Der Hanswurst und die Soziologie der Currywurst

Cover für Wurst- und Durstgeschichten – Der Hanswurst und die Soziologie der Currywurst (Reloaded)

Ein ganz normaler Nachmittag im Imbiss ums Eck. Der Grill zischt, die Currysauce duftet, der Schorsch steht hinter der Theke und der Hanswurst macht den gefährlichen Fehler, klug wirken zu wollen.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Nadine Seiffert

Worum geht’s?

Der Hanswurst steht wie so oft am Stehtisch, isst Currywurst, trinkt Bier und denkt eigentlich an nichts Besonderes. Bis er plötzlich beginnt, über den Imbiss als sozialen Ort zu sprechen.

Was zuerst nach Kneipenquatsch mit Pommesgabel klingt, wird schnell zu einer sehr eigenen Theorie der Currywurst: Der Imbiss als Ort der Begegnung. Der Stehtisch als kleine demokratische Zone. Die Currywurst als verbindendes Element zwischen Baustelle, Büro, Rentnerbank und Feierabend.

Der Hape steigt natürlich sofort ein und wirft mit Begriffen um sich, als hätte jemand heimlich Soziologie über seine Fritten gestreut. Der Schorsch bleibt skeptisch. Und der Hanswurst merkt langsam: Vielleicht ist der Imbiss ums Eck tatsächlich mehr als ein Ort, an dem man schnell etwas isst. Vielleicht ist er ein kleiner, warmer Gegenentwurf zur großen, kalten Welt da draußen.

Die Geschichte lesen

Es ist ein ganz normaler Nachmittag im „Imbiss ums Eck“. Normal heißt hier: warmes Fett in der Luft, der Grill macht dieses beruhigende Zischen, als hätte er selbst schon alles gesehen, und die Currysauce riecht süß sauer nach „gleich wird’s wieder besser“. Ich stehe an meinem Stammplatz am Stehtisch, schiebe mir gerade ein Stück Currywurst in den Mund und spüle mit einem Schluck Bier nach, weil man ja auch irgendwo seine Standards haben muss.

Neben mir steht der Hape und kaut gedankenverloren auf seinen Fritten rum, als wären die Kartoffelstäbchen eine existenzielle Frage. Hinter der Theke, wie immer die ruhige Kraft des Imbisses, werkelt der Schorsch. Der Schorsch wirkt dabei so, als hätte er sich mit der Welt auf ein nüchternes Unentschieden geeinigt.

Ein normaler Nachmittag also. Bis ich auf die Idee komme, klug zu wirken.

Das ist übrigens nicht meine Idee. Das ist die Idee von diesem Autor, der mich hier reingeschrieben hat, als wäre ich sein kleiner Denkclown. Ich sag’s, wie’s ist: Der Typ ist eine Arschgeige. Ein Depp mit Tastatur. Ich würde jetzt eigentlich einfach essen und schweigen, aber nein: Er schiebt mir so einen Bildungsimpuls zwischen die Zähne wie ein zu heißes Pommesstück.

„Du, Schorsch“, fange ich an, setze die Gabel ab und tue so, als wäre das alles total spontan, „hast du eigentlich mal drüber nachgedacht, was für’n Phänomen dein Imbiss hier ist? Ich mein, das ist ja nicht nur ’n Ort zum Essen.“

Der Schorsch kippt gerade eine neue Fuhre Fritten in die Fritteuse und sieht kurz auf. „Was meinste denn damit?“

Ich wische mir die Lippen mit einer Serviette ab und nicke bedeutungsvoll. So bedeutungsvoll, wie man nicken kann, wenn man Mayo am Mundwinkel hat. „Ich hab mal gehört, das nennt sich Imbisskultur. So, wie du das hier machst mit der Wurst, dem Bier und den Stehtischen, das ist nicht nur kulinarisch, das ist… sozial. Da kommt jeder hin, egal wer er ist.“

„Hä? Wieso denn sozial?“ fragt der Hape und zieht eine Augenbraue hoch. „Was laberst du da, Alter?“

Ich winke ab. Innerlich fluche ich leise, weil ich weiß, was jetzt kommt: Ich muss irgendeinen Soziologen auspacken, den ich in Wirklichkeit nie gelesen habe, außer vielleicht auf einem Bierdeckel mit falschem Zitat. Aber der Autor will’s so. „Nee, pass auf! Ich hab da was gelesen, von so ’nem Soziologen, wie hieß der noch… Dünnpfiff? Nee. Nee. Ach ja, Durkheim, genau! Der hat über das, ähm, soziale Milieu geschrieben. Weißte, der Imbiss hier ist doch so’n Ort, wo Leute aus verschiedenen Schichten zusammenkommen. Soziale Schichten, das nennt man dann Milieu.“

