
Ein Handtuch, ein Warmbecken und die Jaqueline mit diesem Blick, der sagt: Heute wird jemand verbessert. Leider ist dieser jemand der Hanswurst.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Die Jaqueline schleppt den Hanswurst ins Kurbad. Entgiften soll er. Runterkommen. Sich selbst spüren. Der Hanswurst findet das alles grundsätzlich verdächtig, vor allem, weil es dort kein Bier gibt und alle so tun, als wäre Stille eine Tugend.
Zwischen Warmbecken, Sauna und Ruheraum versucht er also, sich irgendwie mit der Welt des kontrollierten Wohlbefindens zu arrangieren. Dann taucht plötzlich auch noch der Schorsch auf. Im Handtuch, mürrisch wie immer, aber angeblich zur Fortbildung. Stressbewältigung. Hygiene. Der Getränke-Manni hat ihm einen Gutschein geschenkt, weil der Blutdruck vom Schorsch offenbar nicht nur medizinisch, sondern auch nachbarschaftlich relevant geworden ist.
Doch dann gibt es eine technische Störung. Die Fritteuse im Kurbad-Bistro fällt aus. Eine Reha-Gruppe steht kurz vor dem Cheat Day, und plötzlich wird ausgerechnet der Schorsch gebraucht. Nicht als Wellnessgast, sondern als Mann für den Ernstfall: Currywurst, Fritten, Zwiebeln, Ordnung im Chaos.
Die Geschichte lesen
Ich halte ein Handtuch in der Hand und ich weiß: Der Autor will wieder so eine Nummer drehen, bei der ich am Ende angeblich „was gelernt“ habe. Ich lerne aber selten. Ich funktioniere eher. Und heute funktioniere ich eher so in Richtung Kurbad.
Die Jaqueline steht neben mir und sie sieht aus, als hätte sie mich gerade für eine bessere Version von mir selbst angemeldet. Das ist ihr Hobby.
„Heute wird entgiftet“, sagt die Jaqueline.
„Wovon?“, frage ich.
„Von deiner Würde“, sagt die Jaqueline mit einem Grinsen. Dieses Grinsen mag ich jetzt schon nicht.
Vor uns dieses Gebäude: Glas, Beton, automatische Türen, Schilder mit Regeln. Es wirkt wie ein Ort, der sich für freundlich hält, aber der im Ernstfall sofort die Bullen ruft.
Ich bin der Hanswurst. Mittelgroß, mittelschwer, mittelalt. Metzgerlehre mal angefangen, Leben dann eher so: improvisiert. Und jetzt also Kurbad. Nicht, weil ich das will, sondern weil ich eine Figur bin. Der Autor schiebt mich rum wie eine Pommes auf dem Teller: mal nach links, mal nach rechts, noch mal wenden.
In der Umkleide ist es still. Still auf diese Weise, die sofort Stress verursacht. Leute bewegen sich, ohne Geräusche zu machen, als gäbe es eine geheime Strafe für jedes Rascheln. Ich ziehe mich aus, wickele mich in das Handtuch ein, sehe in den Spiegel und denke: Wenn das hier Selbstoptimierung ist, dann bin ich definitiv ein Gegenargument. Wenn nicht sogar das Gegenargument.
Die Jaqueline ist schon auf Betriebstemperatur.
„Warmbecken“, sagt sie.
„Bierbadewanne“, sage ich.
„Bier ist hier nicht“, sagt die Jaqueline.
„Dann ist das hier nichts für mich“, sage ich.
Ich steige trotzdem ins Warmbecken. Es ist tatsächlich angenehm. Leider. Der Körper findet das gut, der Kopf ist beleidigt. Um uns herum treiben Menschen mit geschlossenen Augen.
Die Jaqueline schwimmt neben mir, geschniegelt, sportlich, unkaputtbar.
„Merkst du, wie dein Körper runterfährt?“, fragt sie.
„Ich merke, wie mein Geist fliehen will“, sage ich.
Als Nächstes will sie in die Sauna.
Die Sauna ist Holz, Hitze und Regeln, die keiner ausspricht, aber alle durchsetzen. Man sitzt da wie vor einem Tribunal. Wer falsch atmet, ist verdächtig. Wer lacht, ist raus.
Ich setze mich. Ich schwitze sofort.
Und dann geht die Tür auf und der Schorsch kommt rein. Hä? Warum denn der jetzt?
Der Schorsch im Handtuch ist ein Anblick, den man nicht braucht, aber jetzt ist er da. Er trägt dieses Gesicht, das er auch am im Imbiss immer trägt: mürrisch, aber wach.
Ich starre ihn an.
„Schorsch?“, flüstere ich.
Der Schorsch flüstert zurück: „Mach leise. Wir sind hier nicht im Imbiss ums Eck.“
Die Jaqueline schaut ihn an, als hätte sie gerade einen seltenen Vogel gesichtet.
„Was machst du denn hier?“, fragt die Jaqueline.
Der Schorsch zieht das Handtuch fester.
„Fortbildung“, sagt der Schorsch.
„Hä? Wie? Was denn? Welche Fortbildung findet denn in nem Kurbad statt?“, frage ich.
„Stressbewältigung“, sagt der Schorsch. „Und Hygiene.“
Ich muss kurz lachen und kriege sofort Blicke. Also von diesen Sauna-Faschos. Und die Sauna-Blicke sind wie Parkknöllchen fürs Gesicht.
Der Schorsch beugt sich zu mir.
„Der Getränke-Manni hat mir einen Gutschein gegeben“, murmelt er.
