
Ein Rum trinkender Zeitreise-Kapitän, eine dampfende Telefonzellen-Zeitmaschine und der Hanswurst mittendrin: Im Imbiss ums Eck taucht ausgerechnet Käpt’n Iglo auf, des Fischstäbchenlebens überdrüssig und auf der Flucht vor seiner eigenen Werbelegende.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Helge Sidow
Plus Bonus-Song: Kein Kurs zurück
Worum geht’s?
Käpt’n Iglo landet im Imbiss und erzählt, dass er Fisch hasst, allergisch darauf ist und irgendwann einfach aus seinem Werbeleben ausgestiegen ist.
Mit einer selbstgebauten Zeitmaschine sucht er nach einem besseren Dasein und findet erst einmal die Jaqueline. Kurz darauf verschwinden beide gemeinsam durch die Zeit. Der Hanswurst bleibt zurück. Natürlich.
Die Geschichte lesen
Ich will nur mal festhalten, und zwar mit dem gebotenen Nachdruck: Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte dieser Abend genauso unaufgeregt geendet, wie er begonnen hat. Ein, zwei Bier, eine Currywurst, ein bisschen philosophieren mit dem Hape darüber, ob Fritten mit oder ohne Mayo eine Grundsatzfrage ist. Feierabend. Ein würdiger Abend. Ein erwachsener Abend. Ein Abend, der niemandem wehtut.
Aber nein. Der Autor, dieser dramaturgische Vollpfosten mit Sendungsbewusstsein, hatte offenbar wieder einen seiner Anfälle. Wahrscheinlich saß er irgendwo, grinste debil in sich hinein und dachte: Heute jage ich den Hanswurst mal wieder durch irgendeinen kompletten Irrsinn, weil mir normale menschliche Abläufe zu langweilig sind. Und weil ich als fiktive Figur in diesem literarischen Wanderzirkus leider über exakt null Mitspracherecht verfüge, sitzt da plötzlich ein Zeitreise-Kapitän in unserem Imbiss. So läuft das hier. Nicht mein Wille, sondern die Laune eines schreibenden Trottels.
Es fängt mit einem lauten RUMMS an, der die Fenster vibrieren lässt und mir fast das Bier aus der Hand schlägt. Natürlich. Weil der Autor offenbar glaubt, dass man Spannung nur mit Krach erzeugen kann. Subtilität ist nicht sein Gewerbe. Grobmotorik schon eher.
„Was zur Hölle?“, sage ich und sehe den Hape an, der nur müde an seiner Kippe zieht.
„Vielleicht ist endlich die Welt untergegangen“, murmelt er. „Wäre auch mal Zeit.“
Der Schorsch schaut kurz von seiner Fritteuse auf, stellt sichtlich erleichtert fest, dass der Imbiss noch steht und damit seine Welt in Ordnung ist, und widmet sich wieder seinen Würsten.
„Solange draußen nichts brennt, ist mir das egal.“
Aber dann hören wir es. Ein Zischen. Ein metallisches Klirren. Und als ich durch die Scheibe nach draußen starre, sehe ich, wie mitten auf der Straße … na ja, eine Art Telefonzelle steht. Aber nicht so eine normale. Die hat Bullaugen. Eine Messingverkleidung. Ein Steuerrad. Es sieht aus, als hätte Jules Verne mit einem Schrotthändler gesoffen und der Autor hätte danach die Notizen gefunden und leider nicht weggeworfen.
„Ist das … eine Zeitmaschine?“, frage ich.
Der Hape mustert das Ding kritisch. „Sieht für mich aus wie ein verunglücktes Hipster-Bierbike.“
„Oder ein Klohäuschen aus der Zukunft. Oder der Vergangenheit. Keine Ahnung“, brummt der Schorsch.
Dann geht die Tür auf, und ein Mann tritt heraus.
