Drei Männer im Imbiss.

VW wankt, die Currywurst bleibt stabil: Im „Imbiss ums Eck“ wächst aus einer bescheuerten Idee plötzlich ein fast echter Rettungsplan. Sehr zum Ärger vom Getränke-Manni und sehr zur Freude vom Brezel-Peter.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Michael Elze

Worum geht’s?

Volkswagen steckt tief in der Krise, doch ausgerechnet ein Produkt scheint unerschütterlich: die Currywurst. Im „Imbiss ums Eck“ kommen der Hanswurst, der Hape und der Schorsch deshalb auf eine ebenso absurde wie bestechende Idee: Vielleicht müsste man den Konzern einfach von der Wurst her neu denken. Was als Schnapsidee am Stehtisch beginnt, führt über den Brezel-Peter plötzlich erstaunlich nah an echte Entscheidungsebenen heran. Der Getränke-Manni hält das alles für einen weiteren Beweis dafür, dass der Kapitalismus selbst den letzten Rest Ehrlichkeit frisst.

Die Geschichte lesen

Ich stehe mit dem Hape an unserem Lieblingsstammstehtisch im „Imbiss ums Eck“ und esse eine Currywurst. Der Schorsch steht hinter dem Grill, raucht und wirkt wie immer so, als wäre er nur noch aus Gewohnheit Teil dieser Gesellschaft. Das stimmt natürlich nicht. Der Schorsch kriegt alles mit. Er redet nur sparsamer darüber als andere.

Der Hape hat eine Zeitung auf dem Tisch ausgebreitet. Wirtschaftsseite. Schon das macht mir die Wurst etwas trockener.

„VW hat üble Zahlen“, sagt der Hape.

„Dann sollen sie mal aufhören, üble Zahlen zu machen“, sagt der Schorsch.

„Der Gewinn ist eingebrochen“, sagt der Hape und tippt auf die Meldung. „Richtig eingebrochen. Alles unerquicklich.“

Ich nehme einen Schluck Bier und sehe auf die Zeitung, als hätte ich irgendwas mit Konzernen zu tun. Habe ich nicht. Ich habe mal Metzger gelernt. Dann ist vieles passiert und wenig gelungen. Jetzt stehe ich hier. Das reicht mir meistens. Aber ich bin ja leider eine fiktive Figur, und mein Autor ist so ein erzählerischer Schmalspurökonom, der mich gern in Themen reinwürgt, die ich mir im echten Leben, das ich nicht habe, nie freiwillig aussuchen würde.

„Und was läuft bei VW?“, frage ich.

Der Hape grinst. „Die Currywurst.“

Der Schorsch sieht kurz hoch. Dann nickt er einmal.

Ich sage: „Na also. Problem gelöst.“

Der Hape streicht die Zeitung mit seinen Händen glatt. Das macht er immer dann, wenn ihm eine dumme Idee plötzlich seriös vorkommt.

„Erklär.“

„Wenn die Autos nicht laufen“, sage ich, „muss man doch auf das setzen, was läuft. Die Wurst läuft. Also muss die Wurst den Laden retten.“

Der Schorsch dreht eine Wurst auf dem Grill. „Das ist so blöd, dass es schon wieder vernünftig ist.“

„Genau“, sage ich. „Alle reden über Elektro, Software, Märkte, China, Zölle, Zukunft. Vielleicht muss VW einfach mal anerkennen, dass das berühmteste Ersatzteil des Konzerns nicht aus Blech ist, sondern aus Fleisch.“

Der Hape lacht. „Das ist der Pitch.“

„Welcher Pitch?“, fragt der Schorsch.

„Na der an den Vorstand“, sagt der Hape.

„Ihr beide habt heute zu früh damit angefangen Bier zu trinken“, sagt der Schorsch.

In dem Moment kommt der Getränke-Manni rein. Zwei Kisten stellt er am Eingang ab, die dritte zieht er nach. Er sieht müde aus, aber wach im Kopf. Beim Getränke-Manni ist das oft gleichzeitig der Fall.

„Was für ein Vorstand?“, fragt er.

„VW“, sage ich. „Wir retten VW mit Currywurst.“

Der Getränke-Manni bleibt stehen. Er stellt die dritte Kiste langsam ab und sagt erst mal gar nichts. Das ist bei ihm kein gutes Zeichen.

