Ein Ritter im Vordergrund und zwei Männer im Hintergrund.

Ein verbeultes Wurstwappen, ein kurzer Imbissschlaf und plötzlich steckt der Hanswurst in einer mittelalterlichen Rüstung. Als „Ritter Hans von der Wurst“ soll er die Goldene Soße retten und merkt schnell: Heldenlegenden sind oft nur schlecht gewürzte Fremdsteuerung.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Holger Eberle

Worum geht’s?

Der Hanswurst schläft im Imbiss ein und erwacht als Ritter in einer matschigen Mittelalterwelt voller Burgen, Wappen, Hape-Pergamente und einer Jaqueline im Kettenhemd. Auf der Suche nach der Goldenen Soße entdeckt er, dass die große Legende um ihn selbst ziemlich erfunden ist. Also tut er das Einzige, was ein Hanswurst tun kann: Er zerreißt den Heldenmythos und findet trotzdem zurück zur Currywurst.

Die Geschichte lesen

Es regnet an diesem Abend so, dass die Straße vorm Imbiss ums Eck aussieht, als hätte einer einen grauen Scheuerlappen über die Stadt gelegt und dann vergessen, ihn wieder abzunehmen. Der Asphalt glänzt stumpf. Die Scheiben vom Imbiss sind beschlagen. Drinnen riecht es nach Fritteuse, nach Curry, nach nassen Jacken und diesem alten Rauch, der seit Jahren in den Ecken hängt, obwohl der Schorsch behauptet, sowas bilde ich mir nur ein.

Ich stehe mit dem Hape an unserem Stehtisch. Der wackelt wie immer leicht nach links. Das ist unser Lieblingsstehstammtisch. Auf dem Tisch stehen zwei Bier, eine Pappschale voll Currywurst mit Pommes und ein übervoller Aschenbecher. Ein appetitliches Ensemble eben.

Der Hape hat an dem Abend wieder so einen Blick drauf, bei dem ich sofort weiß: Jetzt kommt gleich was, das entweder Kunst sein soll oder einen anstrengenden Verlauf nimmt. Oft ist es beides.

„Weißt du“, sagt der Hape, während er mit einer Pommes in die Luft zeigt, „das Mittelalter wird komplett unterschätzt.“

„Von wem?“, frage ich.

„Von allen.“

„Das wird schon seine Gründe haben.“

Der Schorsch steht hinterm Grill, zieht an seiner Zigarette und dreht eine Wurst. „Im Mittelalter sind die Leute mit vierzig gestorben, haben sich selten gewaschen und hatten keine ordentliche Currysoße. Mir reicht das als Kritik.“

Der Hape winkt ab. „Es geht mir um Bilder. Um Pathos. Um Zeichen. Um Wappen. Um die frühe Sehnsucht des Menschen, sich als irgendwas Großes auszudenken, obwohl er im Grunde bloß im Matsch steht.“

„Das“, sage ich, „kannst du auch über den modernen Menschen sagen. Nur dass der Matsch jetzt Smartphone heißt.“

Der Hape nickt anerkennend, als hätte ich ihm gerade sein nächstes Ausstellungsprojekt geschenkt. Dann kramt er in seiner Manteltasche und legt etwas auf den Tisch. Ein Stück Blech. Verbeult. Schwarz angelaufen. In der Mitte ist tatsächlich eine Wurst eingraviert. Gekreuzt mit einer Gabel. Darüber etwas, das entweder eine Krone ist oder ein missglückter Klecks.

„Flohmarkt“, sagt der Hape. „Ist das nicht sensationell?“

„Das ist Schrott“, sagt der Schorsch.

„Das ist Geschichte“, sagt der Hape.

Ich nehme das Blech in die Hand. Es ist kalt und schwerer, als es aussieht. Irgendwo am Rand klebt noch Dreck. Oder Rost. Oder jahrhundertealter Senf. Schwer zu sagen.

„Sieht aus wie ein schlechtes Familienwappen“, sage ich.

