Zwei streitende Männer an einem Imbissstehtisch. Im Hintergrund steht der grimming dreinschauende Wirt.

Eine Currywurst, ein skeptischer Hape und ein Hanswurst, der plötzlich Ernährungswissenschaft mit Lebensfreude verwechselt. Im Imbiss ums Eck wird aus Fett, Salz, Zucker und Kurkuma eine sehr grundsätzliche Frage: Ist Currywurst ungesund oder einfach nur gesunde Ernährung für die Seele?

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Gordon Piedesack

Worum geht’s?

Der Hape stellt die Currywurst infrage: zu fettig, zu salzig, zu wenig Ballaststoffe. Der Hanswurst hält dagegen mit Proteinen, Kurkuma, Glück und sehr viel Überzeugung.

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Es ist eine dieser typischen Mittagsstunden im „Imbiss ums Eck“. Der Duft von Pommes und Fett hängt schwer in der Luft, und der Grill zischt verlässlich, während der Schorsch mit seiner Grillzange hantiert, als würde er ein Kunstwerk vollenden. Der Hape und ich stehen wie gewöhnlich an unserem üblichen Lieblingsstehstammtisch in der Ecke, jeder mit einer Wurst vor sich, dampfend und rotgetränkt in Currysoße. Doch heute ist die Stimmung anders. Sie ist geladen, wie die Luft vor einem Gewitter.

Ich merke das sofort. Nicht wegen irgendeiner feinen sozialen Antenne. So differenziert hat mich der Autor gar nicht angelegt. Sondern weil man als fiktive Figur irgendwann spürt, wenn so eine Szene auf Streit gebürstet ist. Dann hängt das schon in der Luft, noch bevor der erste Satz gefallen ist. Und ich denke mir noch: Lass mich doch einfach in Ruhe essen, du Arschgeige. Aber nein. Der Autor will offenbar Diskussion. Also kriege ich Diskussion.

„Sag mal, Hanswurst“, beginnt der Hape, während er einen skeptischen Blick auf die Wurst vor sich wirft, „findest du das eigentlich wirklich gesund?“

Ich, der gerade voller Enthusiasmus einen großen Bissen von meiner Currywurst genommen habe, halte inne. „Hm? Was meinst du?“, frage ich, während ich die Wurst gekonnt mit der Gabel in der Soße drehe. „Currywurst? Gesund? Natürlich!“

Der Hape legt die Gabel zur Seite und verschränkt die Arme. „Gesund? Du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass das hier“ – er deutet auf die Wurst – „in irgendeiner Weise gut für deinen Körper ist.“

Ich kaue genüsslich weiter und schüttle den Kopf, als ob ich die Zweifel vom Hape nicht ernst nehmen könnte. „Aber klar!“, sage ich schließlich, während ich meinen Rücken durchstrecke. „Currywurst ist voll von Proteinen. Weißt du, was Proteine für dich tun? Die bauen Muskeln auf, mein Freund. Jeder Bodybuilder schwört auf Proteine, und das hier“, ich deute mit meiner Gabel auf die Wurst, „ist eine Fleischbombe erster Klasse.“

Das ist natürlich schon ein Satz, bei dem ich innerlich kurz aussetze. Fleischbombe erster Klasse. So redet doch kein Mensch. Das ist wieder so ein Moment, in dem ich merke, dass der Deppenautor irgendwo über mir sitzt und sich denkt: Haha, das ist bestimmt originell. Ist es nicht. Aber ich muss es ja sagen. Ich bin hier schließlich nicht angestellt, ich bin ausgedacht.

„Fleischbombe?“ Der Hape zieht eine Augenbraue hoch. „Ja, eine Fettbombe, das trifft’s eher. Schau dir doch mal den Fettanteil an. Das Zeug ist voll von gesättigten Fettsäuren. Die machen deine Arterien dicht und verpassen dir einen Herzinfarkt, bevor du auch nur ‚Nachschlag‘ sagen kannst.“

„Ach was“, kontere ich und nehme noch einen Bissen. „Fett liefert Energie. Wenn du den ganzen Tag hart arbeitest, brauchst du Energie, und die bekommst du aus Fett. Dein Körper braucht das, um den ganzen Tag auf Hochtouren zu laufen. Du bist doch sonst so fit. Solltest du nicht wissen, dass das Fett in der Wurst der Treibstoff für deinen Körper ist?“

„Du arbeitest doch gar nicht hart, Hanswurst“, erwidert der Hape. „Und Energie? Ja, vielleicht. Aber der Preis, den du dafür zahlst, ist viel zu hoch. Schon mal was von Cholesterin gehört? Das ist nicht dein Freund. Und weißt du, was das hier“ – er pickt in die Wurst – „dir bringt? Cholesterin satt.“

Ich verdrehe die Augen. „Ja, ja, du kommst jetzt wieder mit den ganzen modernen Gesundheitsstudien. Aber lass mich dir was sagen: Früher, als die Leute noch hart gearbeitet haben, da haben die jeden Tag so was gegessen, und weißt du was? Die waren kerngesund!“

„Früher!“ Der Hape lacht trocken. „Früher haben die Leute auch geglaubt, dass Zigaretten gesund sind, und hast du gesehen, wie das geendet hat? Aber lass uns mal weitergehen. Was ist mit den Ballaststoffen, ha? Die Currywurst hat null Ballaststoffe. Wie soll dein Körper damit arbeiten? Deine Verdauung bleibt auf der Strecke.“

„Ballaststoffe! Was sind das für Luxusprobleme?“ Ich winke ab. „Die brauchst du nicht, wenn du genug Bewegung hast. Und außerdem: Die Soße hat Curry drin, und weißt du, was da alles drinsteckt? Kurkuma! Das ist super für die Verdauung, gut fürs Immunsystem. Das sagen sogar die Ayurveda-Leute!“

Spätestens da würde ich mich normalerweise selbst unterbrechen und fragen, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe. Aber der Autor hat mich heute auf so einen seltsamen Kurs aus Stammtisch, Halbwissen und Gesundheitsratgeber gesetzt, und ich muss da jetzt durch. Es ist mein Fluch als Figur, dass ich sogar dann weiterrede, wenn ich mich selbst für Quatsch halte.