„Ihr wollt was?“

Der Hape fängt an zu erklären. Schlechte Zahlen. Konzern in der Krise. Autos schwierig. Currywurst stabil. Daraus folge doch eigentlich zwingend, dass man den Konzern von der Wurst her neu denken müsse. Mehr Bodenhaftung. Mehr Ehrlichkeit. Mehr Produktvertrauen. Der Hape kann dumme Ideen so vortragen, dass man kurz vergisst, wie dumm sie sind.

Der Getränke-Manni hört sich das an und schüttelt den Kopf.

„Das ist exakt der falsche Reflex.“

„Wieso?“, frage ich.

„Weil ihr sofort helfen wollt“, sagt er. „Da fährt ein Großkonzern seinen Laden gegen die Wand, und ihr zwei stellt euch hin wie ehrenamtliche Sanitäter des Kapitals. Warum? Damit die da oben weiter Boni kassieren und die Leute unten weiter Schichten schieben?“

„Es geht um Satire“, sage ich.

„Es geht immer um mehr als Satire“, sagt der Getränke-Manni. „Ihr gebt denen was. Eine Idee. Eine Haltung. Ein Bild. Und dann nehmen sie das, polieren es auf und verkaufen es als Nähe.“

Der Schorsch nickt. „Der Manni hat einen Punkt.“

„Aber den Punkt könnte man doch wenigstens mal pitchen“, sagt der Hape.

„Pitching ist auch nur Bettelei in Businesssprache“, sagt der Getränke-Manni.

Ich piekse in die Wurst. „Mich interessiert doch vor allem die Absurdität. Dass ein Konzern am Ende womöglich glaubwürdiger über Currywurst wirkt als über Autos.“

„Das ist nicht absurd“, sagt der Getränke-Manni. „Das ist Kapitalismus. Der verwertet alles. Auch die Ehrlichkeit. Vor allem die Ehrlichkeit.“

Der Hape lächelt schon wieder so, als wolle er diesen Satz irgendwo auf eine Wand schreiben.

„Das ist stark“, sagt er.

„Ja“, sagt der Getränke-Manni. „Und deswegen kriegt ihr ihn auch nicht.“

Bevor einer von uns noch was dazu sagen kann, geht die Tür auf und der Brezel-Peter kommt rein.

Der Brezel-Peter sieht aus wie immer: Jacke zu eng, Grinsen zu breit, sofort zu viel Selbstvertrauen. Er hat diese Art, in einen Raum zu kommen, bei der jeder gleich weiß, dass gleich entweder etwas Nützliches oder etwas Fragwürdiges passiert. Meistens beides.

„Na, ihr Gesellschafter des kleinen Mannes, was geht?“

„Wir wollen VW mit Currywurst retten“, sagt der Hape.

„Kenn ich wen“, sagt der Brezel-Peter sofort.

Der Getränke-Manni verdreht die Augen. „Natürlich kennst du wen.“

„Ja“, sagt der Brezel-Peter. „Deshalb komme ich ja auch weiter als ihr.“

„Wohin denn?“, frage ich.

„Nach Wolfsburg.“

Jetzt wird es still.

„Wen kennst du?“, frage ich.

„Einen, der nah dran ist.“

„Das kann alles heißen“, sagt der Schorsch.

„Ja“, sagt der Brezel-Peter. „Aber in meinem Fall heißt es meistens: nah genug.“

Der Getränke-Manni lacht trocken. „Der Peter kennt immer genau so viele Leute, dass es reicht, um Ärger zu machen, aber nie genug, um Verantwortung zu übernehmen.“

„Trotzdem“, sagt der Brezel-Peter, „nächste Woche ist da irgendein internes Format. Innovation, Zukunft, Marke, Krise, lauter solche Wörter. Leute mit Ausweisen, Kaffeebechern und Entscheidungsnähe. Wenn man es richtig anstellt, kann man da eine Idee reindrücken.“

„Man kann da auch seine Würde verlieren“, sagt der Getränke-Manni.

Der Hape ist schon angefixt. Ich sehe es ihm an.

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„Ich mach das“, sagt der Hape.

Alle sehen mich an.

Ich hasse solche Momente. Nicht, weil ich Angst hätte. Sondern weil ich schon weiß, dass ich mitfahre. Genau dafür hat mich der Autor doch wieder in diese Geschichte geschraubt. Damit ich am Ende als halbverlotterter Wahrheitszeuge zwischen Stehtisch und Strategiepapier stehe und irgendwas sage, was dann größer klingt, als ich es eigentlich gemeint habe. Der Mann ist wirklich eine Arschgeige mit dramaturgischem Sendungsbewusstsein.