Der Hape beugt sich vor. „Vielleicht gehörte das mal einem Ritter. Stell dir das vor. Rittertum, aber proletarisch. Nicht Löwe, Adler, Schwert. Sondern Wurst. Das wäre doch was für dich, der Hanswurst als Ritter.“

„Der Ritter Hans von der Wurst“, sagt der Schorsch trocken. „Beschützer des Grillrosts. Rächer der armen Würstchen.“

Ich will was Gehässiges sagen, aber in dem Moment bin ich auf eine Art müde, die nicht bloß vom Tag kommt. Mehr so eine Müdigkeit, die hinten in den Augen sitzt. Die Wärme vom Imbiss, das Bier, der Regen, das Brummen vom Kühlschrank, der fettige Geruch, das Gerede vom Hape. Das alles legt sich über mich wie eine Decke, die nicht sauber, aber immerhin vertraut ist.

Ich stütze die Unterarme auf den Tisch. Nur kurz, denke ich. Ganz kurz den Kopf ablegen. Der Autor, diese hinterhältige Arschgeige, lässt einen ja nie ordentlich in Ruhe, aber vielleicht überlistet man ihn mal für zehn Sekunden.

Ich lege den Kopf auf den Arm.

Und dann bin ich weg.

*

Als ich die Augen aufmache, tut mir als Erstes alles weh.

Mein Rücken. Mein Nacken. Meine Knie. Sogar Stellen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie weh tun können. Über mir ist Himmel, aber nicht der Himmel von eben. Kein Stadtgrau. Sondern ein blasser, weiter Himmel, in dem Krähen ihre Kreise ziehen. Neben mir holpert Holz. Vor mir schnaubt ein Pferd, das riecht, als hätte es seit seiner Geburt nur nasses Stroh gegessen und ne Menge Anstrengung gehabt.

Ich liege auf einem Karren.

Ich richte mich hoch. Sofort scheppert etwas an mir. Ich schaue an mir runter und sehe Metall. Eine Rüstung. Nicht glänzend. Nicht heroisch. Eher so, als hätte man einen Kohlenofen angezogen. An meiner Brust prangt auf einem schief angenieteten Blech tatsächlich diese Wurst mit der Gabel.

„Er ist erwacht!“, ruft einer.

Zwei Männer in Wappenröcken drehen sich zu mir um. Beide sehen aus, als hätte man sie aus Lehm gemacht und dann schlecht trocken lassen. Der eine hat einen Bart, in dem halbe Landschaften hängen könnten. Der andere lächelt mich mit einer Ehrfurcht an, die mir sofort unsympathisch ist.

„Herr Ritter“, sagt der Bärtige. „Wir sind bald da.“

„Wo da?“, frage ich.

Er blinzelt. „Na. Bei der Burg. Wo denn sonst?“

„Und wer seid ihr?“

„Eure Knechte.“

„Das tut mir leid“, sage ich.

Der Lächelnde stößt den Bärtigen an. „Seht Ihr? Genau so. Ganz wie früher. Der Witz. Die Bodenhaftung.“

Da weiß ich: Ich träume. Entweder das oder der Autor hat endgültig den Verstand verloren und mich in ein Mittelalterkapitel geschrieben, weil ihm normale Gegenwart nicht mehr gereicht hat.

„Hört zu“, sage ich. „Ich bin nicht euer Ritter. Ich bin der Hanswurst. Ich stehe normalerweise an einem Imbiss, esse Currywurst und versuche, mit möglichst wenig Aufwand durch die Woche zu kommen. Alles andere ist Verleumdung.“

Die beiden gucken mich an, als hätte ich gerade ein bekanntes Gebet aufgesagt.

„Ja“, sagt der Bärtige ehrfürchtig. „Der Ritter Hans von der Wurst.“

Ich lehne mich zurück und beschließe, für einen Moment einfach nichts mehr zu erklären. Man kann in Träumen viel Energie sparen, wenn man die Katastrophe erstmal arbeiten lässt.

*

Die Burg taucht aus dem Regennebel auf wie ein Missverständnis aus Stein.

