
Ein alter Videospielautomat im Imbiss ums Eck. Der Schorsch nennt ihn ein Problem. Der Hape nennt ihn ein Objekt. Und der Hanswurst merkt leider etwas zu spät, dass man bei manchen Dingen besser nicht auf Start drückt.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Der Schorsch bringt einen alten Videospielautomaten in den Imbiss ums Eck. Eigentlich soll das Ding nur kurz zwischengelagert werden. Eigentlich soll auch niemand daran herumspielen. Eigentlich.
Aber dann steckt der Hape eine alte D-Mark ein, der Bildschirm flackert auf und plötzlich sind der Hanswurst und der Hape nicht mehr vor dem Automaten, sondern mittendrin. In einer pixeligen Zwischenwelt voller Curry-Mix-Dosen, Kronkorken, Bonus-Röhren, Highscores und sehr schlechter Level-Architektur.
Und während der Hape das Ganze natürlich sofort als künstlerische Erweiterung des Raums begreift, versteht der Hanswurst langsam: Dieser Automat will nicht gewinnen. Er will nicht verlieren. Er will einfach nur nicht vergessen werden.
Die Geschichte lesen
Es ist einer von diesen Abenden, an denen der Imbiss ums Eck so dasteht, als würde er sich selbst genügen. Draußen nieselt es. Drinnen brummt der Kühlschrank. Der Schorsch stand bis eben hinterm Grill und rauchte wieder so, als hätte ihm das Gesundheitsamt irgendwann persönlich den Krieg erklärt und er beschlossen hätte, ihn aus Prinzip nicht zu gewinnen.
Ich stehe mit dem Hape an unserem Lieblingsstehstammtisch. Vor mir eine Currywurst mit ordentlich Soße, daneben ein Bier. Mehr braucht ein Mensch nicht unbedingt. Zumindest kein vernünftiger Mensch. Der Hape braucht meistens mehr. Ideen zum Beispiel. Oder Anerkennung. Oder irgendeinen Unsinn, den er dann Kunst nennt, damit man ihm nicht direkt sagt, dass es Unsinn ist.
An diesem Abend kommt der Unsinn auf einer Sackkarre rein.
Der Schorsch schiebt das Ding durch die Tür, als hätte er es am liebsten unterwegs irgendwo im Rhein versenkt. Das Teil ist ein alter Videospielautomat. So ein richtiger Kasten aus der frühen Steinzeit der Elektronik. Holzgehäuse. Zerkratzte Seiten. Ein Bildschirm, tief im Gerät drin wie in einer kleinen dunklen Höhle. Oben ein Leuchtkasten, auf dem nur noch in halben Buchstaben ein Name zu lesen ist. Irgendwas mit TURBO oder TERROR oder TORNADO. Man weiß es nicht. Das Ding riecht nach Staub, Keller und den Fingern von Leuten, die in den Achtzigern zu oft Kleingeld angefasst haben.
Der Hape stellt sofort sein Bier ab. Das macht er sonst nur bei Frauen, Kunst oder Bränden.
„Was ist das denn?“
Der Schorsch stellt den Automaten neben die Wand mit dem Getränkeplakat, wischt sich über die Stirn und sagt: „Ein Problem.“
„Das ist kein Problem“, sagt der Hape. „Das ist ein Objekt.“
„Das ist Sperrmüll mit Stecker.“
„Das ist Zeitgeschichte.“
„Das ist schwer.“
Ich gehe einen Schritt näher ran. Der Bildschirm ist schwarz. Unten sind zwei rote Knöpfe und ein Joystick mit abgegriffenem Ballgriff. Der Münzeinwurf ist verbeult. Einer hat vor langer Zeit mal mit einem Schlüssel oder einem Schraubenzieher daran herumgehebelt. Rechts klebt noch ein schiefer Aufkleber von irgendeiner Spielhalle, die wahrscheinlich schon vor Jahren dichtgemacht hat.
Ich streiche mit dem Blick über das Gerät und denke an die Achtziger, obwohl ich nie einer von diesen Leuten war, die vor so einem Automaten standen und mit ernster Stirn Weltraumkriege führten. Ich war eher der Typ, der davorstand und zusah, wie andere ihre Markstücke opferten. Zu Hause hatten wir keinen großen technischen Zauber, nur einen Schwarzweiß-Fernseher, der warm wurde, und Eltern, die bei allem, was blinkte, das Gefühl hatten, jetzt gehe der Sozialstaat endgültig zugrunde.