„Ja“, sage ich. „Ich fahr mit.“

Der Getränke-Manni sieht mich an, als hätte ich ihm gerade in die Leergutannahme gekotzt.

„Na wunderbar. Dann pilgert mal schön zum Konzern. Ich bleib hier unten bei den Menschen, die wirklich arbeiten.“

„Du arbeitest doch auch für den Markt“, sagt der Brezel-Peter.

Der Treffer sitzt. Der Getränke-Manni sagt erst mal nichts. Dann nur: „Ja. Weil ich muss. Nicht, weil ich will.“

Damit ist das Gespräch für einen Moment vorbei.

*

Eine Woche später sitze ich mit dem Hape und dem Brezel-Peter im Zug nach Wolfsburg.

Der Hape hat eine Mappe auf dem Schoß. Vorn drauf steht in dicken Buchstaben: TURNAROUND IN CURRY.

„Das ist peinlich“, sage ich.

„Das ist aufmerksamkeitsstark“, sagt der Hape.

„Das ist peinlich in Schriftform“, sage ich.

Der Brezel-Peter wischt auf seinem Handy durch Kontakte und tut so, als wäre das hier sein Alltag. Vielleicht ist es das sogar. Der Mann lebt ja von Übergängen, Hintertüren und Halbwahrheiten.

Wolfsburg ist ordentlich. Zu ordentlich. Wege, Fassaden, Eingänge, alles wirkt, als wäre es gebaut worden, um keine Überraschungen zuzulassen. Ich mag das nicht. Ich traue Orten nicht, an denen alles schon vorher gekämmt und geputzt aussieht.

„Schrecklich hier“, sage ich.

„Sehr funktional“, sagt der Hape.

„Das ist doch dasselbe“, sage ich.

Der Brezel-Peter führt uns in ein großes Gebäude. Viel Glas, viel Weiß, viel Ausweis am Band. Keine Chefetage. Kein Prunk. Eher Verwaltung, Kantine, Konferenz.

„Hier soll das sein?“, frage ich.

Wir kriegen Besucherausweise. Ich frage nicht, wie der Brezel-Peter das gemacht hat. Ich will manche Dinge nicht wissen. Unwissenheit ist nicht immer edel, aber oft hygienischer.

Dann stehen wir in einem Bereich mit Stehtischen und Kaffeeautomaten. Rechts sitzen Leute mit Laptops. Links reden zwei Männer in Sakkos leise und ernst. Vor uns steht ein Mann allein an einem Tisch und isst Currywurst.

Anzug, ruhig, unaufgeregt. Kein Theater um sich herum. Gerade deshalb auffällig.

Der Brezel-Peter nickt in seine Richtung. „Dem da.“

„Wer ist das?“, frage ich.

„Einer, bei dem was hängen bleibt, wenn man’s richtig sagt.“

„Das war wieder keine Antwort“, sage ich.

„Aber eine brauchbare“, sagt der Brezel-Peter.

Dann schiebt er uns schon los. Der Hape geht voran. Ich hinterher. Es fühlt sich an, als würde ich in einen Raum treten, der nichts mit meinem Leben zu tun hat und trotzdem irgendwie glaubt, dass er alles mit meinem Leben zu tun hat. Genau solche Räume hasse ich.

Der Hape räuspert sich. „Entschuldigen Sie. Wir hätten eine Idee zur Zukunft von Volkswagen.“

Der Mann schaut auf. Nicht genervt. Nicht freundlich. Eher konzentriert.

„Dann erzählen Sie mal.“

Der Hape legt los. Marke, Vertrauen, Bindung, Bodenhaftung, glaubwürdige Produkte, echte Nähe. Der Hape kann reden. Manchmal so gut, dass ich fast vergesse, dass er in anderen Lebenslagen schon daran scheitert, seinen Pfand wegzubringen.

Dann nickt er mir zu.

Na danke. Das war so nicht abgemacht.

„Also“, sage ich dann aber doch. „Ich sag’s einfacher. Wenn bei Ihnen gerade vieles nicht gut aussieht, dann müssten Sie sich vielleicht mal anschauen, was die Leute noch wirklich mit Ihrem Laden verbinden. Und das ist eben nicht nur irgendein Automodell oder irgendeine Strategie. Es ist auch diese Currywurst. Die ist konkret. Die ist nicht in drei Jahren vielleicht gut. Die ist jetzt da, die funktioniert, die wird gekauft.“

Der Mann hört zu.

Ich rede weiter.