Nichts daran ist elegant. Die Mauern sind dunkel und feucht. Im Burghof liegt Matsch. Hühner laufen zwischen Leuten herum, die Körbe tragen, Holz, Eimer, Säcke. Es riecht nach Stall, nassem Fell, Rauch und gekochtem Kohl. Von irgendwoher höre ich Hämmern. Von woanders ein kurzes, hartes Lachen. Alles wirkt beschäftigt und in höchstem Maße unerquicklich.

Am Tor steht die Jaqueline.

Also nicht die Jaqueline aus meinem Alltag, klar. Sondern die mittelalterliche Ausgabe. Sie trägt Kettenhemd, darüber einen dunklen Wappenrock, die Haare zurückgebunden, das Kinn ein bisschen hoch, als wäre die Welt zwar zu ertragen, aber nur knapp. An der Hüfte hängt ein Schwert. In der Haltung steckt keine Spur von Zweifel. Eher von Geduld, die schnell enden kann.

Sie mustert mich, als der Karren hält.

„Der ist es?“

„Der Ritter Hans von der Wurst“, sagt der Lächelnde.

„Der sieht aus, als hätte er auf dem Weg hierher schon gegen sich selber verloren.“

„Das ist ein langer Tag für mich“, sage ich.

„Für uns alle“, sagt die Jaqueline.

Dann tritt aus dem Tor der Schorsch.

Er trägt keine Schürze, sondern einen dunklen Mantel, darunter etwas, das nach Küchenmeister aussieht. Sein Gesicht ist dasselbe wie immer: so, als wäre er von Anfang an nicht einverstanden gewesen und hätte nur nie die Gelegenheit bekommen, das vernünftig schriftlich zum Ausdruck zu bringen.

„Na endlich“, sagt der Schorsch. „Ihr macht auch aus jeder Rückkehr ein Theater.“

„Ich bin gar nicht zurück“, sage ich. „Ich bin vermutlich komplett falsch hier.“

„Das sagen die guten Leute immer zuerst“, knurrt der Schorsch. „Die schlechten dagegen wollen sofort was zu fressen.“

„Was gibt’s denn?“

„Ha. Da ist er ja doch.“

Aus einer Seitentür kommt der Hape. Er trägt eine Art Malerkittel über einem Brokatding, die Haare wirr, die Augen leuchten. Unter dem Arm hat er mehrere gerollte Pergamente.

„Hans!“, ruft er. „Oder vielmehr: Herr Ritter! Ich wusste, dass du zurückkommst.“

„Warum bist du hier Hofkasper?“

„Hofmaler“, sagt der Hape beleidigt. „Chronist. Bildnarr. Such dir was aus. Ich dokumentiere das Schicksal dieses Reiches.“

„Du dokumentierst vor allem Unsinn.“

„Das Schicksal bedient sich oft des Unsinns.“

Der Autor hat sich hier wirklich eine Frechheit zusammengesponnen. Er nimmt mein Personal, steckt es in Lumpen und Blech und meint vermutlich, das sei jetzt Literatur.

*

Man führt mich in die Burg. In einen Saal, in dem es zieht wie in einem schlecht schließenden Treppenhaus. An den Wänden hängen Tücher mit Wappen. Überall dieselbe Wurst mit Gabel. Auf einem langen Tisch stehen Krüge, Schüsseln, Brot, Käse, ein Eintopf, der aussieht, als hätte er schon mehrere Generationen und Herrschaftssysteme überlebt.

Der Hape rollt seine Pergamente aus.

„Siehst du“, sagt er aufgeregt, „deine Taten.“

Auf dem ersten Bild stehe ich auf einem Pferd und halte eine Standarte in die Höhe. Auf dem zweiten erschlage ich einen Eber. Auf dem dritten knie ich vor einer Quelle, aus der goldene Soße sprudelt. Auf allen Bildern sehe ich aus wie eine heroische Kopie meiner selbst.

„Das bin ich aber nicht“, sage ich.

„Natürlich bist du das.“

„Ich kann nicht mal vernünftig aufs Pferd steigen.“

„Das sagen Legenden selten von sich.“

Der Schorsch stellt mir einen Krug hin. „Trink. Vielleicht wird’s dann erträglicher.“

„Was ist überhaupt los?“

Der Schorsch räuspert sich. „Die Goldene Soße ist verschwunden.“

Ich starre ihn an.

