
Das Telefon klingelt. Die Tante Frieda ist dran. Angeblich hat irgendein Enkel etwas Schlimmes getan. Das Problem: Der Hanswurst hat keinen Enkel. Nicht mal versehentlich. Eigentlich ist ja er der Enkel.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Monika Wittmann
Worum geht’s?
Der Hanswurst steht wie so oft beim Schorsch am Stehtisch, isst Currywurst und denkt über möglichst wenig nach. Dann klingelt sein Telefon. Die Tante Frieda ist dran, aufgeregt, reisefertig und offenbar kurz davor, ihr Geld einem angeblichen Helfer zu übergeben.
Der Schorsch erkennt die Sache sofort: Enkeltrick.
Also macht sich der Hanswurst auf den Weg zur Tante Frieda. Dort findet er Sparbücher, Schmuck, einen Koffer und einen Zettel mit klaren Anweisungen: Bahnhof. Nicht mit Polizei sprechen. Nur bar.
Was zunächst wie ein klassischer Betrugsfall beginnt, wird schnell zu etwas anderem. Denn die Tante Frieda ist nicht einfach nur Opfer. Sie ist eigensinnig, hellwach auf ihre Weise und vielleicht schon viel länger bereit für eine Reise, als alle um sie herum glauben.
Die Geschichte lesen
Das Telefon klingelt an einem Mittwochvormittag, und ich weiß in derselben Sekunde, dass der Autor wieder irgendeinen Unsinn mit mir vorhat.
Ich stehe nämlich gerade beim Schorsch am Stehtisch, esse die zweite Hälfte meiner Currywurst und denke über nichts nach. Das ist ein Zustand, den ich sehr schätze. Neben mir kratzt der Hape mit einem Zahnstocher Currysauce aus der Pappschale und behauptet, Leere sei die ehrlichste Form von Kunst. Der Schorsch steht hinterm Grill, raucht, schwitzt und sieht so aus, als würde er jedem Menschen in diesem Laden einzeln die Schuld am Zustand der Welt geben.
Dann klingelt mein Telefon.
„Wenn das wieder dein Vater ist, geh nicht dran“, sagt der Hape.
Ich gucke aufs Display.
„Ist die Tante Frieda“, sage ich.
Der Schorsch zieht die Augenbrauen hoch. „Dann geh erst recht nicht dran.“
Ich gehe natürlich doch dran. Weil ich in Geschichten selten das Richtige mache. Das Richtige macht den Plot kaputt, und der Autor, diese erzählerische Sackkrampe, hängt am Plot wie der Schorsch an seinem Grill.
„Ja?“
Ich höre erst Atem. Dann die Stimme von der Tante Frieda. Dünn. Aufgeregt. Und gleichzeitig herausgeputzt, wenn Stimmen herausgeputzt sein können.
„Hans“, sagt sie.
Ich heiße nicht Hans. Also jedenfalls nicht so. Aber für die Tante Frieda bin ich oft irgendein Hans. Oder Kurt. Oder mein Vater. Das wechselt.
„Du musst sofort kommen. Der Junge hat was Schlimmes gemacht.“
„Welcher Junge?“
„Na dein Enkel.“
Ich lehne mich gegen den Stehtisch und schließe kurz die Augen. Ich habe keinen Enkel. Ich habe nicht mal ein Kind. Nicht mal versehentlich.
„Tante Frieda“, sage ich, „ich bin in zwanzig Minuten da. Mach niemandem die Tür auf. Wirklich niemandem.“
„Zu spät“, sagt sie. „Ich hab schon den Koffer gepackt.“
Dann legt sie auf.
Der Hape sieht mich an. Der Schorsch auch.
„Was denn?“, fragt der Hape.
„Entweder“, sage ich, „ist die Welt endgültig kaputt. Oder sie ist es nur bei Tante Frieda.“
Der Schorsch wischt sich die Hände an der Schürze ab. „Enkeltrick.“
„Wie kommst du drauf?“
„Weil die Leute, die sonst Koffer packen, wenigstens verreisen.“
*
Die Wohnung von Tante Frieda liegt in einem Haus, das schon von außen aussieht, als wäre es müde. Graue Fassade. Ein Treppenhaus, das nach Bohnerwachs, Kohl und verregneten Jahrzehnten riecht. Auf jeder Etage stehen Schuhe, die keiner mehr trägt, aber auch keiner wegwerfen will.
