
Ein Currywurst-Umhang, der Hape als Pommesboy und eine Stadt voller Neon, Fettglanz und Fastfood-Schurken: Der Hanswurst träumt sich in ein Superheldenuniversum und merkt bald, dass nicht vegane Bowls das eigentliche Problem sind, sondern die Verwertung von allem und jedem.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gesprochen von: Jan Schreiber
Plus Bonus-Song: Nicht käuflich
Worum geht’s?
Als Captain Currywurst soll der Hanswurst gemeinsam mit Pommesboy einen größenwahnsinnigen Doktor Vega(n) stoppen, der alle Imbisse vereinheitlichen will.
Die Geschichte lesen
Ich schlafe an einem Ort ein, an dem ein erwachsener Mann mit Restwürde eigentlich nicht einschlafen sollte: am Stehtisch im Imbiss ums Eck, mit der Stirn fast neben einer halbleeren Pappschale Currywurst und einem Bier, das schon die Temperatur von abgestandenem Spätsommerregen hat.
Der Hape sitzt mir gegenüber und malt auf eine Serviette irgendwas, das entweder eine Frau, eine Hafenanlage oder ein beleidigter Dackel ist. Beim Hape weiß man das nie genau. Der Schorsch steht hinterm Tresen, mürrisch wie ein Mann, der aus Prinzip selbst dem Feierabend misstraut.
„Du pennst gleich ein“, sagt der Hape.
„Ich ruhe nur meine Augen aus“, sage ich.
Was natürlich gelogen ist. Aber was soll ich machen. Der Autor hat mich offenbar wieder in einen Zustand geschrieben, in dem ich zwischen Biermüdigkeit, Sattheit und metaphysischer Erschöpfung hänge. Dieser capegeile Plotdepp. Anders kann ich’s nicht sagen. Andere Figuren dürfen sich verlieben oder ein Haus erben. Ich krieg Schwindel, Soßenflecken und jetzt vermutlich gleich noch irgendeinen Traum aufgedrückt, in dem ich symbolisch was lernen soll. Ich merke schon, wie mein Kopf noch weiter wegsackt. Und noch bevor ich dem Autor innerlich „du verkleideter Soßenclown“ zuflüstern kann, bin ich weg.
Dann geht das Licht an.
Nicht im Imbiss. In mir drin. So fühlt es sich jedenfalls an. Ich stehe mitten auf einem Hochhausdach. Über mir ein Himmel in Curryorange. Unter mir eine Stadt aus Neon, Fettglanz und Reklame. Überall leuchten Schilder: Frittopia, Snack City, Wurst District, Pommes Plaza. Auf den Straßen sirren Lieferroller, auf den Dächern drehen sich Reklamen in Form von Bratwürsten, und irgendwo in der Tiefe ruft eine Sirene, die klingt wie eine Fritteuse kurz vorm Kollaps.
Ich schaue an mir runter.
Umhang. Rot-gelb. Brustemblem: eine stilisierte Currywurst in Schale, gekreuzt mit zwei Pommesgabeln.
„Ach komm“, sage ich laut.
Meine Stimme hallt tiefer zurück. Heldischer. Das ist unerquicklich.
Neben mir landet mit einem Satz der Hape. Nein, nicht der Hape. Pommesboy. Enger goldgelber Anzug. Kurzer Umhang. Gürtel voller kleiner Salzstreuer, Mini-Ketchupkartuschen und einer silbernen Mayo-Kapsel, die er mit der Gravität eines Atomkoffers trägt. Seine Haare sitzen erstaunlich gut. Das ist der erste Hinweis darauf, dass ich träume.
„Captain Currywurst“, sagt der Hape und nickt mir mit ernster Miene zu. „Die Nacht gehört uns.“
Ich starre ihn an. „Ich bring den Autor um.“
„Das sagst du seit dem Abenteuer mit dem Hotdog-Man.“
„Der Hotdog-Man war ein IKEA-Mitarbeiter im Selbstbedienungsrestaurant, der mit einem Senfspender auf Leute geschossen hat. Da darf ich das sagen.“
Der Hape zieht die Schultern hoch. „Er hatte eine tragische Tiefe. Irgendwie.“
„Er hatte ein Namensschild und ein Haarnetz.“
Der Hape grinst. „Und trotzdem haben wir ihn besiegt.“
Das stimmt leider. Wir haben überhaupt schon einiges besiegt, wie ich jetzt auf einmal weiß. Träume sind da gründlich. Sie geben einem nicht nur irgendeinen Unsinn, sie liefern auch noch eine komplette Vorgeschichte mit, damit man sich nachher schlecht rausreden kann. Also weiß ich in diesem Moment ganz genau, dass ich Captain Currywurst bin. Beschützer der Imbisskultur. Rächer der Stehtischgesellschaft. Verteidiger der warmen Soße. Und der Hape ist mein treuer Sidekick Pommesboy, flink, loyal und ein bisschen zu begeistert von seinem eigenen Gürtelzubehör.
