
Eine Parkbank, zu viel Bier und plötzlich die Idee einer Revolution: der Hanswurst, der Hape und der Schorsch wollen ein Zeichen gegen Ordnung, Langeweile und den ganzen Rest setzen. Leider führt der Weg vom Widerstand direkt in einen fremden Kiosk.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Plus Bonus-Song: Wir besetzen nur den Kiosk
Worum geht’s?
Aus einer betrunkenen Idee wird eine spontane Kioskbesetzung mit Bier, großen Parolen und sehr überschaubarem Konzept.
Die Geschichte lesen
Es ist einer dieser Nachmittage, an denen sich die Sonne kaum durch die Wolken traut und die Stadt in einem schummrigen Licht liegt, das perfekt zur allgemeinen Stimmung passt: träge, schwer und irgendwie gefährlich, aber auf eine Art, die man erst später bemerkt, wenn es zu spät ist.
Der Schorsch, der Hape und ich sitzen auf einer Parkbank, die so alt ist, dass man meinen könnte, sie sei bereits beim Stadtgründungsfest als „leicht gebraucht“ verkauft worden.
Warum wir hier sitzen, weiß keiner so genau. Ich schon mal nicht. Eigentlich wollten wir bloß ein Bier trinken und darüber philosophieren, warum das Leben immer dann kompliziert wird, wenn man gerade eine Currywurst auf dem Teller hat. Doch aus dem einen Bier werden zwei, und aus den zwei Bieren werden sechs, und plötzlich wirkt die Bank wie ein Ankerpunkt im wogenden Meer des Unsinns, den wir selbst heraufbeschworen haben.
Wobei: „selbst“ ist in meinem Fall natürlich relativ. Ich bin ja der Hanswurst. Eine fiktive Figur. Ich sitze hier, weil irgendein Autor, diese Arschgeige mit dramaturgischem Bewegungsdrang, mich auf eine Parkbank gesetzt hat. Ich persönlich wäre auch mit dem Imbiss ums Eck zufrieden gewesen. Currywurst, Bier, Stehtisch, fertig. Aber nein. Parkbank. Revolution. Wahrscheinlich hat der Depp irgendwo gelesen, dass Figuren auch mal „raus aus ihrer Komfortzone“ müssen. Meine Komfortzone hat Fritten und einen Schorsch am Grill. Nur fürs Protokoll.
„Weißt du, Schorsch“, sage ich und schlürfe den letzten Rest aus meiner Flasche, „irgendwie ist das hier auch eine Art Revolution.“
Der Schorsch starrt auf den Boden vor sich, wo seine dritte Flasche im Staub liegt.
„Revolution? Du hast den Verstand verloren, Hanswurst. Mein Imbiss ist kaputt und das hier ist ein Park und kein Schlachtfeld.“
„Doch, doch“, beharre ich. „Das hier ist der Widerstand. Gegen die Ordnung. Gegen die Langeweile. Gegen das Warten.“
Ich deute mit der leeren Flasche auf den Hape, der sich mit einer Mischung aus künstlerischer Hingabe und betrunkenem Unvermögen bemüht, eine Banane zu schälen.
„Und gegen Bananen.“
„Warte mal, warte mal“, sagt der Hape und wirft die Banane weg, als wäre sie eine tickende Zeitbombe. „Ich hab’s!“
Er wedelt mit einer Hand in der Luft, was in seinem Zustand einer bahnbrechenden Idee gleichkommt.
„Was, wenn wir… keine Ahnung, irgendwas Großes machen? Etwas, das die Leute aufrüttelt! Ein Zeichen setzen!“
Der Schorsch schnaubt und sieht auf die leere Parkallee hinaus.
