
Es beginnt mit einer Blase. Nicht mit einer Explosion. Nicht mit einem Mord. Nicht einmal mit einer neuen Soße vom Schorsch. Sondern mit einer Seifenblase aus dem Mund vom Hape und darin steht ein Satz, den niemand im Imbiss ums Eck lesen wollte.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Michael Elze
Worum geht’s?
Der Hape steht im Imbiss ums Eck und spricht plötzlich nicht mehr nur mit Worten. Aus seinem Mund steigen Seifenblasen. In ihnen stehen Sätze. Gedanken. Wahrheiten. Kleine Überforderungen, die sonst vielleicht lieber innen geblieben wären.
Der Schorsch hält das zunächst für Sabbern, dann für Hafermilch und schließlich für Kunst. Der Hanswurst hält es für einen weiteren Übergriff des Autors auf seine grundsätzlich berechtigte Sehnsucht nach Currywurst und Ruhe.
Dann taucht der Hokuspokus-Bernd auf und erkennt angeblich sofort, worum es geht: ein Portal. Genauer gesagt: das Toni-Portal.
Die Geschichte lesen
Es beginnt mit einer Blase. Nicht mit einer Explosion. Nicht mit einem Schrei. Nicht mit einem toten Mann, der kopfüber in der Fritteuse hängt, was der Autor sicher auch schon mal als Idee hatte, weil der Mann, der mich schreibt, manchmal wie ein Krimiautor mit Unterzucker denkt. Nein. Es beginnt mit einer Blase. Der Hape sagt: „Morgen.“ Und aus seinem Mund kommt eine Seifenblase. Sie ist rund, dünn, schillernd und so vorsichtig unterwegs, als wüsste sie selbst nicht genau, ob sie hier richtig ist. Sie steigt über unseren Lieblingsstehstammtisch, bleibt kurz vor meiner Currywurst stehen und spiegelt darin den ganzen „Imbiss ums Eck“: die gelben Kacheln, die schon bessere Jahrzehnte gesehen haben, den Cola-Kühlschrank mit dem brummenden Motor, die Preistafel mit den krummen Zahlen, die Fritteuse, den Schorsch mit seiner Zigarette und mich, den Hanswurst. Ich starre die Blase an. Der Hape auch. Die Blase platzt. Ganz leise.
„Hape“, sagt der Schorsch, ohne von der Grillplatte aufzusehen, „wenn du mir hier in die Soße sabberst, schmeiß ich dich raus.“
„Ich habe nicht gesabbert“, sagt der Hape. Drei neue Blasen kommen aus seinem Mund. Eine kleine. Eine mittlere. Eine große. In der großen steht, ganz fein, als hätte jemand mit einer Nadel in Luft geschrieben:
Ich weiß auch nicht, was los ist.
Ich lese es. Der Hape liest es. Der Schorsch jetzt auch. „Aha“, sagt der Schorsch. „Jetzt redet er schon mit Untertiteln.“ Draußen ist ein grauer Vormittag. Auf der Straße fahren Autos langsam durch Pfützen. Eine ältere Frau zieht ihren Einkaufstrolley hinter sich her, als hätte sie ihn seit 1987 nicht mehr losgelassen. Und der Himmel sieht aus wie ein alter grauer Scheuerlappen. Ich liebe solche Vormittage. Da weiß man, dass vom Leben nicht zu viel verlangt wird. Man steht herum, isst eine Currywurst, trinkt ein Bier, schaut auf die Welt und denkt: Na ja. Geht schlimmer. Dann macht der Hape den Mund auf und aus ihm kommt Schaumpoesie. Das ist natürlich genau der Moment, in dem ich begreife, dass der Autor wieder Langeweile hatte. Ich hätte heute einfach gern meine Wurst gegessen. Mehr nicht. Aber nein, der Herr Autor da draußen, der offenbar meint, Figuren seien Möbel, die man beliebig in absurde Räume schieben darf, denkt sich: Hanswurst, alter Junge, heute kriegst du einen Freund mit Seifenblasenmund. Ich nenne das Missbrauch literarischer Macht.
„Sag noch mal was“, sage ich zum Hape. Der Hape schaut mich gekränkt an. Er sieht heute aus wie immer, als wäre er auf dem Weg zu einer Ausstellung, die es noch nicht gibt. Seine Haare stehen ein bisschen in alle Richtungen. Seine Jacke hat Farbe an den Ärmeln. Nicht neue Farbe.
„Warum?“, fragt der Hape.
