Drei Männer im Inneren eines Linienbusses

Eine Bushaltestelle, ein liegengebliebener Transporter und ein Getränke-Manni mit einer Idee, die schon beim ersten Gedanken nach Anzeige riecht. Der Hanswurst ahnt: Das wird kein normaler Nachmittag.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Christoph Wittelsbürger

Worum geht’s?

Der Hanswurst steht mit dem Hape an einer Bushaltestelle, weil der Getränke-Manni Hilfe beim Ausladen braucht. Drei Kisten Malzbier, fünf Minuten, angeblich keine große Sache. Natürlich ist genau das der Moment, in dem alles schiefgeht. Der Transporter vom Getränke-Manni springt nicht an. Gleichzeitig steht ein Linienbus mit laufendem Motor und offenen Türen an der Haltestelle. Der Fahrer ist kurz weg. Der Hape sieht eine Performance-Installation. Der Getränke-Manni sieht eine Lösung. Der Hanswurst sieht vor allem Ärger.

Und dann passiert, was nicht passieren darf: Sie steigen ein.

Die Geschichte lesen

Ich stehe nicht gern an Bushaltestellen. Bushaltestellen sind Orte, an denen Zeit sichtbar verrottet. Leute gucken auf Fahrpläne, als wären das religiöse Schriften, und am Ende kommt der Bus trotzdem zu spät oder gar nicht. So ist das. So steht das vermutlich auch irgendwo im Handbuch des öffentlichen Nahverkehrs. Oder der Autor, dieser fahrplanuntreue Kirmesphilosoph, hat sich gedacht: Den Hanswurst stell ich heute mal an eine Haltestelle, dann wird er schon merken, wie tief ein Mensch sinken kann, ohne sich setzen zu müssen.

Ich stehe also da, am frühen Nachmittag, drei Stationen vom „Imbiss ums Eck“ entfernt, weil der Getränke-Manni mich gefragt hat, ob ich ihm beim Ausladen von drei Kisten Malzbier helfen kann. Nicht mehr. Nur drei Kisten. „Fünf Minuten“, hat der Getränke-Manni gesagt.

Neben mir steht der Hape. Der ist nur zufällig dabei, weil er behauptet, er müsse „raus unter Leute“, um Material für eine neue Werkreihe zu sammeln. Er hat eine Umhängetasche dabei, aus der ein Skizzenblock, zwei Pinsel und eine halbe Brezel rausgucken. Er sieht aus, als hätte ihn jemand aus Restbeständen von Bohème, Kater und Fehlentscheidung zusammengebaut.

„Busse sind spannend“, sagt der Hape.

„Nein“, sage ich.

„Doch. Die sind mobile Gesellschaft.“

„Die sind mobile Enttäuschung.“

Der Getränke-Manni kommt angerannt. Schweiß auf der Stirn, Jacke offen, zwei Flaschen Spezi in der Hand und dieser Blick, den Menschen haben, wenn sie gleichzeitig zu spät und überzeugt davon sind, dass alle anderen schuld sind.

„Jungs“, sagt er. „Katastrophe.“

„Das überrascht keinen“, sage ich.

„Mein Transporter springt nicht an. Tot. Komplett tot. Dabei muss ich in zwanzig Minuten zum Depot von den Verkehrsbetrieben. Der Fahrer von der Linie 6 wartet da auf eine Getränkelieferung für irgendeine interne Jubiläumsfeier. Kisten, Becher, Alkoholfrei, das ganze Elend.“

„Und wir?“, frage ich.

Der Getränke-Manni grinst auf eine Weise, die sofort nach Straftat riecht.

„Wir fahren da jetzt hin.“

„Womit?“, frage ich.

In dem Moment biegt ein Linienbus um die Ecke, leer, außer dem Fahrer. Er hält direkt vor uns, klappt die Tür auf, und der Fahrer steigt aus, flucht leise und tritt gegen den Vorderreifen.

„Scheiße“, sagt er. „Schon wieder Druckverlust.“

Er geht nach hinten, telefoniert und verschwindet schließlich um die Ecke Richtung Betriebshofhäuschen. Die Türen vom Bus bleiben offen. Der Motor läuft.

Ich sehe den Getränke-Manni an. Der Getränke-Manni sieht den Hape an. Der Hape sieht den Bus an, als hätte ihm der liebe Gott persönlich eine Performance-Installation vor die Füße gestellt.