Gemeinsam haben wir bereits den Döner-Man gestoppt, als der mit seinem rotierenden Fleischkreisel die halbe Innenstadt hypnotisieren wollte. Wir haben die Cheeseburger-Woman daran gehindert, die Menschen mit extra Käse in willenlose Komfortzonen zu verwandeln. Wir haben das Pizzagirl den Käserand der Apokalypse versalzen. Und den Hotdog-Man sowieso, obwohl ich bis heute finde, dass man bei IKEA-Mitarbeitern erst mal mit Betriebsrat und weniger mit Superheldengewalt arbeiten sollte.
Wir sind also, das muss man neidlos anerkennen, eine Art Fastfood-Aristokratie des Guten.
Dann flackern alle Reklamen gleichzeitig.
Die Stadt wird dunkel. Ein Brummen geht durch die Luft. Tief, elektrisch, unangenehm. Auf den riesigen Werbetafeln erscheint ein Gesicht. Blass. Spitz. Zwei schmale Brillengläser. Grüner Mantel. Hinter ihm dampfen Reagenzgläser, in denen etwas brodelt, das aussieht wie pürierter Feldsalat mit Rachefantasien.
Doktor Vega(n).
Er legt die Fingerspitzen aneinander, wie es Schurken immer tun, wenn sie entweder die Weltherrschaft planen oder in der Laientheatergruppe zu viel Freiraum hatten.
„Menschen von Snack City“, säuselt er. „Eure Zeit des brutalen Frittierens, des sinnlosen Bratens und des geschmacklichen Rückfalls endet heute Nacht.“
Ich verdrehe schon aus Prinzip die Augen.
„Mit meinem Neutralisator 3000“, fährt er fort, „werde ich jede Imbissbude, jede Pommesbude, jeden Grillwagen in eine hygienisch einwandfreie, geruchsarme, vollwertige Nährstoffstation verwandeln. Keine Soßenspritzer. Kein Fettfilm. Kein fragwürdiger Fleischanteil. Nur kontrollierte Reinheit. Standardisierte Schalen. Lauwarme Bowls. Einheit. Ordnung. Vernunft.“
Ich spüre körperlich, wie sich etwas in mir sträubt.
Nicht mal gegen vegan. Um Gottes willen. Sollen die Leute essen, was sie wollen. Aber freiwillig. Das ist ja der Punkt. Im Imbiss geht es nie nur um Essen. Es geht um Dampf. Um Zufall. Um Gespräche mit Leuten, mit denen man sonst nie reden würde. Um eine Currywurst auf die Hand und fünf Minuten Menschsein ohne Dresscode. Wer das durch standardisierte Lauchlinsen im Designerbecher ersetzt, hat nicht die Speisekarte reformiert. Der hat das Leben verräumt.
Pommesboy sieht mich an. „Das ist groß.“
„Das ist größenwahnsinnig“, sage ich.
Doktor Vega(n) lächelt dünn. „Um Mitternacht aktiviere ich die Maschine auf dem Dach des Green Tower. Dann endet das Zeitalter des Imbisses.“
Das Bild bricht ab.
Kurz ist es still.
Dann sagt der Hape: „Wir müssen los.“
Ich nicke. Weil ja klar ist, dass wir losmüssen. Der Autor hat mir nicht ohne Grund einen Umhang angezogen, dieser verkappte Panelschlosser. Also springen wir vom Dach.
Im Traum kann ich fliegen. Das ist angenehm, wenn ich es dem Autor auch ungern gönne. Unter uns rauscht die Stadt vorbei. Ein Lieferfahrer mit Thermobox hebt grüßend die Hand. Aus einem geöffneten Fenster weht Frittengeruch. Ich merke: Das hier ist meine Stadt. Nicht schön im klassischen Sinn. Aber warm. Direkt. Klebrig an den falschen Stellen. Also lebendig.
Der Green Tower ragt am Ende der Innenstadt hoch wie die schlechte Gewissensversion eines Hochhauses. Alles Glas, alles Pflanzenwände, alles so sauber, dass man schon vom Hinschauen das Bedürfnis bekommt, sich absichtlich Senf aufs Hemd zu kleckern.
