
Der Hape will plötzlich kein Fleisch mehr essen, der Schorsch erklärt Bier zur vegetarischen Option und die Jaqueline stellt vegane Alternativen auf den Tresen. Als dann auch noch zwei Polizisten „acht Cola, acht Bier“ bestellen, wird aus der Currywurstkrise ein Imbissabend zwischen Haltung, Wortspiel und kalter Wurst.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Plus Bonus-Song: Acht Cola, acht Bier
Worum geht’s?
Der Hape versucht sich am Vegetariersein, erst als Kunstprojekt, dann vielleicht doch ernsthaft. Der Schorsch wehrt sich mit Grillstolz, die Jaqueline unterstützt den Wandel, und der Getränke-Manni liefert ungebetene Chuck-Norris-Weisheiten.
Nebenbei wird A.C.A.B. als „acht Cola, acht Bier“ erklärt, zwei durstige Polizisten stehen im Imbiss, und am Ende bleibt eine kleine Veränderung: der Hape schiebt die Wurst weg. Ohne Pointe. Einfach so.
Die Geschichte lesen
Ich stehe an meinem Lieblingsstehstammtisch und esse. Also, ich versuche es zumindest. Die Currywurst liegt vor mir, dampft leicht, riecht so, wie ein Mittwoch riechen sollte, wenn er sich Mühe gibt. Und der Hape steht neben mir und guckt mich an, als hätte ich gerade etwas sehr Persönliches beleidigt.
„Ich ess das nicht mehr“, sagt der Hape.
Ich nicke erst mal, weil ich nicht weiß, was genau er meint. In meinem Kopf gibt es gerade nur zwei Möglichkeiten: Entweder er meint meine Wurst oder seine eigene Existenz oder so. Beides wäre jetzt unpraktisch.
„Was denn?“, frage ich.
„Fleisch“, sagt der Hape.
Ich sehe ihn an. Dann sehe ich seine Currywurst an. Dann wieder ihn. Der Autor hat mir keine bessere Reaktion gegeben, also bleibe ich beim Offensichtlichen.
„Das ist ungünstig“, sage ich. „Hier.“
Der Schorsch steht hinterm Grill, raucht wie immer und dreht die nächste Wurst, als wäre das ein Sakrament, das er persönlich verteidigen muss. Er hat das gehört. Natürlich hat er das gehört. Der Schorsch hört alles, auch wenn er so tut, als würde ihn nichts interessieren.
„Vegetarier?“, sagt er, ohne aufzusehen.
„Ja“, sagt der Hape.
Der Schorsch nickt langsam. Dann greift er nach einem Stück Pappe, nimmt einen Edding und schreibt etwas drauf. Zwei Sekunden später hängt ein neues Schild am Grill:
„Vegetarisch ist hier das Bier.“
Ich muss lachen. Der Hape nicht.
In dem Moment kommt die Jaqueline rein. Sportklamotten, wie immer, Energie wie drei Espressi.
„Ich hab’s gehört“, sagt sie, noch bevor sie richtig drin ist. „Mega, Hape! Wirklich! Das ist so wichtig!“
Ich weiß nicht, wann sie das gehört hat. Vielleicht hat sie einfach beschlossen, dass sie es gehört hat. Ist bei der Jaqueline manchmal so.
Sie stellt eine Dose irgendwas auf den Tresen. Sieht aus wie Katzenfutter, riecht aber anders.
„Vegane Alternative“, sagt sie. „Mit Linsen. Und Gewürzen.“
Der Schorsch sieht sich das an, als hätte man ihm gerade ein theologisches Problem auf den Grill gelegt.
„Das kommt mir hier nicht auf die Platte“, sagt er.
„Muss ja auch nicht“, sagt die Jaqueline. „Man kann Dinge auch neu denken.“
Der Schorsch zieht an seiner Zigarette.
„Ich denk hier seit vierzig Jahren“, sagt er. „Und raus kommt Wurst.“
Ich merke, wie der Autor jetzt will, dass ich was Kluges sage. Irgendwas über Gesellschaft, Wandel, Verantwortung. Ich entscheide mich dagegen.
„Ich ess das noch“, sage ich und schneide meine Wurst an.
Der Hape hält plötzlich einen kleinen Vortrag. Über Fleischkonsum, über Strukturen, über den Körper als Austragungsort von Entscheidungen. Es ist nicht schlecht. Es ist nur der falsche Ort dafür. Der Imbiss ist kein Hörsaal. Der Imbiss ist der Ort, wo man Dinge beendet, nicht beginnt.