„Ich glaube nicht, dass eine Wurst einen Konzern rettet. Aber sie zeigt vielleicht, was Menschen noch mit einem Konzern verbinden. Nicht Zukunft, nicht Hochglanz, nicht Vision. Sondern dass da noch irgendwas hergestellt wird, das normal wirkt und nicht gelogen.“

Der Mann wischt sich die Finger ab. „Sie sagen also: weniger Image, mehr Wirklichkeit.“

„Ja“, sage ich. „Und wenn Sie daraus wieder nur Image machen, haben Sie’s auch gleich wieder kaputt.“

Neben mir spannt sich der Hape an. Der mag Direktheit, solange sie theoretisch bleibt. Praktisch wird er nervös.

Der Mann lächelt kurz. „Das ist bemerkenswert offen.“

„Für Beratung fehlt uns das Honorar“, sage ich.

Jetzt lacht er wirklich.

Dann fragt er: „Und was wäre der konkrete Vorschlag?“

Der Hape springt sofort rein. Currywurst nicht als Gag. Nicht als PR-Anhängsel. Sondern als ehrlicher Teil der Marke. Weniger hochglanz, mehr alltagsnah. Vielleicht Formate, in denen man nicht nur Produkte zeigt, sondern normal mit Leuten redet. Werk, Kantine, Autohaus, Begegnung. Er redet gut. Fast zu gut. Ich merke währenddessen schon, wie unsere blöde, ehrliche, im Imbiss geborene Idee langsam in den Händen eines Systems sauber wird. Das gefällt mir nicht.

Dann kommt eine Frau dazu, beugt sich zu dem Mann und sagt leise etwas. Ich höre seinen Namen. Nicht laut genug, um hier jetzt Tatsachenroman zu spielen, aber laut genug, damit klar wird: Das ist nicht irgendein Bereichsmensch, den der Brezel-Peter da an einem Stehtisch abgefangen hat. Das ist jemand, der deutlich näher an echter Macht sitzt, als uns lieb sein kann.

Der Mann nimmt die Mappe vom Hape.

„Ich sehe es mir an“, sagt er.

„Tun Sie das“, sage ich.

„Und was erwarten Sie dafür?“

Da ist sie, die Frage. Die eigentliche.

Der Hape sagt nichts. Der Brezel-Peter grinst nur halb. Ich sage: „Eigentlich nichts.“

Der Mann hebt leicht die Augenbraue.

„Das ist das Gute, wenn man nicht aus Ihrer Welt kommt“, sage ich. „Dann hofft man nicht auf Verwertung. Dann hofft man höchstens, dass mal einer zuhört.“

Der Mann nickt. Dann geht er.

Wir bleiben stehen.

Der Hape atmet aus. „Scheiße.“

„War das…?“, frage ich.

„Ja“, sagt der Hape.

Dann drehe ich mich zum Brezel-Peter um.

„Du windiger Halunke. Wen hast du uns dahingestellt?“

Er grinst. „Ich hab doch gesagt: nah dran.“

„Du hättest auch mal früher sagen können, wie nah.“

„Dann wärt ihr doch verkrampft gewesen.“

„Ich war die ganze Zeit verkrampft“, sage ich.

„Siehst du“, sagt der Brezel-Peter. „Hat nicht geschadet.“

*

Am Abend sind wir zurück im „Imbiss ums Eck“. Der Schorsch stellt uns Bier hin. Der Getränke-Manni sitzt schon da. Arme verschränkt. Schlechte Laune, aber nicht versteckt.

„Na?“, fragt er.

„Wir waren drin“, sagt der Hape.

„Wie weit drin?“

„Weiter als gesund“, sage ich.

Dann erzählen wir alles. Das Gebäude. Den Bereich. Den Mann. Das Gespräch. Die Mappe. Die merkwürdige Ernsthaftigkeit des Ganzen. Der Schorsch hört zu, ohne groß zu reagieren. Der Getränke-Manni hört zu, ohne einmal zu grinsen. Das ist beides unangenehm.

Als wir fertig sind, sagt der Getränke-Manni: „Und jetzt?“

„Jetzt wahrscheinlich gar nichts“, sagt der Hape.

„Doch“, sagt der Getränke-Manni. „Es passiert immer was. Nur selten für die Richtigen.“

„Du klingst, als wärst du enttäuscht, bevor überhaupt was passiert ist“, sage ich.

„Nein“, sagt er. „Ich bin nur geübt.“

Der Schorsch stellt ihm ein Bier hin. Das macht er nur, wenn er Mitleid hat oder Respekt. Beim Manni ist es oft beides.

