Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der Hanswurst und die Aussicht nach rechts“ mit Hanswurst beim Wandern in einer Sandsteinlandschaft

Ein Wanderurlaub in der Sächsischen Schweiz, schöne Felsen, Pflaumenmus und auffällig viel rechtes Kroppzeug: Der Hanswurst merkt schnell, dass Aussicht allein nicht reicht, wenn man daneben lieber wegschaut.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Michael Elze
Plus Bonus-Song: Schöne Aussicht reicht nicht

Worum geht’s?

Auf einem Aussichtspunkt erlebt Hanswurst, wie vier junge Neonazis eine Familie anpöbeln. Während er noch überlegt, ob er eingreifen soll, tut es die über achtzigjährige Frau Hentschel einfach.

Die Geschichte lesen

Ich stehe im „Imbiss ums Eck“ und trage Wanderschuhe. Das allein reicht dem Hape schon als Gespräch.

„Du warst wandern“, sagt der Hape.

„Das sehe ich selbst.“

„Warum?“

„Das weiß ich nicht.“

Der Schorsch steht hinter dem Grill und wendet eine Wurst. Er schaut nicht auf meine Schuhe.

„Wo warste denn?“, fragt er.

„Sächsische Schweiz.“

Der Hape hebt die Augenbrauen. „Freiwillig?“

„Angeblich.“

Ich bin der Hanswurst. Ich bin eine fiktive Figur und habe deshalb bei der Urlaubsplanung ungefähr so viel Mitspracherecht wie eine Wurst beim Schärfegrad. Der Autor hatte vermutlich ein Foto von Sandsteinfelsen gesehen und beschlossen, dass ich dringend Natur brauche. Figurenentwicklung durch Höhenmeter. Das macht er in schöner Regelmäßigkeit. Dieser selbstgerechte Wandersockenwichser.

Die Tür geht auf, und die Jaqueline kommt herein. Sporthose, Laufschuhe, straffer Schritt. Bei der Jaqueline sieht selbst der Gang zum Kühlschrank nach Trainingsplan aus.

Hinter ihr kommt der Murat. Der Murat bringt dem Schorsch zwei Stangen Zigaretten, die offiziell natürlich gar nicht für den Imbiss bestimmt sind. Offiziell ist beim Schorsch vieles nicht für den Imbiss bestimmt.

„Der Hanswurst war wandern“, sagt der Hape.

Der Murat betrachtet meine Schuhe.

„Hat er sich verlaufen?“

„Nur gesellschaftlich“, sage ich.

Der Schorsch stellt mir ein Bier hin. „Dann erzähl.“

Also erzähle ich.

*

Die Landschaft war wirklich schön gewesen. Das musste man ihr lassen.

Morgens hatte die Elbe ruhig zwischen den bewaldeten Hängen gelegen. Über dem Wasser hatte noch Nebel gehangen, und die ersten Schiffe waren langsam flussaufwärts gezogen. Hinter den Häusern waren die Felsen aus den Bäumen gestiegen: grau, hoch und so alt, dass ihnen unsere gesamte Gegenwart vermutlich wie eine kurze Ruhestörung vorkam.

Viele Häuser waren restauriert worden. Fachwerk, Sandstein, kleine Vorgärten, frisch gestrichene Fensterläden. In manchen Orten sah es aus, als hätte jemand sehr viel Geld und Mühe darauf verwendet, die Vergangenheit wieder ordentlich hinzustellen.

Meine Pension lag direkt an der Elbe. Ein schmales Haus mit knarrender Treppe, geblümten Gardinen und einem Frühstücksraum, in dem keine zwei Tassen zusammenpassten. Die Wirtin hieß Frau Hentschel. Sie war klein, über achtzig und trug morgens eine Schürze über der Strickjacke. Sie kochte Eier mit einer Ernsthaftigkeit, die man sonst nur bei Herzchirurgen vermuten würde.

Am ersten Morgen hatte sie mich angesehen und gesagt: „Sie sehen nicht aus, als hätten Sie gut geschlafen.“

„Ich sehe nie so aus.“

„Dann sollten Sie grundsätzlich mehr schlafen.“

Damit war unsere Beziehung geklärt gewesen.

Als ich am zweiten Tag mit einer Blase am Fuß zurückkam, hatte sie mir wortlos eine Schüssel mit warmem Wasser hingestellt. Danach hatte sie Pflaster geholt.