Vor dem Eingang warten die ersten Schergen vom Doktor Vega(n): die Tempeh-Twins, groß, adrett, in olivfarbenen Overalls. Daneben hockt die Brokkoli-Brigade, eine Handvoll maskierter Gestalten mit Stabmixern als Waffen. Einer trägt sogar Sandalen. Im April. Das ist Ideologie.
„Captain Currywurst!“, ruft einer. „Keinen Schritt weiter!“
„Mach Platz“, sage ich. „Sonst wird hier paniert.“
Ich gebe zu, im Traum rede ich heroischer, als ich es nüchtern je tun würde. Es ist beschämend, aber auch ein bisschen schön.
Dann geht alles ganz schnell. Pommesboy schleudert eine Salzgranate, die in einer hellen Wolke zerplatzt. Die Tempeh-Twins blinzeln. Ich stoße den ersten mit dem Unterarm zurück. Der zweite rutscht auf einer großzügig platzierten Mayo-Kapsel aus, die der Hape mit chirurgischer Präzision über den Marmorboden schießt. Zwei Männer aus der Brokkoli-Brigade stürmen auf uns zu, verheddern sich aber gegenseitig mit ihren Kabeln. Einer fällt gegen einen Smoothieautomaten. Der Automat explodiert nicht, aber es kommt so viel grüne Pampe raus, dass alle am Ende aussehen, als hätten sie an einem missglückten Kunsthappening teilgenommen.
„Sehr schön“, ruft der Hape. „Fast poetisch.“
„Halt die Klappe und weiter.“
Wir rennen hinein. Aufzüge. Glas. Pflanzen. Ruhe. Diese Ruhe ist das Schlimmste. Keine klebrige Theke, kein Schnaufen vom Grill, kein Klappern von Bierflaschen. Nur gedämpfte Fahrstuhlmusik, die klingt, als würde jemand Sellerie entschuldigen.
Im Aufzug schaut mich der Hape an.
„Meinst du, wir sind wirklich Helden?“
Ich sehe mein Spiegelbild in der Aufzugstür. Den Umhang. Das Emblem. Das Gesicht. Meins und nicht meins. Und für einen Moment ist alles komisch still.
„Ich weiß nur“, sage ich, „dass ich müde bin von Leuten, die glauben, das Leben müsse sauber, glatt und erklärbar sein. Der Imbiss ist nicht sauber. Der Imbiss ist ehrlich. Vielleicht reicht das schon.“
Der Hape nickt. Ernsthaft. Der kann das. Aus heiterem Himmel.
Die Tür öffnet sich.
Dach.
Wind.
Mitten auf dem Dach steht der Neutralisator 3000. Eine monströse Maschine aus Rohren, Tanks, blinkenden Skalen und einem riesigen Trichter, in den oben Kisten voller Tofu und Kichererbsenmasse geschüttet werden. Darunter ein Leuchtring, der pulsierend über der Stadt hängt. Wenn das Ding anspringt, spüre ich sofort, wird unten alles verändert. Nicht nur die Speisen. Auch die Haltung.
Vor der Maschine steht Doktor Vega(n).
„Ihr seid pünktlich“, sagt er.
„Und du bist bekloppt“, sage ich.
„Ich bin konsequent.“
„Du willst den Leuten das Falsche verbieten und das Richtige aufzwingen.“
„Ich will die Welt besser machen.“
„Mit Bowls?“
Er verzieht keine Miene. Das ist fast unheimlich.
Dann drückt er einen Knopf. Seitlich fahren zwei Metallarme aus. An deren Enden hängen Klarsichtglocken, unter denen sich drei Dinge befinden: eine Currywurst, eine Portion Pommes und ein Bier. Sie sehen aus wie Beweismittel.
„Das“, sagt Doktor Vega(n), „ist euer Problem. Nostalgie. Fett. Gewohnheit. Ihr verwechselt Gemütlichkeit mit Stillstand.“
„Und du verwechselst Haltung mit Herrschaft“, sage ich.
Ein bisschen bin ich stolz auf den Satz. Das ist gefährlich. Der Autor freut sich innerlich sicher schon, dieses literarische Umhangarschloch.
Doch Doktor Vega(n) lächelt auf einmal traurig. Nicht böse. Eher müde.
„Ihr versteht das nicht“, sagt er. „Es geht nicht um vegan oder nicht vegan. Es geht um Verwertung.“
Er tippt an seinen Hals.
Da löst sich etwas.
Maske. Kunsthaut. Brille.