Ich gehe hoch, drücke auf die Klingel, und Tante Frieda macht auf, als hätte sie auf einen Chauffeur gewartet.
Sie trägt ihren guten Mantel. Dunkelblau. Ein wenig zu groß. Darunter eine geblümte Bluse, die sie früher an Feiertagen getragen hat. Die Haare sitzen halb ordentlich, halb windschief. Lippenstift ist da, aber nicht komplett da, wo er hingehört. In ihrer linken Hand hält sie die alte braune Handtasche. Neben ihr steht ein kleiner, abgewetzter Koffer.
Im Flur riecht es nach Lavendel, kaltem Kaffee und dieser trockenen Wärme, die alte Wohnungen haben, wenn die Heizkörper zu laut und die Bewohner zu still sind.
„Da bist du ja“, sagt sie. „Wir müssen los.“
„Wir müssen erstmal gar nichts“, sage ich und gehe an ihr vorbei ins Wohnzimmer.
Auf dem Couchtisch liegen ein paar Sparbücher, zwei Schmuckschatullen, ein gerahmtes Foto in Silberoptik und ein Umschlag. Daneben ein Zettel mit zittriger Schrift: Bahnhof. Nicht mit Polizei sprechen. Nur bar.
Mir wird sofort kalt im Nacken.
„Wer hat angerufen?“
Tante Frieda setzt sich nicht. Sie steht im Türrahmen und guckt mich an, als würde sie gerade überlegen, ob ich der Richtige bin.
„Ein junger Mann“, sagt sie. „Mit höflicher Stimme. Das ist heute selten.“
„Und was wollte der höfliche junge Mann?“
„Er sagte, mein Enkel habe jemanden überfahren.“
„Du hast keinen Enkel.“
„Dann eben dein Junge.“
„Ich habe auch keinen Jungen.“
Sie winkt ab. „Irgendeiner wird schon gemeint sein. Männer sind doch alle irgendwann mit irgendwem verwandt.“
Manchmal sagt sie Sätze, bei denen man erst lachen will und dann merkt, dass einem nicht danach ist.
Ich nehme mein Telefon raus und gehe in die Küche. Die Küche ist klein. Gelbe Fliesen. Überm Tisch hängt eine Lampe mit Fransen. Auf der Fensterbank stehen drei Topfpflanzen, die entweder zäh oder tot sind. Bei der jungen Kommissarin habe ich die Nummer noch gespeichert, weil das Leben in meinem Umfeld gelegentlich die Form eines Strafgesetzbuchs annimmt.
Sie geht schnell dran.
„Ja?“
„Ich bin’s.“
„Das ist keine Information.“
„Der Hanswurst.“
Kurze Pause.
„Ach Sie.“
Man hört ihr an, dass sie eigentlich professionell klingen will und trotzdem schon wieder ahnt, dass ich ihr den Tag versaue.
Ich schildere es knapp. Enkeltrick. Tante. Demenz. Koffer. Bahnhof. Bargeld.
Sie unterbricht mich nicht.
Dann sagt sie: „Bleiben Sie bei ihr. Räumen Sie das Geld weg. Ich komme in Zivil zum Hauptbahnhof. Wenn der Täter oder ein Abholer auftaucht, machen wir ihn fest. Und hören Sie mir gut zu: Keine Heldensachen.“
„Ich bin beleidigt.“
„Das dürfen Sie später sein.“
*
Tante Frieda lässt sich das Geld ohne großen Streit aus der Hand nehmen. Das macht es fast schlimmer. Sie schaut nur kurz auf den leeren Couchtisch, dann auf mich.
„Du packst alles so ordentlich weg“, sagt sie. „Wie deine Mutter. Das ist bei Männern selten.“
Ich stecke Umschlag, Sparbücher und Schmuck zurück in die Kommode. Nur den Zettel nehme ich mit.
„Was ist im Koffer?“
„Sachen.“
„Was für Sachen?“
„Für den Fall.“
„Welchen Fall?“
„Na wenn man weg muss.“
Sie sagt das so sachlich, dass ich den Koffer aufmache.