„Sie sind auch nicht der Erste, der glaubt, eine Wanderkarte sei dasselbe wie Kondition“, hatte sie gesagt.

Ein unbezahlbares Juwel. Nur die Gegend hatte neben den Felsen und den restaurierten Fassaden noch etwas anderes gehabt. Menschen, die sofort ins Auge sprangen. Nicht alle. Natürlich nicht alle. Ich hatte freundliche Kellner erlebt, hilfsbereite Wanderer, eine junge Frau an der Fähre, die mir erklärt hatte, warum ich auf der falschen Seite stand. Es gab normale Menschen. Vermutlich sogar mehrheitlich.

Aber es gab auch eine Dichte an bestimmtem Kroppzeug, die nicht mehr zufällig wirkte. Männer undefinierbaren Alters mit polierten Glatzen und pechschwarzen Sonnenbrillen. Männer in schwarzen Poloshirts, gern eine Nummer zu klein und gern von einer Marke, bei der der Lorbeerkranz offenbar wichtiger war als die Passform. Dazu schwarze Turnschuhe, breite Schultern und diese Haltung, als gehöre ihnen nicht nur der Gehweg, sondern auch die Entscheidung, wer ihn benutzen dürfe.

Ein Glatzkopf war noch keine politische Analyse. Zwölf Glatzköpfe in schwarzen Fred-Perry- oder Londsdale-Shirts, die sich gegenseitig mit Namen wie „Eiche“ und „Bomber“ ansprachen, waren aber auch keine Laune der Natur. Dazu kamen vollschlanke blonde Frauen mit vielen Tätowierungen. Ich hatte versucht, nicht hinzuschauen. Danach hatte ich genauer hingeschaut. Es waren eben nicht hauptsächlich Schmetterlinge, Geburtsdaten und schlecht gestochene Rosen gewesen. Da waren Runen gewesen. Adler. Zahlencodes. Schwarze Sonnen. Schriftzüge über Heimat, Stolz, Blut und sonstige Dinge, die Menschen sich auf die Haut schreiben lassen, wenn ihnen ein normales Familienfoto offenbar zu friedlich vorkommt.

Und dann die Jüngeren. Halbstarke mit seitlich wegrasierten Haaren und längeren pomadisierten Deckhaaren, die so aussahen, als hätte die Hitlerjugend neuerdings einen Barber-Shop. New-Balance-Schuhe, schwarze T-Shirts, martialische Aufdrucke. Ahnen. Widerstand. Alles gerade noch so verklausuliert, dass irgendein Anwalt später sagen konnte, das sei doch bloß germanische Mythologie.

Sie hatten herumgepöbelt. An Busbahnhöfen. Vor Imbissbuden. Auf Aussichtspunkten. Nicht ununterbrochen. Nazis brauchen schließlich auch Pausen. Aber oft genug.

Und viele andere Leute hatten diesen Gesichtsausdruck getragen. Verschlossen. Gereizt. Als wäre jeder Fremde zunächst eine Zumutung und jeder freundliche Blick bereits ein zu großes Zugeständnis an die Moderne.

*

„Vielleicht gucken die da einfach so“, sagt der Hape.

„Menschen gucken nicht regional böse“, sagt die Jaqueline.

„Doch“, sagt der Schorsch. „In manchen Gegenden ist schlechte Laune Brauchtum.“

Der Murat nimmt einen Schluck Bier. „Und was ist passiert?“

Natürlich weiß der Murat, dass etwas passiert ist. Sonst gäbe es keine Geschichte. Der Murat versteht Dramaturgie, ohne dafür ein Wort zu brauchen.

*

Am dritten Tag war ich zu einem Aussichtspunkt gewandert. Der Weg hatte durch Wald geführt, über Wurzeln, Stufen und Steine, die alle so gelegen hatten, als wollten sie prüfen, wie ernst man es mit dem Weiterleben meinte. Oben hatte man weit über das Tal sehen können. Felsen, Wald, Elbe. Ein Ausflugsschiff war unten so klein gewesen, dass man kurz glauben konnte, der Mensch habe im Großen und Ganzen keine Bedeutung.

Dann hatte ein junger Mann hinter mir gesagt: „Was glotzt du so, Kanake?“

Damit war die Bedeutung sofort zurück gewesen.