„Ah, Bad Dürkheim“, murmelt der Hape, als würde er sich an etwas erinnern, das er vor langer Zeit mal gehört hat. „Da gibt’s doch dieses bekannte Wurstfest. Ach ja… Aber du meinst eigentlich diesen französischen Typen, oder? Langsam klingelt da bei mir was. Ist aber schon lang her. Der hat doch immer von Vergemeinschaftung und Solidarität geredet, oder?“

„Genau!“ Ich werde jetzt eifrig, was mich selbst überrascht. Normalerweise werde ich nur eifrig, wenn der Schorsch „letzte Runde“ sagt. „Dieser Durkheim meinte, dass Menschen so ’nen Ort brauchen, wo sie sich miteinander verbunden fühlen. Wo sie für kurze Zeit Teil von was Größerem werden, ohne das groß zu hinterfragen. Und guck doch mal: Was anderes ist der Imbiss hier, wenn nicht genau das?“

Der Schorsch lacht leise, während er eine Ladung Fritten auf die Teller verteilt. „Ihr redet ganz schön hochgestochen für zwei, die grade ’ne Currywurst essen.“

„Aber er hat recht“, sagt der Hape plötzlich, die Bierflasche in der Hand, als wäre sie ein Zeigestab. „Ein Imbiss ist ’n Ort, wo jeder hinkommen kann. Du kommst von der Schicht, ich komm von meiner, aber hier, an der Theke, sind wir alle gleich. Das ist wie ’ne temporäre… äh… wie hast du das genannt?“

„Vergemeinschaftung“, sage ich stolz. Und ich hasse mich ein bisschen dafür, wie stolz ich das sage, weil ich merke, wie der Autor sich gerade selber auf die Schulter klopft. „Das heißt, dass Leute hier für kurze Zeit zusammenkommen, ne kleine Gruppe bilden, die sich sonst vielleicht nie treffen würde.“

Der Schorsch legt die Grillzange ab und schüttelt den Kopf. „Ihr habt viel Zeit zum Nachdenken. Für mich ist das hier einfach ’n Ort, wo man ’ne gute Wurst kriegt. Aber wenn’s euch hilft, das zu durchdenken, macht mal.“

„Nein, wirklich“, fahre ich fort. Ich höre mich reden und denke: Hanswurst, halt’s Maul. Aber der Autor sitzt irgendwo wie ein Regisseur im Off und macht so eine Handbewegung, die heißt: weiter. „Wenn du hier reinkommst, Schorsch, du bietest uns mehr als nur Essen. Du bietest uns einen Raum, wo wir uns als Menschen begegnen. Hier stehen der Typ von der Baustelle, der Anwalt vom Büro und der Rentner von nebenan alle am gleichen Stehtisch. Für kurze Zeit gibt’s keine Hierarchie.“

Der Hape nickt langsam. „Das nennt man dann wohl… äh, wie hieß der andere Typ? Bourdieu! Der hat doch von diesen Feldern und Kapitalformen gesprochen. Hier im Imbiss zählt nicht, wie viel Geld du hast oder was für’n Job du machst. Hier geht’s um kulinarisches Kapital. Genau. Klingt komisch. Ist aber so.“

Der Schorsch legt die Stirn in Falten. „Was? Kulinarisches Kapital? Das klingt, als würd ich hier Bankgeschäfte machen.“

„Nee, nee, pass auf“, sagt der Hape und gestikuliert eifrig. „Bourdieu meinte, dass Menschen in verschiedenen Bereichen also in sogenannten Feldern unterschiedlich punkten. In manchen Feldern zählt Geld, in anderen zählt Bildung, und hier, im Imbiss, zählt halt dein Geschmack. Wer die beste Wurst kennt, wer weiß, wie man das Curry richtig aufträgt, der hat hier das kulinarische Kapital.“

Ich ziehe eine Kippe aus der Tasche und zünde sie mir an, weil man bei so viel Theorie irgendwas Bodenständiges braucht. Außerdem gehört das zu meinem Rollenprofil. Ich bin ja nicht nur Figur, ich bin auch Klischee, das ist der Deal. „Also“, setze ich an, „im Grunde genommen ist es egal, ob du ’n Millionär bist oder die Stütze beziehst. Wenn du weißt, dass hier die beste Currywurst der Stadt verkauft wird, dann bist du im Imbiss auf Augenhöhe mit allen anderen.“

Der Schorsch schnaubt und schüttelt den Kopf. „Das klingt alles ganz schön schöngeistig für ’nen Ort, wo man in zehn Minuten sein Essen kriegt und wieder weg ist.“