„Die was?“

„Die Goldene Soße“, wiederholt die Jaqueline. „Das Herz des Reiches. Das, was den Frieden sichert. Die Vorräte. Den Zusammenhalt. Die Würde der Tafel.“

„Das hört sich an wie ein Werbetext.“

„Möglicherweise“, sagt der Hape. „Aber ein guter.“

Der Schorsch zieht an seiner Pfeife. „Vor Jahren hast du sie schon einmal gerettet. Dann bist du verschwunden. Jetzt bist du wieder da. Und wenn diese Burg, dieses Land und der ganze armselige Haufen hier nicht auseinanderfallen sollen, dann findest du sie nochmal.“

Ich sehe von einem zum anderen. Keiner lacht.

„Und wenn ich nein sage?“

Die Jaqueline lehnt sich gegen einen Pfeiler. „Dann geht das Reich vielleicht unter. Oder es stellt sich raus, dass du bloß eine schlechte Geschichte bist.“

„Da“, sage ich, „sind wir uns ausnahmsweise mal einig.“

*

Am nächsten Morgen bekomme ich ein Pferd.

Es heißt Basilisk, ist aber ein müdes, braunes Tier. Ich komme nur mit Hilfe der Jaqueline hoch, und selbst das sieht so unerquicklich aus, dass zwei Stallburschen sich wegdrehen müssen.

„Wenn du so in die Schlacht reitest“, sagt die Jaqueline, „stirbt der Feind vor Mitleid.“

„Oder vor Lachen. Auch ein Vorteil.“

Sie reitet neben mir. Der Hape kommt auf einem Esel hinterher, weil er darauf bestanden hat, die Queste zu begleiten. Er hat Pinsel, Tinte und Pergament dabei. Er sagt, jede Suche nach Wahrheit sei zugleich eine Suche nach Form. Ich sage, jede Suche nach Wahrheit sei erstmal eine Suche nach trockenem Brot und einer vernünftigen Sitzgelegenheit.

Wir reiten durch Wälder, die nach nasser Erde riechen und nach Laub, das schon halb in sich zusammensackt. Der Weg wird zu Matsch, dann zu Steinen, dann wieder zu Matsch. Einmal kommen wir an einem Kloster vorbei, dessen Mönche schweigend in einer Reihe stehen und Kohl hacken. Einer von ihnen hebt den Kopf und sagt: „Was fehlt, wurde nie gestohlen.“

„Was soll das heißen?“, frage ich.

Er senkt den Blick wieder. „Dass nicht alles verschwindet, nur weil man es vermisst.“

Dann hackt er weiter Kohl.

„Das war stark“, sagt der Hape und notiert es.

Später treffen wir in einer Schenke einen alten Händler mit Ringen an den Fingern. Er verkauft Messer, Salz und Gerüchte. Als die Jaqueline nach der Goldenen Soße fragt, lacht er ein zahnloses Lachen.

„Sucht lieber den, der Geschichten schreibt“, sagt er. „Soßen verderben. Geschichten halten länger.“

Der Hape wird ganz aufgeregt. „Merkst du das? Überall dieselbe Struktur. Es geht um Erzählmacht.“

„Es geht vor allem darum“, sage ich, „dass ich langsam friere und in dieser Rüstung schwitze. Das ist eine unangenehme Kombination. Der Autor ist wirklich ein sadistischer Kettenhemdclown.“

Die Jaqueline sieht kurz rüber. „Mit wem redest du eigentlich immer?“

„Mit dem, der das hier verzapft.“

„Dann sag ihm, er soll den Mittelteil kürzer halten.“

Da muss ich lachen. Das erste Mal seit ich in dieser Blechhölle aufgewacht bin.

*

Am dritten Tag erreichen wir einen alten Turm, der halb in den Fels gebaut ist. Unten drin führt eine steinerne Treppe in die Erde. Es riecht nach kaltem Rauch und etwas Fettigem. Nicht angenehm. Aber vertraut. Fast wie hinterm Grill, wenn der Schorsch sonntags die Auffangschale sauber macht.

„Hier“, sagt die Jaqueline.