Drin liegt ein Sommerkleid. Ein altes Fotoalbum. Ein Badeanzug. Ein Kulturbeutel. Zwei belegte Brote in Butterbrotpapier. Eine kleine Flasche Doppelkorn. Und ganz unten, sauber gefaltet, eine Ansichtskarte vom Meer. Auf der Rückseite steht in verblasster Tinte nur ein Wort: Oostende.
„Wieso hast du einen Badeanzug eingepackt?“
Tante Frieda sieht mich an, als wäre ich wirklich etwas begriffsstutzig geraten.
„Weil man mit Mantel schlecht schwimmt.“
*
Wir fahren mit dem Taxi zum Bahnhof. Tante Frieda sitzt neben mir und hält ihre Handtasche auf dem Schoß, als wäre sie auf dem Weg zu einer Verabredung. Draußen zieht die Stadt vorbei. Ampeln. Fassaden. Ein Kiosk. Eine Apotheke. Ein Spielcasino, das schon am Mittag so aussieht, als habe es die Nacht nicht verkraftet.
„Warst du schon mal in Oostende?“, frage ich.
„Fast“, sagt sie.
„Was heißt fast?“
„Ich war mal kurz davor.“
Dann sagt sie nichts mehr.
Vor dem Bahnhof steht die junge Kommissarin. Jeans, dunkle Jacke, Pferdeschwanz. Sie sieht aus, als hätte sie sich für einen freien Tag entschieden, den ihr dann doch jemand kaputtgeredet hat. Als sie uns kommen sieht, geht sie uns entgegen.
„Sie sind also der Neffe.“
„Ich bin vieles“, sage ich, „aber im Moment vor allem genervt.“
Sie nickt Tante Frieda zu. „Guten Tag.“
Die Tante mustert sie von oben bis unten. „Sie sehen aus, als würden Sie Menschen widersprechen, ohne laut zu werden.“
„Berufsbedingt“, sagt die Kommissarin.
„Lehrerin?“
„Fast.“
Wir stellen uns in die Bahnhofshalle, ein Stück abseits von den Schließfächern. Menschen gehen vorbei mit Koffern, Rucksäcken, Kaffee in Pappbechern. Lautsprecherdurchsagen hängen in der Luft wie etwas, das niemand bestellt hat, aber alle notgedrungen und dabei wie beiläufig ertragen müssen.
Die Kommissarin spricht leise.
„Wenn sich jemand nähert und nach Geld fragt, lassen Sie mich machen. Sie“, sagt sie zu mir, „halten sich zurück.“
„Sie wiederholen sich.“
„Weil Sie wie ein Mann wirken, der Wiederholungen braucht.“
Ich will was sagen, lasse es aber. Tante Frieda sieht währenddessen nicht zu den Schließfächern. Sie sieht zur Anzeigetafel.
Abfahrten. Verspätungen. Städte.
Ihr Gesicht verändert sich dabei. Nicht viel. Nur so, als würde hinter den Augen kurz ein anderer Raum aufgehen.
„Bahnsteig sieben“, murmelt sie.
„Was?“, frage ich.
„Früher war es sieben.“
„Was war sieben?“
Sie antwortet nicht.
Dann kommt einer.
Kein alter Mafioso. Kein Typ mit Sonnenbrille. Einfach ein junger Mann in einer schwarzen Jacke, aufgemotzt, aufgemotzt im billigen Sinn. Einer, der aufgemotzt sein will, weil er glaubt, dann merkt keiner, dass er Dreck am Stecken hat. Er geht direkt auf uns zu, schaut erst mich an, dann Tante Frieda.
„Frau Frieda K.?“
Die Kommissarin stellt sich ein kleines Stück schräg. Nicht auffällig. Nur bereit.
„Ja“, sagt die Tante.
„Ich bin wegen Ihres Enkels hier. Haben Sie die Tasche?“
Tante Frieda nickt. „Natürlich.“
Sie öffnet ihre Handtasche. Mein Herz macht kurz Unsinn. Dann holt sie langsam etwas heraus.
Nicht Geld.
Ein altes, sorgfältig gefaltetes Taschentuch. Darin eingewickelt liegt die Ansichtskarte von Oostende und ein hartgekochtes Ei.