Der Hape hockt schon vor dem Automaten wie vor einem Altar.
„Wo hast du den her?“
Der Schorsch zuckt mit den Schultern. „Aus dem Keller vom Hopfenhaus. Der Hopfen-Hugo wollte Platz schaffen. Hat gemeint, das Ding steht da seit Jahrzehnten rum. Keiner weiß, ob es noch geht.“
„Dann muss man das ausprobieren“, sagt der Hape.
„Man muss gar nichts“, sagt der Schorsch. „Das kommt morgen auf den Wertstoffhof.“
Ich sehe es dem Hape an. In ihm arbeitet es schon. Das ist immer schlecht. Wenn der Hape so guckt, kommt entweder ein neues Kunstprojekt dabei raus oder ein Sachschaden. Mitunter beides.
Er steht auf, legt die Hand an die Seite vom Automaten und sagt: „Allein die Oberfläche. Schau dir das an. Die Gebrauchsspuren. Die Biografie. Das hat doch Leben gesehen.“
„Ich hab auch Leben gesehen“, sagt der Schorsch. „Trotzdem drückt mir keiner dauernd auf die Knöpfe.“
Der Hape findet hinten tatsächlich das Kabel. Der Schorsch murrt, aber er lässt es zu, vielleicht weil er selber neugierig ist. Vielleicht auch, weil man manchen Fehlern zusehen muss, damit sie später als Lehre taugen.
Das Kabel wird eingesteckt. Erst passiert nichts. Dann kommt aus dem Gerät ein trockener Klick. Es summt kurz. Der Bildschirm flackert. Grün. Schwarz. Grün. Eine dünne Linie wandert durchs Bild. Dann springt oben im Leuchtkasten tatsächlich noch einmal Licht an. Nicht ganz. Nur stellenweise. Der Name bleibt unklar. TOR…ON… oder TUR…ON… keine Ahnung. Der Autor wird mir hier jetzt keinen sauberen Titel liefern, weil er selber noch unschlüssig ist oder weil er meint, Unschärfe sei Atmosphäre. Das ist ja sein gutes Recht als literarische Arschgeige, aber ich muss dann drin oder damit leben.
Auf dem Bildschirm erscheinen große kantige Buchstaben.
INSERT COIN
Darunter:
PRESS START
Der Hape lacht. „Na also.“
Der Schorsch sagt nichts. Er guckt den Automaten an, als hätte er einen alten Bekannten wiedererkannt, mit dem er nie gern befreundet war.
„Hast du Geld?“, frage ich.
„Warum ich?“, fragt der Hape.
„Darum.“
Der Schorsch wirft uns eine Mark zu. Eine richtige alte D-Mark. Woher der die immer noch nimmt, frage ich gar nicht erst. Beim Schorsch liegen in Schubladen Dinge, die in der normalen Welt nicht mehr zirkulieren. Wahrscheinlich finden Archäologen bei ihm irgendwann das Bernsteinzimmer und eine halbvolle Packung HB.
„Einmal und dann ist Schluss“, sagt er.
Der Hape nimmt die Münze, dreht sie zwischen den Fingern und schiebt sie in den Schlitz. Es klackt schwer im Innern. Der Bildschirm springt um. Ein blecherner Jingle setzt ein. Ein paar Pixelblitze laufen über den Rand. Dann erscheint eine Stadt. Schwarz. Blau. Grüne Linien. Röhren. Treppen. Kacheln. Alles grob, alles kantig, alles so, als hätte jemand eine Welt mit wenig Geduld und noch weniger Speicherplatz gebaut.
PLAYER 1 READY
Der Hape drückt auf Start.
Es ist kein Knall. Eher ein Ruck. Ein kurzer Zug hinter den Augen. Als würde man aufstehen und der Kreislauf ist eine halbe Sekunde beleidigt. Ich will noch sagen, dass mir das nicht gefällt, aber da ist der Boden schon weg.
Dann bin ich drin.
