Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der Hanswurst strandet“ mit Hanswurst als gestrandeter Wal am Strand, umgeben von Rettern, Medien und Schaulustigen

Eine Gartenparty beim Brezel-Peter, ein Fliegender Mexikaner zu viel und ein Planschbecken auf dem Weg zur Hollywoodschaukel: Der Hanswurst stolpert, schläft ein und wacht als gestrandeter Wal an der Ostsee wieder auf.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Michael Elze
Plus Bonus-Song: Nicht untergehen

Worum geht’s?

Als Wal wird der Hanswurst plötzlich zum Projektionsobjekt für alle: Hippies wollen ihn spirituell retten, Politiker prüfen Optionen, Medien machen ihn zum Ereignis, Fremde wollen ihn adoptieren oder heiraten und ein Admiral denkt über Sprengung nach.

Die Geschichte lesen

Ich stehe im Schrebergartenverein „Zur Grünen Idylle“ und denke, dass der Name eine Frechheit ist.

Nicht, weil es hier nicht grün wäre. Grün ist es schon. Sehr sogar. Es wächst überall irgendwas. In den Beeten, zwischen den Steinplatten, aus einer alten Gießkanne, die da wahrscheinlich schon seit 1998 an der selben Stelle steht. Aber Idylle? Idylle ist ein großes Wort für einen Ort, an dem der Brezel-Peter gerade versucht, mit einem Gasbrenner einen Grill anzuzünden, der aussieht, als könne man damit wahlweise Würstchen braten oder kleinere Nachbarländer einschüchtern.

„Geht gleich“, sagt der Brezel-Peter.

Der Hape steht neben mir und nickt ernst.

„Das ist keine Gartenparty“, sagt der Hape. „Das ist eine temporäre Freiluftinstallation über die Fragilität des bürgerlichen Erholungsversprechens.“

Die Jaqueline sitzt auf einer Bierbank, trägt Sportleggings, Turnschuhe und diesen Blick, mit dem sie Männer betrachtet, die zu viele Wörter für einfache Sachen verwenden.

„Das ist eine Party, Hape“, sagt sie. „Im Garten. Mit Grill. Reiß dich zusammen.“

Ich finde, die Jaqueline hat recht. Manchmal ist eine Gartenparty einfach eine Gartenparty. Natürlich nur so lange, bis der Autor wieder meint, er müsse eine absurde Wendung einbauen, weil ihm normales Beisammensein offenbar zu realistisch ist. Ich bin ja nur der Hanswurst. Eine fiktive Figur. Ich darf hier stehen, Bier trinken, Dinge kommentieren und mich später wahrscheinlich verletzen, damit die Geschichte in Gang kommt. Mehr Mitbestimmung ist nicht vorgesehen.

Der Brezel-Peter hat alles aufgefahren. Auf der Terrasse seiner Laube stehen Bierkästen, zwei Flaschen Kräuterschnaps, ein Glas Gewürzgurken, Pappteller, ein Aschenbecher in Form eines Igels und eine Schüssel Kartoffelsalat, die nach Familienfeier und Kühlkettenbruch aussieht. Neben der Laube hängt eine Lichterkette, die wahrscheinlich schon mehrere politische Systeme überlebt hat. Vor dem kleinen Rasenstück steht seine Hollywoodschaukel. Die Polster sind ausgeblichen und an einer Stelle mit Paketband geflickt.

Ich will da später hin. Das ist sofort klar.

Die Hollywoodschaukel ist für mich kein Möbelstück. Sie ist eine Haltung. Sie sagt: Setz dich. Gib auf. Lass die anderen reden.

Der Getränke-Manni kommt durch das Gartentor, zwei Bierkisten in den Händen, Schweiß auf der Stirn und Ärger im Gesicht.

„Hier“, sagt er. „Nachschub. Weil der Markt versagt hat. Also ich.“

„Du bist doch der Markt“, sagt die Jaqueline.

