
Im Imbiss ums Eck ist Baustelle: eine offene Wand, viel Staub und zwei Bauarbeiter, die vor allem eins sehr gründlich können: erst mal gucken. Zwischen Bohrer im Brötchenkorb, Baustellenkaraoke und kalten Fritten wird aus einer kleinen Reparatur eine große Pause mit Wurst.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Katharina Biebl
Plus Bonus-Song: Erst mal Gucken
Worum geht’s?
Der Ralle und der Uwe sollen beim Schorsch eine Wand fertig machen, kommen aber kaum über Messen, Gucken und Mikrofontests hinaus.
Als endlich gebohrt wird, ist sofort der Strom weg. Im Imbiss wird’s dunkel, der Murat bringt eine Kabeltrommel und am Ende singen alle „Marmor, Stein und Eisen bricht“. Fast alle. Der Hanswurst summt nur. Das ist ein Unterschied.
Die Geschichte lesen
Im Imbiss ums Eck ist Baustelle.
Das klingt erst mal größer, als es ist. Eigentlich ist nur eine Wand offen. Aber eine offene Wand reicht, damit der ganze Laden aussieht, als hätte jemand dem Schorsch sein Inneres nach außen geklappt.
Überall liegt Staub. Auf dem Boden. Auf dem Tresen. Auf der alten Speisekarte. Sogar auf dem Ketchupspender. Der Ketchupspender sieht beleidigt aus. Das kann ich verstehen.
Ich stehe an unserem Lieblingsstammstehtisch und halte meine Currywurst fest. Nicht, weil sie weglaufen will. Sondern weil ich Angst habe, dass einer der Bauarbeiter sie aus Versehen vermisst, anzeichnet oder womöglich verputzt.
Der Hape steht neben mir und schaut auf das Loch in der Wand.
„Das hat Tiefe“, sagt der Hape.
„Das ist ein Loch“, sage ich.
„Eben.“
Der Hape ist Künstler. Für den Hape ist jedes Loch ein Anfang. Für den Schorsch ist jedes Loch eine Rechnung.
Der Schorsch steht hinter dem Grill und raucht. Er raucht so, als wäre Rauchen ein Teil der Hausordnung hier im Imbiss. Gibt’s hier ne Hausordnung? Egal. Vorm Schorsch liegen Würste. Hinter ihm schlängelt sich ein Kabel. Neben ihm steht ein Eimer mit Putz. Es ist kein schöner Anblick. Aber ehrlich ist‘s.
„Heute wird das fertig“, sagt der Schorsch.
An der offenen Wand stehen der Ralle und der Uwe.
Der Ralle trägt eine Arbeitshose mit vielen Taschen. In keiner Tasche ist etwas, das er gerade braucht. Der Uwe hat einen Zollstock in der Hand. Der Zollstock ist aufgeklappt. Seit einer halben Stunde.
„Fertig ist ein dehnbarer Begriff“, sagt der Ralle.
„Sehr dehnbar“, sagt der Uwe.
Dann nicken beide. Nicht zur Wand. Mehr so ins Leben hinein.
Ich weiß sofort: Das wird nix.
Und natürlich weiß ich auch, dass ich nur eine fiktive Figur bin. Der Autor, diese Tastatur-Arschgeige, hätte mich heute einfach eine Wurst essen lassen können. Ganz normal. Eine kleine Geschichte. Vielleicht Senf. Auf jeden Fall Pommes und Bier. Frieden. Aber nein. Er schreibt mir eine Baustelle in den Imbiss, weil er offenbar glaubt, Staub sei Charakterentwicklung. Aber ich will’s doch nur einfach. Nur einfach.
„Was macht ihr denn jetzt als Nächstes?“, fragt der Schorsch.
Der Ralle schaut die Wand an.
Der Uwe schaut den Zollstock an.
„Erst mal gucken“, sagt der Ralle.
„Gucken ist wichtig“, sagt der Uwe.
Dann gucken sie.
Lange.
Sehr lange.
Der Hape flüstert: „Die arbeiten mit dem Raum.“
„Die arbeiten gar nicht“, sage ich.
„Auch das kann eine Aussage sein.“
Auf dem Tresen liegt das Karaoke-Mikrofon. Das pinke aus der Metro. Der Schorsch hat es gestern mitgebracht, weil er gesagt hat, man müsse für schlechte Tage vorbereitet sein. Ich weiß nicht, warum schlechte Tage ein Mikrofon brauchen. Aber der Schorsch hat manchmal Gedanken, die man besser nicht hinterfragt.
Der Ralle sieht das Mikrofon.
„Ist das Bluetooth?“, fragt er.
„Finger weg“, sagt der Schorsch.
Der Uwe nimmt es trotzdem.
Das ist bei Bauarbeitern offenbar so. Wenn irgendwo etwas liegt, muss man prüfen, ob es als Werkzeug taugt.
Der Uwe drückt auf einen Knopf.
Aus der kleinen Box am Fenster kommt ein Knacken. Dann seine Stimme.
„Test. Eins, zwei. Putz.“
Der Ralle lacht.
Der Hape klatscht einmal. Sehr ernst.
