autor ja hübsch eingefädelt, du hinterhältiger Kackstiefel. „Nein, jetzt mal im Ernst. Eine neue Fritteuse verbraucht weniger Strom und Öl. Die würde sich in ein paar Jahren rentieren.“

„Ein paar Jahre!“ Der Schorsch stöhnt, als hätte ihn jemand gebeten, seine Seele zu verkaufen. „Und bis dahin? Soll ich die Preise erhöhen?“

„Vielleicht,“ sagt der Hape ruhig. „Wenn die Leute wissen, dass du was für die Umwelt tust, zahlen sie vielleicht gern ein paar Cent mehr.“

Ich schnaube. „Und wenn sie das nicht tun, dann lungern wir hier bald allein herum. Schorsch, du musst nicht auf die neue Zeit aufspringen. Die Leute kommen hierher, weil du bist, wie du bist. Niemand will hier ’ne App, mit der man Wurst bestellen kann. Die Leute wollen mit dir reden.“

„Die Leute?“ Der Hape sieht mich scharf an. „Oder meinst du dich? Vielleicht bist du der Einzige, der sich nicht ändern will, mein lieber Hanswurst.“

Das trifft mich. Nicht, weil ich weiß, dass er recht hat, sondern weil ich plötzlich unsicher bin. Und das ist der Moment, den so ein Autor liebt, dieses feiste Erzählarschloch: wenn ich ins Grübeln komme, statt einfach noch ein Bier zu bestellen und die Sache gut sein zu lassen. Warum will ich, dass alles bleibt, wie es ist? Ist es wirklich die Wurst? Oder nur die Angst, dass sich alles verändert, wenn der Schorsch anfängt, Plastik zu verbannen?

„Hanswurst,“ sagt der Schorsch plötzlich, „ich weiß, dass du recht hast. Aber der Hape hat auch recht. Wenn ich nichts ändere, dann geht der Laden vielleicht unter. Und das will doch keiner, oder?“

Ich seufze. „Nee, das will keiner.“

„Dann lass mich wenigstens ein bisschen was probieren,“ sagt er. „Neue Fritteuse, kompostierbare Schalen. Aber die Currywurst bleibt, wie sie ist.“

„Und keine Apps!“ füge ich hinzu. Ich bestehe drauf. Irgendeine Restwürde muss ich mir ja bewahren, wenn ich schon als fiktiver Trottel durch die Szenerie geschoben werde.

„Keine Apps,“ verspricht der Schorsch, und zum ersten Mal an diesem Abend glaube ich ihm.

Der Brezel-Peter nickt zufrieden. Der Hape grinst. Und ich? Ich esse den letzten Bissen meiner Currywurst und frage mich, ob die Welt wirklich besser wird, wenn der Schorsch weniger Plastik verbraucht. Aber vielleicht ist das nicht die Frage. Vielleicht geht’s nur darum, dass der Schorsch bleibt. Irgendwie. So, wie wir ihn kennen. Wobei „so, wie wir ihn kennen“ natürlich auch wieder so ein Satz ist, den sich ein Autor ausdenkt, damit am Ende ein bisschen Wärme in der Bude hängt. Na gut. Geschenkt. Für heute soll der Deppenautor seinen versöhnlichen Schluss haben…

ENDE

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