„Eben“, sagt der Getränke-Manni. „Deshalb weiß ich ja, wie schlimm es ist.“

Der Brezel-Peter winkt ihn rein. Er sieht heute aus, als habe er sich für eine Mischung aus Schrebergartenvorstand, ehemaligem Tatort-Kommissar und inoffiziellem Festivalversorger entschieden. Jeansjacke, offenes Hemd, Bartstoppeln, Sonnenbrille im Haar. In seiner Parzelle gibt es alles. Eine Laube, eine Sitzecke, einen Kühlschrank, einen Grill, der mehr Hubraum als manche Autos hat, und seit neuestem ein kleines aufblasbares Planschbecken.

Das Planschbecken steht zwischen Terrasse und Hollywoodschaukel.

Ich sehe es.

Ich registriere es.

Ich vergesse es sofort.

Das ist eine schlechte Eigenschaft von mir. Ich erkenne Gefahren, solange sie nicht in meinem Weg liegen. Wenn sie in meinem Weg liegen, werden sie Teil der Dramaturgie.

„Was soll denn das Becken?“, fragt der Hape.

„Fußbad“, sagt der Brezel-Peter. „Wellness. Garten-Spa. Ich denke ganzheitlich.“

„Du denkst gar nicht ganzheitlich“, sagt die Jaqueline. „Du denkst in Restposten.“

Der Brezel-Peter grinst und stellt eine kleine Flasche auf den Tisch.

„Und hier“, sagt er, „für die Kenner: der Fliegende Mexikaner.“

Der Hape macht sofort ein Gesicht, als werde gerade ein seltenes Kulturgut enthüllt. Der Getränke-Manni pfeift leise. Die Jaqueline hebt eine Augenbraue.

Ich sage nichts.

Ich kenne den Fliegenden Mexikaner. Wer ihn nicht kennt, hat womöglich ein ruhigeres Leben geführt. Er ist in einer anderen Geschichte aufgetaucht, und seitdem tut er so, als habe er Anspruch auf Wiederkehr. Das haben manche Dinge in dieser literarischen Welt. Currywurst. Bier. Der Lieblingsstehstammtisch. Und eben dieser zweifelhafte kleine Schnaps.

„Nur ein kleiner“, sagt der Brezel-Peter.

Das ist der gefährlichste Satz der Welt.

Nach „Nur ein kleiner“ sind schon Regierungen gestürzt, Beziehungen beendet und Gartenmöbel zweckentfremdet worden.

Ich nehme trotzdem einen. Natürlich nehme ich einen. Nicht, weil ich willensschwach bin. Sondern weil der Autor mich so schreibt. Diese Arschgeige sitzt irgendwo gemütlich herum, wahrscheinlich mit Kaffee, und denkt: Jetzt lässt du den Hanswurst mal einen trinken. Dann passiert gleich was. Ich hätte privat vielleicht Apfelschorle genommen. Aber privat gibt es mich ja nicht.

Der Grill qualmt. Die Würstchen bräunen. Der Kartoffelsalat schwitzt. Der Hape erklärt dem Getränke-Manni, dass Grillrauch eigentlich eine Form von Erinnerung sei. Der Getränke-Manni sagt, Erinnerung sei gut, aber die Kohle müsse trotzdem jemand bezahlen. Die Jaqueline erzählt von einem Halbmarathon, bei dem ein Mann im Bananenkostüm zusammengebrochen ist. Der Brezel-Peter behauptet, er kenne den Mann und der sei gar keine Banane gewesen, sondern Versicherungsmakler.

Ich stehe neben dem Gartentisch und bin zufrieden.

Das ist selten genug.

Der Himmel über der Grünen Idylle wird langsam dunkelblau. Aus anderen Parzellen hört man Radios, Gelächter, Besteck auf Tellern, irgendwo einen Hund, der sich sehr sicher ist, dass er recht hat. Es riecht nach Grill, feuchtem Gras, Zigarettenrauch und warmem Plastik vom Planschbecken. Die Lichterkette hängt schief. Für einen Moment glaube ich, dass nichts Schlimmes passieren muss.

Da sehe ich die Hollywoodschaukel.

Sie steht da hinten. Geduldig. Mein Ziel.

Ich mache mich auf den Weg.

„Hanswurst“, ruft die Jaqueline, „alles gut?“

„Ich gehe nur kurz zur Schaukel“, sage ich.

Der Hape hebt sein Glas. „Das ist ein starker Satz.“

„Was soll daran stark sein?“, fragt der Getränke-Manni.

