Hanswurst sitzt n Sauna

Ein strahlender Nachmittag, ein Etablissement namens „Schwitzkasten“ und ein Hanswurst, der glaubt, Sauna, Bier und Schnitzel seien eine sinnvolle Reihenfolge. Was soll da schon passieren?

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Jan Schreiber

Worum geht’s?

Der Hanswurst überredet den Hape zu einem Besuch in der Sauna. Nicht in irgendeiner Sauna, sondern im „Schwitzkasten“. Einer ziemlich eigenen Mischung aus Wellness, Kneipe, Testosteron und fragwürdiger Raumtemperatur.

Der Hape erkennt sofort eine Kunstperformance: Körper, Schweiß, Selbstinszenierung und kollektive Dämpfung auf Holzbank. Der Hanswurst hingegen denkt eher an Bier, Schnitzel und später vielleicht noch eine Currywurst.

Doch dann tauchen drei Bodybuilder auf, die offenbar glauben, die Sauna gehöre ihnen. Aus Blicken werden Sprüche, aus Sprüchen wird Ärger, aus Ärger wird verschüttetes Bier und plötzlich kippt der Wellness-Ausflug in eine sehr schwitzige Slapstick-Katastrophe.

Am Ende bleibt wie so oft nur die Flucht zurück zum Imbiss ums Eck. Dort, wo wenigstens die Regeln klar sind: Currywurst, Bier, und der Schorsch. Und möglichst keine nackten Muskelpakete mit Revieranspruch.

Die Geschichte lesen

Der Hanswurst ist schon immer der Typ, der jede Gelegenheit beim Schopf packt, vorausgesetzt, es hat mit Wurst, Bier oder mindestens einer absurden Situation zu tun. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass er an diesem strahlenden Nachmittag den Hape überredet, mit ihm in die Sauna zu gehen. Nicht in irgendeine, sondern in den „Schwitzkasten“. Eine feuchtfröhliche Mischung aus überheizten Räumen, nackten Menschen und einer angeschlossenen Kneipe, die Bier und Schnitzel verspricht. Wie könnte man so einem Angebot widerstehen?

Und jetzt kommt’s: Dem Hanswurst ist dabei völlig klar, dass er eine fiktive Figur ist. Er merkt das an den Stellen, wo sein Leben plötzlich so sauber dramaturgisch „passt“, dass es schon wehtut. Und jedes Mal denkt er sich: Der Autor ist echt eine Arschgeige, weil der ihn immer genau in die Situationen schickt, in denen normale Menschen längst umdrehen. Aber der Hanswurst hat da halt kein Mitspracherecht. Er ist ja nur… na ja. Text.

„Also, Hape. Hör mal“, sagt der Hanswurst, während sie durch den schmalen Eingang des Schwitzkastens gehen, „heut machen wir das volle Programm. Schwitzen, saufen und Schnitzel. Keine halben Sachen.“

Der Hape nickt nur, ein wenig skeptisch, während er sich durch das Foyer bewegt, in dem schon die ersten leicht verschwitzten Körper herumschleichen. Für den Hape ist das eher Kunstperformance als Wellness. Die Schwitzkultur, diese bizarre Zeremonie des Nacktseins und des Sich-selbst-Dämpfens, fasziniert ihn auf eine ganz eigene Weise.

„Eigentlich“, murmelt er vor sich hin, „ist das hier alles Kunst. Ein groteskes Spiel mit Körpern, Schweiß und Selbstverleugnung. Nur, dass hier keiner kapiert, dass er Teil des Ganzen ist.“

Der Hanswurst ignoriert diese intellektuellen Ausflüge, während sie sich in der Umkleidekabine ihrer Klamotten entledigen und, natürlich ohne große Scham, in das Herzstück des Schwitzkastens treten. Es ist wie eine andere Welt. Die Wände dampfen, das Holz der Bänke glänzt, und überall gleiten die nackten, verschwitzten Leiber über die schmalen Bänke wie glitschige Sardinen oder Nacktschnecken.

Wobei: „ignoriert“ ist gut. Der Hanswurst könnte durchaus was entgegnen, irgendwas Schlagfertiges, was ihm später in der Kneipe einfällt. Aber der Autor lässt ihn hier lieber stumpf sein, damit der Hape glänzen kann. Arschgeige, wie gesagt.

