
Ein weißer Food-Automat, teure Miniportionen und der Versuch, den Imbiss ums Eck als „essbare Stadterfahrung“ zu verkaufen: Hanswurst, Hape, Jaqueline, Murat und Schorsch merken schnell, dass hier nicht nur Currywurst kopiert wird, sondern gleich ein ganzes Stück Leben.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Plus Bonus-Song: Alle bleiben
Worum geht’s?
Ein Start-up stellt vor dem Imbiss einen Automaten auf, der Nostalgie, Currywurst und angebliche Kiezkultur vermarktet. Gleichzeitig wird bekannt, dass der Häuserblock verkauft werden soll.
Die Geschichte lesen
Ich stehe im Imbiss ums Eck und schaue durch die Scheibe auf ein Gerät, das aussieht, als hätte ein Kaffeevollautomat mit einem Start-up geschlafen und danach beschlossen, die Arbeiterklasse zu monetarisieren. Dort, wo früher der alte Zeitungsständer stand, glänzt jetzt ein weißer Automat mit Touchscreen und einer Schrift, die so freundlich tut, dass man ihr sofort misstrauen muss.
RETROFUTURE FOOD EXPERIENCE
Darunter steht:
Iss wie früher. Fühl dich wie damals. Zahl wie morgen.
Der Schorsch sagt, er bringe das Ding um. Er steht hinter dem Grill, die Zigarette im Mundwinkel, obwohl das natürlich nicht erlaubt ist, und lässt seine Zange neben der Platte liegen. Das allein ist schon ein Zeichen. Normalerweise hält der Schorsch seine Zange wie andere Menschen ihre Meinung: fest und jederzeit einsatzbereit.
Der Hape steht neben mir an unserem Lieblingsstehstammtisch und schaut nach draußen. In seinem Gesicht arbeitet etwas. Bei anderen Menschen nennt man das Nachdenken. Beim Hape ist es meistens die Vorstufe zu einer Katastrophe, die er später Projekt nennt.
„Das ist stark“, sagt der Hape. „Leider.“
„Das ist Diebstahl mit WLAN“, sagt der Schorsch.
Ich nehme einen Schluck Bier und merke, wie der Autor mich wieder in eine Geschichte reinschreibt, in der ich eigentlich nur Currywurst essen will und stattdessen über Gegenwart, Verwertung und Zukunft nachdenken muss. Ich bin der Hanswurst, ich weiß, dass ich eine fiktive Figur bin. Der Autor stellt mich an ein Fenster, wenn draußen etwas steht, das größer ist als es aussieht. Eine Arschgeige ist der Mann.
Draußen bleibt eine junge Frau vor dem Automaten stehen. Sie tippt, der Automat summt, unten fällt eine kleine Pappschale heraus. Die Frau hebt den Deckel an, fotografiert die Schale und isst nicht. Ich sehe von drinnen nur ungefähr, was darin liegt: drei Stückchen Wurst, zwei Fritten, ein Klecks Soße. Alles sehr ordentlich. Zu ordentlich. Eine Currywurst ohne Biografie.
„Was ist da drin?“, fragt der Schorsch.
„Eine Erinnerung“, sagt der Hape.
„Eine Frechheit“, sagt der Schorsch.
Die Tür geht auf, und mit der kalten Luft kommt die Jaqueline herein. Sie hat den QR-Code schon gescannt. Das Ding gehört zu einer Firma namens Urban Memory Foods. Die verkaufen, sagt sie, essbare Stadterfahrung.
Der Hape nickt langsam. „Essbare Stadterfahrung. Das ist leider ein guter Begriff.“
„Es ist vor allem ein teurer Begriff“, sagt die Jaqueline. „Eine Portion kostet 8,90 Euro.“
Der Schorsch dreht sich nun doch um. „8,90 Euro? Für drei Wurstwürfel und zwei traurige Fritten?“
„Mit Storytelling“, sagt die Jaqueline.
Der Schorsch macht dieses trockene Geräusch, das bei ihm irgendwo zwischen Verachtung und Atemweg liegt. „Storytelling kannste dir in die Haare schmieren. Davon wird keiner satt.“
Kurz darauf kommt der Murat rein. Der Murat kommt selten zufällig. Er kommt meistens, weil er schon mehr weiß als wir und das nicht direkt sagt, damit wir noch kurz das Gefühl behalten, selbst denken zu können.
