Der Hanswurst und der Feuerlöschschaum

Drei Männer im Imbiss mit viel Feuerlöschschaum.

Ein Gasbrenner, flambierte Scrob-Chips und ein Feuerlöscher mit Karrierewunsch: Im Imbiss ums Eck wird aus einem späten Currywurstabend eine Schaumparty mit Feuerwehr, Polizei und sehr wenig Würde. Und als der Hanswurst und der Hape danach noch an den Fluss wollen, wird es nicht besser. Wirklich nicht.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Eric Pardey

Worum geht’s?

Eine mysteriöse Frau taucht im Imbiss auf, hantiert mit offenem Feuer und verschwindet, sobald alles im Löschschaum versinkt. Feuerwehr und Polizei rücken an, der Hanswurst und der Hape landen erst auf dem Revier, dann nackt im Fluss und schließlich wieder bei der Polizei.

Die Geschichte lesen

Ich lungere wie gewöhnlich am späten Abend wieder an meinem Lieblingsstehstammtisch, dort wo der Boden immer ein bisschen klebt, auch wenn der Schorsch behauptet, er hätte heute „gründlich durchgezogen“. Das sagt er wie andere Leute „Namasté“ sagen. Ritual. Selbstberuhigung. Und weil es dem Schorsch leichter fällt, an Sauberkeit zu glauben, als an Menschen.

Der Grill ist noch an, das Radio nuschelt irgendwas von Verkehr und Weltuntergang, und der Hape starrt auf eine Serviette, als wäre sie eine Leinwand, die ihn beleidigt. Ich ess Currywurst mit Pommes und merke, wie ich mich ganz kurz wie ein normaler Mensch fühle. Also so normal, wie man sich fühlen kann, wenn man in einer Geschichte lebt und der Autor einen regelmäßig in Situationen schubst, aus denen man in der Realität höchstens mit einer Anzeige und einer Erkältung rauskommt. Der Autor ist und bleibt einfach eine Arschgeige.

Dann geht die Tür auf.

Nicht mit Schwung. Eher mit so einer entschlossenen Vorsicht, als hätte jemand Angst, dass drinnen ein Tier wohnt, das bei Licht sofort beißt.

Rein kommt eine Frau, die aussieht, als hätte sie ihr Leben lang mit Menschen zu tun, die den Mund offen haben und trotzdem nichts sagen. Zahnarzthelferin-Miene. Diese Mischung aus „Ich hab schon Schlimmeres gesehen“ und „Ich merke mir jedes Loch“.

Sie stellt eine Tasche auf den Tresen. Metall klirrt. Glas klackt. Der Schorsch schaut hoch, als hätte jemand seinen Taufnamen gerufen.

„Abend“, sagt sie.

„Abend“, sagt der Schorsch und tut so, als wäre das hier ganz normal. „Was darf’s sein?“

„Platz“, sagt sie. „Und Feuer.“

Der Schorsch blinzelt. Der Hape hebt den Kopf. Ich höre mich selber sagen: „Feuer gibt’s hier ständig.“

Sie nickt, als hätte ich ihr gerade erklärt, dass Wasser nass ist.

„Ich hab ein Originalrezept aus Moldawien“, sagt sie. „Flambierte Scrob-Chips. Passt hervorragend zu Currywurst. Und zu Bier. Und zu…“ Sie schaut kurz zum Hape, dann zu mir. „…Lebensentscheidungen, die man später bereut.“

Der Hape grinst sofort. Der Hape ist Künstler. Der Hape glaubt bei allem, was brennt, dass es Kunst sein könnte. Und wenn es keine Kunst ist, macht er es notfalls dazu.

„Flambiert ist gut“, sagt der Hape. „Das hat Dramaturgie.“

Der Schorsch will schon was sagen, wahrscheinlich „Hier wird nix flambiert“, aber da ist die Frau schon hinterm Tresen. Also nicht hinterm Tresen, wo nur der Schorsch hin darf, sondern in diesem Zwischenraum, den der Schorsch „meine Küche“ nennt und der in Wahrheit aus zwei Quadratmetern Trotz besteht.

„Halt“, sagt der Schorsch.

„Keine Sorge“, sagt sie. „Ich bin Profi.“

Das sagen nur Leute, bei denen man sich sofort Sorgen machen sollte.

Sie klappt einen kleinen Gasbrenner aus, stellt eine Pfanne auf die Platte, kippt Chips rein. Dann holt sie eine Flasche raus, die nicht nach Genuss aussieht, sondern nach Brandbeschleuniger.

„Was ist das?“, fragt der Schorsch.

„Moldawien“, sagt sie.

