
Ein Meerschweinchen im Trapezanzug, zwei Männer mit Bierdurst und ein Imbiss, in dem sowieso nie etwas normal läuft: In dieser Wurst- und Durstgeschichte beginnt alles mit Toni und endet mit der Frage, ob Zauberei im Hinterzimmer einer Kneipe wirklich eine gute Idee ist.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Worum geht’s?
Der Hanswurst und der Hape hängen wie so oft im Imbiss ums Eck herum, als plötzlich Toni auftaucht. Toni ist ein Meerschweinchen. Oder war eines. Oder ist wieder eines. So genau lässt sich das in dieser Geschichte nicht sagen, ohne sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen.
Zwischen dem Grill vom Schorsch, dem Kunstverständnis vom Hape und der wachsenden Skepsis vom Hanswurst entwickelt sich eine Geschichte über Freundschaft, Verwandlung, Kneipenlogik und die Frage, ob manche Dinge vielleicht besser nicht erklärt werden sollten.
Die Geschichte lesen
Ich bin’s, euer Hanswurst. Ja, genau der, der meistens gar nicht weiß, ob er auf einer Parkbank oder in seinem eigenen Bett aufwacht. Heute beschließt der Autor allerdings, dass ich tatsächlich mal in meinem kleinen, chaotischen Zimmer zur Besinnung komme. Ein leichtes Kopfbrummen ist schon da, aber nicht so krass wie sonst. Ich hätte mir einen gigantischen Kater gewünscht. Ist einfach stimmiger zu meinem Image. Doch der Autor meint wohl, es sei an der Zeit, dass ich ausgeruhter durch den Tag schleiche.
Ich schaue mich um: Es sieht aus, als hätten hier zehn Orcas eine Strandparty gefeiert. Dosen, Flaschen, Krümel überall. Der Hape, mein Kumpel, war wohl wieder nachts auf der Suche nach einem Mitternachtssnack. Auf dem Küchentisch entdecke ich zwei halb zerkaute Bockwürste, oder was davon übrig ist. Und der Hape selbst? Der ist schon weg. Ich weiß nicht genau, wie er aus der Wohnung verschwunden ist, aber gut, Autor-Magie eben.
Mein Magen knurrt. Ich entschließe mich, Richtung Imbiss ums Eck zu schlurfen. Kaum öffne ich die Tür, piepst die Gegensprechanlage. Eine anonyme Stimme behauptet, sie habe „ein dressiertes Meerschweinchen für den Herrn Hanswurst“ abzuliefern. Ich denke kurz, das ist wieder so ein abgedrehter Gag, der hier reingeschrieben wird, weil wir in einer Geschichte leben. Na, ich nehme das Paket an und halte plötzlich ein quiekendes Fellknäuel in einer winzigen Trapez-Nummern-Ausrüstung in den Händen. Auf dem Zettel steht: „Toni“.
Also ab zum Imbiss, Meerschweinchen Toni auf dem Arm, den Kopf voller Fragen. Der Schorsch, unser grummeliges Herzstück hinterm Tresen, hebt die Brauen, als ich zur Tür hereinkomme.
„Hanswurst, ich mach hier Currywurst und Fritten. Keine Tierverwahrung“, brummt er.
„Mach dir keine Sorgen, mein lieber Schorsch“, entgegne ich. „Ich hab’s ja selbst nicht bestellt, aber irgendwer meint wohl, ich bräuchte ’nen Zirkus in meinem Leben.“
Der Hape steht bereits lässig an unserem Lieblingsstehstammtisch, nuckelt an einem Bier und wirkt, als wäre er schon ewig hier. Ich frage mich, wann er diese Teleportationsfähigkeit entdeckt hat, aber vermutlich schreibt uns der Autor das so ins Drehbuch. Also lassen wir uns nieder – na ja, so weit man an einem Stehtisch sitzen kann – und fangen an, tiefsinnige Gespräche zu führen. Ich schiebe mir eine Pommes in den Mund und seufze: „Manchmal fühlt es sich an, als wären wir Figuren in einem Roman. Jedes Mal, wenn wir hier auftauchen, gibt’s erst Currywurst, dann Bier und irgendein seltsames Abenteuer.“
Der Hape grinst. „Wenn du Recht hast, hoffen wir einfach, dass wir immer genug Bier spendiert bekommen.“
Der Schorsch, der gerade die Fritteuse reinigt, wirft uns einen strafenden Blick zu, aber sagt nichts. Sein Grummeln spricht Bände.