„Ihr wisst Bescheid?“, fragt er.
„Wir wissen gar nichts“, sage ich. „Aber das immerhin geschlossen.“
Der Murat legt eine Plastiktüte auf den Stehtisch. „Der Häuserblock ist verkauft.“
Es wird nicht sofort still. Die Fritteuse blubbert weiter, das alte Radio rauscht. Aber darunter entsteht so eine andere Stille. Die Art Stille, die kommt, wenn ein Satz nicht laut ist, aber trotzdem etwas verschiebt.
Der Murat zeigt nach draußen. Dieser Block. Der Imbiss. Vielleicht irgendwann sein Kiosk. Die Tristessa später auch. Alles, was nicht glatt genug ist für eine Broschüre, aber rau genug, um später als authentisch verkauft zu werden.
Der Hape streicht sich über das Gesicht. „Die stellen also erst diesen Automaten hin, verkaufen eure Atmosphäre in klein, und danach machen sie den echten Laden weg?“
„Nicht weg“, sagt der Murat. „Umgenutzt. Erst Pop-up, dann Coworking, dann Apartments. Am Ende heißt hier irgendwas The Schorsch, und keiner weiß mehr, wer der Schorsch war.“
Der Schorsch sagt nichts. Er nimmt seine Zange wieder in die Hand und dreht eine Wurst, die schon längst gut ist. Das macht er manchmal, wenn er nicht weiß, wohin mit sich. Vielleicht ist das seine Art zu beten.
Auf dem Automaten erscheint eine neue Anzeige:
TEILE DEINEN KIEZ-MOMENT UND ERHALTE 10 % RABATT.
Darunter ein Eingabefeld:
Was macht diesen Ort besonders?
Ich lache kurz. Nicht weil es lustig ist. Eher weil mein Körper nicht weiß, wohin mit dem Ekel.
„Die wollen Geschichten“, sage ich.
„Natürlich wollen die Geschichten“, sagt die Jaqueline. „Geschichten sind billiger als Mietverträge.“
Der Hape steht schon an der Tür. „Wir müssen da was machen.“
„Wenn du gleich Kunst sagst, bleib ich hier“, sage ich.
„Dann sage ich eben Notwehr“, sagt der Hape.
Wir gehen raus. Der Autor hätte uns auch im Warmen lassen können, aber der Autor braucht jetzt Bewegung. Draußen riecht es nach nassem Staub, Abgas und künstlichem Curryduft. Der Geruch ist nicht falsch, aber er hat irgendwie keine Tiefe.
Der Hape tritt als Erster an den Bildschirm und tippt:
Dass man hier stehen kann, ohne etwas werden zu müssen.
Der Automat denkt kurz nach. Dann erscheint:
Danke für deinen authentischen Beitrag. Deine Erinnerung hilft uns, urbane Genussräume neu zu denken.
Der Hape starrt auf den Satz. „Der verarscht mich“, sagt er.
„Endlich merkt er’s“, sage ich.
Die Jaqueline schreibt, dass alte Männer hier rauchen, obwohl sie nicht dürfen, und trotzdem manchmal besser zuhören als Leute mit Coaching-Zertifikat. Wieder bedankt sich der Automat. Der Murat tritt vor und schreibt:
Dass Menschen hier anschreiben lassen, weil der Monat länger ist als das Geld reicht.
Diesmal dauert es länger. Dann erscheint:
Leider entspricht dein Beitrag nicht unseren Community-Richtlinien.
Der Murat nickt langsam. „Ja“, sagt er. „Dachte ich mir.“
Da tritt der Schorsch nach vorn. Er hat die Kippe ausgemacht, was selten vorkommt und meistens bedeutet, dass er etwas nicht halbherzig meint. Er steht vor dem Automaten, breit, mürrisch, mit seiner Schürze, die nach Grill riecht.
„Gib her“, sagt er.
Er tippt langsam. Mit einem Finger.
Dass Hunger keine Zielgruppe ist.
Der Automat wird dunkel. Kein Dank. Keine Richtlinie. Nur ein schwarzer Bildschirm, in dem wir uns alle spiegeln: der Hape, die Jaqueline, der Murat, der Schorsch und ich.