Sieben Blasen. Eine davon landet auf der Kante vom Stehtisch und bleibt erstaunlich lange heil. Darin steht:
Weil der Hanswurst neugierig ist.
„Stimmt“, sage ich. Der Hape hält sich beide Hände vor den Mund. „Das bringt nichts“, sage ich. „Deine Gedanken können offenbar schwimmen.“ Der Schorsch kommt jetzt näher. Er wischt sich die Hände an der Schürze ab, obwohl das die Hände nicht sauberer macht. Er betrachtet den Hape mit dem Blick eines Mannes, der früher mal Seelsorger bei der Bundeswehr war und deshalb weiß, dass Menschen unter Druck die seltsamsten Sachen absondern. Tränen. Geständnisse. Lügen. In diesem Fall Blasen.
„Hast du was genommen?“, fragt der Schorsch. Der Hape schüttelt den Kopf. Eine winzige Blase kommt aus seiner Nase. Darin steht:
Nur Kaffee.
„Dann war’s der Kaffee“, sagt der Schorsch. „Ich hab gleich gesagt, diese Hafermilch ist nicht sauber.“
„Der Hape trinkt keine Hafermilch“, sage ich.
„Noch schlimmer“, sagt der Schorsch. „Dann ist es Kunst.“
In diesem Augenblick geht die Tür auf und der Hokuspokus-Bernd kommt herein. Ich erkenne ihn sofort. Der Hokuspokus-Bernd ist so ein Mann, bei dem man nie genau weiß, ob er gerade von einer Kindergeburtstagsfeier kommt oder zu einer Gerichtsverhandlung muss. Er trägt einen Mantel, der früher schwarz gewesen sein könnte. In seiner Hemdtasche steckt ein Kartenspiel. Unter seinem Arm klemmt ein kleiner Zauberkasten. Sein Gesicht wirkt müde, aber überzeugt. Das ist eine gefährliche Mischung. „Freunde der gepflegten Illusion“, sagt der Hokuspokus-Bernd.
Der Schorsch seufzt. „Nein“, sagt er.
„Ich habe noch gar nichts gesagt.“
„Eben“, sagt der Schorsch. „Das ist der beste Zeitpunkt.“
Der Hokuspokus-Bernd bleibt mitten im Imbiss stehen und sieht die Blasen, die immer noch um den Hape schweben. Sein Gesicht verändert sich. Erst überrascht. Dann ernst. Dann ein bisschen stolz, was bei Zauberern nie ein gutes Zeichen ist. „Aha“, sagt er. „Das Portal.“
„Welches Portal?“, frage ich.
„Das Toni-Portal.“
Der Hape nimmt die Hände vom Mund. „Toni?“ Zwölf Blasen. Eine davon trägt den Satz:
Das Meerschweinchen?
Der Hokuspokus-Bernd nickt langsam. „Genau das Meerschweinchen.“
Der Schorsch stellt eine Currywurstschale auf den Tresen. „Ich will kein Portal in meinem Imbiss“, sagt er. „Ich hab schon genug mit dem Fettabscheider.“
Ich erinnere mich natürlich an Toni. Das Meerschweinchen. Klein, rundlich, mit diesem Blick, den Tiere haben, wenn sie längst wissen, dass Menschen die unpraktischere Art sind. Toni war damals bei einer Zaubershow vom Hokuspokus-Bernd verschwunden. Weggezaubert. Nicht wieder aufgetaucht. Bernd hatte irgendwas von Dimensionsverschiebung gemurmelt und danach sehr schnell das Thema gewechselt. Seitdem war Toni weg. Bis heute, offenbar. Oder noch nicht bis heute. So weit ist der Autor noch nicht. Der baut ja gern erst einen Schaden auf, bevor er ein Tier als Lösung aus dem Ärmel zieht. Dramaturgie nennt er das. Ich nenne es: Umwege mit Ansage.