„Er enthält Bewegung und Sehnsucht“, sagt der Hape.

Ich will sagen: Er enthält vor allem Gleichgewichtsstörungen. Aber ich komme nicht dazu.

Denn da ist das Planschbecken.

Ich trete mit dem linken Fuß hinein. Der Boden gibt nach. Das Wasser schwappt. Mein rechter Fuß sucht Halt, findet aber nur Gartenschlauch. Dann kippt die Welt. Nicht dramatisch. Nicht filmisch. Eher handwerklich schlecht. Ich falle nach vorn, drehe mich halb, lande mit Bauch und Brust im Planschbecken, ein Bein draußen, ein Arm irgendwo im Gras.

Das Wasser ist kalt.

Das letzte, was ich höre, ist der Brezel-Peter.

„Liegenlassen. Der kommt gleich wieder.“

Dann bin ich weg.

*

Als ich aufwache, bin ich ein Wal.

Das ist zunächst keine Information, mit der man gut arbeiten kann.

Ich liege da. Schwer. Unglaublich schwer. Ich spüre Sand unter mir. Feuchten, kalten Sand. Über mir ist Himmel. Links von mir ist Meer. Rechts von mir sind Menschen. Viele Menschen. Zu viele Menschen. Ich kann den Kopf kaum bewegen. Meine Haut fühlt sich an wie ein nasser LKW-Reifen. Meine Flossen liegen nutzlos neben mir. In meiner Brust arbeitet ein Herz, das offenbar für größere Aufgaben gebaut wurde als für Schrebergartenpartys.

Ich will aufstehen.

Geht nicht.

Ich will etwas sagen.

Es kommt nur ein tiefes, feuchtes Geräusch aus mir heraus.

Ein Kind schreit: „Mama, der Wal hat gerülpst!“

Ich denke: Na toll.

Der Autor hat mich also in einen gestrandeten Wal verwandelt. Das ist selbst für seine Verhältnisse eine Entscheidung aus der Abteilung: Warum einfach, wenn man auch Meeresbiologie beleidigen kann.

Ich liege an einer Küste. Wahrscheinlich Ostsee. Es gibt grauen Himmel, flaches Wasser, Windjacken und Menschen, die gleichzeitig besorgt und neugierig aussehen. Im Hintergrund steht eine Imbissbude. Natürlich steht da eine Imbissbude. Sogar als Wal komme ich vom Thema nicht weg.

Jemand ruft: „Das ist bestimmt wie bei Timmy!“

Ich kenne Timmy nicht persönlich. Aber offenbar ist Timmy ein Wal, der es in die öffentliche Aufmerksamkeit geschafft hat. Ich selbst habe nie darum gebeten, Wal zu sein. Ich habe auch nie darum gebeten, öffentliche Aufmerksamkeit zu bekommen. Beides passiert mir trotzdem.

Eine Frau mit Mütze kommt näher und hält ihr Handy hoch.

„Er atmet noch!“, ruft sie.

Ein Mann neben ihr sagt: „Das müsste man jetzt sofort posten.“

Ich denke: Bitte nicht.

Aber ich bin ein Wal. Ich kann nicht widersprechen. Ich kann nur liegen.

Das ist eine ganz neue Form von Diskussion. Normalerweise stehe ich an meinem Lieblingsstehstammtisch im Imbiss ums Eck und kann wenigstens einwerfen, dass alle mal halblang machen sollen. Als Wal bin ich ein Gegenstand mit Puls. Alle reden über mich, keiner redet mit mir.

Dann kommen die ersten Retter.

Sie tragen Neoprenanzüge, Wollmützen und selbst gehäkelte Armbänder. Einer hat eine kleine Trommel dabei. Eine Frau legt mir die Hand auf die Seite.

„Bruder Wal“, sagt sie, „du darfst loslassen.“

Ich denke: Ich würde gern loslassen, aber wohin denn? Ich bin zwölf Meter lang, liege auf Sand und habe keine Knie.

Ein anderer kniet sich vor mein Auge. Er riecht nach Salzwasser und Räucherstäbchen.

„Wir sind bei dir“, sagt er. „Du bist nicht allein.“

Das stimmt. Leider.