Oder sagen wir: Ein Mann, der aussieht, als wäre er gerade aus einem Cartoon gefallen, den selbst sein Zeichner schon peinlich gefunden hätte. Blaue Kapitänsmütze. Ein Bart wie ein schlecht durchgebackenes Brötchen. Und eine Rumflasche, die er so zärtlich hält, als wäre sie sein Kind. Ich bin mir sicher, dass dieser Mann mehr Geschichten erzählen kann als jede Kneipentoilette nach Mitternacht. Leider bin ich auch ziemlich sicher, dass ich mir das alles heute nicht freiwillig ausgesucht hätte, wenn der Autor nicht wieder mit der erzählerischen Brechstange anrücken würde.
Er wankt rein, bleibt mitten im Imbiss stehen und zieht die Augenbrauen zusammen.
„Was für ’n gottverdammtes Loch“, knurrt er. „Wo bin ich hier, und warum riecht’s nach verbrannten Träumen?“
Der Schorsch bleibt ungerührt. „Das ist der Imbiss ums Eck. Hier gibt’s Currywurst, Fritten und meistens keine Antworten. Jetzt auch nicht.“
Der Mann setzt sich schwer auf einen Barhocker, stellt seine Rumflasche auf den Tresen und sagt: „Ich bin Käpt’n Iglo. Und ich hab die Schnauze voll.“
Ein Moment der Stille.
Ich sehe den Hape an. Der Hape sieht mich an. Der Schorsch rührt in der Currysauce. Und ich denke: Natürlich bist du Käpt’n Iglo. Natürlich sitzt du jetzt hier. Natürlich muss ich das ernst nehmen, weil mein Autor so ein narrativer Dussel ist, der seine Figuren nicht einfach mal in Ruhe saufen lassen kann.
„Moment“, sage ich langsam. „Du bist der Käpt’n Iglo? Der mit den Fischstäbchen?“
„War ich“, knurrt der Käpt’n. „Bin abgehauen.“
Ich blinzele. „Du bist vor … Fischstäbchen … geflohen?“
„JAHRELANG“, brüllt er und kippt sich einen ordentlichen Schluck Rum in seinen Rachen. „Hab mein Gesicht für diesen Mist hingehalten. Und wofür? Für eine Welt, die glaubt, dass Fischstäbchen was mit Qualität zu tun haben.“
Der Hape zuckt die Schultern. „Ich find die ja ganz okay.“
Der Käpt’n mustert ihn, als hätte er gerade ein Stück seiner Seele verloren. „Ganz. Okay?“ Er lehnt sich vor. „Junge, die schmecken nach Pappe mit Panade. Ich hab sie gehasst. Vom ersten Tag an.“
Ich lehne mich auf die Platte meines Lieblingsstehstammtischs. „Aber … du bist Käpt’n Iglo. Bist du … etwa allergisch gegen Fisch?“
Der Käpt’n starrt mich an. „Ja. Und? Denkst du, das hat irgendwen gejuckt?“
„Also … ja. Bestimmt, oder?“
Er lacht bitter. „Ach, du armer Depp. So funktioniert das nicht. Irgendwann sitzt du da, mit deinem Gesicht auf tausend Packungen, und merkst, dass du nur ’ne Marionette bist. Ein Werbegesicht für etwas, das du verachtest.“
Da ist kurz Ruhe in mir. Nicht aus Mitleid. Sondern weil mich das trifft. Marionette. Genau das. Man steht in irgendeinem Imbiss, hält ein Bier, hat einen vernünftigen Plan für den Abend, und dann kommt irgendein von oben gelenkter Blödsinn angeschossen, weil ein schreibender Hohlkopf beschlossen hat, dass es „jetzt interessant wird“. Ich kenne das Prinzip. Leider.
„Und dann hast du … was gemacht?“
„’Ne Zeitmaschine gebaut.“
„Klar“, murmelt der Hape. „Logischer nächster Schritt.“
Der Käpt’n nimmt einen großen Schluck und lehnt sich zurück. „Dachte, vielleicht ist die Vergangenheit besser. Kleiner Spoiler: Ist sie nicht.“
„Und wo bist du überall gewesen?“, frage ich.