„Woher weißt du das?“

„Weil jedes Reich seine Wahrheit im Keller versteckt.“

„Das klingt auch sehr geschrieben.“

„Ist es vielleicht auch.“

Der Gang endet in einem Gewölbe. Regale bis unter die Decke. Rollen aus Pergament. Bücher. Schatullen. Töpfe. Flaschen. Alte Banner. Wappen. Formen aus Holz und Metall. An einem Tisch sitzt ein Mann in dunkler Kutte und schreibt. Nicht hektisch. Nicht überrascht. Einfach weiter, als hätten wir uns angekündigt und er hätte beschlossen, uns trotzdem nicht entgegenzukommen.

Er ist alt. Nicht gebrechlich. Eher abgetragen. Sein Gesicht ist schmal. Die Hände sind fleckig von Tinte. Neben ihm steht ein kleiner Topf, aus dem es gelb schimmert.

„Da“, flüstert der Hape. „Die Soße.“

Der Alte legt die Feder hin und sieht mich an. Kein Erschrecken. Kein Hass. Nur Müdigkeit. Eine Müdigkeit, die ich sofort verstehe.

„Da bist du also wieder“, sagt er.

„Anscheinend“, sage ich.

„Bist du gekommen, um deine Geschichte zu Ende zu bringen?“

„Ich wäre schon froh, wenn mir mal einer den Anfang erklärt.“

Die Jaqueline zieht ihr Schwert halb aus der Scheide. „Gebt die Goldene Soße heraus.“

Der Alte lächelt dünn. „Die Soße. Immer diese Soße.“

Er nimmt den Topf, kippt ihn langsam über ein Stück Pergament. Es läuft kein Wunder heraus. Keine flüssige Pracht. Keine Macht. Nur eine zähe gelbe Brühe, die nach Gewürzen riecht und viel zu lange gekocht hat.

„Das ist…“, sagt der Hape.

„Soße“, sagt der Alte. „Mehr nicht.“

Die Jaqueline macht einen Schritt vor. „Dann… wo ist die echte?“

„Es gibt keine echte.“

Der Satz hängt im Raum wie kalte Luft.

Ich merke, wie sich in mir etwas regt. Nicht Enttäuschung. Eher Erleichterung, die sich noch nicht traut.

„Die Goldene Soße“, sagt der Alte, „war immer nur ein Name. Ein Behälter. Eine Erfindung. Die Leute wollten glauben, dass ihr Reich an etwas hängt, das man bewachen, verlieren und zurückholen kann. Das ist einfacher, als zu akzeptieren, dass alles an ihnen selbst hängt. An ihrer Arbeit. Ihrer Angst. Ihrem Hunger. Ihrer Dummheit. Also gab man ihnen eine Soße.“

„Und mir einen Ritter“, sage ich.

Der Alte nickt. „Ja. Einen, der zurückkehren kann. Einen, dem man Taten zuschreibt. Einer muss ja die Lücke füllen zwischen Chaos und Hoffnung.“

Der Hape flüstert fast andächtig: „Das ist groß.“

„Das ist Betrug“, sagt die Jaqueline.

„Natürlich ist es Betrug“, sagt der Alte. „Aber nützlicher Betrug. Das Reich braucht Erzählungen. Ihr braucht Wappen. Helden. Quellen. Sonst müsstet ihr ja auf euch selbst schauen. Wer will das schon.“

Ich trete an den Tisch. Auf den Regalen hinter ihm liegen hunderte Pergamente. Auf einigen erkenne ich Zeichnungen. Meine angeblichen Taten. Mehrere Fassungen. Auf einem erschlage ich einen Drachen. Auf einem segne ich ein Feld. Auf einem rette ich Kinder aus einem brennenden Kornspeicher. Alles schön geordnet. Alles gelogen.

„Warum ich?“

„Weil du passt“, sagt der Alte. „Du bist groß genug für die Rolle und klein genug für die Menschen. Nicht zu edel. Nicht zu fern. Ein Held mit Matsch an den Stiefeln. So einer lässt sich gut lieben.“

„Und noch besser benutzen“, sage ich.