„Das ist ein Echo“, sagt der Hokuspokus-Bernd und zeigt auf den Hape. „Ein magisches Echo.“
Der Schorsch sieht ihn an. „Bernd“, sagt er ruhig, „ich hab hier Currywurst, Frikadelle und Schaschlik. Wenn du magisches Echo willst, geh in die Fußgängerzone.“
„Nein, nein“, sagt der Hokuspokus-Bernd. „Das ist ernst. Toni ist damals nicht verschwunden. Toni ist verschoben worden.“ Er senkt die Stimme. „In eine Zwischenebene.“
Der Schorsch sagt: „Bei mir gibt’s keine Zwischenebene. Nur Gastraum, Lager und Klo. Und das Klo ist schon genug Zwischenebene.“
Bevor der Hokuspokus-Bernd antworten kann, geht die Tür erneut auf. Diesmal kommen zwei Menschen herein, die nicht in den Imbiss passen. Also nicht, weil der Imbiss ein exklusiver Ort wäre. Hier passt im Grunde jeder rein, der Hunger hat oder keinen besseren Plan. Aber diese beiden passen auf eine andere Art nicht. Sie sehen aus, als hätten sie den Begriff „Charme“ in eine PowerPoint-Präsentation geklebt. Die Frau trägt einen langen hellen Mantel, weiße Schuhe und ein seltsames Lächeln. Der Mann neben ihr hat einen Rollkragenpullover an, darüber ein Sakko, und hält eine Mappe unter dem Arm. Beide riechen nach teurem Parfüm.
„Guten Tag“, sagt die Frau. „Sind Sie der Betreiber?“
Der Schorsch hebt die Grillzange. „Kommt drauf an, wer fragt.“
„Rendler“, sagt die Frau. „Immobilienentwicklung.“
„Lage“, sagt der Mann. „Standortkonzepte.“
Der Schorsch schaut zu mir. „Hanswurst“, sagt er. „Übersetz mal.“
„Die wollen was kaufen“, sage ich.
Der Hape öffnet erschrocken den Mund. Eine große Blase kommt heraus. Darin steht:
Die wollen den Imbiss plattmachen.
Frau Rendler schaut die Blase an. Dann schaut sie den Hape an. Dann lächelt sie noch glatter. „Das ist natürlich eine sehr emotionale Verkürzung.“
Herr Lage nickt. „Wir sprechen lieber von Entwicklungspotential.“
Der Schorsch legt die Grillzange langsam hin. Das ist kein gutes Zeichen. Wenn der Schorsch die Grillzange schnell hinlegt, ist er nur genervt. Wenn er sie langsam hinlegt, hat er innerlich bereits einen kleinen Krieg begonnen. „Was wollen Sie?“, fragt er.
Frau Rendler klappt ihre Mappe auf. Darin sind Bilder. Nicht Fotos vom Imbiss, wie er ist. Sondern Zeichnungen von einem Imbiss, wie er nach Meinung von Leuten aussehen soll, die nie an einem Stehtisch gegessen haben. Viel Holz. Viel Glas. Kleine Lampen. Schwarze Tafeln mit weißer Schrift. Ein Mann mit Bart, der keine Wurst grillt, sondern eine Geschichte erzählt.
„Wir sehen hier einen hochinteressanten Mikrostandort“, sagt Herr Lage.
„Ich sehe hier meinen Laden“, sagt der Schorsch.
„Natürlich“, sagt Frau Rendler. „Und gerade deshalb möchten wir mit Ihnen sprechen. Es geht nicht darum, Geschichte auszulöschen. Im Gegenteil. Wir wollen Geschichte kuratieren.“
„Kuratieren“, sagt der Schorsch. Er sagt das Wort so, als wäre es eine Fischgräte im Kartoffelsalat.
„Wir denken an ein urbanes Konzept“, sagt Herr Lage. „Eine Verbindung aus Tradition und zeitgemäßer Aufenthaltsqualität.“
Der Hape kann nicht anders. „Das klingt wie ein Imbiss ohne Imbiss.“ Blasen. Viele. Eine davon platzt direkt vor Frau Rendler.
Mikroapartments. Craft-Soße. Kein Schorsch.
Jetzt wird es still. Ich höre die Fritteuse. Ich höre den Regen. Ich höre den Hokuspokus-Bernd leise „interessant“ sagen, was bei ihm immer heißt, dass er gleich etwas völlig Unvernünftiges tut. Frau Rendler räuspert sich. „Wir möchten zunächst nur sondieren.“
„Sondieren Sie draußen“, sagt der Schorsch.
Da geht die Tür zum dritten Mal auf. Und ich denke: Natürlich. Warum auch nicht. Vielleicht kommt jetzt noch ein Posaunenchor, ein Finanzbeamter oder ein dressierter Waschbär. Der Autor ist heute wieder in Spendierlaune. Es sind aber die Damen vom Ordnungsamt. Zwei Frauen. Beide in wetterfesten Jacken. Beide mit Taschen, Klemmbrettern und diesem ruhigen Amtsgesicht, das sagt: Wir sind nicht gegen Sie, aber unser Formular könnte es sein.