Dann geht die Tür auf und der Getränke-Manni kommt rein. Leicht außer Atem, wie immer, als wäre er von irgendwas verfolgt, das nur er sehen kann.
„Habt ihr gehört?“, sagt er.
„Was?“, frage ich.
„Chuck Norris war mal Vegetarier“, sagt der Getränke-Manni. „Seitdem trauen sich Pflanzen nicht mehr zu wachsen.“
Stille.
Ich sehe zum Hape. Der Hape sieht zurück. Ich bin mir nicht sicher, ob das jetzt geholfen hat.
„Chuck Norris isst keine Currywurst“, legt der Manni nach. „Die Currywurst will von ihm gegessen werden.“
Der Schorsch grinst zum ersten Mal an diesem Abend.
„Der bleibt“, sagt er.
Der Hape versucht, ernst zu bleiben. Die Jaqueline auch. Ich nicht.
„Chuck Norris hat mal Tofu gegessen“, sagt der Manni. „Danach war der Tofu Fleisch.“
Ich weiß nicht, warum das alles gerade passiert, aber es passt erschreckend gut.
Dann geht die Tür wieder auf.
Zwei Bullen kommen rein.
Jetzt ist kurz so eine Spannung im Raum, die der Autor wahrscheinlich liebt. Da könnte jetzt was passieren. Diskussion, Haltung, irgendwas Großes.
Passiert aber nicht.
„Abend“, sagt der eine.
„Abend“, sagt der Schorsch.
„Wir nehmen acht Cola, acht Bier“, sagt der andere.
Ich blinzle.
„Was?“, frage ich.
„Acht Cola, acht Bier“, sagt der Polizist nochmal, als wäre das eine ganz normale Bestellung.
Ich lehne mich zum Hape.
„A.C.A.B.“, sage ich leise.
Der Hape sieht mich an.
„Was?“
„Acht Cola, acht Bier“, sage ich. „Sagen manche so. Weil sie nicht das andere sagen wollen.“
Die Jaqueline nickt.
„All Cops are Bastards“, sagt sie. „Ist ein politisches Statement.“
Die Polizisten stehen da, warten einfach nur auf ihre Getränke.
Der eine kratzt sich am Kopf.
„Wir haben einfach Durst“, sagt er.
Der andere zeigt auf die Dose von der Jaqueline.
„Habt ihr auch was ohne Fleisch?“
Der Hape schaut ihn an, als hätte ihm gerade jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
„Ja“, sagt er langsam. „Also… ja.“
Der Schorsch stellt die Getränke hin. Acht Cola, acht Bier. Er zählt sie ab, als würde er einen Zaubertrick machen.
Ich merke, wie die ganze Szene in sich zusammenfällt. Nicht dramatisch. Eher so, wie ein Kartenhaus, das einfach keine Lust mehr hat.
„Und warum jetzt plötzlich vegetarisch?“, frage ich den Hape.
Der Hape zögert kurz.
Dann sagt er: „Ich hab eine Ausstellung.“
Ich wusste es.
Natürlich hat er eine Ausstellung.
„Titel?“, frage ich.
„Verzicht als Performance. Oder: Die Wurst in mir“, sagt der Hape.
Ich nicke. Der Autor nickt vermutlich auch. Irgendwo.
„Und das hier ist ein Selbstversuch?“, frage ich.
Der Hape sieht auf seine Currywurst. Die ist inzwischen kalt geworden. So wie viele gute Vorsätze.
„War es“, sagt er.
Dann passiert etwas, das ich so nicht geplant hatte. Und der Autor offensichtlich auch nicht ganz unter Kontrolle hat.
Der Hape schiebt die Wurst weg.
„Ich glaub… ich mach das wirklich“, sagt er.
Keine Pointe. Kein großes Finale. Einfach so.
Der Schorsch zuckt mit den Schultern.
„Dann halt mehr für die anderen“, sagt er.
Die Jaqueline lächelt zufrieden. Die Cops trinken Cola und Bier. Der Getränke-Manni überlegt sich schon den nächsten Chuck-Norris-Witz.
Ich stehe da, mit meiner halben Currywurst, und merke, dass sich was verändert hat.
Nicht viel.
Aber genug.
Und ich hätte jetzt gern gesagt, dass am Ende alles wieder so ist wie vorher. Dass wir lachen, dass der Hape rückfällig wird, dass der Schorsch recht behält.
Aber der Autor lässt mich nicht. Ist halt eine ausgewachsene Arschgeige der Typ.
Also bleib ich hier stehen.
Und ess…
ENDE