Drei Männer im Imbiss

Es ist Wahlsonntag. Der Fernseher läuft, der Schorsch zapft Bier, der Hape denkt über Peppa Wutz als Kanzlerin nach und der Hanswurst merkt mal wieder, dass Demokratie manchmal auch nach Fett, Currysoße und Schicksal riecht.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Stefan Gläsel

Worum geht’s?

Wahlsonntag im Imbiss ums Eck. Eigentlich könnte der Hanswurst wählen gehen, im Bett bleiben oder einfach in Ruhe Currywurst essen. Stattdessen sitzt er mit dem Hape, dem Schorsch und der Antonia vor dem Fernseher und schaut auf die ersten Hochrechnungen.

Was zunächst wie ein gewöhnlicher Wahlabend mit Bier, Fritten und politischem Gemecker beginnt, wird schnell zu einer sehr grundsätzlichen Diskussion: über Solidarität, soziale Gerechtigkeit, Migration, Bildung, Kultur, Egoismus, Angst und die Frage, warum einfache Antworten oft besonders gefährlich sind.

Dann kommen auch noch der Murat und der der Getränke-Manni dazu. Und wie das im Imbiss ums Eck nun einmal ist, wird aus einer Hochrechnung schnell eine kleine Gegenrede gegen politische Dummheit, soziale Kälte und den ganzen Mist, der immer dann wächst, wenn Menschen sich abgehängt fühlen.

Die Geschichte lesen

Es ist Sonntag. Wahlsonntag. Eigentlich könnte man jetzt was Produktives machen. Zum Beispiel wählen gehen. Oder im Bett bleiben. Aber der Autor hat entschieden, dass ich mit dem Hape im Imbiss ums Eck lande. Und ich, der Hanswurst, weiß leider sehr genau, dass ich dabei nur eine Figur bin, die man wie einen Einkaufswagen schiebt: quietschend, ohne Mitspracherecht. Und ja: Der Autor ist in meinen Augen eine Arschgeige, weil er mich ausgerechnet am Wahlsonntag dahinbugsiert, wo es nach Fett, Fernsehton und Schicksal riecht. Ich sag’s mal so: Wenn Demokratie auch mit Currywurst funktioniert, dann ist das hier eine ziemlich gute Wahllokal-Alternative.

Der Schorsch steht hinterm Tresen und öffnet ein Bier für mich, während die Antonia an ihrem Tisch sitzt und mit verschränkten Armen den Fernseher in der Ecke fixiert, der stumm die ersten Hochrechnungen zeigt. Der Hape rührt in seinem Glas, als könnte er die Ergebnisse damit beeinflussen, und ich frage mich, ob es nicht eine demokratischere Welt wäre, wenn einfach jeder eine Flasche Sekt bei der Abgabe seiner Stimme geschenkt bekäme. Und ob der Autor dann auch mal für einen Moment aufhört, mich wie so eine moralische Litfaßsäule auf zwei Beinen durchs Kapitel zu tragen.

„Na, was sagen die Hochrechner?“ frage ich mit vollem Mund.

„Dass Peppa Wutz Bundeskanzlerin werden sollte“, murmelt der Hape.

„Peppa Wutz?“ Ich runzle die Stirn. „Ist das jetzt Satire oder ernst gemeint?“

„Beides“, sagt er.

Die Antonia schnaubt. „Mehr Haltung als manche, die wirklich zur Wahl stehen.“

Der Schorsch schaltet den Ton an. Ein Kommentator schwadroniert über mögliche Koalitionen, während alle so tun, als würde sie das wirklich überraschen.

„Ich sag’s euch“, beginnt der Schorsch, „was wir brauchen, ist mehr Solidarität. Früher haben sich die Leute wenigstens noch gegenseitig geholfen.“

Ich verdrehe die Augen. „Schorsch, wenn du jetzt anfängst mit ‚Früher war alles besser‘, dann bewerfe ich dich mit Fritten.“

„Nee, nee“, winkt er ab. „Aber warum ist es denn so schwer? Die, die viel haben, könnten mal was abgeben. Die, die wenig haben, sollten besser bezahlt werden. Und dieser Neid aufeinander, der bringt doch nichts. Wertschätzung statt Missgunst, das wär doch mal ’ne Maßnahme. Und ne Haltung.“

Ich nicke. „Ja, aber erklär das mal Leuten, die glauben, dass ‚soziale Gerechtigkeit‘ irgendwas mit Kommunismus zu tun hat.“

„Oder denen, die denken, dass der Markt das schon regelt“, murmelt der Hape.