„Nein“, sage ich sofort.

„Doch“, sagt der Getränke-Manni.

„Auf keinen Fall“, sage ich.

„Nur kurz umparken“, sagt der Hape.

„Man kann Linienbusse nicht ‘nur kurz umparken’. Das ist kein Einkaufswagen, ihr zwei Vollamateure.“

Der Hape hat schon einen Fuß auf der Einstiegstreppe. „Das ist Schicksal.“

„Das ist Diebstahl“, sage ich.

„Temporäre Verkehrsumverteilung“, sagt der Getränke-Manni.

Und weil der Autor ein sadistischer Wurstkasper ist, der mich nie da stehen lässt, wo ich vernünftigerweise stehenbleiben sollte, stolpere ich hinterher, als der Getränke-Manni mich am Ärmel packt und in den Bus zieht. „Nur zum Wenden, Hanswurst! Nur vom Bordstein weg!“

Der Hape sitzt schon vorne auf dem Beifahrersitz, soweit Busse so was haben. Der Getränke-Manni setzt sich ans Steuer, als hätte er sein ganzes Leben darauf gewartet.

„Kannst du Bus fahren?“, frage ich.

Er antwortet nicht sofort. Das ist nie gut.

„Nicht offiziell“, sagt er dann.

Der Bus setzt sich ruckelnd in Bewegung. Ich knalle mit der Schulter gegen eine Haltestange und fluche. Draußen schaut uns eine ältere Dame an, hebt kurz die Augenbraue und winkt sogar, als wäre das der normalste Linienstart der Welt.

„Siehst du?“, sagt der Hape. „Akzeptanz.“

„Das ist Verwechslung“, sage ich.

Wir rollen vom Bordstein, viel zu weit, viel zu schnell, und dann sind wir nicht mehr beim Umparken. Dann sind wir auf der Straße. Der Getränke-Manni reißt das Lenkrad rum, der Bus schlingert, und irgendwo hinten scheppert etwas Metallisches.

„War das schlimm?“, fragt der Hape.

„Alles ist schlimm“, sage ich. „Seit wir eingestiegen sind, ist alles schlimm.“

An der nächsten Ampel halten wir. Oder besser: Der Bus kommt mit einem Husten, einem Quietschen und einem beleidigten Ruck zum Stehen. Zwei Jugendliche steigen ein, weil sie natürlich denken, das sei ihr Bus. Sie gucken erst den Getränke-Manni, dann den Hape, dann mich an.

„Fährt der Bahnhof?“, fragt einer.

Bevor ich etwas sagen kann, dreht sich der Hape zu ihnen um und fragt mit ernster Stimme: „Zum Hauptbahnhof?“

Die beiden nicken. Setzen sich hinten hin. Kein Mensch ist mehr überrascht von irgendwas. Das ist vielleicht das eigentlich Beunruhigende.

„Warum lasst ihr die rein?“, zische ich.

„Kundennähe“, sagt der Getränke-Manni.

An der nächsten Haltestelle steigt eine Frau mit einem Kinderwagen ein. Danach ein Mann in Arbeitsklamotten. Danach drei Schülerinnen. Wir sind inzwischen ein Linienbus. Einfach so. Ohne Absicht.

Der Hape steht auf, nimmt den Bordlautsprecher in die Hand und sagt: „Sehr geehrte Fahrgäste, willkommen in der Linie Improvisation. Nächster Halt: Möglichkeit.“

„Setz dich hin!“, brülle ich.

Hinten lacht jemand. Eine Schülerin filmt. Sehr gut, denke ich, jetzt endet mein Leben nicht nur im Polizeibericht, sondern auch noch im Internet.

Der Getränke-Manni fährt erstaunlich ordentlich. Das macht alles nur noch schlimmer. Wer ordentlich scheitert, ist mir lieber als jemand, der Talent im falschen Moment entdeckt.

„Wo wollen wir überhaupt hin?“, frage ich.

„Zum Betriebshof“, sagt der Getränke-Manni.

„Wir fahren seit zehn Minuten in die entgegengesetzte Richtung!“

„Dann eben mit Umweg.“

Der Hape hat inzwischen angefangen, die Fahrgäste zu skizzieren. „Das ist großartig“, murmelt er. „Menschen im Ausnahmezustand des Alltäglichen.“

„Du klingst wie eine schlechte Ausstellungseröffnung“, sage ich.