Sie fangen an zu singen. Nicht laut. Eher so, als wollten sie den Wind nicht erschrecken. Einer stellt eine Klangschale auf den Sand neben mir. Eine Frau fragt, ob jemand weiß, welches Sternzeichen ich habe.

„Wal“, sagt ein Kind.

Ich finde das Kind vernünftig.

Der Hape taucht auf.

Natürlich taucht der Hape auf. Er trägt einen langen Schal, obwohl es windig ist, und schaut mich an, als hätte ich mich absichtlich in eine Installation verwandelt.

„Das ist stark“, sagt der Hape. „Sehr stark.“

Ich mache ein Geräusch.

„Genau“, sagt der Hape. „Es geht um Ohnmacht.“

Nein, denke ich. Es geht darum, dass ich nicht zurück ins Wasser komme.

„Der Körper als Küstenfrage“, sagt der Hape.

Ich würde ihn gern mit einer Flosse wegschieben. Aber meine Flosse liegt herum wie ein nasser Teppich.

Ein Reporter kommt. Er hat eine Jacke mit Senderlogo an und das Gesicht eines Mannes, der schon beim Frühstück hofft, dass irgendwo etwas Schlimmes passiert.

„Wir stehen hier an der Küste“, sagt er in die Kamera, „wo seit den frühen Morgenstunden ein Wal gestrandet ist. Noch ist unklar, ob es sich um ein natürliches Unglück handelt oder um ein Zeichen.“

Ein Zeichen. Natürlich.

Kaum liegt man als Wal am Strand, wird man zum Zeichen. Nie ist man einfach nur ein dicker, verzweifelter Säuger mit Kreislaufproblemen.

Der Reporter kommt näher und hält mir das Mikrofon vors Maul.

„Was sagen Sie den Menschen, die jetzt um Ihr Leben bangen?“

Ich atme.

„Der Wal schweigt“, sagt der Reporter. „Die Lage bleibt dramatisch.“

Dann kommt die Politik.

Erst eine Bürgermeisterin. Dann ein Landrat. Dann ein Staatssekretär mit neuen Gummistiefeln, die noch aussehen, als hätten sie Angst vor Schlamm. Sie stellen sich nebeneinander auf. Hinter ihnen das Meer. Vor ihnen ich. Neben ihnen Kameras.

„Wir müssen jetzt besonnen handeln“, sagt der Staatssekretär.

Die Bürgermeisterin nickt.

„Der Wal darf nicht parteipolitisch instrumentalisiert werden.“

Der Landrat sagt: „Wir prüfen alle Optionen.“

Ich denke: Das ist schön. Ich prüfe derweil die Option, nicht zu sterben.

Niemand hat einen Eimer. Niemand hat einen Plan. Aber alle haben Sätze.

Der Brezel-Peter erscheint am Rand der Menge. Er trägt eine gelbe Warnweste und schiebt einen Bollerwagen. Darin: Wasserflaschen, Fischbrötchen, Sonnencreme und zwei Schaufeln.

„Walrettungsbedarf!“, ruft er. „Alles, was man braucht! Faire Preise!“

Ich erkenne ihn sofort. Selbst im Traum bleibt der Brezel-Peter der Brezel-Peter. Er kann in jeder Katastrophe eine mobile Geschäftsidee sehen.

Er stellt sich neben mein Auge und beugt sich zu mir runter.

„Hanswurst?“

Ich blase Luft aus.

„Hab ich mir gedacht“, sagt er. „Du siehst aus wie du, nur mehr.“

Dann hält er mir ein Fischbrötchen hin.

„Kannste wahrscheinlich nicht essen, oder?“

Ich starre ihn an.

„Verstehe“, sagt er. „Später.“

Die Jaqueline kommt durch die Menge. Sie trägt keine Warnweste, kein Senderlogo, keine politische Jacke. Sie trägt Sportschuhe und diesen praktischen Blick, den man bekommt, wenn man sich nicht für Zuständigkeiten interessiert, sondern für Lösungen.

„Hat schon jemand versucht, ihn nass zu halten?“, fragt sie.

Alle sehen sich an.

Die Hippie-Taucher trommeln leiser.

Der Staatssekretär sagt: „Das ist Bestandteil der laufenden Abstimmungen.“

„Also nein“, sagt die Jaqueline.