„Das ist gut“, sagt der Hape. „Baustellenkaraoke.“
„Nein“, sagt der Schorsch.
Der Uwe singt: „Marmor, Stein und Eisen bricht.“
Der Ralle fällt ein: „Aber unser Bohrer nicht.“
Dann lachen beide so sehr, dass der Zollstock zuklappt.
Der Schorsch schaut mich an.
Ich schaue meine Currywurst an.
Die Currywurst kann auch nichts dafür.
„Ihr sollt arbeiten“, sagt der Schorsch.
„Machen wir doch“, sagt der Ralle. „Wir prüfen die Akustik.“
„Für die Wand?“
„Für den Raum.“
Der Hape nickt wieder. „Sehr professionell.“
„Hape“, sage ich, „du bist Teil des Problems.“
Der Hape lächelt. „Endlich.“
Der Uwe stellt das Mikrofon in ein leeres Senfglas. Jetzt steht es da wie ein sehr kleines Denkmal für Arbeitsverweigerung.
Der Ralle sucht den Bohrer.
Er sucht unter der Leiter. Hinter dem Eimer. Neben der Fritteuse. Im Karton mit den Servietten.
„Wo ist denn der Bohrer?“, fragt er.
„Den hattest du“, sagt der Uwe.
„Nein, du.“
„Ich hatte den Zollstock.“
„Du hast immer den Zollstock.“
„Weil ich messen kann.“
„Du misst aber nichts.“
„Ich könnte aber.“
Der Schorsch atmet tief ein. Das ist gefährlich, weil er dabei Rauch mit einatmet, den er gerade erst ausgeatmet hat.
„Wenn ihr in fünf Minuten nicht bohrt“, sagt er, „gibt es keine Currywurst.“
Jetzt wird es still.
Zum ersten Mal an diesem Tag entsteht Bewegung.
Der Ralle findet den Bohrer. Er liegt im Brötchenkorb.
„Warum liegt der Bohrer im Brötchenkorb?“, frage ich.
Der Uwe sagt: „Damit keiner drauftritt.“
Das ist logisch. Kindlich logisch. Also komplett bescheuert, aber mit einer gewissen inneren Ordnung.
Der Ralle setzt den Bohrer an die Wand.
Der Schorsch schaut zufrieden.
Der Hape schaut feierlich.
Ich nehme eine Pommes.
Dann bohrt der Ralle.
Es macht kurz: Brrrr.
Dann ist der Strom weg.
Alles ist aus. Die Fritteuse. Das Licht. Die kleine Box. Sogar der Kühlschrank brummt nicht mehr. Der Imbiss ist plötzlich so still, dass man draußen einen Bus anhalten hört.
Der Schorsch sagt nichts.
Das ist schlimmer als Schimpfen.
Der Ralle nimmt den Bohrer von der Wand.
Der Uwe klappt den Zollstock wieder auf. Warum, weiß niemand.
„War das ein Kabel?“, frage ich.
„Vielleicht“, sagt der Ralle.
„Vielleicht?“
„Ein kleines.“
Der Schorsch legt die Grillzange weg.
„Raus“, sagt er.
„Aber die Wand“, sagt der Uwe.
„Raus.“
Der Ralle und der Uwe gehen vor die Tür. Dort stellen sie sich hin und rauchen. Also genau das, was sie drinnen auch gemacht hätten, nur mit mehr frischer Luft.
Der Hape schaut auf die dunkle Fritteuse.
„Das ist jetzt fast poetisch“, sagt er.
„Das sind kalte Fritten“, sagt der Schorsch.
Ich beiße in meine Currywurst. Sie ist lauwarm. Aber noch essbar. Vieles im Leben ist so.
Nach ein paar Minuten kommt der Murat vom Kiosk rüber. Er hat eine Kabeltrommel dabei.
„Bei euch dunkel?“, fragt der Murat.
„Nein“, sagt der Schorsch. „Wir spielen Nachtimbiss.“
Der Murat grinst. Dann steckt er seine Kabeltrommel ein, verbindet irgendwas, und die kleine Box am Fenster geht wieder an.
Das Karaoke-Mikrofon piept.
Der Uwe schaut durch die Tür.
„Dürfen wir wieder rein?“
„Nein“, sagt der Schorsch.
Der Hape nimmt das Mikrofon.
„Vielleicht hilft ein Lied.“
„Nein“, sage ich.
Aber da singt der Hape schon. Sehr schief. Sehr tapfer.
„Marmor, Stein und Eisen bricht…“
Draußen singen der Ralle und der Uwe mit.
Der Murat auch.
Der Schorsch nicht. Erst nicht.
Dann brummt er leise: „…aber unsere Wurst nicht.“
Ich sehe ihn an.
Er sieht mich an.
„Was?“, fragt der Schorsch. „War im Takt.“
Der Autor wird sich jetzt wahrscheinlich freuen. Diese Arschgeige. Hat wieder einen Weg gefunden, dass ich im Staub stehe und trotzdem mitsinge.
Ich singe aber nicht.
Ich summe nur.
Das ist ein Unterschied…
ENDE