„Und was willst du tun? Die Tauben vergiften? Die Polizei anrufen und sagen, dass der Park von Anarchisten besetzt ist?“
„Das wäre mal was!“, rufe ich und lache laut, was ein paar misstrauische Blicke von einem älteren Rentnerpaar auf sich zieht, das gerade vorbeispaziert. „Aber nein, wir brauchen was Besseres. Was Großes. Was die Leute so richtig aufschreckt!“
In der Nähe steht ein Kiosk, an dem seit Jahren niemand mehr etwas gekauft hat, außer vielleicht ein paar verzweifelte Touristen, die sich verlaufen haben. Der Besitzer, ein mürrischer alter Kerl, der aussieht, als wäre er seit der Gründung der Stadt nicht mehr umgezogen, glotzt zu uns rüber, als hätte er ein schlechtes Gefühl.
Das hat er zu Recht.
„Wie wär’s, wenn wir den Kiosk übernehmen?“, schlägt der Hape vor. „So richtig. Mit allem Drum und Dran. Besetzen und die Regeln aufstellen! Dann können wir auch den Fliegenden Mexikaner einführen.“
„Bist du wahnsinnig?“, fragt der Schorsch, der zwar auch schon etwas mehr intus hat, aber immerhin noch halbwegs klar denken kann. „Die Idee mit dem Fliegenden Mexikaner ist zwar spitze. Aber wir können doch nicht einfach einen Kiosk übernehmen.“
„Und warum nicht?“, frage ich jetzt. „Das ist unsere Chance, der Gesellschaft zu zeigen, dass man sich nicht immer an die Regeln halten muss. Es ist nur ein kleiner Kiosk, aber das ist genau der Punkt. Die großen Veränderungen fangen klein an. Das ist Punk!“
Ich höre mich selbst reden und denke: Aha. So klingt es also, wenn der Autor einem ein paar Sätze in den Mund legt, die man nüchtern vielleicht nochmal überprüft hätte. Aber nüchtern bin ich nicht. Und frei bin ich auch nicht. Ich bin nur der Hanswurst, gefangen zwischen Bierflasche, Bananenschale und Plotentwicklung.
Es dauert nicht lange, bis wir tatsächlich vor dem Kiosk stehen, wild entschlossen, das Ding zu besetzen. Der Besitzer steht da und sieht uns an, als wären wir Aliens.
„Ej! Was wollt ihr?“, fragt er mit einem Tonfall, der deutlich macht, dass er nicht im Geringsten daran glaubt, dass wir eine Antwort haben.
„Wir übernehmen diesen Kiosk!“, verkünde ich, als würde ich gerade eine Staatsgrenze überschreiten.
„Ihr seid wohl nicht ganz dicht“, murmelt der Besitzer und wendet sich ab.
Aber ich bin schon drinnen und schaue mich um, als wäre ich der Kaiser von China. Der Schorsch und der Hape folgen mir, wenn auch mit einem gewissen Zögern.
„Und was jetzt?“, fragt der Schorsch, während er die staubigen Regale betrachtet, in denen ein paar alte Chipstüten und noch ältere Dosenbiere vor sich hin modern.
„Jetzt?“, sage ich und grinse breit. „Jetzt setzen wir ein Zeichen.“
Was als lockere Idee beginnt, verwandelt sich in einen chaotischen Abend voller Bier und revolutionärer Überlegungen. Wir machen es uns im Kiosk bequem, öffnen eine Dose nach der anderen und philosophieren darüber, wie wir das Leben umkrempeln könnten. Der Kiosktyp steht draußen und raucht nervös eine Zigarette nach der anderen, nicht sicher, ob er die Polizei rufen oder einfach abhauen sollte.
„Wir machen das hier zum Zentrum des Widerstands!“, ruft der Hape irgendwann und kichert dabei in sich hinein, als hätte er gerade das Rad neu erfunden. „Das ist der Beginn einer neuen Ära.“
Der Schorsch schaut ihn an und schüttelt den Kopf.
