
Ein schwarzer Truck, eine LED-Wand und eine Nebelmaschine vor dem Imbiss ums Eck: Was erst wie eine harmlose Bürgerforum-Show aussieht, entpuppt sich schnell als durchinszenierte rechte Empörungsmaschine. Und der Hanswurst merkt: Der Nebel kommt heute nicht aus dem Wetter.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Jan Schreiber
Plus Bonus-Song: Mach das Licht an
Worum geht’s?
Vor dem Imbiss baut eine „Klartext Tour“ ihre Bühne auf und will den Imbiss vom Schorsch als Kulisse für angeblich normale Stimmen benutzen. Der Hape, der Murat, der Brezel-Peter und der Schorsch decken den Regieplan dahinter auf. Inklusive Wutpegel, Gegnerbild und Currywurst-Shotliste.
Die Aktion scheitert zwar auf dem Platz, doch im Netz wird alles sofort umgeschnitten. Am Ende bleibt die bittere Erkenntnis: Der Nebel ist nicht weg. Er hat nur das Medium gewechselt.
Die Geschichte lesen
An dem Abend steht vor dem Imbiss ein schwarzer Truck.
Glatter Kasten, LED-Wand, Kabel, zwei junge Männer in gleichen Jacken und daneben eine Nebelmaschine.
Ich stehe mit dem Hape an unserem Lieblingsstammstehtisch vorm „Imbiss ums Eck“. Der Schorsch steht hinterm Grill und tut so, als ginge ihn draußen nichts an. Das ist beim Schorsch kein Desinteresse. Das ist Vorbereitung.
„Was ist das denn jetzt wieder?“, frage ich.
Der Hape kneift die Augen zusammen. „Entweder Kunst oder politische Kommunikation.“
„Was ist schlimmer?“
„Kommt aufs Budget an.“
Der Autor hat natürlich beschlossen, dass ich an so einem Abend nicht einfach meine Currywurst essen darf wie ein Mann mittleren Alters, der mal Metzger gelernt hat und heute vor allem rumsteht, wo das Leben billig und noch Bier zu haben ist. Nein, ich werde wieder in irgendeinen Gegenwartsquatsch gequetscht. Und bevor jetzt einer denkt, daraus würde Weltliteratur entstehen: tut es nicht. Dafür schreibt der Mann zu gern mit der groben Soßenkelle. Das hier ist eher seichte Trash-Literatur mit Fritteusengeruch. Text mit Soßenrand. Nix großes eben.
Draußen springt die Wand an.
KLARTEXT TOUR 2026
„Ach du Scheiße“, sagt der Schorsch.
Dann kommt der Murat rein. Jacke offen, Blick schlecht.
„Die bauen da draußen eine Veranstaltung auf“, sagt der Murat. „Bürgerforum, Heimat, Sicherheit. Das volle Programm.“
„Von wem?“, fragt der Schorsch.
„Offiziell irgendein Verein für Zukunft und Zusammenhalt. Inoffiziell derselbe Dreck wie immer, nur mit besserem Licht.“
Leute bleiben stehen. Erst aus Neugier. Dann, weil irgendwo eine Bühne steht und in Deutschland immer noch viele glauben, es könnte etwas Sinnvolles drauf passieren.
Ein Typ mit Headset läuft über den Platz. Mantel, Zahnpastalächeln, Mediengesicht. Dann der erste Nebelstoß. Nicht dicht. Nicht dramatisch. Aber genug, dass alles sofort nach Clip aussieht. Nach Material. Nach Empörung, die schon beim Entstehen an ihre Verwertung denkt.
„Das ist nicht für die Leute auf dem Platz“, sagt der Hape.
„Wofür dann?“
„Für die Kameras.“
Da kommt der Brezel-Peter rein. Und schon an seinem Gesicht sehe ich: Der bringt nichts Gutes.
„Ich hab da vielleicht was mit zu tun“, sagt der Brezel-Peter.
„Das grenzt jetzt wenig ein“, sagt der Schorsch.
„Ich hab denen den Generator vermittelt. Und die Gitter. Und einen von der Technik. Die haben was von regionalem Demokratieformat erzählt. Mittelstand, Heimat, Handwerk. Ich dachte, das wird so ein langweiliger Quatsch.“
„Du denkst bei Geld auch nie bis zum Ende“, sagt der Murat.
„Ich denk bis zur Anzahlung“, sagt der Brezel-Peter.
Das ist leider ehrlich.
Die Musik draußen fängt an. Irgendein pathetischer Kram, der sofort nach Land, Krise und Volk klingt. Wenn jemand für sein Mikrofon extra Spannungsmusik braucht, ist meistens schon was faul.
Dann kommt der Headset-Typ rein.