Ich meine das wörtlich. Nicht metaphorisch. Nicht innerlich. Nicht bloß von der Stimmung her. Ich stehe in einer Straße aus grünen und blauen Linien, die in der Luft hängen wie mit Neon gezogen. Über mir blinkt ein Himmel in Rasterpunkten. Vor mir läuft der Hape, aber er läuft nicht richtig. Er bewegt sich ruckartig. Zwei Schritte, kurzer Sprung, Stillstand. Wieder zwei Schritte. Als hätte jemand sein ganzes Dasein auf acht Richtungen und drei Animationen reduziert.
Ich sehe an mir runter und fluche.
Ich bin eckig.
Nicht klein. Nicht niedlich. Eckig. Mein Bauch ist ein Block, meine Arme sind Stäbe, mein Bart besteht aus einer dunklen Fläche mit hellen Punkten. Das ist kein Körper mehr, das ist eine Beleidigung in Kacheloptik.
„Das kann doch nicht wahr sein“, sage ich.
Meine Stimme klingt blechern. Als würde ich durch einen Lautsprecher sprechen, der schon mal in einer Kegelbahn gehangen hat.
Der Hape dreht sich um und strahlt. „Großartig!“
„Großartig? Ich bin viereckig!“
„Das ist die Reduktion aufs Wesentliche.“
„Das ist die Reduktion auf schlechten Geschmack.“
Hinter uns blinken zwei Worte in der Luft.
LEVEL 1
Dazu eine Melodie, die klingt wie nervöses Treppensteigen.
Wir stehen in einer Art Straßenschlucht. Links Kachelwände. Rechts Rohre. Oben laufen kleine Lichter entlang. Am Boden liegen goldene Punkte, die wahrscheinlich Münzen sein sollen. In regelmäßigen Abständen rollen uns Fässer entgegen, nur dass es keine Fässer sind, sondern riesige Dosen mit der Aufschrift CURRY MIX. Eine nach der anderen kommt aus einer Röhre geschossen, rumpelt über die Kacheln und kracht gegen die Wand am Ende der Bahn.
„Lauf!“, ruft der Hape und springt schon los.
Ich laufe hinterher, weil mir in so einer Welt nichts anderes übrigbleibt. Das ist das Elend meiner Existenz. Erst schreibt mich irgendein Autor in ein Leben, in dem ich dauernd Bier trinke und kluge Dinge sagen soll, obwohl ich eigentlich nur in Ruhe essen will. Und jetzt zieht derselbe oder ein anderer sadistischer Depp mich auch noch in einen Spielautomaten. Irgendwann verklage ich mal einen von denen. Wahrscheinlich scheitert es an der Zuständigkeit.
Wir springen über die Curry-Mix-Dosen. Der Hape sammelt Münzen ein. Ich nicht. Ich halte Geld in Spielwelten für überbewertet. Es bringt einem am Ende doch nur weitere Probleme. Ein paar Meter weiter steht eine Leiter, die nirgendwo befestigt ist. Sie hängt einfach im Raum. Der Hape klettert hoch.
Oben ist eine Plattform mit flackernden Schildern. TRISTESSA blinkt da. KIOSK. IMBISS. PFAND. Dann springt aus einer Luke etwas auf uns zu, das aussieht wie eine Mischung aus Ratte, Toaster und Polizeikelle.
Der Hape duckt sich. Ich trete das Ding aus Reflex weg. Es zerplatzt in vier Pixelstücke.
100 POINTS erscheint kurz über meinem Kopf.
„Na also“, sagt der Hape. „Du hast Talent.“
„Ich habe Metzgerlehre“, sage ich. „Das ist etwas anderes.“
Wir kommen in den nächsten Abschnitt. Röhren stehen da, grün und dick, wie in jedem ordentlichen Spiel, das mal Mario gesehen hat und daraus seine ganze Persönlichkeit gemacht hat. Über jeder Röhre steht in Leuchtbuchstaben ein Ort. GETRÄNKEMARKT. HINTERHOF. KELLER. BONUS.
Der Hape will natürlich sofort in BONUS. Ich halte ihn am Arm fest.