„Guten Tag“, sagt die erste. „Klemmer, Ordnungsamt.“
„Pütz“, sagt die zweite.
Der Schorsch schließt kurz die Augen. „Was ist jetzt wieder?“
Frau Klemmer schaut auf ihr Klemmbrett. „Bei uns ist eine Beschwerde eingegangen.“
„Über was?“
Frau Pütz liest vor: „Unkontrollierte Schaumbildung im Bereich offener Lebensmittel.“
Alle schauen den Hape an. Der Hape macht eine Bewegung, als wolle er etwas erklären, erinnert sich aber gerade noch rechtzeitig an sein Problem und zeigt nur stumm auf seinen Hals. Eine kleine Blase kommt trotzdem.
Ich bin nicht unhygienisch. Ich bin überfordert.
Frau Pütz liest die Blase. Ihr Blick wirkt auf einmal milder.
Frau Klemmer bleibt dienstlich. „Wir müssen das prüfen.“
Frau Rendler tritt sofort einen Schritt vor. „Wie bedauerlich“, sagt sie. „Gerade in einem Betrieb mit so viel Geschichte. Aber natürlich ist Lebensmittelsicherheit das höchste Gut.“
Der Schorsch sieht sie an. „Sie haben die Beschwerde gemacht.“
„Das ist eine Unterstellung.“
Der Hape atmet scharf ein. Eine Blase steigt auf.
Sie war es.
Frau Rendler hebt die Hände. „Ich möchte mich wirklich gegen diese aggressive Seifenkommunikation verwahren.“
Herr Lage nickt. „Das hat fast schon performativen Rufmordcharakter.“
Der Hape schaut interessiert. Ich sehe es ihm an. „Performativer Rufmord“ gefällt ihm. Das will er später vielleicht als Ausstellungstitel verwenden.
Frau Klemmer geht zum Tresen. Frau Pütz schaut in Richtung Grill. Der Schorsch steht dazwischen wie ein Mann, der seinen Imbiss gegen Bürokratie und Kapital gleichzeitig verteidigen muss. Das ist unfair. Gegen eins von beidem kommt man manchmal an. Gegen beides braucht man mindestens ein Wunder oder einen sehr guten Steuerberater.
Der Hokuspokus-Bernd flüstert mir zu: „Das Portal öffnet sich.“
„Wo?“, frage ich.
„In der Nähe von Fett, Salz und existenzieller Bedrohung.“
„Also in jedem Imbiss Deutschlands.“
„Im Prinzip ja.“
Der Hape setzt sich auf einen Hocker, obwohl er sonst sagt, Sitzen sei eine bürgerliche Kapitulation. Er sieht blass aus. Nicht krank. Eher durchsichtig. Als würden die Blasen etwas aus ihm heraustragen, das eigentlich innen bleiben sollte.
Ich stelle mich neben ihn. „Alles gut?“
Er nickt. Eine Blase kommt.
Nein.
Ich sage nichts. Der Hape schaut auf seine Hände. Seine Fingernägel sind mit Farbresten voll. Auf dem linken Daumen klebt ein Stück alte blaue Acrylfarbe. „Ich denke manchmal“, sagt er leise. Zwei Blasen steigen auf, aber er redet weiter. „Ich denke manchmal, ich kann gar nichts richtig. Kunst nicht. Alltag nicht. Geld nicht. Und jetzt nicht mal mehr reden.“ Die Blasen bleiben über dem Tisch stehen. In einer steht:
Ich habe Angst, dass alles verschwindet.
Das trifft mich härter, als ich erwartet habe. Denn natürlich geht es nicht nur um den Hape. Es geht um den Imbiss. Um den Schorsch. Um unseren Stehtisch. Um die Möglichkeit, irgendwo herumzustehen, ohne etwas leisten zu müssen. Um einen Ort, an dem man nicht optimiert wird. Ein Imbiss ist ja kein Lifestyle. Ein Imbiss ist ein Versprechen: Du darfst hungrig kommen und musst dich nicht erklären. Ich will gerade etwas Kluges sagen. Etwas über Freundschaft vielleicht. Oder über Wurst als soziale Klammer. Aber der Autor lässt mich nicht. Stattdessen schreibt er ein Geräusch. Aus dem Lager kommt ein dumpfes Poltern. Alle drehen sich um. Noch ein Poltern. Dann ein Quieken.
