
Ein Rummel, drei Bier und eine Jaqueline mit verdächtig guter Laune: Zwischen Autoscooter, Schießbude und Festzelt geraten der Hanswurst und der Hape in eine Rummel-Rallye, von der sie vorher natürlich nichts wussten.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Holger Eberle
Plus Bonus-Song: Noch eine Runde
Worum geht’s?
Die Jaqueline schleppt den Hanswurst und den Hape auf den Rummel und meldet sie heimlich für eine Rallye an. Nach Autoscooter, Zufallstreffer an der Schießbude und überraschend perfektem Bierzapfen gewinnt das Team tatsächlich…
Die Geschichte lesen
Der Rummel riecht genau so, wie ein Rummel riechen muss, damit man ihm nicht traut.
Nach altem Fett. Nach Zuckerwatte. Nach kaltem Bier, das irgendwo über einen Holztisch gelaufen ist. Nach Stromkabeln, Regenjacken und Kindern, die seit einer Stunde zu viel in der Hand halten. Über allem hängt dieses Licht aus blinkenden Birnen, das nicht hell macht.
Ich stehe am Eingang und weiß sofort: Der Autor hat wieder was vor.
Der Autor hätte mich auch einfach beim Schorsch am Stehtisch lassen können. Currywurst, Pommes, Bier, der Hape daneben, alles sicher, alles warm, alles halbwegs tragbar. Oder ein gemütlicher Netfilx-Abend auf der Couch? Aber nein. Heute bin ich auf dem Rummel. Weil der Autor, diese Kirmes-Arschgeige, offenbar glaubt, dass ich dringend Karussell fahren muss, um als Figur neue Seiten zu zeigen.
Ich habe aber gar nicht so viele neue Seiten. Ich habe eher Ecken. Und eine davon steht jetzt vor der Losbude.
Neben mir steht der Hape und guckt auf die blinkenden Buden, als hätte jemand für ihn persönlich eine Ausstellung aufgebaut.
„Das ist ja der reine Wahnsinn“, sagt der Hape. „Eine temporäre Stadt aus Licht, Fett und Hoffnung.“
„Das ist ein Rummel“, sage ich. „Da werfen Leute Geld in Maschinen und kriegen dafür schlechte Laune und vielleicht ein Plüschtier mit Glasaugen. Aber nur wenn sie Glück haben.“
Die Jaqueline steht vor uns, sportlich, wach, zu gut gelaunt für diese Uhrzeit. Sie hat uns hergelockt. Angeblich wegen „Abwechslung“. Wenn die Jaqueline „Abwechslung“ sagt, meint sie meistens: Ihr zwei bewegt euch jetzt, und danach tut euch irgendwas weh.
„Ihr seid viel zu negativ“, sagt die Jaqueline. „Rummel ist Kindheit. Autoscooter. Schießbude. Lebkuchenherz. Riesenrad.“
„Kindheit war bei mir eher zu enge Schuhe und Eltern, die im Urlaub Museen gut fanden“, sage ich.
„Dann holen wir heute was nach“, sagt die Jaqueline.
Der Hape nickt. „Ich finde das stark. Volkskultur. Lärm als Gemeinschaftserlebnis.“
„Ich finde Bier stark“, sage ich.
Die Jaqueline zeigt auf ein großes Zelt. Darauf steht: Festbier vom Fass.
Ich spüre kurz so etwas wie Vertrauen in den Abend.
„Na also“, sage ich. „Der Rummel hat doch Kultur.“
Wir gehen zuerst ins Bierzelt, weil wir Menschen mit Prioritäten sind. Drinnen spielt eine Kapelle etwas, das wahrscheinlich Musik sein soll, aber mehr nach kollektiver Kündigung klingt. Ein Mann im zu engen Hemd singt in ein Mikrofon, als hätte ihm jemand erzählt, Lautstärke sei Persönlichkeit.
Wir setzen uns an einen klebrigen Tisch. Also, die Jaqueline setzt sich. Der Hape und ich lassen uns eher nieder wie beschädigte Möbel.
„Drei Bier“, sagt die Jaqueline zur Bedienung.
„Ich liebe klare Führung“, sage ich.
Das Bier kommt schnell. Es ist kalt, groß und ehrlich. Ich nehme einen Schluck und denke: Vielleicht wird der Abend doch nicht ganz schlimm. Dann sehe ich, wie der Hape sein Bier gegen das Licht hält.
„Das ist eigentlich eine Installation“, sagt der Hape. „Schaum als vergängliche Skulptur.“
„Trink“, sagt die Jaqueline.
Der Hape trinkt.
Danach gehen wir zum Autoscooter. Natürlich gehen wir zum Autoscooter. Kein Rummel ohne Autoscooter. Das ist Gesetz. Vielleicht kein offizielles, aber eins von diesen Gesetzen, die im Unterbewusstsein wohnen, direkt neben „Bei Pommes nimmt man Mayo“ und „Nach dem dritten Bier glaubt man wieder an seine Balance“.
