
Ein Klassentreffen, zehn Bier in der Plastiktüte und eine Vergangenheit, die plötzlich ziemlich lebendig wird. Zwischen Pamela, Nazi-Müller, Babyfoto-PowerPoint und einem klappernden Mini-Riesenrad merkt der Hanswurst: Früher ist nicht vorbei, nur weil man es gern hätte.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Kerstin Schmadtke
Worum geht’s?
Der Hanswurst wird vom Autor zum Klassentreffen gezwungen und trifft dort auf alte Bekannte, alte Peinlichkeiten und eine mögliche Überraschung aus seiner Vergangenheit.
Nach der Flucht mit dem Hape landen beide in einem defekten Fahrgeschäft über der Stadt. Und plötzlich wird aus dem ganzen Klassentreffen-Quatsch eine unangenehm ehrliche Begegnung mit der Zeit, die vergangen ist.
Die Geschichte lesen
Ich hätte es ja gelassen. Wirklich. Ich hätte diesen Abend elegant ignoriert wie eine Rechnung vom Zahnarzt oder eine Einladung zu einem veganen Grillkurs. Aber der Autor, diese Arschgeige mit Zugriff auf meine Bewegungsfreiheit, hat entschieden, dass ich zum Klassentreffen gehe. Also gehe ich zum Klassentreffen. Weil ich, der Hanswurst, ja schließlich eine fiktive Figur in seiner Geschichte bin und tun muss, was er will. Sonst wäre ich selbstverständlich im „Imbiss ums Eck“ geblieben, hätte eine Currywurst verdrückt und dem Schorsch dabei zugesehen, wie er sich über die restliche Kundschaft aufregt.
Aber nein, ich muss mich mit meinem alten Schulpack treffen. Wegen Nostalgie und so. Und Kaffee und Kuchen und so. Echt jetzt? Blöd nur, dass ich niemanden erkenne. Wirklich niemanden. Nur die Pamela erkennt mich. Die Pamela, die ich damals im dunklen Sportgeräteraum mit der Miri verwechselt habe. Und das ist auch nicht gut ausgegangen. War wohl meine Schuld, weil ich ihr im Abistress zu viele Bier ausgegeben habe. Wobei ich sicher bin, dass der Autor auch daran irgendwie mitgeschrieben hat. Der schreibt ja immer genau dann mit, wenn es peinlich wird.
Und jetzt hält sie mir ein Handyfoto unter die Nase. Ein ungefähr Irgendwasjähriger, der mir wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Jetzt könnte man denken, dass das eine zufällige Ähnlichkeit ist. Aber die Pamela grinst mich an wie jemand, der seit zig Jahren auf genau diesen Moment wartet. Und mir reißt die Plastiktüte mit den zehn Bierflaschen oder sie fällt mir bloß aus der Hand. Das weiß ich jetzt nicht mehr so genau. Der Autor wird behaupten, es sei dramaturgisch notwendig gewesen. Ich nenne es Sachbeschädigung an meiner Abendverpflegung. Aber war ja eigentlich logisch, dass wir keinen Kaffee und Kuchen wollen.
Ich knie also auf dem Boden, zwischen den Scherben meiner sorgsam gewählten Abendverpflegung, da taucht der Nazi-Müller auf. Der alte Geschichtslehrer Herr Müller. Der Name ist natürlich nicht echt, aber so wurde er genannt. Also Nazi-Müller halt. Weil er so drauf war.
„Der Hanswurst! Ich habe nichts anderes erwartet! Dich sollte man in ein Lager stecken!“
Ich hätte ja protestiert. Hätte gesagt, dass ich das Bier ja eigentlich trinken wollte und nicht verschütten. Und dass ich mir von einem alten Nazi schon mal gar nichts sagen lassen muss. Aber der Autor hat wohl keine Lust, mir eine Verteidigungsrede zu spendieren, also schweige ich. Das ist das Gemeine an fiktiven Figuren: Man hat zwar Gefühle, aber kein Mitspracherecht bei der Szenenführung. Dafür mischt sich der Hape ein, der sich aus irgendeinem Grund mit einer gewissen Hana um ein Sorgerecht streitet, das ihn eigentlich nichts angeht. Und dann ist die Stimmung im Eimer.
Ich will mich gerade dezent an die Bar verdrücken, weil ja mein Abendbrot verflossen ist, aber dann kommen die unvermeidlichen Gespräche: Die eine hat eine Firma gegründet, die nachhaltige Babyspielzeuge aus recycelten Kaffeekapseln herstellt, der andere ist jetzt in einer Kommune, die sich selbstversorgt und nur noch nach dem Mondkalender lebt. Und dann noch der Typ, der jedem mit stolzgeschwellter Brust von seinem „Vanlife“ erzählt, was im Wesentlichen heißt, dass er mit seinem rostigen Transporter seit drei Jahren bei seinen Eltern im Garten wohnt.
Und natürlich der peinliche Moment, als jemand eine PowerPoint-Präsentation mit Babyfotos auf dem Beamer abspielt und alle „Oooohhh“ machen, während ich versuche, mich unsichtbar zu trinken. Als dann noch ein ehemaliger Mathelehrer aufkreuzt und tatsächlich versucht, mich in ein Gespräch über Steuerrecht zu verwickeln, ist meine Geduld endgültig am Ende. Ich merke richtig, wie der Autor überlegt, ob er mich noch in eine Diskussion über Freibeträge zwingt. Aber offenbar hat sogar der noch einen Rest Menschlichkeit. Oder die Szene war ihm selber zu öde.