Darunter kommt nicht das erwartete Schurkengesicht hervor. Sondern ein erstaunlich bekanntes.
Ich starre ihn an.
„Schorsch?“
Ja. Der Schorsch. Etwas blasser. Etwas glatter. Aber eindeutig unser Schorsch.
Neben mir sagt der Hape nur: „Ach du Scheiße.“
Der Schorsch seufzt. „Nicht wirklich. Aber fast.“
„Was heißt denn fast?“
„Ich bin nicht der Schorsch von euch. Ich bin der Schorsch aus einer anderen Fassung.“
Ich hasse sofort alles daran, weil ich es verstehe.
Er geht ein paar Schritte auf uns zu. Der Wind zerrt an seinem grünen Mantel.
„Der Autor“, sagt er, „hat mehrere Versionen ausprobiert. In einer davon wird der Imbiss modernisiert. Kette. Franchise. Einheitliches Branding. Drei Filialen. Touchscreens. Klimaneutrale Erlebnisgastronomie. Ich war dort der Erste, den es kaputtgemacht hat.“
Mir wird kalt, obwohl ich einen Umhang trage.
„Der Neutralisator“, sagt der falsche Schorsch, „ist nur Tarnung. In Wahrheit hängt an dieser Maschine ein anderes System. Ein Umcodierer. Er macht aus jedem Imbiss ein verwertbares Konzept. Aus jeder Figur eine Marke. Aus jedem Gespräch Merch. Aus euch Heldenserien.“
„Das ist ja widerlich“, sagt der Hape.
„Sag ich doch“, sage ich. „Dieser autorige Lizenzlappen.“
Der falsche Schorsch nickt. „Ich brauchte euch hier oben, damit ihr es selbst seht.“
Hinter der Maschine springt ein weiterer Bildschirm an.
Darauf: ein Logo.
CAPTAIN CURRYWURST UNIVERSE. Staffel 1. Jetzt auch als Lunchbox.
Ich werde so wütend, dass mir fast meine Heldenstiefel dampfen.
„Nee“, sage ich. „Nee. Nicht mit mir. Ich bin ja schon eine fiktive Figur, schön und gut. Ich bin dem Autor ausgeliefert, der kann mich nackt vorm Dom frierend aufwachen lassen, in die Hölle schicken, in Träume stopfen und mir so einen lächerlichen Umhang anziehen. Aber dass der mich jetzt auch noch in irgendein verwertbares Ketchup-Universum pressen will, damit ich auf Brotdosen ende? Der narrige Storyfleischwolf kann mich mal.“
Der Hape hebt eine Augenbraue. „Das war erstaunlich klar formuliert.“
„Ich bin empört.“
In diesem Moment springt die Maschine an. Sirenen heulen. Über der Stadt breitet sich ein grünlich weißes Licht aus.
„Wenn der Kern hochfährt“, ruft der falsche Schorsch, „wird alles vereinheitlicht!“
„Na dann los!“, brüllt der Hape.
Es folgt der schönste Krawall, den ich je geträumt habe.
Pommesboy klettert auf die Seitenverkleidung der Maschine und hämmert mit einem Salzstreuer auf ein Bedienfeld ein, als wolle er eine Forelle exorzieren. Ich reiße ein Rohr aus seiner Verankerung. Dampf schießt raus. Der falsche Schorsch wirft uns einen Schraubenschlüssel zu. Unten in der Stadt gehen nacheinander die Reklamen an und aus. Der Leuchtring über uns knackt.
Ein Roboterarm fährt aus und greift nach mir. Ich weiche aus, stolpere über meinen eigenen Umhang und knalle mit dem Knie gegen einen Tank, auf dem Haferbasis Modul 4 steht. Es zischt. Von oben ergießt sich eine beige Masse über die Steuerung. Der Hape rutscht auf einer Metallplatte aus, fängt sich gerade noch mit einer Mayo-Kapsel, die wie durch ein Wunder tatsächlich als Haftmittel taugt. Der falsche Schorsch tritt gegen eine Sicherungskiste. Funken. Licht. Alarm.
„Der rote Hebel!“, ruft er.
„Welcher rote Hebel?“
„Der mit der Aufschrift Nicht ziehen!“
„Natürlich!“, brülle ich. „Weil der Autor auch im Traum nur in Klischees denken kann, dieser abgehangene Comicbräter!“
Ich springe, packe den Hebel, ziehe.
Nichts.
Dann sehe ich darunter einen kleinen Sicherheitsbügel.