Eine Familie hatte am Geländer gestanden. Ein Vater, eine Mutter, ein Mädchen und ein kleiner Junge. Vielleicht Touristen. Vielleicht lebten sie dort. Vollkommen egal. Vier von diesen jungen Kerlen hatten ein paar Meter entfernt herumgestanden. Schwarze Shirts. Kurze Haare. Einer hatte ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck „Auch ohne Sonne braun“ an.

Der Vater hatte erst nicht reagiert.

„Ich rede mit dir“, hatte der Junge gesagt.

Seine Freunde hatten gelacht. Es war dieses Gruppenlachen gewesen. Nicht weil etwas lustig war. Sondern weil jeder zeigen musste, dass er zur richtigen Seite gehörte.

Ich hatte daneben gestanden und überlegt. Das muss man sich einmal vorstellen. Vier junge Neonazis hatten eine Familie angepöbelt, und ich hatte innerlich eine Sitzung einberufen.

Tagesordnungspunkt eins: Habe ich das richtig verstanden?

Tagesordnungspunkt zwei: Sind die vielleicht gefährlich? Sind immerhin zu viert.

Tagesordnungspunkt drei: Ist jemand anderes zuständig?

Menschen können sehr schnell sehr vernünftig werden, wenn sie einen Grund suchen, feige zu bleiben.

*

„Was hast du gemacht?“, fragt der Murat.

„Ich habe geguckt.“

„Mutig.“

„Ich war allein.“

„Die Familie auch.“

Der Murat sagt es ruhig. Das ist seine unangenehmste Lautstärke.

*

Bevor ich etwas getan hatte, war Frau Hentschel gekommen. Ich hatte sie erst gar nicht erkannt. Sie hatte keine Schürze getragen, sondern eine beigefarbene Windjacke und einen Wanderstock. Neben ihr waren zwei ältere Frauen gelaufen. Zusammen sahen sie aus wie eine Ausflugsgruppe, die sich über Kuchensorten stritt. Frau Hentschel war direkt zu den jungen Männern gegangen.

„Kevin“, hatte sie gesagt.

Der Lauteste hatte sich umgedreht. Auf einmal war er nicht mehr der Wortführer einer neuen arischen Jugendbewegung gewesen. Auf einmal war er bloß der Kevin.

„Lassen Sie die Leute in Ruhe“, hatte Frau Hentschel gesagt.

„Halten Sie sich da raus.“

„Ich halte mich seit dreißig Jahren nicht da raus.“

Der Kevin hatte gelacht. Aber diesmal hatten seine Freunde nicht sofort mitgelacht. Frau Hentschel hatte ihren Wanderstock fester auf den Boden gesetzt.

„Und das Hemd ziehst du aus. Wenigstens solange du in der Öffentlichkeit herumläufst.“

„Das geht Sie einen Scheiß an.“

„Deine Mutter arbeitet dienstags bei mir. Soll ich ihr erzählen, was du hier machst? Oder möchtest du es selbst tun?“

Das hatte gesessen. Nicht politisch. Familiär. Der Kevin hatte etwas gemurmelt. Einer seiner Freunde hatte plötzlich sehr interessiert ins Tal geschaut. Ein anderer hatte sein Handy herausgeholt, weil junge Männer in schwierigen Situationen heute nicht mehr rauchen, sondern Displays entsperren. Frau Hentschel hatte sich dann an die Familie gewandt.

„Entschuldigen Sie bitte“, hatte sie gesagt. „Das ist nicht die Gegend. Das sind vier Idioten aus der Gegend. Das ist ein Unterschied.“

Der Vater hatte genickt. Der kleine Junge hatte die ganze Zeit auf den Wanderstock geschaut.

„Sind Sie eine Polizistin?“, hatte er gefragt.

„Nein“, hatte Frau Hentschel gesagt. „Schlimmer. Ich kenne ihre Eltern.“

Die drei älteren Frauen hatten die Familie anschließend begleitet. Ich war hinterhergelaufen. Nicht weil ich endlich mutig geworden war. Der Autor hatte mich einfach weitergeschoben. Er wollte vermutlich, dass ich meine Lektion bekomme. So ein pädagogischer Tastaturfaschist.

Auf dem Rückweg hatte Frau Hentschel kein Wort zu mir gesagt. Erst am Abend, als ich in der Pension meine Schuhe ausgezogen hatte, hatte sie ein schwarzes Notizbuch auf den Tisch gelegt. Darin standen Daten. Orte. Autokennzeichen. Beschreibungen. Aufkleber. Schmierereien. Bedrohungen. Namen. Der Kevin war auch darin gewesen. Mehrfach.