Wir flüchten also. Und weil das Universum Humor hat oder der Autor wieder an seiner kleinen Sadismusmaschine kurbelt, nehmen wir ausgerechnet den Bus, in dem gerade eine geführte Stadtführung stattfindet.
„Hier links sehen Sie die historische Stadtbibliothek, in der – Überraschung! – kein einziger von uns jemals gewesen ist!“, brüllt der Guide ins Mikro.
Der Hape winkt ihm höflich zu, bevor er sich mit einer Tüte Salzstangen einen Fensterplatz sichert. Ich kauere mich daneben und versuche, nicht einzuschlafen. Wobei Einschlafen in so einer Geschichte immer gefährlich ist. Man wacht dann gerne als Bratwurst, Detektiv oder symbolischer Nebenarm einer gesellschaftlichen Debatte wieder auf.
Blöd nur, dass der Bus auf einmal anhält, mitten in der Fußgängerzone.
„Meine Herren und Damen, bitte aussteigen, wir haben eine außerplanmäßige Panne!“, sagt die Busfahrerin in einem Tonfall, als wäre das ein Feature der Tour.
Die Leute strömen nach draußen, ich stolpere hinterher und stehe direkt vor einem nostalgischen Fahrgeschäft, einer Art Mini-Riesenrad mit Gondeln, die mehr Vertrauen erfordern, als ich gerade aufbringen kann.
„Steigen wir ein!“, ruft der Hape euphorisch. „Von oben können wir sehen, wo wir als nächstes unser Bier trinken!“
Ich will natürlich nicht einsteigen. Ich bin ein erwachsener Mann mit Erfahrung in schlechten Entscheidungen, und genau deshalb erkenne ich eine neue schlechte Entscheidung, wenn sie beleuchtet auf einem Marktplatz steht und nach Schmieröl riecht. Aber der Autor schreibt mich weiter. Das ist dieser Moment, in dem ich innerlich „Nein“ sage und äußerlich schon ein Ticket in der Hand halte. Fiktive Figur müsste man sein, denkt da vielleicht jemand. Ich sage: lieber nicht.
Und bevor ich auch nur ernsthaft protestieren kann, sitzen wir festgeschnallt in einer klappernden Gondel, die sich langsam in Bewegung setzt.
Oben angekommen, bietet sich eine spektakuläre Aussicht: ein schummrig beleuchteter Marktplatz, der leicht nach links hängt, eine Würstchenbude, die exakt drei Gäste hat, und ein Straßenmusiker, der „My Heart Will Go On“ auf der Blockflöte spielt.
Der Hape saugt an seiner Zigarette. „Weißt du, Hanswurst, manchmal liegt dein Autor goldrichtig mit seinen Wendungen.“
Ich sehe ihn an. „Der liegt höchstens, wenn ihn mal jemand umschubst.“
Dann bleibt das Rad abrupt stehen. Und weil die Gondeln klappern, aber die Technik offenbar weniger stabil ist als unser Alkoholpegel, müssen wir zwanzig Minuten oben ausharren, während unter uns Leute Selfies machen.
Ich sitze da, über dem Marktplatz, mit kaltem Wind im Gesicht und einem Hape neben mir, der plötzlich ganz still ist. Unten laufen Menschen herum, die alle irgendwohin wollen. Nach Hause, zur nächsten Kneipe, zu jemandem, der auf sie wartet. Oder auch nicht. Und ich denke an die Pamela. An dieses Handyfoto. An den Irgendwasjährigen mit meinem Gesicht. An Klassentreffen, die keine Treffen mit der Klasse sind, sondern Treffen mit der Zeit, die einem ungefragt zeigt, was sie alles gemacht hat, während man selbst beim Schorsch am Stehtisch stand und dachte, man käme irgendwie davon.
Und dann denke ich: Natürlich schreibt der Autor genau so einen Moment. Erst Bierflaschen zerdeppern, dann Nazi-Müller, dann Mini-Riesenrad, und plötzlich soll ich hier oben irgendwas fühlen. Typisch. Erst schubst er mich in die Peinlichkeit und dann tut er so, als wäre das Literatur.
Später, in der Tristessa, sage ich dann, dass ich nie wieder ein Fahrgeschäft betreten werde. Außer, wenn ich als Sitzbank wiedergeboren werde. Der Hape sagt nichts. Er bestellt nur zwei Bier und nickt lange mit dem Kopf. Und vermutlich denkt er an die Miri oder die Pamela oder das verkackte Mini-Riesenrad. Oder an Hana und dieses Sorgerecht, das immer noch nicht sein Sorgerecht ist.
Und ich? Ich trinke mein Bier. Der Josh poliert hinter dem Tresen ein Glas, das schon sauber ist, und schaut so, als hätte er die ganze Geschichte längst gekannt, bevor der Autor sie überhaupt aufgeschrieben hat.
Ich schwöre mir, dass ich beim nächsten Klassentreffen krank sein werde. Sehr krank.
Natürlich nur, wenn der Autor mich lässt…
ENDE