Kaum nehmen sie Platz, beginnt der Hanswurst, die anderen Saunagäste zu mustern. Ein älteres Ehepaar sitzt still in der Ecke, während ein paar Business-Typen mit dem typischen „Ich-bin-zwar-nackt-aber-wir-sind-immer-noch-im-Meeting“-Gesichtsausdruck über Börsenkurse und ihre scharfen Sekretärinnen reden. Die Atmosphäre hat etwas Friedliches, beinahe Meditatives. Aber dann kommen drei Typen herein, die den Saunaraum mit ihrer Präsenz füllen. Muskelpakete auf zwei Beinen, mit Tattoos, die aussehen, als hätten sie auf den Seiten eines Comicbuchs gelebt, bevor sie auf die Haut transplantiert werden. Sie machen sich sofort breit, lachen laut, und man spürt, dass sie sich selbst für die Hauptattraktion halten.

„Also, was sagst du?“, flüstert der Hanswurst. „Die Typen sind doch Kunstwerke, oder? Vollgetankt mit Eiweiß und Muskeln.“

Der Hape beobachtet die Bodybuilder fasziniert, als wären sie lebendige Skulpturen aus Fleisch und Eitelkeit. „Mehr Fleisch als Kunst, würde ich sagen.“

Die Sauna füllt sich langsam. Der Raum dampft, die Luft wird stickig, und der Schweiß läuft in Strömen. Der Hanswurst fängt an, unruhig zu werden. „Weißt du, was ich jetzt brauche? Ein Bier.“

Da die Idee, in der Sauna selbst Bier zu trinken, möglicherweise nicht die klügste ist, entschließen sie sich, in die Kneipe zu wechseln, die direkt an den Saunabereich grenzt. Dort erwartet sie, wie versprochen, ein kaltes Bier und ordentliches Essen. Der Hanswurst bestellt für beide: zwei Bier und zwei Schnitzel. „Vielleicht kriegen wir später ja auch noch ’ne Currywurst“, murmelt er versonnen.

„Ahh, das Leben“, seufzt der Hanswurst und nimmt einen tiefen Schluck von seinem Bier. „Was will man mehr?“

„Vielleicht“, sagt der Hape nachdenklich, „weniger Testosteron in der Luft. Schau dir die Bodybuilder an, die haben ihren Auftritt noch nicht beendet.“

Denn während sie am Tresen auf ihr Essen warten, tauchen die drei Bodybuilder wieder auf, sichtlich erhitzt und schlecht gelaunt. Sie werfen finstere Blicke zu den beiden, besonders zum Hanswurst, der das „Ziel“ einer von ihnen wird, ohne es überhaupt zu bemerken.

Und da weiß der Hanswurst schon: Jetzt kommt die Stelle, wo der Autor einen Konflikt braucht. Das ist wie so ein unsichtbarer Regieassistent, der einem auf die Schulter tippt und sagt: „So, gleich eskaliert’s.“ Der Hanswurst würde normalerweise einfach sein Bier austrinken und gehen. Aber nein. Der Autor ist eine Arschgeige und lässt ihn sitzen bleiben.

„Glaubt der da drüben etwa, er kann sich einfach in UNSERE Sauna setzen und UNSER Bier bestellen?“, knurrt einer der Typen. Der mit dem riesigen Adler auf dem Rücken.

Der Hanswurst, der bis dahin keinen Gedanken daran verschwendet, dass jemand anderes die Sauna als ihr Territorium betrachtet, schaut nur verwundert. „Was meinen die?“

Bevor der Hape etwas sagen kann, stehen die Typen bereits vor ihnen. „Hey!“, ruft der Typ mit dem Löwenkopf auf der Brust, „Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Meinst du, du kannst hier einfach so auftauchen, rumsitzen und dann noch unsere Drinks wegpfeifen?“

Der Hanswurst, der sich nichts Böses denkt und schon halb in sein Schnitzel vertieft ist, grinst. „Hör mal, Kollege, wir haben doch nur ein Bier bestellt. Kein Grund, gleich einen Aufriss zu machen wie ein wütender Stier.“

Doch es ist zu spät. Die Stimmung kippt schneller als ein schlecht gezapftes Bier.