„Das ist ja rührend“, sage ich.
„Der hat gesagt, mein Blutdruck würde ihm Angst machen“, sagt der Schorsch.
„Also mir macht dein Blutdruck Hoffnung“, sage ich.
Der Schorsch knurrt. Das ist bei ihm fast schon ein Lächeln.
Ruheraum.
Der Ruheraum ist Folter für Menschen, die nie gelernt haben, still zu sein. Liegen, Decken, leise Musik, so ein plätscherndes Geräusch, das meine Blase sofort in Wallung bringt.
Die Jaqueline sitzt aufrecht und trinkt Wasser. Sie wirkt zufrieden. Sie glaubt an Konzepte.
Der Schorsch liegt da und starrt an die Decke, als wäre da eine Gebrauchsanweisung fürs Leben.
Ich liege auch. Ich versuche zu ruhen. Ich denke an Currywurst. Ich denke auch an Fritten und natürlich an Bier. Kaltes erfrischendes Bier. Und dann denke ich auch noch daran, weil ich eh grad am Denken bin, dass meine Eltern mich früher in triste Urlaube geschleppt haben, wo man „Erholung“ sagte, aber „Langeweile“ meinte. Das Kurbad fühlt sich ein bisschen so an. Nur teurer.
Dann kommt ein Alarmton.
Nicht dramatisch. Nur so ein Ping, das sagt: Jetzt wird’s peinlich.
Eine Durchsage: „Technische Störung. Bitte verlassen Sie den Bereich.“
Welchen Bereich genau, sagt die Stimme nicht. Aber die Leute stehen auf. Sie bleiben diszipliniert. Panik, aber geschniegelt.
Der Schorsch richtet sich auf.
„Technische Störung“, sagt er. „Heißt: irgendwer hat Mist gebaut.“
„Vielleicht das Kurbad“, sage ich.
„Vielleicht aber auch du“, sagt die Jaqueline.
Wir gehen in Richtung Bistro. Da laufen alle hin, weil Menschen bei Problemen immer dorthin gehen, wo Essen sein könnte.
Und dann rieche ich’s.
Fett. Zwiebel. Curry.
Ich bleibe stehen. Mein Körper wird plötzlich sehr wach. Mein Körper hat Prioritäten. Ich auch, aber ich tue sonst gern so, als hätte ich keine.
Im Bistro steht ein junger Angestellter. Schweiß auf der Stirn, ein Blick der sagen will „gleich kippt das hier“. Hinter ihm eine Theke mit pseudo-gesundem Angebot: Wraps, Salate, Smoothies. Und auf einer Tafel, auf der Currywurst geschrieben steht.
Der Angestellte sieht den Schorsch, und sein Gesicht hellt sich auf, als hätte er gerade einen Feuerwehrmann in Zivil erkannt.
„Sie!“, sagt er. „Sie sind doch…“
„Ich bin gar nichts“, sagt der Schorsch. „Ich bin privat hier.“
„Unsere Fritteuse ist ausgefallen“, sagt der Angestellte. „Und gleich kommt eine Gruppe aus der Reha. Die haben, wie sagt man? Cheat Day. Wenn wir denen jetzt nur Selleriesticks anbieten, bricht hier der Krieg aus.“
Die Jaqueline stöhnt.
„Ein Schummeltag im Kurbad“, sagt sie. „Natürlich.“
Der Schorsch schiebt sich an mir vorbei, als wäre das hier sein Laden.
„Wo ist die Küche?“, fragt er.
Und da merke ich: Das hier ist die ersehnte oder vielmehr gefürchtete Wendung. Der Autor hat mich nicht ins Kurbad geschickt, damit ich „runterkomme“. Er hat mich hergeschickt, damit ich den Schorsch in seinem natürlichen Lebensraum sehe: da, wo es brennt und jemand Verantwortung übernehmen muss.
Wir gehen hinter die Theke.
Der Schorsch guckt sich die Geräte an. Er redet kaum. Er arbeitet. Das macht er, wenn’s ernst wird. Ich helfe automatisch. Hände wissen noch was aus der Metzgerzeit. Der Kopf vergisst das gern, die Hände nicht.
„Du schneidest Zwiebeln“, sagt der Schorsch.
„Ich bin doch nicht zum Entspannen hier“, sage ich.
„Endlich sagst du mal was Richtiges“, sagt der Schorsch.
Die Jaqueline organisiert Gäste und Wasser und beruhigt alle mit diesem Ton, der nach Fitnessstudio klingt. Der Angestellte rennt hin und her wie ein Hütchenspieler ohne Hütchen.
Der Schorsch findet eine Sicherung. Er flucht leise. Er bekommt die Fritteuse wieder an. Das Geräusch, wenn sie anspringt, ist Musik. Keine Wellnessmusik. Echte.
Die erste Portion geht raus. Currywurst, Fritten, Soße, Zwiebeln. Die Reha-Gruppe sitzt da und wird sofort wieder menschlich. Auf einmal hört man wieder Stimmen. Man hört Lachen.
Ein älterer Mann nimmt einen Bissen, schließt die Augen und sagt:
„So. Das ist mal was.“
Der Schorsch schaut kurz zu mir rüber.
„Siehst du“, sagt er.
Ich nicke.
„Wenn das hier ein Kurbad ist“, sage ich schmunzelnd, „dann bist du meine Quelle.“
Schorsch knurrt: „Halt’s Maul und schneid Zwiebeln.“
Ich schneide Zwiebeln.
Weil ich der Hanswurst bin.
Weil ich eine Figur bin…
ENDE