„Guten Abend zusammen. Mega schöner Ort hier. Sehr authentisch. Wem gehört denn der Imbiss?“
„Mir leider“, sagt der Schorsch.
„Großartig“, sagt der Typ, und man hört an seinem Ton, dass er eigentlich „nützlich“ meint. „Wir erzählen draußen Geschichten aus der Mitte der Gesellschaft. Echte Stimmen, echte Orte. Wäre es denkbar, später kurz hier reinzugehen? Nur niedrigschwellig. Bürgernah.“
„Mit welchem Ziel denn?“, frage ich.
Er lächelt mich an, als hätte ich die Welt nicht verstanden. „Na, wie die normalen Menschen die Situation empfinden.“
Da ist es. Normal. Dieses kleine dreckige Wort, mit dem Leute sich selber zum Maßstab machen.
Der Schorsch lehnt sich leicht vor. „Hier drin wird gegessen und getrunken. Gefilmt wird hier gar nichts.“
Der Typ nickt noch und geht wieder raus.
Der Hape sieht ihm hinterher. „Der hat ein Tablet.“
„Herzlichen Glückwunsch“, sage ich.
„Ja“, sagt der Hape. „Aber der trägt es wie eine Fernbedienung.“
Dann passiert das, was in Geschichten leider oft passiert, wenn der Hape dabei ist: Er wirkt plötzlich kompetent. Er geht raus, redet den Headset-Typen zu, zeigt auf den Nebel, macht einen auf Kunst, und währenddessen zieht der Brezel-Peter einen Techniker in ein Gespräch über alte Mischpulte. Zwei Minuten später ist der Hape wieder drin.
Mit dem Tablet.
„Nicht dein Ernst“, sagt der Schorsch.
„Es lag offen auf einem Case“, sagt der Hape. „Das ist praktisch eine Einladung.“
Er legt das Ding auf den Tresen. Wir beugen uns drüber.
Kein Redetext. Kein normaler Ablauf. Sondern Regie.
18:55 ANMODERATION: SORGEN AUFNEHMEN
19:12 KLARTEXTBLOCK: „MAN WIRD JA WOHL NOCH…“
19:18 GEGNERBILD NUR BEI ZUSTIMMUNG > 60 %
19:23 LOKALBILDER: KIOSK NEIN / IMBISS JA
19:24 SHOTLISTE: CURRYWURST, BIER, MÄNNER 40+
19:27 WUTPEGEL ERHÖHEN
Keiner sagt was.
Dann tippt der Murat auf eine Zeile.
KIOSK NICHT VERWENDEN. BETREIBER UNPASSEND
„Unpassend“, liest der Murat vor.
Er sagt es ruhig. Das ist das Unangenehme daran.
„Die wollen meinen Laden als Kulisse“, sagt der Schorsch.
Draußen fängt der Moderator an. Sorgen. Wahrheit. Nicht mehr gehört werden. Der übliche Schrott, nur gewaschen und gekämmt. Und mit Funkmikro.
„Was machen wir?“, frage ich.
„Nichts Heroisches“, sagt der Murat.
„Schade“, sage ich. „Der Autor liebt heroischen Quatsch.“
„Dann hat er heute Pech“, sagt der Schorsch.
Der Hape hebt das Tablet an. „Ich könnte das auf die LED schicken.“
Der Schorsch nickt. „Mach.“
Draußen redet der Moderator gerade von Heimat, da flackert hinter ihm die Wand.
Dann steht da plötzlich nicht mehr KLARTEXT TOUR 2026, sondern:
19:12 KLARTEXTBLOCK: „MAN WIRD JA WOHL NOCH…“
Der Moderator dreht sich um.
Erst passiert nichts.
Dann wird gelacht.
Nicht überall. Aber genug.
Die nächste Folie:
GEGNERBILD NUR BEI ZUSTIMMUNG > 60 %
Jetzt kippt es. Nicht in Erkenntnis. Dafür sind Menschen zu stolz. Aber in Peinlichkeit. Und Peinlichkeit ist manchmal der Anfang von Wahrheit.
Dann:
SHOTLISTE: CURRYWURST, BIER, MÄNNER 40+
Sogar zwei aus der ersten Reihe lachen. Andere buhen. Einer brüllt „Lügenpresse“, obwohl weit und breit keine Presse da ist. Ich mag solche Momente. Da merkt man, wie automatisiert manche Leute längst geworden sind.
Noch eine Folie:
WUTPEGEL ERHÖHEN
Jetzt ist der Abend kaputt. Der Headset-Typ rennt ins Bild. Der Techniker fuchtelt. Der Moderator versucht irgendwas zu retten, aber sobald der Trick offenliegt, sieht alles billig aus.