„Du spinnst doch. Aber ich mag’s. Lasst uns den Kiosk behalten. Zumindest bis morgen früh.“
Natürlich bleibt es nicht dabei.
Es bleibt nie dabei.
Es gibt immer einen Spielverderber, der im ungünstigsten Zeitpunkt in die Suppe rotzt. Irgendwann tauchen – natürlich – die Bullen auf, weil das alte Rentnerpaar von vorhin es nicht lassen konnte, die Ordnung wiederherstellen zu wollen. Zwei Cops, die mehr Lust auf Feierabend als auf Abenteuer haben, stehen vor dem Kiosk und sehen sich das Bild des Chaos an.
Ich weiß in diesem Moment ganz genau: Der Autor hat darauf gewartet. Der hat sich schön zurückgelehnt, diesen kleinen Schreibstift in der Hand, oder was Autoren heutzutage halt so benutzen, wahrscheinlich irgendeine Tastatur voller Kaffeeflecken, und gedacht: Jetzt schicken wir mal die Polizei rein. Damit die Revolution eine Fallhöhe bekommt.
Fallhöhe. Am Arsch.
„Was zum Teufel geht denn hier ab?“, fragt der eine Bulle, ein Typ mit einem Gesicht, das aussieht, als wäre es aus Granit gehauen.
„Wir führen eine Revolution durch“, sage ich und proste ihm zu, während ich eine Dose Bier in die Luft halte. „Gegen alles!“
Der Cop starrt mich an, als wäre ich ein besonders dummer Köter, der gerade gelernt hat, auf zwei Beinen zu laufen.
„Ihr führt nichts durch, außer euch Bier in den Rachen zu kippen. Kommt raus, sonst lernt ihr mal den Unterschied zwischen Spaß und Festnahme.“
Es dauert nicht lange, bis die Revolution im Keim erstickt ist.
Die beiden Bullen führen uns ab, während der Kiosktyp endlich wieder Ruhe hat und sich wahrscheinlich fragt, ob er den Laden nicht endgültig dichtmachen sollte, um auszuwandern. Nach Bulgarien oder so. Ans Schwarze Meer. Taubenzüchten könnte er sich eigentlich ganz gut vorstellen.
In der Polizeiwanne sitzen der Schorsch, der Hape und ich und starren schweigend aus dem Fenster. Es ist still, nur das leise Surren der Reifen auf dem Asphalt begleitet die Fahrt.
„Das war’s wohl mit der Revolution“, nuschelt der Schorsch leise.
„Aber was für eine“, sage ich und grinse, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob es das Bier oder der Stolz ist, der mich gerade zum Lächeln bringt.
Oder der Autor, dieser Depp, der mir natürlich auch in der Polizeiwanne noch einen halbwegs tapferen Satz reinschreibt, damit ich nicht ganz so verloren aussehe.
Der Hape lehnt sich – mal wieder – zurück und schließt die Augen.
„Wir haben’s versucht. Das ist mehr, als die meisten Leute je tun.“
„Ja“, stimmt der Schorsch zu, „aber beim nächsten Mal nehmen wir uns was Einfacheres vor. Vielleicht einen Limo-Stand.“
Ich nicke.
Ein Limo-Stand klingt gut. Überschaubar. Weniger Staatsschutz. Mehr Zitrone.
Aber ich kenne den Autor. Der wird auch daraus wieder irgendwas machen. Am Ende stehen wir mit selbstgemachter Limonade vor dem Finanzamt und erklären einem Beamten, warum Erfrischung ein Menschenrecht ist. So läuft das doch immer.
Und so endet unsere kurzlebige Revolution auf der Parkbank nicht mit einem Knall, sondern mit dem leisen Seufzen von drei Männern, die zwar keine Anarchisten sind, aber zumindest für einen Abend so taten, als ob sie es wären.
Ich hätte auch einfach beim Schorsch am Stehtisch bleiben können.
Aber mich fragt ja keiner…
ENDE