Der Schorsch runzelt die Stirn. „Wenn das eine Ratte ist, dann…“
Der Hokuspokus-Bernd wird ganz bleich. „Das ist keine Ratte.“
Aus dem Lager rollt eine Dose Gewürzgurken. Dann eine Packung Servietten. Dann erscheint Toni. Toni, das Meerschweinchen. Es steht in der Tür zum Lager, ein bisschen zerzaust, mit einem Fell, das aussieht, als hätte es mehrere Wetterlagen durchlebt. Um den Bauch trägt es ein kleines Stück roten Stoff, vielleicht von früher, vielleicht von einer anderen Welt. Im Maul hält es ein gefaltetes Papier. Niemand sagt etwas. Selbst die Fritteuse scheint kurz leiser zu werden.
Der Hokuspokus-Bernd flüstert: „Toni.“
Toni schaut ihn an. Es ist kein freundlicher Blick. Es ist der Blick eines Meerschweinchens, das durch Dimensionen gegangen ist und am Ende feststellen musste, dass der verantwortliche Zauberer immer noch denselben Mantel trägt. Toni läuft quer durch den Imbiss. Nicht schnell. Würdevoll. Wie jemand, der genau weiß, dass er jetzt die Handlung rettet. Vor dem Schorsch bleibt Toni stehen und lässt das Papier fallen.
Der Schorsch hebt es auf. „Was ist das?“ Er faltet es auseinander. Frau Klemmer tritt näher. Frau Pütz auch. Frau Rendler will ebenfalls schauen, aber ich stelle mich ein bisschen in den Weg. Nicht heldenhaft. Nur breit genug. Der Schorsch liest. Dann liest er noch mal. Dann schaut er Frau Klemmer an. „Können Sie Amtsdeutsch?“ Frau Klemmer nimmt das Papier. Ihre Augen bewegen sich über die Zeilen. Frau Pütz liest über ihre Schulter mit. Herr Lage wird unruhig. Frau Rendler verliert zum ersten Mal ein Stück von ihrem Lächeln.
„Das ist interessant“, sagt Frau Klemmer.
„Interessant gut oder interessant schlecht?“, frage ich.
„Für den Imbiss eher gut.“
Der Schorsch atmet aus. Frau Pütz erklärt: „Hier ist eine alte Nutzungsbindung vermerkt. Das Gebäude darf im Erdgeschoss nur für gastronomische Versorgung einfacher Art genutzt werden. Offenbar im Zusammenhang mit einer früheren städtischen Förderung.“
„Heißt?“, fragt der Schorsch.
Frau Klemmer schaut zu Frau Rendler. „Heißt: Ein Abriss oder eine Umnutzung wäre nicht so einfach. Jedenfalls nicht ohne Prüfung, Verfahren und vermutlich politische Befassung.“
Der Schorsch sagt: „Currywurst ist gastronomische Versorgung einfacher Art.“
Frau Pütz nickt. „Mit Pommes sogar ziemlich eindeutig.“
Ich muss lachen. Der Hape auch. Aus seinem Mund kommt eine Blase, größer als alle vorherigen. Sie steigt langsam zur Decke. Darin steht:
Toni hat den Imbiss gerettet.
Toni setzt sich auf eine Serviette und beginnt, an einem Stück Gurke zu knabbern, das offenbar aus einer anderen Dimension nichts von seiner Attraktivität verloren hat. Frau Rendler sammelt sich. „Das ist selbstverständlich nur ein Dokument. Die Rechtslage müsste man umfassend bewerten.“ Da kommt aus Tonis Richtung ein kurzes, scharfes Quieken.
Der Hokuspokus-Bernd übersetzt ungefragt: „Toni sagt, Sie sollen sich verpissen.“
„Das hat Toni nicht gesagt“, sagt Frau Klemmer.
„Doch“, sage ich. „Vielleicht nicht formal, aber inhaltlich.“
Herr Lage klappt seine Mappe zu. „Wir melden uns.“
„Machen Sie das“, sagt der Schorsch. „Aber nicht bei mir.“
Die beiden gehen. Draußen bleiben sie kurz unter dem Vordach stehen, reden hektisch miteinander und verschwinden dann im Regen. Ihr Auto blinkt auf. Schwarz. Groß. Leasing, denke ich. Aber das ist nur eine Vermutung. Ich bin eine fiktive Figur, kein Kfz-Sachverständiger. Drinnen bleibt es still.