*

Drei Wochen später kommt der Brezel-Peter in den Imbiss und legt einen Flyer auf den Tresen.

Ich sehe schon an seinem Gesicht, dass etwas faul ist.

Oben steht:

VOLKSWAGEN ERLEBEN – PROBEFAHRT UND ORIGINAL CURRYWURST

Daneben ein Auto. Daneben eine Pappschale. Unten irgendwas mit Nähe, Tradition, Zukunft. Dieselbe glatte Sprache wie überall, nur diesmal mit Currypulver bestäubt.

Der Hape nimmt den Flyer. Liest. Liest noch mal.

„Das ist doch unsere Idee.“

„Nein“, sagt der Getränke-Manni ruhig. „Das war mal eure Idee. Jetzt ist es eine Maßnahme.“

Ich sehe den Brezel-Peter an. „Du hast daran verdient.“

Er sagt nichts.

„Na los“, sage ich. „Sag’s.“

„Ein bisschen“, sagt er.

Der Hape knallt den Flyer auf den Tresen. „Du hast uns verkauft.“

„Jetzt übertreib mal nicht“, sagt der Brezel-Peter.

„Doch“, sage ich. „Exakt das hast du gemacht. Du hast uns da reingeschoben, mitgehört, mitverdient und jetzt grinst du hier rum wie ein Gebrauchtmoralist.“

Der Brezel-Peter wird sauer. „Ihr wolltet da doch hin. Ihr wolltet gesehen werden. Ihr wolltet mitspielen.“

„Ich wollte verstehen“, sage ich. „Das ist was anderes.“

„Auf dem Markt nicht“, sagt der Brezel-Peter.

Da lacht der Getränke-Manni. Kurz, scharf, freudlos.

„Siehst du? Genau das meine ich. Da unten entsteht mal was Echtes. Eine Beobachtung. Ein Satz. Eine Idee. Und was macht der Laden? Er zieht es glatt und verkauft es zurück. Und einer wie der Peter hängt sich dazwischen und nennt das Vermittlung.“

„Ich nenne das Geschäft“, sagt der Brezel-Peter.

„Ja“, sagt der Getränke-Manni. „Genau deswegen ist es ja so widerlich.“

Jetzt wird es still.

Dann sagt der Brezel-Peter zum Getränke-Manni: „Du tust immer so, als wärst du über allem. Dabei lieferst du deine Kästen auch an jeden, der zahlt.“

Der Satz sitzt.

Der Getränke-Manni wird ganz ruhig. Dann sagt er: „Ja. Weil ich leben muss. Nicht, weil ich stolz drauf bin.“

Das ist der Moment, in dem sogar der Schorsch kurz innehält.

Dann stellt der Schorsch dem Getränke-Manni wortlos eine Currywurst hin.

Der Hape setzt sich auf einen Hocker. Das macht er sonst nie. Der sieht aus, als hätte ihm gerade jemand erklärt, dass der Kunstmarkt auch nur ein höflicherer Schweinestall ist.

Ich bleibe stehen und sehe auf den Flyer. Auf das Auto. Auf die Wurst daneben. Auf diese ganze Mischung aus ehrlichem Anfang und saubergewaschener Verwertung.

Dann sage ich: „Vielleicht ist das die eigentliche Pointe. Nicht, dass VW mit Currywurst wirbt. Sondern dass eine Wurst heute glaubwürdiger wirkt als fast alles, was Konzerne sonst so erzählen.“

„Ja“, sagt der Schorsch. „Bloß gehört sie dann immer noch denen.“

„Eben“, sagt der Getränke-Manni.

Der Brezel-Peter sagt nichts mehr. Vielleicht aus Einsicht. Wahrscheinlicher aus Berechnung.

Ich nehme die Gabel und esse. Nicht, weil das was löst. Sondern weil der Mensch, selbst wenn er bloß erfunden ist, irgendwann wieder bei dem landet, was konkret ist. Wurst. Bier. Der Tresen. Der Schorsch. Der Hape. Der Getränke-Manni. Sogar so einer wie der Brezel-Peter gehört dann plötzlich wieder zur Szenerie, obwohl man ihn eigentlich gern aus dem Text streichen würde. Aber das darf ich nicht entscheiden. Das macht ja alles dieser Autor, dieser narrativ überwürzte Soßenfabrikant.

Draußen fahren Autos vorbei. Drinnen zischt der Grill.

ENDE

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