Sie nimmt einem Mann den Eimer aus der Hand, füllt ihn mit Meerwasser und kippt ihn über meine Seite. Kalt. Gut. Sehr gut. Ich möchte ihr danken. Es kommt ein Geräusch aus mir, das klingt, als würde ein Möbelwagen traurig werden.

„Bitte“, sagt die Jaqueline.

Dann kommt eine Frau mit Leinenhose und einem entschlossenen Gesicht.

„Ich möchte ihn adoptieren“, sagt sie.

Es wird still.

Sogar der Wind scheint kurz zu überlegen.

„Wie bitte?“, fragt die Jaqueline.

„Ich habe schon immer eine tiefe Verbindung zu Walen“, sagt die Frau. „Und ich habe Platz.“

Die Jaqueline schaut mich an. Dann die Frau. Dann wieder mich.

„Sie haben Platz für einen Wal?“

„Emotional“, sagt die Frau.

Ein Mann mit Bart und barfuß in Sandalen tritt neben sie.

„Ich würde ihn sogar heiraten“, sagt er.

Ich denke: Jetzt wird es unübersichtlich.

Der Reporter ist sofort da.

„Eine bewegende Wendung“, sagt er. „Während die Behörden noch beraten, entstehen am Strand neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Wal.“

Der Hape schreibt etwas in ein Notizbuch.

„Liebe als Rettungsversuch“, murmelt er. „Oder Rettung als Besitzgeste.“

Ich will schreien. Aber als Wal hat man keine gute Auswahl an Lautstärken. Alles klingt entweder nach Nebelhorn oder nach Verdauung.

Die Frau mit der Leinenhose legt wieder eine Hand auf meine Seite.

„Du musst keine Angst haben“, sagt sie. „Bei mir darfst du sein, wer du bist.“

Ich bin ein gestrandeter Wal, denke ich. Das ist aktuell das Problem.

Der Getränke-Manni kommt mit einem Sackkarren über den Sand. Auf dem Sackkarren steht ein Wasserkasten.

„Manni“, sagt die Jaqueline, „wir brauchen Wasser.“

„Hab ich.“

„Kein Sprudel.“

„Dann sag das doch gleich.“

Er zieht eine Flasche aus dem Kasten, schüttelt den Kopf und sieht sich die Lage an.

„Das ist wieder typisch“, sagt er. „Alle reden. Keiner hebt.“

„Du kannst einen Wal nicht einfach heben“, sagt der Hape.

„Mit der Einstellung nicht“, sagt der Getränke-Manni.

Für einen kurzen Moment liebe ich den Getränke-Manni.

Dann kommen die Militärs.

Zwei ältere Herren in dunklen Mänteln, mit festen Schritten und Gesichtern wie Aktenordner. Einer hat eine Mütze auf, die wahrscheinlich auch privat Befehle gibt. Der andere trägt ein Fernglas, obwohl ich direkt vor ihm liege.

„Die Lage ist ernst“, sagt der mit der Mütze.

„Sehr ernst“, sagt der mit dem Fernglas.

„Aus seuchenhygienischen, küstenschutztechnischen und logistischen Gründen“, sagt der mit der Mütze, „muss man auch über eine kontrollierte Sprengung nachdenken.“

Ich denke: Ich bin seit höchstens einer Stunde Wal und schon will mich ein Admiral in Einzelteile verwalten.

Die Bürgermeisterin wird blass.

„Sprengung?“

„Kontrolliert“, sagt der Militär.

Als wäre das besser.

Der Hape leuchtet auf.

„Das wäre natürlich als finale Performance extrem stark.“

Die Jaqueline dreht sich zu ihm.

„Hape.“

„Ich sag ja nur.“

„Nein.“

„Schon gut.“

Der Brezel-Peter hebt vorsichtig die Hand.

„Falls gesprengt wird: Sicherheitsabstand? Ich frage wegen meinem Bollerwagen.“

Ich schließe innerlich die Augen. Äußerlich geht das nicht richtig. Wale haben da andere Abläufe.