„Du gehst nicht in Bonus. Bonus ist eine Falle. Bonus klingt nur gut.“
„Das ist deine deutsche Kleinangst.“
„Das ist meine Lebenserfahrung.“
Wir nehmen GETRÄNKEMARKT. Die Röhre zieht uns runter. Kurz wird alles dunkel, dann stehen wir in einem Raum voller Kisten. Auf jeder Kiste steht PILS, COLA oder MALZ. Dazwischen fliegen Kronkorken wie kleine Sägeblätter durch die Luft. An der Rückwand hängt ein digitales Plakat. DREI LEBEN NOCH.
„Das wird ja immer besser“, sage ich.
„Das ist doch wunderbar“, sagt der Hape. „Das ist eine vollständige eigene Logik.“
„Ja. Und jede eigene Logik endet irgendwann darin, dass einem Metall um die Ohren fliegt.“
Wir arbeiten uns weiter. Ich springe, trete, ducke mich. Der Hape sammelt Dinge ein, die nicht eingesammelt werden müssen. Ein blinkendes Quadrat. Einen Schlüssel. Ein Fragezeichen. Ein kleines Symbol, das aussieht wie ein Aschenbecher. Jedes Mal macht es PING. Jedes Mal sieht er glücklicher aus.
Dann kommen wir in eine Halle, und plötzlich ist Schluss mit dem Rumgehüpfe.
Die Halle ist still. In der Mitte steht eine schwarze Tafel aus Licht. Darauf stehen Namen. Drei Buchstaben jeweils. Daneben Punktzahlen.
SCH – 198700
JAX – 144000
MUR – 139500
HAP – 120200
Und darunter, noch leer:
HAN – 000000
Ich bleibe stehen.
Der Hape auch.
„HAP?“, sage ich.
Er tritt näher ran. „Das bin ich.“
„Wieso bist du das?“
„Woher soll ich das wissen? Vielleicht kennt das Spiel mich.“
Ich schaue auf SCH. Auf MUR. Auf JAX.
„Das sind doch…“
„Ja“, sagt der Hape leiser. „Das sind wir. Also nicht wir alle. Aber Leute von hier.“
Die Luft flimmert. Neben der Tafel geht eine Tür auf, die vorher nicht da war. Hinter ihr sitzt einer auf einem Hocker. Blockig wie wir. Eine Figur mit hängenden Schultern. Zigarette im Mundwinkel. Hinter ihm ein Grill in Pixeln.
Es ist der Schorsch. Oder etwas, das nach dem Schorsch gebaut wurde.
Er sieht nicht hoch. Er sagt nur: „Ich hab euch gesagt, ihr sollt die Finger davon lassen.“
Ich gehe einen Schritt näher.
„Du bist gar nicht der Schorsch.“
„Nee“, sagt er. „Ich bin nur das, was hier von ihm hängen geblieben ist.“
„Was soll das heißen?“
Die Figur zieht an ihrer Pixelzigarette. Kein Rauch. Nur drei graue Punkte.
„1986“, sagt sie. „Da war er schon mal hier drin. Nicht lange. Hat gereicht.“
Der Hape setzt sich neben die Figur auf die Kante eines leuchtenden Blocks, als würde er ein Interview führen. So einer ist er. Selbst in der digitalen Zwischenwelt glaubt er noch, er sei Teil einer kulturell relevanten Beobachtung.
„Und warum sind wir jetzt hier?“
Die Schorsch-Figur tippt auf die Tafel. „Weil das Ding nicht ausmachen will.“
„Ein Automat will nicht ausmachen?“
„Eher umgekehrt. Ein Automat will nicht vergessen werden.“
Das ist der Moment, in dem es mir kalt wird, obwohl hier alles nur aus Licht und Krach besteht.
„Es gibt keine Spielhalle mehr“, sagt die Figur. „Keinen Laden. Keine Schlange aus Kindern mit Kleingeld. Keine Typen mit Lederjacken, die rauchen und auf Highscore machen. Nur noch Keller. Staub. Dunkel. Und wenn keiner mehr spielt, bleibt hier alles stehen. Also holt sich das Ding Leute rein.“
„Das ist doch irre“, sage ich.
„Natürlich ist das irre“, sagt die Figur. „Du bist eine Figur in einer erfundenen Geschichte und beschwerst dich über Irresein. Man muss auch mal die Kirche am Grill lassen.“
Damit hat er leider einen Punkt.
Der Hape steht auf, geht zur Tafel und streicht über seine drei Buchstaben.