Der junge Mann blinzelt.
„Äh. Das Geld.“
„Geld verdirbt einem nur die Reise“, sagt Tante Frieda.
Der Typ schaut verwirrt zu mir, dann wieder zu ihr.
„Wir hatten am Telefon doch…“
Weiter kommt er nicht.
Die junge Kommissarin ist plötzlich keine junge Frau in Jeans mehr, sondern ganz Polizei. Ein Schritt, ein Griff, eine klare Stimme.
„Kriminalpolizei. Sie kommen jetzt mit.“
Der junge Mann versucht es noch mit Wegducken, aber das ist eher symbolisch. Zwei Kollegen sind ohnehin schon da. Offenbar hatte die Kommissarin mehr vorbereitet, als sie mir gesagt hat. Vernünftige Leute machen sowas.
Der Typ wird abgeführt. Er schimpft noch, halb laut, halb feige. Die Tante sieht ihm nach, als wäre er ein Kellner, der die falsche Bestellung gebracht hat.
„Der war’s nicht“, sagt sie.
„Wie bitte?“, frage ich.
„Der am Telefon klang netter.“
*
Eine Stunde später sitzen wir im kleinen Büro der Bundespolizei im Bahnhof. Formalitäten. Aussagen. Papier. Dieser Teil jeder Geschichte, in dem man merkt, dass das Leben nicht nur aus Pointe besteht, sondern auch aus Formularen.
Die junge Kommissarin klappt ihren Block zu.
„Gut“, sagt sie. „Damit wären wir durch.“
„Und jetzt?“, frage ich.
„Jetzt bringen Sie Ihre Tante nach Hause.“
Tante Frieda sitzt neben mir auf dem Stuhl, beide Hände auf dem Koffer. Sie guckt nicht die Kommissarin an. Sie guckt zur Tür. Dahinter hört man wieder Durchsagen.
„Ich fahre nicht nach Hause“, sagt sie.
„Doch“, sage ich automatisch.
„Nein.“
„Tante Frieda…“
„Ich bin schon adrett und reisefertig“, sagt sie. „Und wenn man das einmal ist, geht man nicht einfach wieder heim und setzt Kartoffeln auf.“
Die junge Kommissarin presst kurz die Lippen aufeinander. Ich merke, dass sie nicht lachen will. Oder nicht lachen darf. Vielleicht beides.
„Wohin wollen Sie denn?“, fragt sie.
Tante Frieda antwortet sofort.
„Ans Meer.“
Es ist still.
Dann sage ich: „Du kannst nicht einfach ans Meer.“
„Warum nicht?“
„Weil das…“ Ich suche nach einem vernünftigen Satz und finde nur lauter dünne. „Weil man sowas plant.“
„Sie wollten doch auch nichts planen“, sagt die Kommissarin trocken. „Sie wollten den Täter fangen. Hat ja geklappt.“
„Sehr witzig.“
Tante Frieda öffnet den Koffer und zieht das Fotoalbum heraus. Zwischen zwei Seiten steckt ein Schwarzweißfoto. Ein junger Mann vor einem Zug. Daneben eine junge Frau im Mantel. Sie lacht in die Kamera, als wäre Zukunft etwas, das zuverlässig eintrifft.
„Das bin ich“, sagt die Tante.
„Das sehe ich.“
„Und das ist der Paul.“
„Wer ist Paul?“
„Mit dem wollte ich weg. Nach Oostende. Ich war zweiundzwanzig. Meine Mutter bekam zwei Tage vorher diesen Husten, von dem alle sagten, das werde nichts Kleines. Dann bin ich nicht gefahren. Danach war Paul irgendwann weg. Und dann war immer irgendwas.“
Sie sagt das ruhig. Ohne Pathos. Gerade deshalb sitzt es.
„Und warum jetzt?“
Sie schaut mich an. Ganz klar. So klar, dass ich für einen Moment das Gefühl habe, sie sei gar nicht hier, sondern ich.
„Weil irgend so ein Idiot angerufen und behauptet hat, es sei dringend“, sagt sie. „Und da habe ich mir gedacht: Na also. Endlich sagt es mal einer.“
Ich starre sie an.