Der Alte sieht mich ruhig an. „Das ist oft dasselbe.“

*

Wir reiten mit den Pergamenten zurück zur Burg.

Der Weg ist stiller als auf dem Hinweg. Selbst der Hape sagt lange nichts. Er trägt zwei Rollen unterm Arm, als hätte er Angst, jemand könnte ihm das gerade entdeckte Elend wieder wegnehmen. Die Jaqueline reitet geradeaus. Nicht wütend. Eher enttäuscht, aber in einer Weise, die sie nicht zeigen will.

Ich fühle mich leicht. Und schwer. So als hätte man mir eine Krone vom Kopf genommen, die ich nie wollte, und darunter festgestellt, dass der Schädel trotzdem derselbe bleibt.

Im Burghof wartet schon alles. Knechte. Mägde. Wachleute. Der Schorsch voran, die Arme vor der Brust. Man hat offenbar beschlossen, heute die Rückkehr des Helden zu feiern. Auf einem Tisch steht Brot. Fleisch. Bier. Sogar Fackeln sind aufgestellt. Es riecht nach Vorfreude und schlechtem Timing.

„Na?“, fragt der Schorsch. „Habt ihr sie?“

Der Hape will gerade anheben, da ziehe ich ihm die Rollen aus der Hand.

„Ja“, sage ich. „Hab ich.“

Ein Murmeln geht durch die Menge.

Der Schorsch kneift die Augen zusammen. „Und?“

„Und sie ist nichts.“

Ruhe.

„Wie bitte?“, sagt einer.

Ich steige auf den Tisch. Nicht würdevoll. Eher mit Mühe. Aber immerhin ohne zu fallen oder abzustürzen. Dann halte ich die Pergamente hoch.

„Die Goldene Soße gibt es nicht. Es gibt nur eine Geschichte darüber. So wie es diese Geschichte über mich gibt. Den Ritter Hans von der Wurst. Den Heimkehrer. Den Retter. Den Held mit eigenem Wappen. Einem Wurstwappen. Alles Quatsch.“

Ein paar Leute schauen irritiert. Andere verletzt. Manche misstrauisch. Ich kenne das aus jeder guten Stammtischdiskussion.

„Ihr wollt einen, der losreitet, was findet und euch sagt, dass alles wieder Sinn ergibt“, sage ich. „Kann ich verstehen. Würde ich auch gern manchmal. Aber ich bin das nicht. Ich bin kein Held. Ich bin ein Mann, der gern im Warmen steht und nicht dauernd für fremde Ideen herum geschubst wird. Und wenn ihr euer Reich zusammenhalten wollt, dann vielleicht nicht mit Legenden, sondern mit Arbeit. Mit Vernunft. Mit anständigem Essen. Und mit weniger Pathos, verdammt nochmal.“

„Das ist eine schwache Schlussrede“, murmelt der Hape unten.

„Dann schreib dir später eine bessere.“

Ich zerreiße das oberste Pergament. Dann das zweite. Dann werfe ich die Fetzen in die Luft. Sie flattern über den Hof wie kaputte Tauben.

Erst passiert nichts.

Dann lacht die Jaqueline. Kurz. Laut. Ehrlich. So, dass alle zu ihr gucken.

Der Schorsch zieht an seiner Pfeife, nimmt sie aus dem Mund und sagt: „Na also. Endlich redet mal einer normal.“

Jemand hinten ruft: „Und was ist jetzt mit dem Fest?“

Der Schorsch hebt die Schultern. „Das findet trotzdem statt. War ja schon vorbereitet.“

Das ist natürlich das Vernünftigste, was an so einem Abend gesagt werden kann.

Die Leute entspannen sich sichtlich. Einer greift nach Brot. Einer nach Bier. Irgendwo wird ein Fass geöffnet. Die Welt geht nicht unter. Sie wird bloß ein bisschen ehrlicher und gleich wieder vom Alltag überholt.