An der großen Kreuzung am Kino passiert dann der eigentliche Wahnsinn. Ein Kontrolleur der Verkehrsbetriebe steht an der Haltestelle, erkennt den Bus, erkennt aber offenbar nicht sofort, dass der Fahrer der falsche Mann ist. Er hebt nur die Hand und ruft: „Ihr seid sechs Minuten zu spät!“

Der Getränke-Manni öffnet die Tür.

Der Kontrolleur steigt ein.

Ich spüre, wie mir kalt wird. So kalt, wie einem nur wird, wenn man merkt, dass der Autor die Schraube noch eine Umdrehung weiterdreht, dieser literarische Sack Zement.

Der Kontrolleur stempelt zwei Tickets ab, schaut auf, schaut nochmal auf und sagt: „Sie sind nicht der Klaus.“

„Nein“, sagt der Getränke-Manni ehrlich. „Ich bin der Getränke-Manni.“

Es folgt eine Stille, in der man eine Stecknadel fallen hören könnte.

Dann sagt der Hape vom Lautsprecher aus: „Heute vertreten wir experimentell.“

Und jetzt passiert etwas, das ich bis heute für den größten Twist dieser ganzen Buskatastrophe halte: Der Kontrolleur seufzt bloß, setzt sich auf den Klappsitz vorne und sagt: „Wissen Sie was? Fahren Sie einfach die Runde zu Ende. Seit Monaten fehlt Personal. Wenn Sie schon mal da sind.“

Ich starre ihn an. „Wie bitte?“

Er zuckt mit den Schultern. „Schlechter als sonst ist es auch nicht. Und die Leute sitzen drin.“

Hinten klatscht einer. Die Frau mit dem Kinderwagen lacht. Die Jugendlichen johlen. Die Schülerin filmt noch mehr. Der Hape reißt die Arme hoch, als hätte er gerade die documenta gewonnen.

Und ich? Ich stehe mitten in diesem fahrenden Irrsinn und begreife, dass wir keinen Bus mehr geklaut haben. Wir haben uns versehentlich in den öffentlichen Dienst verirrt.

Der Getränke-Manni fährt tatsächlich die Runde zu Ende. Der Kontrolleur gibt Haltehinweise, ich drücke an jeder zweiten Station die Türfreigabe, weil mir sonst schlecht wird, und der Hape macht Durchsagen wie: „Bitte beim Aussteigen auf Ihre Träume achten.“ Einmal sagt er auch: „Endstation Sinnkrise“, was einer alten Dame so gut gefällt, dass sie ihm ein Pfefferminzbonbon schenkt.

Als wir schließlich am Betriebshof ankommen, wartet dort schon die Polizei. Natürlich. So weit reicht der Pragmatismus dann doch nicht. Der Fahrer von vorhin ist auch da, der eigentliche Klaus, und guckt so müde, dass selbst seine Empörung Feierabend hat.

Der Polizist fragt: „Wer ist gefahren?“

Der Getränke-Manni hebt die Hand.

„Warum?“

Der Getränke-Manni denkt kurz nach und sagt dann: „Versorgungsengpass.“

Der Polizist schreibt das auf. Einfach so. Ich glaube, in dieser Stadt sind alle längst aufgegeben worden.

Am Ende gibt es kein Gefängnis, keine Handschellen, nur eine Anzeige, viel Kopfschütteln und ein vorläufiges Hausverbot fürs Depot. Der Kontrolleur sagt sogar noch: „Melden Sie sich, wenn Sie einen Personenbeförderungsschein machen wollen.“

Abends sitzen wir beim Schorsch im „Imbiss ums Eck“. Der Schorsch hört sich alles an, raucht, dreht eine Wurst und sagt dann nur: „Ich hab euch schon immer für Idioten gehalten.“

Der Getränke-Manni hebt sein Bier. „Auf den Nahverkehr.“

Ich hebe meins nicht. Nicht sofort. Ich sehe in den Flaschenhals, dann an die Decke, wo wahrscheinlich irgendwo der Autor über allem schwebt, dieser übergriffige Haltestellenkobold mit Schreibzwang, und sage: „Eines Tages, mein Freund, setz ich dich selber in so einen Bus. Ohne Rückfahrkarte.“

Dann trinke ich doch.

Man muss ja weiter…

ENDE

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