„Dann müssen wir es beenden.“
„Falsch“, sagt die Figur.
„Besiegen?“
„Auch falsch.“
„Reparieren?“
„Schon näher.“
In dem Moment geht das Licht an der Decke an und aus. Die Halle zuckt. Von draußen hört man die Spielmusik wieder, jetzt schneller, nervöser. Irgendwo klirrt etwas. Dann springt ein Schriftzug über die Rückwand.
SYSTEM ERROR
NEW LEVEL DESIGNER ACTIVE
Ich brauche einen Moment, bis ich verstehe, dass der Hape in der Zeit aus einem Sockel in der Ecke eine Art Krone aus Pixeln genommen hat. Das Ding sitzt schief auf seinem Kopf und blinkt blau-rot-blau-rot.
„Hape.“
„Ja?“
„Was hast du getan?“
„Nichts Schlimmes.“
Hinter ihm lösen sich die Wände auf. Kacheln verrutschen. Treppen hängen plötzlich waagerecht in der Luft. Eine Röhre wächst aus dem Boden, krümmt sich wie ein Fragezeichen und verschwindet im Nichts. Münzen regnen von oben. Aus den Lautsprechern kommt eine Melodie, die klingt wie ein Nervenzusammenbruch in Dur.
Der Hape grinst. „Jetzt wird’s interessant.“
„Das sagst du immer, kurz bevor man die Feuerwehr braucht.“
Die Schorsch-Figur steht auf. „Wenn er mit der Krone weiterbaut, kommt ihr gar nicht mehr raus.“
„Warum ist da überhaupt eine Krone?“
„Weil jedes beschissene Spiel irgendwann denkt, es bräuchte einen König.“
Der Hape springt schon auf eine schwebende Plattform. Wo er hintritt, entstehen neue Wege. Aber nicht sinnvoll. Eher so, als hätte einer im Halbschlaf eine Stadt erfunden und alle Bauvorschriften verbrannt. Treppen enden an Decken. Türen führen ineinander. Ein Kiosk hängt kopfüber über einer Rolltreppe. Aus einer Röhre fällt eine endlose Kette Kronkorken.
„Hape!“, brülle ich. „Runter da!“
Er winkt mir zu. „Ich befreie das System von seiner linearen Gewalt!“
„Du befreist gleich meine Hand von deiner Wange!“
Ich laufe los. Über eine Schräge. Durch einen Raum, der aussieht wie der Imbiss ums Eck, nur in zu hell und zu flach. Hinter dem Tresen steht keiner. Auf dem Grill liegen Würste, die im Takt blinken. Auf einem Bildschirm steht CONTINUE? Darunter zählt eine Zahl runter.
9
8
7
Mir ist plötzlich klar, dass das hier kein Countdown für den Hape ist. Das ist unser.
Wenn die Zahl bei null ist, sind wir nicht tot. Das wäre fast zu sauber. Dann sind wir gespeichert. Highscorefutter. Erinnerung im Kasten. Drei Buchstaben und aus.
Ich reiße die Tür zum Hinterraum auf. Da ist kein Hinterraum. Da ist nur schwarzer Rasterhimmel und in der Mitte der Automat selbst. Sein Inneres. Kabel aus Licht. Platinen wie kleine Straßen. Und in der Mitte der Münzschacht, groß wie ein Tor.
INSERT COIN blinkt da wieder.
Da begreife ich es.
„Du dummes altes Ding“, sage ich. „Du willst gar keinen Sieger. Du willst nur noch eine Runde.“
Es antwortet nicht. Natürlich nicht. Spielautomaten sprechen nicht. Dafür gibt es ja Autoren, die einem das Denken aufdrücken. Aber ich merke trotzdem, dass ich richtig liege. Die ganze Welt hier hängt an diesem einen Reflex: Noch ein Versuch. Noch ein Leben. Noch eine Münze. Nicht Schluss machen. Bloß nicht Schluss.
Ich taste in meine Jackentasche, obwohl ich gar keine richtige Jacke anhabe, nur diese eckige Automatenversion davon. Und tatsächlich ist da etwas. Die Mark vom Schorsch. Oder ihre Spielform. Ein kleiner heller Kreis.
Der Countdown läuft.