„Du wusstest, dass das ein Trick ist?“
„Nicht alles. Aber dass du keinen Enkel hast, wusste ich schon noch.“ Sie klopft auf ihre Handtasche. „Man verwechselt viel. Aber nicht jeden Quatsch.“
Die junge Kommissarin sieht erst sie an, dann mich.
„Das ist“, sagt sie, „nicht die übliche Entwicklung bei einem Enkeltrick.“
„Ich bin auch nicht die übliche Familie“, sage ich.
*
Wir gehen wieder in die Halle. Die Kommissarin begleitet uns bis zur Anzeigetafel. Sie tut so, als sei das rein dienstlich. Vielleicht ist es das auch. Vielleicht nicht.
„Sie können jetzt nicht ernsthaft…“, sagt sie.
„Doch“, sage ich.
Ich sage es, bevor ich nachdenken kann. Das kommt bei mir nicht oft gut. Diesmal aber schon.
„Was doch?“, fragt sie.
„Na doch. Wir fahren.“
„Wohin?“
Ich sehe zur Tafel hoch. Köln. Brüssel. Irgendwelche Orte, in denen man schon mal gewesen sein könnte, ohne je dort angekommen zu sein.
Tante Frieda sagt: „Erstmal los. Der Rest ergibt sich.“
Und da ist es. Dieser Satz. So leicht, dass man ihn fast übersieht. So schwer, dass er alles verrückt.
Ich gehe zum Schalter. Kaufe zwei Fahrkarten. Nicht bis Oostende. So reich bin ich nicht, und die Geschichte soll ja auch nicht völlig ins Kitschige abkippen. Erstmal bis Köln. Ab da, denke ich, sehen wir weiter. Vielleicht weiter. Vielleicht nicht. Vielleicht reicht manchmal schon das Losfahren.
Als ich zurückkomme, sitzt die Tante auf dem Koffer und isst eines der belegten Brote.
„Für dich hab ich auch eins gemacht“, sagt sie.
Die junge Kommissarin steht daneben und schüttelt den Kopf. Aber nicht streng. Eher so, wie man den Kopf schüttelt, wenn etwas gegen die Ordnung verstößt und trotzdem richtiger ist als die Ordnung.
„Rufen Sie mich an, wenn was ist“, sagt sie.
„Meinen Sie dienstlich?“, frage ich.
„Ich meine generell. Bei Ihnen weiß man nie.“
Dann beugt sie sich Tante runter.
„Viel Spaß am Meer.“
Tante Frieda nickt würdevoll. „Und Sie fangen noch ein paar von diesen Trotteln.“
„Das ist der Plan.“
„Dann haben wir beide was vor.“
*
Im Zug sitzen wir am Fenster. Draußen schiebt sich die Stadt langsam weg. Hinterhöfe. Lagerhallen. Graffiti. Dann mehr Himmel.
Tante Frieda hat den Mantel offen. Der Badeanzug liegt noch im Koffer. Das Meer noch weit weg. Aber irgendwas ist schon passiert. Nicht groß. Nicht filmisch. Eher so, wie wenn in einem zu stickigen Zimmer endlich einer ein Fenster aufmacht.
„Bist du mir böse?“, fragt sie.
„Wofür genau? Die Auswahl wäre groß.“
„Dafür, dass ich dich da reingezogen habe.“
Ich denke kurz nach. Wirklich kurz.
„Nein“, sage ich dann. „Dem Autor bin ich böse. Dir nicht.“
Sie lacht. Leise. Echt.
„Du redest schon wieder von dem.“
„Ja. Der schickt mich dauernd in Geschichten, wo ich am Ende Gefühle haben muss. Ein manipulativer Erzählhurensohn ist das.“
„Dann grüß ihn von mir“, sagt Tante Frieda und nimmt einen Schluck Doppelkorn aus der kleinen Flasche. „Und sag ihm: war höchste Zeit.“
Ich nehme mein Brot, lehne den Kopf an die Scheibe und sehe hinaus.
Vielleicht kommen wir bis Köln. Vielleicht bis Belgien. Vielleicht nur bis zu irgendeinem Bahnhof, an dem der Kaffee schlecht und die Luft nach Regen riecht. Ist mir in dem Moment egal.
Wichtig ist bloß: Wir fahren.
Und manchmal ist genau das der ganze Trick…
ENDE