Er mustert mich. „Du willst ’ne Geschichte hören? Ich erzähl dir ’ne Geschichte.“
Er nimmt noch einen Schluck. Die Spannung steigt. Ich erwarte Piraten. Kämpfe. Vielleicht sogar eine verfluchte Schatzinsel. Irgendetwas, das in einer halbwegs seriösen Erzählung Sinn ergäbe. Das war natürlich naiv. Sinn ist in dieser Geschichte ungefähr so willkommen wie Zurückhaltung beim Autor.
„Ich hab mal mit einer Krake gesoffen“, sagt er dann.
Ich starre ihn an. „Mit einer … Krake?“
„1853. Spanischer Hafen. Riesiges Vieh, klug wie ein Mathematiker. Hat mir gesagt, dass die Menschheit zum Scheitern verurteilt ist.“
„Und dann?“
„Dann hat sie versucht, mein Schiff zu versenken.“
„Und was hast du gemacht?“
Der Käpt’n nippt an seinem Rum und murmelt: „Ich hab ihr ’nen Sack Fischstäbchen angeboten.“
Der Hape schnaubt. „Und hat’s funktioniert?“
„Hat sie genommen. Und dann hat sie mich ausgelacht.“
Der Schorsch brummt: „Klingt, als hätte die Krake recht gehabt.“
In dem Moment geht die Tür auf. Die Jaqueline betritt den Imbiss. Hohe Stiefel, unverschämt lässiger Gang, dieser Ist-mir-egal-Blick. Sie sieht sich kurz um, fixiert dann den Käpt’n, als wäre er eine besonders interessante Speisekarte.
„Na, ihr Spacken?“, ruft sie und wirft ihre Tasche in die Ecke. Dann bleibt ihr Blick an ihm hängen. „Und wer ist das? Dein Opa, Hanswurst?“
„Käpt’n Iglo“, sage ich. „Und er mag keinen Fisch.“
Die Jaqueline lehnt sich an den Tresen, lässt ihren Blick über ihn wandern. „Aha. Und was genau macht so ein exilierter Fischstäbchen-Guru jetzt hier im Imbiss ums Eck?“
Der Käpt’n hebt seine Rumflasche. „Trinken. Und vielleicht nie wieder gehen.“
Die Jaqueline grinst. „Tja, und ich dachte schon, ich hätte heute Abend nichts Spannendes mehr vor.“
Ich sehe, wie sie ihn mustert. Ich sehe, wie er sie mustert. Ich sehe, wie ich hier gerade überflüssig werde. Der Hape natürlich auch. Und ich merke sofort, wie der Autor sich innerlich einen Ast freut, weil jetzt noch so ein schmieriger Zug ins Absurde dazukommt. Zwei Figuren verschwinden in einer Zeitmaschine, und ich darf wieder danebenstehen wie der letzte Statist im eigenen Leben. Danke auch, du schreibende Hackfresse.
„Hast du Lust auf eine Zeitreise?“, fragt er.
„Hast du Rum?“, fragt sie zurück.
Er klopft auf die Flasche. „Immer. Zauberflasche. Wird nie leer. Ist ganz praktisch.“
Und während der Hape mir zuzwinkert und der Schorsch sich einen stillen Kommentar verkneift, packt die Jaqueline sich den Käpt’n unter den Arm.
„Obacht ihr Lappen, ich bin dann mal weg“, ruft sie uns zu.
„Wohin?“, frage ich.
Sie zuckt die Schultern. „Keine Ahnung. Aber ich hab das Gefühl, es wird lustig.“
Und dann verschwinden sie – die Jaqueline und der Käpt’n – erst aus dem Imbiss und dann durch die Tür der Zeitmaschine.
ENDE
(Und falls ihr glaubt, dass das das Letzte war, was wir von der Jaqueline gehört haben … tja. Die Geschichte schreibe nicht ich. Sondern der Autor. Dieser allmachtsgeile Erzählungsdepp mit der emotionalen Feinfühligkeit eines nassen Betonklotzes.)