Ich lache. „Ja, aber genau das ist doch der Punkt, oder? Es ist so kurz, so alltäglich, und doch ist es ein Ort, wo man für kurze Zeit dazugehört. Und das macht einen Imbiss zu ’nem besonderen Ort. Dein Imbiss ist ein besonderer Ort, mein lieber Schorsch.“

Und jetzt kommt der Teil, den der Autor besonders gern hat: der bedeutungsschwangere Twist im Satzbau, dieses „Und weißt du, was das Irre ist“. Als hätte ich sowas jemals gesagt, bevor er mich erfunden hat. Ich ziehe an der Kippe und setze das verschwörerische Lächeln auf, das er mir gerade ins Gesicht schreibt.

„Und weißt du, was das Irre an dem ganzen ist?“ Ich lasse den Rauch raus und nicke, als wäre ich ein kleiner Soziologiepapst auf zwei Promille. „Die Leute, die hierherkommen, die werden oft von anderen verurteilt.“

„Wieso das denn?“ fragt der Hape und nimmt einen großen Schluck Bier.

„Na ja“, fahre ich fort, „Imbissessen hat ja immer noch so ’nen Ruf, weißte? Billig, fettig, ungesund. Aber das ist genau der Punkt! Das, was die Leute hier essen, ist ’ne Art kulinarische Abgrenzung. Die kommen hierher, weil sie genau das wollen. Das ist ’ne bewusste Entscheidung. Und gleichzeitig wird man von anderen so ein bisschen belächelt.“

„Das stimmt“, sagt der Hape. „Da gibt’s Leute, die halten sich für was Besseres, nur weil sie irgendwo im teuren Restaurant sitzen und so ’ne kleine Portion auf ’nem riesigen Teller serviert kriegen.“

„Ganz genau“, stimme ich zu. „Aber die Wahrheit ist doch, dass die Leute hier mit ihren Wünschen und Bedürfnissen viel echter sind. Die kommen her, weil sie was wollen, was sie kennen und was ihnen schmeckt. Das ist Authentizität.“

Der Schorsch räuspert sich und hebt die Grillzange, als wolle er etwas Wichtiges sagen. Und wenn der Schorsch was Wichtiges sagt, dann ist das meistens wirklich wichtig, nicht so wie mein Theoriegeplapper. „Also, ihr zwei redet hier von großen Theorien, aber am Ende des Tages ist das doch alles ganz einfach: Die Leute kommen hierher, weil sie ’ne Pause von ihrem Leben brauchen. Das ist doch der Trick, oder?“

Ich nicke. Und ich merke, wie sehr das sitzt, weil es stimmt, ohne dass man einen Franzosen dafür braucht. „Ja, genau. Das ist die temporäre Vergemeinschaftung. Hier drin, im Imbiss, für die paar Minuten, da sind wir alle im selben Boot. Danach gehen wir wieder raus, jeder zurück in sein eigenes Leben. Aber für die kurze Zeit, da gehören wir zusammen.“

„Man könnte fast sagen“, fügt der Hape hinzu, „wir sind wie ’ne mobile Gesellschaft. Wir formen uns, essen zusammen, und dann lösen wir uns wieder auf.“

Der Schorsch sieht uns an, als wäre er nicht ganz sicher, ob das jetzt tiefsinnig oder totaler Bockmist ist. „Jungs, ich sag’s mal so: Ihr habt zu viel Bier getrunken und zu wenig Currywurst gegessen. Aber was soll’s, ich mach euch noch ’ne Runde.“

Und da bin ich wieder ganz bei mir, ganz bei meinem eigentlichen Lebenszweck: Essen, Bier, kurz dazugehören. Ich zeige auf den Schorsch, als hätte ich ihn gerade akademisch geadelt. „Du machst uns nicht nur ne Runde, Schorsch“, sage ich und lache, „du hältst hier die soziale Ordnung aufrecht! Du bist so was wie der heimliche Soziologe des Imbisses.“

Der Schorsch verdreht die Augen und stellt neue Currywürste auf den Tresen. „Wenn das so ist, dann bin ich der glücklichste Soziologe der Welt. Auf eure Rechnung…“

Ich ziehe noch einmal an der Kippe, schaue kurz in die Richtung, wo der Autor vermutlich sitzt, und denke: Du Depp. Du lässt mich hier klug reden, damit du dich klug fühlen kannst. Aber am Ende rettet uns immer der Schorsch mit einer neuen Runde.

Und das ist vielleicht die einzige Theorie, die wirklich stimmt…

ENDE

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