Ich sehe, wie der Hape schon sein Handy zückt, weil er im Kopf längst eine Ausstellung daraus macht: „Flamme, Schaum, Schuld“. Eine Performance im Fettgeruch.

Die Frau zündet an. Die Flamme ist erst klein. Dann plötzlich nicht mehr. Sie schießt hoch, leckt an der Dunstabzugshaube, findet irgendwas, das brennen will, und ich denke noch: Das ist jetzt der Moment, wo ich normalerweise sagen würde: Stopp. Aber der Autor hat mich hier stehen lassen, mit Pommes in der Hand und einer fatalistischen Grundhaltung.

Der Schorsch brüllt: „KACK!“

Mehr bringt er nicht raus, weil in genau dem Moment der Feuerlöscher losgeht. Nicht der Schorsch. Der Feuerlöscher. Wie von selbst. Als hätte das Ding nur darauf gewartet, endlich auch mal eine Karriere zu haben.

Schaum. Überall Schaum. Es sieht aus, als hätte jemand den Imbiss in eine sehr traurige Schaumparty verwandelt. Nur dass keiner eingeladen ist, und der DJ ist das Radio, das weiter über Stau auf der A irgendwas redet.

Die Frau ist weg.

Einfach weg.

Ich meine: wirklich weg. Keine Tür, kein Flur, kein „Entschuldigung, war doch ein bisschen viel“. Sie löst sich auf wie eine Ausrede.

„Das ist doch nicht wahr“, sagt der Schorsch und schaut auf den Schaum, als hätte der Schaum persönlich seine Mutter beleidigt.

Der Hape sagt: „Das ist großartig.“

Ich sage: „Ich war’s nicht.“

„Du warst’s immer“, sagt der Schorsch. „Irgendwer muss ja schuld sein.“

Und dann, als wäre das hier eine gut geölte Maschine aus Pech, kommt die Feuerwehr. Blaulicht spiegelt sich in der Scheibe. Leute stehen draußen, filmen. Der Imbiss ums Eck, der sonst nur von uns und der Müdigkeit besucht wird, ist plötzlich Event.

Die Feuerwehr macht, was Feuerwehr macht: löschen, gucken, den Kopf schütteln. Und irgendwann stehen auch die Cops da, in dieser Haltung, die sagt: Ich hab heute eigentlich was anderes geplant, aber gut.

„Wer wohnt hier?“, fragt der Schutzmann.

Ich sage: „Ich nicht.“

Er schaut mich an. „Aha.“

Ich sage: „Also… ich häng hier nur rum.“

„Seit wann?“

„Mittleres Leben“, sage ich.

Der Schorsch setzt an, mich zu retten, entscheidet sich dann dagegen. Der Hape guckt so, als würde er gleich eine Skulptur aus meinem Scheitern bauen wollen.

„Sie haben also hier in einem Wohn-…“, der Polizist schaut auf seine Notizen, „…Wohn- und Gewerbeobjekt mutwillig Feuer herbeigeführt.“

„Ich hab gar nix herbeigeführt“, sage ich. „Das war… Moldawien.“

Ich will wieder sagen: „Ich wohn hier nicht“, da geht die Tür nochmal auf, und die Jaqueline kommt rein, im Sportoutfit, dampfend vor Energie und Lebenswillen, als hätte sie gerade ein ganzes Fitnessstudio gefressen.

Sie schaut auf den Schaum, auf die Feuerwehr, auf uns.

„Na super“, sagt sie. „Ihr habt’s also geschafft.“

„Die haben gefragt, wer hier wohnt“, sage ich schnell.

„Na ihr“, sagt die Jaqueline. „Der Hanswurst und der Hape wohnen doch beim Schorsch. Also irgendwie. Seit…“ Sie denkt kurz nach. „…seit immer.“

Der Polizist nickt, als hätte er das geahnt. Der Schorsch knurrt irgendwas, das man als Zustimmung oder als Fluch deuten kann. Ich spüre, wie sich die Geschichte zuschnürt. Der Autor zieht an der Kordel.

Also kann ich nicht abhauen. Also fahr ich mit.

*

Später stehen der Hape und ich vor dem Revier, frisch entlassen, nicht wirklich freigesprochen, eher so entlassen wie ein Hund, den man nochmal ermahnt hat, nicht auf den Teppich zu pinkeln.

„Eine Wohnung ist zu dieser Jahreszeit überflüssiger Luxus“, sagt der Hape. Der Hape sagt Sätze manchmal so, als wären sie Philosophie, dabei sind sie meistens nur ein Vorwand, irgendwo anders Bier zu trinken.

„Wohin?“, frage ich.