Der Schorsch grinst. „Der Markt regelt höchstens meine Getränkepreise. Nach oben.“

Der Hape schaltet sich ein. „Und wenn wir gerade dabei sind: Es wäre auch nicht schlecht, wenn mal alle ihren Horizont ein bisschen erweitern. Mehr Bildung. Mehr Kultur. Weniger Egoismus. Dann bräuchte es weniger Streit.“

Ich schaue ihn an. „Ja, genau, Hape. Lass uns die Welt mit Kunstausstellungen retten.“

Er zuckt mit den Schultern. „Glaubst du nicht, dass Menschen mit mehr geistigem Horizont toleranter wären?“

„Weiß nicht“, murmle ich. „Ich kenn genug Leute, die Bücher lesen und trotzdem Arschlöcher sind.“

„Ja, aber vielleicht wären sie noch größere Arschlöcher, wenn sie nicht lesen würden“, sagt der Hape.

Das Argument hat was. Ich kaue nachdenklich weiter. Und ich denke dabei auch: Wenn der Autor schon unbedingt will, dass ich hier das Gewissen auf Pommes sitzend spiele, dann könnte er wenigstens mal so tun, als hätte ich eine Wahl. Aber nein. Ich bin der Hanswurst. Ich darf höchstens zwischen scharf und sehr scharf wählen.

Die Antonia meldet sich zu Wort: „Solidarität ist ja schön und gut. Aber sie hört nicht bei Deutschen auf.“

Der Schorsch guckt sie schief an. „Meinst du jetzt die EU?“

„Nein“, sagt sie bestimmt. „Ich meine Menschen, die in diesem Land leben. Punkt. Egal, ob mit deutschem Pass oder ohne. Deutschland ist ein Einwanderungsland, ob’s manche wahrhaben wollen oder nicht.“

Der Schorsch kratzt sich am Kopf. „Na ja, aber was ist mit den Leuten, die sagen, dass zuerst die Deutschen kommen sollen?“

„Wer sind denn ‚die Deutschen‘?“ fragt Antonia. „Seit wann muss man eine bestimmte Hautfarbe oder Herkunft haben, um dazu zu gehören? Und warum wird Migration immer nur als Bedrohung gesehen? Ohne Migration hätte keiner von uns eine Currywurst auf dem Teller.“

Da guckt der Schorsch auf die Wurst auf dem Grill. Dann guckt er in die Runde. Dann nickt er. „Okay, das Argument lass ich gelten.“

Ich lehne mich zurück und grinse. „Also, um das mal zusammenzufassen: Wir sind uns alle einig, dass es nicht darum geht, die Uhr zurückzudrehen, sondern darum, dass Leute fairer miteinander umgehen. Und dass Wohlstand für alle da sein sollte. Und dass wir ein bisschen mehr als nur unser eigenes kleines Leben sehen sollten.“

„Und dass Peppa Wutz Kanzlerin werden sollte“, ergänzt der Hape.

Ich lache. „Also ich mein, ich würde das feiern. Stell dir mal vor, jede Regierungspressekonferenz würde mit einem fröhlichen Grunzen anfangen.“

„Und anstatt sich gegenseitig anzubrüllen, würden Politiker mit Gummistiefeln durch Pfützen hüpfen“, sagt der Schorsch.

„Ja, das wäre doch mal eine Veränderung“, murmelt die Antonia und hebt ihr Glas.

Die Tür geht auf, und der Murat vom Kiosk kommt rein. Ein Mann, der schon halb Deutschland mit Kippen, Bier und Mitleid versorgt hat. Er schüttelt sich kurz, klopft sich den Regen von der Jacke und sieht uns müde an.

„Hab ich euch schon mal gesagt, dass die FDPler Spacken sind?“

„Noch nicht heute“, sage ich.

„Dann sag ich’s jetzt: Die FDPler sind Spacken.“

Wir nicken. Murat setzt sich zu uns, bestellt einen Tee beim Schorsch und seufzt.

„Das Ding ist doch“, sagt er und wärmt seine Hände am Glas, „egal, wie oft sie sich als Fortschrittspartei bezeichnen, am Ende tun sie nichts für den Fortschritt. Nur für sich selbst.“

„Ich hab mal einen FDP-Wähler kennengelernt“, sagt der Hape. „Der hat mir erklärt, dass jeder seines eigenen Glückes Schmied ist.“

„Und was macht der jetzt?“ frage ich.