„Ach komm“, sagt der Hape, „nur weil du einen Hauch von Kurkuma auf deiner Wurst hast, wird das Ganze nicht plötzlich zum Superfood. Was ist denn mit dem ganzen Zucker in der Soße? Du kippst dir da ein Ketchup-Zucker-Massaker über deine Wurst, und du weißt, was das mit deinem Blutzuckerspiegel macht? Der schießt hoch und fällt danach ins Bodenlose. Am Ende fühlst du dich nur noch müde und platt.“

Ich runzle die Stirn, aber ich lasse mich nicht beirren. „Zucker ist Geschmack, mein Freund. Und außerdem: Wenn du glücklich bist, bist du gesund. Das hat die Wissenschaft schon längst bewiesen. Und sag mir bitte nicht, dass eine Currywurst dich nicht glücklich macht. Ich meine, schau dich um: Alle hier essen Currywurst und lachen, weil sie wissen, dass das Leben gut ist, solange die Wurst heiß und das Bier kalt ist.“

Der Satz gefällt mir dann wieder. Nicht wegen der Wissenschaft. Die ist wahrscheinlich frei erfunden oder vom Autor aus einem Glückskeks geklaut. Aber der Rest stimmt. Das mit der heißen Wurst und dem kalten Bier. So was trägt einen ja wirklich durchs Dasein. Zumindest mich. Solange der Autor mir nicht wieder irgendeine Erkenntnis in den Mund legt.

„Lachen?“ Der Hape lacht diesmal wirklich, aber aus anderen Gründen. „Das mag ja sein, aber was ist morgen? Was ist, wenn du morgen mit Sodbrennen aufwachst und dein Körper anfängt, wegen dem ganzen Salz in der Wurst zu rebellieren? Du weißt doch, dass zu viel Salz den Blutdruck in die Höhe treibt. Und die Currywurst hat Salz, mehr als gut für dich ist.“

„Ja klar, Salz“, sage ich und wedle abermals mit der Gabel. „Aber du kannst nicht alles haben im Leben. Salz ist für den Geschmack. Du willst doch keine fade Wurst essen, oder? Was wäre das für ein Leben, wenn du bei allem an die Gesundheitsapostel denkst? Mal ehrlich: Wir reden hier über Lebensfreude, nicht über Diätplaner. Currywurst ist ein Genussmittel, und Genuss ist ein wichtiger Teil des Lebens.“

„Hanswurst, du redest dich da in was rein“, sagt der Hape und lehnt sich vor. „Gesundheit ist auch Lebensfreude. Was nützt dir der ganze Genuss, wenn du in ein paar Jahren auf dem OP-Tisch liegst, weil deine Arterien verstopft sind? Und dann? Dann denkst du an die Wurst zurück und fragst dich, ob sie das wirklich wert war.“

Ich setze mich aufrecht hin, schiebe den leeren Teller zur Seite und verschränke die Arme. „Weißt du was, Hape? Du denkst viel zu viel nach. Eine Currywurst wird dich nicht umbringen, solange du sie mit Freude isst und dabei ein bisschen Lebenslust bewahrst. Was das Leben ungesund macht, sind all die Sorgen und der Stress, den du dir wegen jedem Bissen machst. Currywurst ist nicht nur Essen. Sie ist ein Ritual, eine soziale Sache. Du isst sie mit Freunden, teilst sie mit guten Gesprächen und einem kalten Bier. Das, mein lieber Freund, ist gesunde Ernährung für die Seele.“

Und das bin dann wirklich ich. Also so weit man bei einer Figur von wirklich sprechen kann. Aber wenn ich schon in einer Geschichte festhänge, die sich irgendein Idiot ausgedacht hat, dann möchte ich wenigstens an den Stellen echt klingen, an denen es um Wurst, Bier und Würde geht.

Der Hape schüttelt den Kopf, aber es ist kein Widerspruch mehr in seinen Augen. „Hanswurst“, sagt er schließlich, „du kannst echt alles schönreden.“

„Schönreden?“ sage ich triumphierend. „Nee, Hape. Schönessen. Und das ist der wahre Trick.“

Der Schorsch, der hinter dem Tresen steht und die Diskussion still verfolgt hat, grinst breit. „Also, Jungs, was soll’s sein? Noch eine Runde Wurst? Oder vielleicht doch ein Salatblatt zur Abwechslung?“

Der Hape und ich sehen uns an, und nach einem kurzen Moment der Stille brechen wir beide in schallendes Gelächter aus.

„Noch ’ne Wurst“, sage ich und hebe mein Bier. „Aber diesmal mit doppelt Kurkuma, bitte. Ich hab was für mein Immunsystem übrig.“

ENDE

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