„Was ist das?“, hatte ich gefragt.

„Das, was angeblich immer nur ein Einzelfall ist.“

Sie hatte umgeblättert.

„Wenn man die Einzelfälle aufschreibt, stehen sie plötzlich ziemlich dicht beieinander.“

Das Notizbuch war fast voll gewesen.

„Gehen Sie damit zur Polizei?“

„Manchmal.“

„Und?“

Frau Hentschel hatte die Schultern gehoben.

„Manche nehmen es ernst. Manche fragen, ob ich sicher bin, dass die Gesten und so wirklich politisch gemeint waren.“

„Was sollen die sonst sein? Ein Wetterbericht?“

Zum ersten Mal hatte sie gelächelt. Dann hatte sie auf einen leeren Platz im Buch gezeigt.

„Sie waren heute dabei.“

Ich hatte verstanden. Sie wollte, dass ich aufschrieb, was ich gesehen hatte. Nicht was ich vermutete. Nicht wie jemand geguckt hatte. Sondern wer was gesagt, getragen und getan hatte. Also hatte ich geschrieben. Danach hatte sie das Buch geschlossen.

„Die Landschaft können Sie fotografieren“, hatte sie gesagt. „Den Rest muss man bezeugen.“

*

Im Imbiss ist es still. Sogar der Hape hält die Klappe. Das ist selten. Der Schorsch legt eine Wurst auf meine Pappschale.

„Wenn du fünfmal dieselbe inoffizielle Uniform siehst“, sagt er, „ist es irgendwann keine Mode mehr.“

Die Jaqueline nickt. „Man muss nicht jeden kahlköpfigen Mann in Schwarz zum Neonazi erklären. Aber man muss auch nicht so tun, als seien einschlägige Symbole, Zahlencodes und gemeinsames Auftreten bloß ein Zufall.“

„Wer auch ohne Sonne braun wird“, sagt der Murat, „hat sich nicht beim Sonnenstudio vertan.“

Der Hape hebt vorsichtig den Finger. „Ich könnte eine Installation machen. Wanderkarten, auf denen alle Wege immer nur nach rechts…“

„Nein“, sagen wir gleichzeitig.

Der Hape nimmt den Finger wieder herunter.

„War nur eine Idee.“

„War schon zu viel“, sagt der Schorsch.

Ich hole ein Glas aus meinem Rucksack. Pflaumenmus von Frau Hentschel. Auf dem Deckel klebt ein handgeschriebener Zettel.

Der Schorsch liest ihn laut vor:

„Für den Hanswurst. Schöne Aussicht reicht nicht.“

Der Murat nickt.

„Kluge Frau.“

„Ein Juwel“, sage ich.

„Und du?“, fragt die Jaqueline. „Was machst du beim nächsten Mal?“

„Etwas früher den Mund auf.“

„Sicher?“

Ich sehe auf meine Currywurst.

„Nein“, sage ich. „Aber ich will wenigstens nicht wieder so lange darüber nachdenken, bis andere den Mut für mich erledigt haben.“

Der Schorsch stellt mir ein zweites Bier hin.

„Aufs Haus.“

„Wofür?“

„Für die Ehrlichkeit.“

„Und das erste?“

„Zahlst du.“

Natürlich. Die Moral ist beim Schorsch kostenlos. Das Bier nie. Draußen geht ein Mann vorbei. Glatze, schwarzes Poloshirt, Lorbeerkranz auf dem Herzen. Ich schaue ihm nach.

„Und?“, fragt der Hape.

„Keine Ahnung“, sage ich. „Der läuft nur.“

Das muss man eben auch aushalten. Nicht jeder, der aussieht wie ein Nazi, ist einer. Aber wer aussieht wie einer, redet wie einer, dieselben Zeichen trägt und gemeinsam mit anderen Menschen bedroht, möchte vermutlich auch nicht als Florist missverstanden werden.

Der Autor könnte die Geschichte jetzt mit einem feinen, ausgewogenen Satz beenden. Irgendwas über Vorurteile, Wachsamkeit und die Schönheit der Elbe. Macht er aber nicht. Der ist vermutlich selbst noch damit beschäftigt, seine Wanderschuhe sauber zu kriegen. Der feige Sandsteinheini…

ENDE