Ehe ich mich versehe, kommt der Hokuspokus-Bernd, der Hobby-Illusionist, durch die Tür. Ein windiger Typ, den wir von früher kennen. Er tut so, als sei er nur ein harmloser Briefträger, trägt aber Zauber-Utensilien unterm Arm. Der Hokuspokus-Bernd verkündet laut: „Ich zaubere heute Abend in der Tristessa. Könnt ihr mit eurem Meerschweinchen auftauchen? Vielleicht baue ich das Tier in meine Show ein.“
Der Hape schaut erst mich, dann Toni das Meerschweinchen an, zuckt die Achseln: „Na ja, warum nicht? Kann ja ganz lustig werden.“
Ich zucke auch die Achseln. „Ich bin dabei. Das Tier scheint eh in Zirkusmontur zu sein.“
Der Schorsch stöhnt nur: „Ich will gar nicht wissen, wie das endet.“
Später, wie es in unserer Tagesstruktur vorgesehen ist, schlendern wir Richtung Tristessa, unserer Stammkneipe. Der Josh hinterm Tresen begrüßt uns mit einem professionellen Lächeln, obwohl er Toni mit skeptischem Blick mustert. Der Hape und ich ordern sofort neue Biere; immer diese unsichtbare Hand, die unsere Gläser füllt. Der Hokuspokus-Bernd stellt in einer Ecke seine kleine Bühne auf, die eher an eine wackelige Holzkiste erinnert.
Dann nimmt die Show ihren Lauf: der Hokuspokus-Bernd lockt das Meerschweinchen ins Rampenlicht, wirft ein Tuch nach oben, murmelt Beschwörungsformeln, und schwupp: Toni verschwindet. Das Publikum in der Tristessa ist begeistert. Doch plötzlich stellt sich heraus, dass Toni nicht mehr zurückkommt. Der Hokuspokus-Bernd kratzt sich am Kopf, wühlt in seiner Zauberkiste, streicht sich hektisch durch die Haare. Das kleine Meerschweinchen bleibt wie vom Erdboden verschluckt.
„Äh, Jungs, das ist neu…“, murmelt der Hokuspokus-Bernd, während der Hape und ich nur ungläubig gucken.
„Heißt das, Toni ist jetzt auf Nimmerwiedersehen weg?“, frage ich. Der Hokuspokus-Bernd stammelt etwas von „versehentliches Dimensionsportal“, was uns ehrlich gesagt nicht wirklich beruhigt. Aber so ist das Leben als Hanswurst: Ein Tag mit einer Currywurst, Bier, einem Meerschweinchen im Trapezanzug und einer Zaubershow, aus der ein Tier nicht mehr zurückkehrt.
Spät in der Nacht wanken der Hape und ich aus der Tristessa. Wir sind beschwipst genug, um uns keine großen Sorgen zu machen. Irgendwie taucht bestimmt irgendwas Neues auf, oder Toni findet einen Weg zurück. Vielleicht fliegt der Autor morgen mit einer weiteren Wendung um die Ecke. Inzwischen trudeln wir, wie meistens, Richtung Parkbank. Ob wir auf oder unter der Bank landen, ist mir mittlerweile egal. Hauptsache horizontale Lage.
Ich liege da, starre in den Sternenhimmel und denke: „Wenn wir wirklich nur erfundene Figuren sind, dann soll uns der Autor bitte öfter solch verrückte Abenteuerszenarien verpassen.“ Und falls Toni das hier liest: Melde dich mal, kleiner Freund. Hier draußen bei uns geht’s nämlich nie langweilig zu…
ENDE