Ich weiß nicht, warum plötzlich alle mich anschauen. Vielleicht, weil ich in solchen Momenten der bin, der sagen muss, was keiner sagen will. Vielleicht, weil der Autor das so eingerichtet hat.
Also trete ich vor den Bildschirm. Ich denke an Nachmittage im Imbiss, an Bierflaschen auf Metalltischen, an angebrannte Wurstränder, an Gespräche, die nirgendwo hinführten und trotzdem etwas hielten. Und ich denke daran, dass Nostalgie manchmal nicht bedeutet, dass früher alles besser war, sondern nur, dass früher manches noch nicht verkauft war.
Dann tippe ich:
Ich bin der Hanswurst. Ich bin erfunden. Aber sogar ich merke, wenn jemand eine echte Welt kopiert, um sie den echten Leuten wegzunehmen.
Der Bildschirm bleibt noch einen Augenblick schwarz. Dann springt er wieder an.
NEUES MENÜ GENERIERT.
Unten im Automaten rattert es. Fünf Pappschalen fallen heraus. Für jeden von uns eine. Auf den Deckeln steht nicht mehr RetroFuture. Da steht:
MORGENMENÜ
Und darunter:
Wer Hunger hat, isst. Wer zahlen kann, zahlt. Wer reden muss, bleibt.
Der Hape hält seine Schale, als wäre sie frisch aus einem Museum gefallen. „Das ist jetzt wirklich Kunst“, sagt er leise.
Der Schorsch öffnet seine Schale, riecht daran und runzelt die Stirn. „Nein“, sagt er nach einer Weile. „Das ist eine brauchbare Idee.“
Wir stehen noch kurz auf dem Fußweg, zwischen Imbiss und Automat, zwischen alter Fettluft und neuem Plastikglanz. Die Stadt macht derweil, was Städte tun: Sie macht weiter. Autos fahren vorbei. Eine Taube pickt an einem Pommesrest. Nichts ist entschieden. Das ist vielleicht das Ehrlichste an solchen Momenten.
Dann nimmt der Schorsch seine Schale, geht zurück in den Imbiss und stellt sie auf den Tresen. Wir folgen ihm.
„Ab morgen“, sagt der Schorsch, „gibt’s das bei mir.“
Der Murat liest noch einmal den Deckel. „Morgenmenü?“
Der Schorsch nickt. „Wer Hunger hat, isst. Wer zahlen kann, zahlt. Wer reden muss, bleibt.“
„Und wer nur labert?“, frage ich.
Der Schorsch schaut mich an. „Der kriegt Hausverbot.“
Das ist fair. Und wahrscheinlich gelogen, weil der Schorsch uns sonst längst alle rausgeworfen hätte.
Am nächsten Tag ist der Automat weg. Kein Schild. Keine Erklärung. Nur vier Schraubenlöcher bleiben im Gehweg und ein heller rechteckiger Fleck, wo der Dreck noch nicht nachgewachsen ist. Die Firma Urban Memory Foods schreibt vermutlich irgendwo in einem Bericht, dass der Standort nicht performt habe. Firmen können sehr gut Sätze bauen, in denen niemand schuld ist.
Dafür hängt beim Schorsch ein neues Schild über dem Grill. Handgeschrieben. Schief. Ein bisschen fettig.
MORGENMENÜ. Solange Vorrat, Geduld und Menschlichkeit reichen.
Der erste, der kommt, ist ein Lieferfahrer mit nasser Jacke und leerem Blick. Er steht unschlüssig in der Tür, als wisse er nicht, ob er überhaupt gemeint sein kann. Der Schorsch stellt ihm eine Currywurst hin. Der Mann will zahlen, aber der Schorsch winkt ab.
„Morgen wieder“, sagt er.
Der Mann nickt. Nur müde. Und vielleicht ein kleines bisschen weniger allein, noch bevor er gegessen hat.
Ich stehe daneben, nehme eine Fritte aus meiner Schale und denke, dass Zukunft vielleicht gar nicht dieses große glänzende Ding ist, das mit App und Abo kommt.
Ich tunke die Fritte in Currysoße und schaue dem Schorsch zu, wie er weiter Würste brät.
Das reicht.
Für heute.
ENDE