„An den Fluss“, sagt der Hape. „Da sind die Hasen.“

„Welche Hasen?“

„Die Leute“, sagt der Hape. „Die, die nachts glauben, sie sind frei.“

Wir marschieren los. Kälte beißt. Die Stadt riecht nach nassem Asphalt. Und ich merke: Ich trage immer noch diesen Geruch von gestern in mir, weil mein Ellbogen beim Murat am Kiosk versehentlich in eine offene Dose Sardellen gelandet ist. Also nicht gelandet, ich hab mich eigentlich nur hingesetzt. Weil ich dachte, das wäre eine Bank. Es war keine Bank. Es war Sardelle.

„Ich muss ins Wasser“, sage ich.

„Natürlich“, sagt der Hape. „Reinigung als Konzept. Ich seh schon den Titel.“

Wir kommen zum Wehr. Wasser rauscht. Dunkel. Schnell. Das ist kein romantischer Fluss. Das ist ein Fluss, der arbeitet.

„Bist du sicher?“, fragt der Hape.

„Nein“, sage ich. „Aber der Autor will das so.“

Ich zieh mich aus.

Der Hape zieht sich auch aus, weil der Hape nie allein blöd sein will. Wir steigen rein. Es ist eiskalt. Nicht so „hui“ kalt, sondern so kalt, dass der Körper kurz überlegt, ob er wirklich weiter mitmachen möchte.

Und dann ist da Strömung.

Mehr Strömung, als man in so einer Stadt erwartet. Es packt uns, dreht uns, schiebt uns weg, und wir rudern wie zwei alte Kartoffeln in einem Whirlpool.

„Das ist reißend!“, brüllt der Hape.

„Ja!“, brülle ich zurück. „Das ist Wasser!“

Es spült uns auf eine Kiesbank, als wären wir angespültes Treibgut, nur mit mehr Scham.

Auf der Kiesbank brennt ein Feuer.

Um das Feuer sitzen Studentinnen. Zwei. Drei. Ich kann’s nicht genau sagen, weil meine Augen tränen und mein Gehirn gerade Prioritäten sortiert: Überleben. Wärme. Würde. Würde ist grad unten.

„Hey“, sagt eine von ihnen, als wäre es das Normalste der Welt, dass zwei nackte Männer aus dem Fluss fallen.

„Hey“, sage ich zurück, weil ich in solchen Momenten immer so tue, als hätte ich einen Plan.

Sie geben uns Bier. Ich weiß nicht, woher sie das Bier haben. Studentinnen haben immer Bier. Das ist Naturgesetz.

Wir trinken. Das Bier ist kalt, aber es ist Bier. Es gibt im Leben Situationen, da ist Bier nicht Lösung, aber es ist zumindest Haltung.

Eine blonde Studentin schaut mich an und sagt: „Badet ihr immer nackt?“

„Seit der Grundschule“, sage ich.

„Quatsch“, sagt der Hape.

„Doch“, sage ich. „Also… seit dieser Geschichte. Vorher hat der Autor mir sowas nicht zugemutet.“

Die Studentin lacht. Sie lacht freundlich. Ich nehme das als Einladung, obwohl es keine ist.

Nach dem dritten Bier sage ich: „Willst du mal meine Klassenfotos sehen?“

„Deine was?“

„Klassenfotos“, sage ich. „Ich hab schöne aus der Metzgerlehre.“

„Du bist Räucherfisch“, sagt sie.

„Das ist…“, setze ich an, aber dann steigt der Wasserspiegel.

Es geht schnell. Das Wehr macht irgendwas. Das Wasser schiebt sich höher, kriecht über den Kies, und plötzlich treiben da Sachen vorbei. Jeans. Hemden. Turnschuhe.

Wir lachen. Alle lachen. Weil das lustig aussieht.

Und dann merke ich: Das sind unsere Sachen.

„Scheiße“, sage ich.

„Ach“, sagt der Hape. „Das ist doch…“

„Das ist meine Hose“, sage ich.

Der Hape guckt. „Das ist meine Hose.“

Wir rennen ans Ufer, nackt, klatschnass, mit Bier im Kopf und Panik in den Beinen. Unsere Klamotten treiben weiter, als wären sie endlich frei von uns.

„Ich geh nicht so heim“, sage ich.

„Wir haben kein Heim“, sagt der Hape.

Das fällt mir erst jetzt wieder ein. Ich hatte kurz vergessen, dass ich offiziell nicht existiere und inoffiziell beim Schorsch wohne.

Die blonde Studentin sagt: „Einen betrunkenen Räucherfisch nehm ich nicht mit in meine Bude.“

„Fair“, sage ich.