5
4
Hinter mir rumpelt es. Der Hape ruft irgendwas von Raum und Form und Möglichkeitsfenstern. Ich höre nicht zu. Man muss Freunde nicht in jeder Lage ernst nehmen.
Ich halte die Münze hoch und sage: „Pass auf. Ich geb dir noch eine Runde. Aber nicht mit uns drin.“
Dann werfe ich die Mark in den Schacht.
Es klackt.
Die ganze Welt hält an.
Der Countdown verschwindet. Stattdessen erscheinen neue Worte.
FREE PLAY ENABLED
Dann wird alles weiß.
Als ich die Augen wieder aufmache, liege ich auf dem Boden im Imbiss ums Eck. Mit dem Rücken halb unterm Stehtisch. Der Hape liegt neben mir und hält immer noch beide Hände in der Luft, als hätte er im Fallen einen Gedanken retten wollen. Der Schorsch steht über uns. In der einen Hand seine Zigarette, in der anderen die Grillzange.
„Na“, sagt er. „Wieder da?“
Ich richte mich auf. Mein Kopf ist schwer. Mein Bart ist zum Glück wieder normal. Nicht schön, aber normal.
„Wie lange?“, frage ich.
„Sechs Sekunden“, sagt der Schorsch.
„Das waren mindestens zwei Stunden.“
„Dann waren das schnelle Stunden.“
Der Hape setzt sich auf und lächelt benommen. „Das war unglaublich.“
„Das war unnötig“, sagt der Schorsch.
Ich schaue zum Automaten. Der Bildschirm ist ruhig. Kein Flackern. Keine Stadt. Nur ein Startbild in grünen Buchstaben.
FREE PLAY
PRESS START
Darunter läuft eine neue Highscore-Liste.
SCH – 198700
JAX – 144000
MUR – 139500
HAP – 120200
HAN – 100
Hundert Punkte. Für einen Tritt gegen eine Toasterratte. Das ist nicht viel. Aber man soll dem Leben und den Maschinen nicht vorwerfen, dass sie einen übermäßig großzügig behandeln.
Ich stehe auf, klopfe mir die Hose ab und hole mein Bier. Es ist noch da. Das beruhigt mich mehr, als es sollte.
„Du warst also wirklich schon mal drin“, sage ich zum Schorsch.
Er zieht an der Zigarette, schaut kurz zum Automaten und dann wieder auf den Grill.
„Früher“, sagt er. „Anderes Leben.“
„Und?“
„Und nichts. Ich bin wieder raus. Hab seitdem nicht mehr gespielt.“
Der Hape grinst. „Bis heute.“
Der Schorsch sagt nichts. Aber eine halbe Stunde später, als der Imbiss leerer wird und draußen der Regen nachlässt, sehe ich, wie er zum Automaten rübergeht. Ganz allein. Ohne großes Theater. Er legt zwei Finger auf den Startknopf. Nur kurz. Fast zärtlich. Dann drückt er.
Der Bildschirm springt an. Ein blecherner Jingle spielt los.
Der Schorsch guckt nicht glücklich. So einer ist er nicht. Aber auch nicht unglücklich. Eher so, als hätte er etwas wiedergefunden, das ihm nie wirklich gefehlt hat und das er trotzdem nicht ganz verlieren wollte.
Der Hape will schon wieder hin, wahrscheinlich um dem System seine nächste künstlerische Katastrophe zu verpassen. Ich halte ihn fest.
„Lass ihn.“
„Aber das ist doch…“
„Ja“, sage ich. „Ist es. Und genau deshalb lässt du’s jetzt mal in Ruhe.“
Dann essen wir unsere kalte Currywurst zu Ende. Der Autor gönnt uns keinen frischen Durchgang mehr, der geizige Hund, aber vielleicht ist das auch vernünftig. Man muss nicht jeden Abend in einen Automaten steigen. Es reicht völlig, wenn man weiß, dass er da ist. In der Ecke. Summend. Wartend. Mit Gratis-Spiel und alten Namen im Speicher.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann beruhigt mich das sogar ein bisschen.
Nicht das mit dem Automaten.
Das andere.
Dass man auch als altes Gerät, als alter Imbiss oder als erfundene Figur offenbar noch nicht erledigt ist, nur weil ein paar Leute einen längst abgeschrieben haben…
ENDE