Die Sonne steht inzwischen höher. Meine Haut wird trocken. Menschen kippen Wasser über mich. Andere machen Fotos. Ein Kind fragt, ob ich ein Delfin sei. Ein Mann sagt, man müsse erst einmal herausfinden, ob ich nicht selbst schuld sei. Eine ältere Dame schimpft, früher hätten Wale noch gewusst, wo das Wasser ist.

Der Reporter spricht wieder in die Kamera.

„Die Meinungen gehen auseinander. Während Aktivisten singen, Politiker prüfen und ehemalige Militärs drastische Maßnahmen ins Spiel bringen, bleibt der Wal selbst passiv.“

Passiv.

Ich liege gestrandet am Strand, du Mikrofonständer, denke ich. Das ist keine Passivität. Das ist Anatomie.

Und plötzlich wird es stiller in mir.

Nicht außen. Außen ist weiter Betrieb. Außen ist Menschheit. Außen ist immer Betrieb.

Aber innen wird es still.

Ich liege da und merke, wie müde ich bin. Wie schwer alles ist. Der Körper. Die Luft. Die Erwartungen. Die Leute. Alle wollen etwas von mir. Mich retten, erklären, lieben, besitzen, filmen, verwalten, sprengen. Jeder hat eine Idee. Kaum einer sieht mich.

Vielleicht ist das das Schlimmste am Gestrandetsein. Nicht, dass man nicht wegkann. Sondern dass sofort Leute kommen, die aus deiner Not eine Zuständigkeit machen.

Ich denke an den Imbiss ums Eck. An den Schorsch, wie er hinterm Grill steht und so tut, als gehe ihn die Welt nichts an, obwohl er sie wahrscheinlich besser versteht als viele, die darüber reden. Ich denke an den Hape, wenn er nicht gerade alles zur Kunst macht. An unser Bier. An Currywurst mit Pommes. An unseren Lieblingsstehstammtisch, der wackelt und trotzdem hält.

Ich denke, dass ich gern wieder klein wäre.

Nicht klein wie unbedeutend.

Klein wie: einer von mehreren an einem Stehtisch.

Dann höre ich eine Stimme.

„Hanswurst.“

Sie kommt von weit weg.

„Hanswurst, du liegst mit dem Arsch im Fußbad.“

Ich denke: Gott klingt wie die Jaqueline.

„Hanswurst!“

Etwas Kaltes trifft mein Gesicht.

Ich reiße die Augen auf.

*

Ich liege im Schrebergarten vom Brezel-Peter.

Halb im Planschbecken, halb draußen. Mein linker Arm hängt in einer Blumenkiste. Mein rechtes Bein liegt auf dem Gartenschlauch. Auf meinem Bauch steht eine Packung Grillkäse. Warum, weiß niemand. Vielleicht hat sie dort Schutz gesucht.

Die Jaqueline steht über mir und hält einen leeren Plastikbecher.

„Na endlich“, sagt sie.

Der Hape trägt eine Taucherbrille auf der Stirn.

„Ich wollte gerade eine Bergung performen“, sagt er.

Der Getränke-Manni steht mit einem Kasten Wasser daneben.

„Ich hab gesagt, kein Sprudel“, sagt die Jaqueline.

„Ich hatte nur Sprudel“, sagt der Getränke-Manni. „Außerdem war es ein Notfall.“

Der Brezel-Peter hockt neben dem Planschbecken und sieht erleichtert aus, aber auch ein bisschen enttäuscht, weil aus der Sache offenbar keine größere Veranstaltung geworden ist.

„Alles okay?“, fragt er.

Ich brauche einen Moment.

Die Lichterkette hängt noch. Der Grill glimmt. Der Garten riecht nach Rauch, Gras und dieser Mischung aus Alkohol und Plastik. Aus einer Nachbarparzelle läuft leise ein Schlager, der schon vor seiner Entstehung müde war.

Ich setze mich auf.

Wasser läuft aus meinem Hemd.

„Ich war ein Wal“, sage ich.

Der Hape nickt sofort.

„Ja“, sagt er. „Das war spürbar.“

„Nein“, sage ich. „Ein richtiger Wal. Gestrandet. An der Ostsee.“

„Du lagst im Planschbecken“, sagt die Jaqueline.

„Halb“, sagt der Getränke-Manni. „Man muss fair bleiben.“

Der Brezel-Peter kratzt sich am Bart.