Der Hape sammelt die Fetzen auf und grinst. „Das hier“, sagt er, „ist viel besser als der alte Stoff.“

„Du wirst doch jetzt nicht anfangen, mich als Antihelden zu feiern.“

„Natürlich werde ich das.“

„Dann hau ich dir aufs Maul.“

Die Jaqueline tritt neben mich. „Du wusstest das schon früher, oder?“

Sie sieht geradeaus in den Hof. „Ein bisschen. Dass irgendwas faul ist. Dass Helden meist aus dem gleichen Stoff sind wie Fahnen. Oder Luftpumpen. Viel Wind oder heiße Luft und so.“

„Warum hast du dann mitgespielt?“

Sie zuckt mit einer Schulter. „Weil man manchmal ein Theater mitmachen muss, um es vernünftig einstürzen zu lassen.“

Da denke ich kurz, dass ich sie vielleicht sogar im Traum beeindruckend finde, was unerquicklich ist, weil der Autor sowas sofort für Gefühlsentwicklung hält und dann wird’s peinlich.

Im selben Moment schreit irgendwo einer „Für die Soße!“, und ein anderer kippt ihm Bier über den Kopf. Dann wird gerauft, gelacht, gesoffen. Ein Fest eben. Ohne Sinn, aber mit Verlauf.

Der Schorsch stellt mir einen Becher hin. „Trink.“

„Was ist das?“

„Megabier“, sagt er. „Oder das mittelalterliche Äquivalent davon.“

Ich trinke. Es schmeckt warm, zu bitter und vollkommen richtig.

*

Als ich aufwache, tut mir der Nacken weh.

Ich liege mit dem Kopf auf dem Stehtisch im Imbiss ums Eck. Das Radio dudelt leise. Draußen ist es heller geworden. Der Regen hat aufgehört. Im Fenster klebt das fahle Licht eines frühen Morgens. Der Schorsch steht hinterm Grill und legt gerade die erste Wurst drauf. Der Hape steht mir gegenüber, schon wieder viel zu wach, und grinst wie ein Mann, der etwas weiß, das nicht groß genug ist, um wichtig zu sein, aber unerquicklich genug, um Spaß zu machen.

„Na, Herr Ritter“, sagt der Hape.

Ich richte mich hoch. „Halt’s Maul.“

Der Schorsch stellt mir kommentarlos eine Pappschale hin. Currywurst. Pommes. Daneben ein Bier, noch geschlossen. Ein perfektes Frühstück.

„Du hast im Schlaf geredet“, sagt der Hape.

„Hab ich das.“

„Ja. Irgendwas von Reich und Wahrheit. Und einmal hast du gesagt: Ich lass mich doch nicht einfach so in eine Legende drücken.“

Ich nehme die Gabel.

Dann sehe ich es.

Neben der Schale liegt das verbogene Blech vom Vorabend. Dasselbe Wappen. Die Wurst. Die Gabel. Nur klebt jetzt am unteren Rand ein frischer gelber Fleck.

Ich tippe mit dem Finger dran. Warm. Würzig. Sämig.

„Was ist das?“, frage ich.

Der Schorsch sieht nicht mal hoch. „Soße.“

„Woher?“

„War so.“

Der Hape beugt sich rüber. „Interessant.“

Ich drehe das Blech um.

Auf der Rückseite steht in krakeliger Schrift, eingeritzt, nicht gemalt:

Hans von der Wurst war hier.

Ich starre drauf.

In dem Moment geht die Tür auf und die Jaqueline kommt rein. Trainingsjacke, Sporttasche, Haare vom Nieselregen noch ein bisschen feucht. Ganz die echte Jaqueline. Sie schaut mich an, sieht das Blech in meiner Hand und grinst nur kurz.

„Na?“, sagt sie. „Wieder ausgeschlafen, Ritter?“

Dann geht sie zum Kühlschrank, als wäre nichts.

Ich sage erstmal nichts. Weil es in solchen Momenten meistens falsch ist, sofort irgendwas Schlaues zu sagen. Und weil ich ahne, dass der Autor da hinten schon wieder zufrieden in seine Tasten grinst, diese abgehalfterte Textwurst. Aber ganz ehrlich: Diesmal lasse ich’s ihm noch durchgehen.

Ich steche ein Stück Currywurst auf, tunke es in die Soße und esse.

Schmeckt ganz normal.

Vielleicht ein kleines bisschen goldener als sonst…

ENDE

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