„Arbeitslos. War wohl ein schlechter Schmied.“

Murat lacht. „Weißt du, was mich aufregt? Diese ganze Nummer mit ‚Leistung muss sich lohnen‘. Als ob die Leute, die für Mindestlohn arbeiten, keine Leistung erbringen. Ich bin seit 25 Jahren selbstständig. Ich weiß, wie Arbeit aussieht. Und ich weiß auch, dass ein Mensch, der Regale einräumt oder Pakete schleppt, mindestens genauso hart arbeitet wie ein Start-up-Typ mit Laptop im Coworking-Space. Im Gegensatz zu so einem verkaufen die meisten Leute im Grunde ihre Lebenszeit für ein Minimaus-Gehalt. Fast wie bei Momo.“

„Du meinst, so Start-up-Typen sind keine Leistungsträger?“ frage ich.

Murat hebt sein Glas. „Die einzigen, die wirklich tragen, sind die Paketauslieferer.“

Wir lachen, dann seufzen wir. Der Fernseher zeigt eine Balkengrafik. Die AfD schneidet erschreckend gut ab.

„Wie kann das sein?“ frage ich in die Runde.

Die Antonia seufzt. „Weil sie einfache Antworten geben auf komplizierte Fragen.“

„Ja, aber es sind halt falsche Antworten“, sage ich.

„Das ist ja das Problem“, murmelt der Hape. „Aber die Leute wollen keine komplizierten Erklärungen. Die wollen hören, dass irgendwer Schuld ist. Und die AfD gibt ihnen halt immer dieselben Sündenböcke.“

„Und das BSW ist auch kein Stück besser“, sagt Antonia. „Linker Anstrich, rechter Kern. Die tun so, als wären sie für soziale Gerechtigkeit, aber am Ende ist es nur Wutbürger-Soße mit ein bisschen Lafontaine-Gewürz.“

„Und was ist mit denen, die die wählen?“ fragt der Schorsch.

Murat zuckt die Schultern. „Die haben Angst. Vor allem vor Veränderungen. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Genauso wie Alice Weidel.“

Wir nicken. Dann geht die Tür auf, und der Getränke-Manni kommt rein. Der Mann, der halb Deutschland mit Bier beliefert hat.

„Hab ich euch schon mal gesagt, dass die AfD und das BSW keine Antworten haben?“

„Noch nicht heute“, sage ich und habe unweigerlich ein Déjà-vu.

„Dann sag ich’s jetzt: Die AfD und das BSW haben keine Antworten.“

Manni setzt sich, bestellt beim Schorsch ein großes Bier und schaut in die Runde. „Wisst ihr, was das Problem ist? Die Leute erwarten, dass Politik alles für sie regelt. Und wenn’s nicht klappt, suchen sie sich eine Partei, die einfach behauptet, dass sie alles könnte. Hauptsache, man muss nicht mehr selber nachdenken.“

„Und dann kommen sie mit dem ganzen Führer-Quatsch. Ähm… und dem ‚Früher war alles besser‘-Blödsinn“, sage ich.

„Genau. Früher gab’s aber auch keine Klimakrise, keinen globalisierten Arbeitsmarkt und keine Digitalisierung. Die Welt ist komplizierter geworden. Aber das ist ja kein Grund, sich in die Hose zu machen und irgendeiner Hass-Truppe hinterherzulaufen.“

„Also was tun?“ frage ich.

Manni nimmt einen großen Schluck. „Erstmal ein Bier trinken. Und dann: Verantwortung übernehmen. Solidarisch sein. Und vor allem: Die Leute nicht allein lassen. Wenn jemand sich abgehängt fühlt, dann ist es unsere Aufgabe, ihn wieder mit reinzuholen. Sonst macht’s jemand anders und zwar in die falsche Richtung.“

Es wird kurz still. Dann hebt Murat sein Teeglas.

„Auf ein Deutschland, das nicht völlig bescheuert ist.“

Wir heben unsere Gläser. Stimmen zu. Und während die Wahlergebnisse weiter über den Bildschirm flackern, weiß ich: Der Autor hat mir heute zwar wieder eine Lektion verpasst und ich halte ihn immer noch für eine Arschgeige, weil er mich für seine Botschaften benutzt, aber wenigstens eine, die mir schmeckt. Fast so wie eine gute Currywurst…

ENDE

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