„Das gibt’s doch nicht.“
Der Hape lacht hysterisch. „TÜV und Bürokratie! Sogar in der Apokalypse!“
Ich reiße den Bügel weg. Ziehe noch mal.
Diesmal kracht die ganze Maschine, als würde ein Hochhaus tief ausatmen. Der Leuchtring flackert. Ein dumpfer Schlag. Dann geht mit einem Mal alles aus.
Stillstand.
Wind.
Über der Stadt leuchten nach und nach wieder die alten Schilder. Wurst, Pommes, Bier, der Kiosk vom Murat, die Tristessa, der Imbiss ums Eck. Keine Einheit. Keine Glätte. Alles ein bisschen schief. Alles wieder da.
Der falsche Schorsch lächelt matt.
„Dann gibt’s vielleicht doch noch Hoffnung“, sagt er.
„Und was wird aus dir?“, frage ich.
Er sieht zum Horizont. „Ich bin nur eine verworfene Fassung. Vielleicht löse ich mich auf. Vielleicht werde ich wieder eine Randnotiz. Vielleicht lande ich in einem Absatz, den keiner druckt, geschweige denn liest.“
Das ist traurig. Und unerquicklich. Und literarisch verdächtig gut gebaut. Ich hasse es, wenn der Autor ausgerechnet dann Talent hat, wenn ich emotional involviert bin.
Der falsche Schorsch nickt uns zu. Dann verblasst er tatsächlich. Nicht pathetisch. Eher so, als würde jemand die Sättigung runterdrehen. Erst der Mantel. Dann das Gesicht. Dann nur noch Wind.
Neben mir steht der Hape.
„Wir haben gewonnen“, sagt er.
„Ja“, sage ich.
„Und jetzt?“
Ich sehe auf die Stadt. Auf das diffuse Licht. Auf den Dampf, der aus irgendeinem Schacht steigt. Auf die Reklame, die wieder knackt. Auf die Mischung aus Schmutz, Hunger, Müdigkeit und Wärme.
„Jetzt will ich zurück an den Stehtisch.“
Dann wache ich auf.
Mit dem Gesicht in der Currysoße.
Der echte Schorsch steht vor mir und sieht aus, als würde er ernsthaft erwägen, mich mit einem Lappen aus dem Leben zu wischen.
„Du hast im Schlaf rumgeschrien“, sagt er.
„Was hab ich gesagt?“
Der Hape grinst breit und hält mir die Serviette hin, auf die er inzwischen gezeichnet hat. Darauf sind zwei Figuren. Einer mit Umhang und Wurstemblem. Einer mit Pommesgürtel. Und im Hintergrund ein Mann mit Brille und einem Brokkoli-Blitz.
„Du hast geschrien: ‚Zieh den roten Hebel, Pommesboy!‘“, sagt der Hape. „Und dann noch: ‚Nicht schon wieder Franchise, ihr Verwertungswichser.‘“
Der Schorsch schaut von ihm zu mir. „Was stimmt denn mit euch nicht?“
„Frag den Autor“, sage ich und richte mich langsam auf. Mein Nacken tut weh. Meine Würde auch.
Dann sehe ich auf die Theke.
Vor mir steht meine Currywurst. Daneben Pommes. Und daneben, ich schwöre es, liegt ein winziger grüner Stofffetzen. Nicht größer als ein Bierdeckelviertel. Wie von einem Mantel abgerissen.
Ich nehme ihn in die Hand.
Der Hape sieht es auch. Sein Grinsen wird kleiner.
„Na ja“, sagt er. „Kann sein, dass du wirklich nur geträumt hast.“
„Kann sein“, sage ich.
Der Schorsch nimmt den Fetzen, schnauft und wirft ihn weg. „Kann auch sein, dass ihr beide einfach komplett bekloppt seid.“
Er hat nicht unrecht. Aber er hat auch nicht komplett recht.
Ich esse ein Stück Currywurst. Sie ist heiß, scharf, ein bisschen zu salzig. Also perfekt.
Der Hape malt weiter an seiner Serviette.
Und ich denke mir: Solange ich am Ende wieder hier lande, im Imbiss ums Eck, mit dem Hape, dem Schorsch, einem Bier und einer Wurst, soll der Autor meinetwegen weiter seine bescheuerten Träume auf mich loslassen. Aber dieses Superhelden-Franchise, das kann er sich dahin schieben, wo selbst der Hotdog-Man keinen Senf mehr draufmacht.
Denn eins ist klar.
Der Hanswurst ist vielleicht erfunden.
Aber käuflich ist er noch lange nicht…
ENDE