Der Schorsch stellt sich in die Tür. Ohne große Pose. Einfach da.
„Nicht mein Laden“, sagt der Schorsch. „Nicht meine Kulisse. Und nicht meine Leute für euren Scheiß.“
Das hören mehrere.
Der Headset-Typ will auf ihn zu, aber der Murat ist schneller.
„Lass es“, sagt der Murat.
Mehr braucht es nicht.
Zehn Minuten später ist der Platz fast leer. Keine Straßenschlacht. Kein Heldentum. Nur eine peinlich gescheiterte Freiluftinszenierung.
„War’s das?“, frage ich.
„Bestimmt nicht“, sagt der Hape.
Wir gehen rein. Der Schorsch macht Currywürste. Für den Brezel-Peter extra Soße. Für den Murat ohne Quatsch. Für den Hape mit Fritten. Für mich normal.
Ich sehe auf meine Pappschale und denke, dass ausgerechnet die Currywurst ein ganz gutes Gegenmodell zu dem Mist da draußen ist. Wurst, Ketchup, Currypulver, Pommes. Nichts daran ist rein. Alles daran ist Mischung. Und trotzdem wollen ausgerechnet solche Leute das Zeug dauernd fürs Eigene reklamieren.
„Eigentlich“, sage ich, „ist die Currywurst das Gegenteil von dem, was die da erzählen.“
„Eben“, sagt der Murat.
„Vielleicht mögen sie sie genau deshalb“, sagt der Hape. „Weil sie Sachen fressen, die sie politisch nicht aushalten.“
„Zum ersten Mal heute ein brauchbarer Satz von dir“, sagt der Schorsch.
Wir essen. Draußen wird Technik abgebaut. Ohne Show sehen solche Bühnen immer klein aus.
Dann vibriert das Handy vom Murat.
Er schaut drauf. Erst kurz. Dann länger.
„Was ist?“, frage ich.
Er hält uns das Display hin.
Da läuft schon ein Clip. Hochkant. Schnell geschnitten. Der Platz. Die Bühne. Der Schorsch in der Tür.
Aber falsch.
Sein Satz ist zerhackt.
Nicht mein Laden. Nicht meine Leute.
Der Rest fehlt. „Für euren Scheiß“ ist rausgeschnitten. Dazu eine Einblendung:
ANWOHNER WEHREN SICH GEGEN BÜRGERDIALOG
Darunter schon Kommentare von Leuten, die nicht da waren und trotzdem sofort wissen, was passiert sein soll.
Keiner sagt etwas.
Dann sagt der Hape leise: „Die Veranstaltung war gar nicht das Ziel.“
Da ist er dann, der eigentliche Nebel. Nicht draußen aus der Maschine. Sondern im Schnitt. Im Framing. Im Material.
Der Schorsch legt das Geschirrtuch weg. „Die haben ihren Abend also trotzdem bekommen.“
„Mehr als das“, sagt der Murat. „Die haben ihren Clip.“
Ich sehe hoch zur Decke, weil ich in solchen Momenten automatisch den Autor suche. Diesen seichten Trash-Literaten aus dem unteren Regal, der immer so tut, als würde er mir nur eine Wurstgeschichte schreiben, und mir dann mit seinem Fritteusenfeuilleton doch wieder die Gegenwart auf den Tresen knallen. Kein Weltliterat. Eher ein Wurstpulpist mit Hang zur Nebelmaschinenmetaphorik. Manchmal möchte ich ihm einfach mal in die Eier treten.
„Und jetzt?“, frage ich.
Der Schorsch geht zur Tür und dreht das Schild auf offen.
„Jetzt nichts Digitales“, sagt der Schorsch. „Licht an. Bier raus. Wer reden will, redet. Wer fressen will, frisst.“
Draußen bleiben tatsächlich ein paar Leute stehen. Zwei, drei, dann mehr. Nicht aus einer Richtung. Einfach so. Die Frau von gegenüber. Der Mann mit dem Hund. Zwei Studentinnen. Einer vom Kiosk. Einer, der vorhin noch bei der Bühne stand und jetzt aussieht, als hätte er sich selber beim Denken erwischt.
Der Schorsch macht Bier auf. Der Murat lehnt sich an den Tresen. Der Hape hält ausnahmsweise mal nicht sofort einen Vortrag.
Und ich stehe am Stehtisch und denke, dass das wenigstens ein ehrlicher Schluss ist.
Kein Sieg. Kein sauberer Bogen.
Nur das hier: Der Nebel ist nicht weg. Er hat bloß sein Medium gewechselt.
Und weil am Ende irgendwer stehen bleiben muss, bleibe ich stehen…
ENDE