Der Bodybuilder macht einen Schritt auf den Hanswurst zu, und die angespannte Situation eskaliert weiter. „Ich glaube, du brauchst ’ne Lektion im Benehmen“, zischt der Typ. „Wir schwitzen hier seit Jahren. Und du kommst einfach rein, als würdest du dazugehören.“

Der Hape, der mittlerweile klar erkennt, dass Worte wie „Training“ und „Territorium“ in einem völlig neuen, irrationalen Kontext stehen, tritt einen Schritt zurück. „Du Hanswurst, das hier wird nicht gut ausgehen. Vielleicht sollten wir…“

Doch bevor der Hape den Satz beenden kann, greift einer der Bodybuilder nach dem Hanswurst und packt ihn am Arm. „Jetzt hör mal zu, Bürschchen“, beginnt er, doch in diesem Moment, ob bewusst oder nicht, rutscht dem Hanswurst das Glas Bier aus der Hand. In Zeitlupe sieht man, wie der goldene Gerstensaft den muskulösen Bauch des Angreifers trifft und sich über seinen Bademantel ergießt.

Der Hanswurst würde an dieser Stelle gern behaupten, das sei Absicht. So ein „Ja, das war ein Statement“. Aber nein. Das ist diese Art von Zufall, die nur in Geschichten funktioniert und genau deshalb merkt er wieder: Der Autor schreibt ihn gerade in eine Eskalation rein, und er darf dabei zuschauen. Arschgeige.

Für einen Moment hält die Welt den Atem an. Dann bricht die Hölle los.

Der Typ brüllt auf wie ein wütender Gorilla, und sein Kumpel springt nach vorn, um den Hanswurst zur Rechenschaft zu ziehen. Doch in einer kuriosen Kombination aus Schreck, Stolpern und purem Zufall weicht der Hanswurst im genau richtigen Moment aus. Der Bodybuilder kracht gegen den Tisch, das restliche Bier fliegt durch die Luft und ergießt sich über die Köpfe der anderen Gäste. Die Kneipe verwandelt sich in ein chaotisches Durcheinander aus schwitzenden, schreienden Menschen und umherfliegenden Bieren.

Der Hape steht da, inmitten der Eskalation, und analysiert das Ganze wie eine absurde Kunstperformance. „Das ist fast wie in einer Installation. Der menschliche Körper in seiner ursprünglichsten Form: brutal, nackt und verwundbar.“

Der Hanswurst, der mittlerweile versucht, sich aus dem Chaos zu retten, landet hinter dem Tresen, während die Bodybuilder versuchen, sich gegenseitig wieder auf die Beine zu helfen. Doch in ihrer Wut und Verwirrung stoßen sie ständig ineinander, rutschen auf dem verschütteten Bier aus und schaffen es, die halbe Kneipe zu verwüsten, ohne den Hanswurst tatsächlich zu erwischen.

Wobei: „schaffen es“ klingt so, als hätten die einen Plan. Die haben keinen Plan. Den Plan hat nur der Autor, der offenbar beschließt, dass heute im „Schwitzkasten“ die Naturgesetze kurz mal auf Slapstick umstellen. Der Hanswurst nimmt das zur Kenntnis, wie man halt hinnimmt, dass man in einer Geschichte lebt. Und dass der Autor eine Arschgeige ist.

Als sich der Staub (und der Schweiß) legt, stehen der Hanswurst und der Hape leicht zitternd, aber unversehrt, am Ausgang des „Schwitzkasten“. Die Bodybuilder sitzen am Boden, ihre glänzenden Tattoos jetzt von verschüttetem Bier und Schnitzelsauce befleckt, und murmeln wütend vor sich hin.

„Also“, beginnt der Hape, „das war… seltsam. Aber irgendwie auch lustig. Fast schon eine Reise ins Innere des menschlichen Egos. Und vielleicht ist das hier die beste Kunstaktion, die ich je erlebt habe.“

Der Hanswurst grinst breit und klopft sich den Staub vom Bademantel. „Weißt du, ich denke ja immer, die Sauna ist nur zum Schwitzen da. Aber das hier… das ist wirklich eine runde Sache. Saunatypen sind halt auch nur Menschen. Nackt. Aber Menschen.“

Und so ziehen sie von dannen, in Richtung „Imbiss ums Eck“, mit der festen Überzeugung, dass sie am Ende doch immer mehr Glück als Verstand haben und im Vertrauen darauf beim Schorsch noch ne Currywurst zu bekommen…

Und der Hanswurst denkt sich beim Rausgehen noch: Wenn ich selbst entscheiden dürfte, würde ich jetzt einfach nach Hause gehen, die Tür zusperren und eine Woche niemanden sehen. Aber nein. Der Autor schickt ihn natürlich zum Schorsch, weil Geschichten sonst nicht enden, wie sie enden sollen. Arschgeige…

ENDE

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