Frau Klemmer schaut noch einmal auf den Hape. „Zu Ihrer Schaumbildung.“ Der Hape hält die Luft an. „Aus ordnungsrechtlicher Sicht“, sagt sie, „sehe ich aktuell keine unmittelbare Gefährdung, solange ausreichender Abstand zu offenen Lebensmitteln eingehalten wird.“
Der Schorsch greift nach einem Stück Kreide, das aus irgendeinem Grund hinter der Kasse liegt. Bei ihm liegen überall Dinge, die man irgendwann gebrauchen kann. Kreide. Kabelbinder. Alte Rechnungen. Ein Taschenmesser. Wahrscheinlich auch ein kleiner Amboss. Er zieht eine Linie auf den Boden. „Ab hier Hape-Zone“, sagt er. Der Hape schaut beleidigt. Eine Blase kommt.
Ich bin keine Zone.
„Heute schon“, sagt der Schorsch. Frau Pütz lächelt ganz kurz. Nur ein bisschen. Aber ich sehe es.
„Außerdem“, sagt Frau Klemmer, „sollten Sie das Tier nicht im Küchenbereich halten.“ Alle schauen Toni an. Toni schaut zurück.
Frau Pütz ergänzt: „Rein formal.“
Der Schorsch nickt. „Toni ist Gast.“
„Dann ist es etwas anderes“, sagt Frau Pütz.
„Was bekommt ein Meerschweinchen?“, fragt der Schorsch.
„Gurke“, sagt der Hokuspokus-Bernd.
„Gurke hab ich.“
Der Schorsch schneidet eine Gurkenscheibe ab und legt sie auf eine kleine Pappschale. Toni nimmt das zur Kenntnis. Nicht dankbar. Eher so, als sei endlich ein Mindeststandard erfüllt. Die Damen vom Ordnungsamt schreiben noch etwas auf, wünschen einen guten Tag und gehen. Ohne Bußgeld. Ohne Stilllegung. Ohne Drama. Das ist bei Behörden vermutlich das höchste Maß an Zärtlichkeit. Zurück bleiben der Schorsch, der Hape, der Hokuspokus-Bernd, Toni und ich. Und der Imbiss.
Der Imbiss sieht aus wie vorher. Aber nicht ganz. Vielleicht, weil man Orte anders sieht, wenn sie gerade beinahe verloren gegangen wären. Die Kacheln sind immer noch gelb. Die Fritteuse ist immer noch alt. Der Cola-Kühlschrank brummt immer noch zu laut. Aber plötzlich wirkt das alles nicht schäbig. Eher standhaft. Der Schorsch stellt uns Bier hin.
„Auf Toni“, sage ich.
„Auf Toni“, sagt der Hape.
Keine Blase. Wir warten. Nichts.
Der Hape fasst sich an den Hals. „Ich glaube, es ist weg.“
„Sag was Künstlerisches“, sage ich.
Der Hape überlegt. „Die Blase ist die ehrlichste Form des Scheiterns.“ Nichts.
„Weg“, sagt der Schorsch. „Gott sei Dank.“
Der Hokuspokus-Bernd räuspert sich. „Ich könnte Toni vielleicht in meine nächste Show einbauen. Rückkehr aus der Zwischenwelt. Das wäre stark.“ Toni schaut ihn an. Der Hokuspokus-Bernd verstummt. „Oder auch nicht“, sagt er.
Ich trinke mein Bier. Es ist kalt. Die Currywurst ist inzwischen nicht mehr ganz heiß, aber noch warm genug. Draußen regnet es weiter. Drinnen riecht es nach Fett, Bier, Gurke und gerade noch mal gut gegangen. „Wo war Toni denn jetzt wirklich?“, frage ich.
Der Hokuspokus-Bernd beugt sich vor. „Ich habe Hinweise, dass Toni in einer Zwischenebene war, in der Eichhörnchen eine globale Verschwörung gegen die Menschheit planen.“
Der Schorsch sagt: „Bernd.“
„Ja?“
„Halt den Mund.“
Der Hokuspokus-Bernd hält den Mund. Toni frisst Gurke.
Der Hape schaut auf die Stelle an der Decke, wo vorhin die letzte Blase geplatzt ist. „Vielleicht“, sagt er, „waren die Blasen gar kein Fluch.“
„Sondern?“, frage ich.
„Vielleicht war es nur die Wahrheit, die mal raus wollte.“
Der Schorsch nimmt einen Zug von seiner Zigarette, obwohl er offiziell natürlich nicht raucht, schon gar nicht hinterm Grill, und wenn doch, dann so, dass es niemand beweisen kann. „Wahrheit“, sagt er. „Schön und gut. Aber nächstes Mal bitte ohne Schaum.“
ENDE