„Du hast auch Geräusche gemacht.“

„Walgeräusche?“, frage ich.

Ich sehe zum Planschbecken. Es ist klein. Lächerlich klein. Ein blauer Plastikring mit Wasser drin. Und doch hat dieses Ding mich eben an eine Küste geschickt, in einen Körper, der nicht meiner war, aber sich kurz sehr echt angefühlt hat.

Der Hape setzt sich zu mir auf den Rasen.

„Weißt du“, sagt er, „das hat schon eine gewisse Kraft. Der Mensch als Wal. Der Garten als Meer. Die Ohnmacht als Zustand.“

„Hape“, sage ich.

„Ja?“

„Nicht jetzt.“

„Verstehe.“

Er schweigt drei Sekunden.

„Aber später?“

„Vielleicht.“

Der Brezel-Peter reicht mir ein Handtuch. Es riecht nach Laube und altem Sommer.

„War vielleicht ein bisschen viel Fliegender Mexikaner“, sagt er.

„Es war einer“, sage ich.

„Einer kann viel sein“, sagt der Getränke-Manni. „Kommt auf die Gesellschaft an.“

Die Jaqueline hilft mir hoch. Ich stehe wacklig, aber ich stehe. Das ist nach einem Waltraum keine Selbstverständlichkeit. Meine Hose klebt. Meine Schuhe quatschen. In meiner linken Hemdtasche schwimmt ein Stück Paprika.

Ich schaue zur Hollywoodschaukel.

Sie steht noch da.

Unberührt.

Mein ursprüngliches Ziel.

„Ich wollte nur dahin“, sage ich.

„Große Reisen beginnen oft mit kleinen Irrtümern“, sagt der Hape.

„Oder mit bescheuert aufgestellten Planschbecken“, sagt die Jaqueline.

Der Brezel-Peter hebt entschuldigend die Hände.

„Wellnessbereich.“

Ich gehe langsam zur Hollywoodschaukel. Diesmal führt mich die Jaqueline wie einen rekonvaleszenten Onkel nach einer Betriebsfeier. Ich setze mich. Die Schaukel knarzt. Nicht bedrohlich. Eher solidarisch.

Der Getränke-Manni gibt mir ein Wasser.

Ich nehme es.

Alle starren mich an.

„Was?“, frage ich.

„Du trinkst Wasser“, sagt der Brezel-Peter.

„Ich war gerade ein Meeressäuger“, sage ich. „Ich muss mich erst wieder umgewöhnen.“

Das akzeptieren alle.

Eine Weile sitzen wir schweigend da. Der Abend ist inzwischen dunkler geworden. Die Lichterkette spiegelt sich im Planschbecken. Es sieht harmlos aus. Aber ich traue ihm nicht. Man traut Dingen nicht mehr, in denen man schon einmal gestorben, gerettet oder fast gesprengt worden ist.

Der Hape hat sein Notizbuch herausgeholt.

„Ich habe einen Titel“, sagt er.

„Nein“, sagt die Jaqueline.

„Nur kurz.“

„Nein.“

Der Hape liest trotzdem.

„Der Wal im Planschbecken. Eine Studie über Körper und Staat.“

Der Getränke-Manni nickt langsam.

Der Brezel-Peter sagt: „Dafür könnten wir Eintritt nehmen.“

Ich lege den Kopf zurück und schaue in den Himmel. Zwischen zwei Apfelbaumästen ist ein Stück Abend zu sehen. Keine Küste. Kein Reporter. Kein Staatssekretär. Kein Admiral mit Sprengfantasie. Nur Himmel. Sehr angenehm. Ich schaukle langsam vor und zurück. Nicht weit. Nur ein bisschen. Genau so, dass die Welt in Bewegung ist, aber nicht gleich wieder zur Ostsee wird.

Und während der Autor vermutlich schon überlegt, wie er mich demnächst in einen Biber, einen Getränkeautomaten oder einen mittelgroßen Ministerratsbeschluss verwandeln kann, sitze ich da und denke: Heute nicht, du Arschkrampe.

Heute bleibe ich Mensch.

Nass, müde, leicht beschädigt.

Aber Mensch…

ENDE

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