Dann fängt es an zu regnen.

*

Um drei Uhr früh stehen der Hape und ich vor dem Imbiss ums Eck. Wir sind nüchtern genug, um zu frieren. Nackt genug, um es zu bereuen.

Ich klopfe. Nichts.

„Schorsch!“, rufe ich leise, dann lauter. „Schorsch! Mach auf! Wir brauchen… irgendwas!“

Das Fenster oben geht einen Spalt auf. Der Schorsch schaut raus, Zigarette im Mundwinkel, Augen wie zwei beleidigte Nägel.

„Was ist das?“, fragt der Schorsch.

„Wir…“, sage ich, und merke, wie erbärmlich das klingt, „…wir bräuchten was zum Anziehen.“

Der Schorsch zieht an der Zigarette. „Das ist der absolute Gipfel.“

„Bitte“, sagt der Hape.

„Ich mach nicht auf“, sagt der Schorsch. „Ihr macht mir sonst wieder Schaum oder irgendeinen anderen hirnverbrannten Bockmist.“

„Wir sind nackt“, sage ich.

„Dann bleibt’s auch so“, sagt der Schorsch und macht das Fenster zu.

*

Wir laufen durch die Nacht. Regen klebt auf Haut. Straßenlaternen machen alles gelb und unerquicklich. An einer Kreuzung hält eine Bullenschleuder.

„Guten Abend“, sagt der Cop, der aussteigt. Er klingt nicht so, als wäre es ein guter Abend.

„Abend“, sage ich.

„Mitten in der Nacht nackt rumzulaufen“, sagt er, „ist mindestens ein Delikt.“

Ich bin in dem Moment ehrlich froh. Nicht weil ich gern in der Innenstadt im Freien übernachte, sondern weil sich „Delikt“ anfühlt wie eine warme Decke im Vergleich zu „Erfrieren“.

Im Revier kriegen wir Decken. Papierkram. Blicke. Einer der Beamten erkennt mich.

„Sie sind doch der vom Imbiss“, sagt er.

„Ja“, sage ich. „Ich bin der, den der Autor immer rauszieht, wenn’s peinlich werden soll.“

Er lacht kurz. Dann nicht mehr.

Wir landen in einer Zelle. Der Hape setzt sich auf die Bank und sagt: „Irgendeine Ausrede für die Antonia fällt mir bis morgen ein. Bestimmt.“

„Und ich?“, frage ich.

„Du kannst ein paar Tage bei mir wohnen“, sagt der Hape. „Solang du keine Schaumpartys veranstaltest.“

„Das war Moldawien“, sage ich nochmal, obwohl ich selber nicht mehr dran glaube.

*

Am Morgen, als man uns rauslässt, sitzt am Tresen im Revier eine Frau und sortiert Formulare. Ruhig. Präzise. Zahnarzthelferinnenhände.

Sie schaut hoch.

Es ist sie.

Moldawien. Die Verschwundene. Die Frau mit dem Gasbrenner.

„Sie“, sage ich.

„Ich“, sagt sie.

Der Polizist neben ihr sagt: „Frau Kollegin, alles gut?“

Kollegin.

Ich gucke zum Hape. Der Hape guckt zurück, und ich sehe in seinem Blick, wie er innerlich die ganze Nacht nach der Pointe gesucht hat und jetzt merkt: Das ist die Pointe.

Die Frau lächelt klein.

„Sie sind Polizistin?“, frage ich.

„Brandschutz und Gewerbe“, sagt sie. „Undercover.“

„Undercover im Imbiss ums Eck?“, sagt der Hape ehrfürchtig. „Das ist mutig.“

„Es gibt Betriebe“, sagt sie, „die nehmen Brandschutz nicht ernst. Dann kommen Leute zu Schaden.“

Sie legt uns zwei Bescheide hin. Einer wegen der nächtlichen Nacktheit. Einer wegen „unsachgemäßen Umgangs mit offenem Feuer in Betriebsräumen“.

„Und die flambierten Scrob-Chips?“, frage ich.

„Test“, sagt sie.

Ich spüre, wie sich in mir etwas wehrt. Nicht gegen sie. Gegen die ganze Konstruktion.

„Das heißt“, sage ich langsam, „wir haben die ganze Nacht gefroren, weil Sie… einen Test gemacht haben?“

„Sie hätten auch einfach angezogen bleiben können“, sagt sie trocken.

Der Hape lacht. Ich lache nicht. Ich lache erst, als mir klar wird, dass ich sowieso lachen muss, weil der Autor das so geschrieben hat und ich hier keine echte Wahl habe…

ENDE

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