Ich setze mich in einen roten Wagen. Der Hape nimmt einen gelben. Die Jaqueline steigt in einen blauen, zieht den Gurt straff und schaut uns an wie eine Frau, die gleich keine Gefangenen macht.
„Nur zum Spaß“, sagt die Jaqueline.
Das sagen Leute immer, bevor sie einen rammen.
Die Musik geht los. Die Wagen ruckeln. Ich versuche elegant auszuweichen, aber ein achtjähriges Kind mit Pommes im Mund schießt mir seitlich rein und lacht, als hätte es gerade eine geopolitische Krise gewonnen.
Der Hape fährt rückwärts. Nicht absichtlich.
Die Jaqueline zieht Kreise um uns, rammt erst den Hape, dann mich, dann zwei Teenager, die bis eben noch sehr cool waren und jetzt aussehen, als hätten sie Respekt vor dem Leben gelernt.
Ich werde wieder gerammt. Schon wieder von der Jaqueline.
„Du musst lenken!“, ruft sie.
„Ich lenke!“, rufe ich zurück.
„Wohin?“
„In die Krise!“
Nach drei Minuten ist die Fahrt vorbei. Ich steige aus und habe das Gefühl, mein Rücken hat einen eigenen Anwalt eingeschaltet. Der Hape ist begeistert.
„Das war wie Gesellschaft“, sagt der Hape. „Alle tun so, als hätten sie ein Ziel, und am Ende knallt man ineinander.“
„Und zahlt vorher“, sage ich.
„Genau“, sagt der Hape. „Kapitalismus mit Stromschiene.“
Die Jaqueline klopft uns beiden auf die Schultern. „Gut. Jetzt Schießbude.“
„Ich hab mal Metzger gelernt“, sage ich. „Ich schieße nicht auf Rosen.“
„Du schießt gar nicht“, sagt die Jaqueline. „Du zielst nur.“
An der Schießbude hängt alles, was auf einem Rummel hängen muss: Plastikblumen, kleine Bären, große Bären, hässliche Bären, Herzen mit Sprüchen und ein riesiger Plüschhai, der aussieht, als hätte er in seinem Leben schon zu viel gesehen.
Der Mann hinter der Bude trägt Lederweste und diesen ganz besonderen Blick. Den Kassenblick.
„Drei Schuss, drei Euro“, sagt er.
„Das ist ja günstiger als Therapie“, sagt der Hape.
„Und ungefähr genauso zuverlässig“, sage ich.
Der Hape legt an, kneift ein Auge zu und schießt.
Daneben.
Noch mal.
Daneben.
Dritter Schuss.
Er trifft fast die Lampe.
Der Budenmann sagt nichts, aber sein Schweigen hat Applaus verdient.
Die Jaqueline nimmt das Gewehr, atmet einmal aus, schießt dreimal und räumt drei Rosen ab. Zack, zack, zack. Ohne Pathos. Ohne Drama. Einfach so.
Der Budenmann schaut kurz irritiert. „Sie machen das nicht zum ersten Mal.“
„Ich war mal im Biathlon-Schnupperkurs“, sagt die Jaqueline.
„Du warst was?“, frage ich.
„Einmal“, sagt sie. „War mir zu langsam.“
Dann bin ich dran. Ich will nicht. Aber der Autor will. Und wenn der Autor will, dass der Hanswurst ein Luftgewehr in die Hand nimmt, dann steht der Hanswurst da wie ein Depp und macht es. Ich lege an. Die Zielscheibe wackelt. Oder ich. Wahrscheinlich beide.
In dem Moment niest der Hape.
Ich erschrecke mich, verreiße das Gewehr und treffe.
Nicht die Rose.
Nicht den Stern.
Sondern eine kleine, verstaubte Glocke hinten links, die offenbar seit Jahren niemand getroffen hat.
Es macht: pling.
Der Budenmann wird blass.
Die Jaqueline grinst.
Der Hape sagt: „Das war Absicht. Ganz klar. Das war eine Dekonstruktion der Zielnorm.“
Der Budenmann holt unter dem Tresen einen Umschlag hervor.
„Hauptgewinn“, sagt er.
Ich schaue den Umschlag an. „Ist da Geld drin?“
„Besser“, sagt der Budenmann.
Das ist selten ein gutes Zeichen.
Im Umschlag sind drei Biermarken und ein gelber Zettel.
Auf dem Zettel steht: Rummel-Rallye Finalrunde. Team ist qualifiziert. Meldung am Bierwagen hinter dem Riesenrad.
Ich sehe die Jaqueline an.
Die Jaqueline sieht sehr unschuldig aus.
Zu unschuldig.
„Jaqueline“, sage ich langsam.
„Was denn?“
„Hast du uns hier für irgendwas angemeldet?“
„Vielleicht.“
„Was heißt vielleicht?“
„Ja.“
Der Hape lacht. „Großartig! Eine Rallye!“
„Hape“, sage ich, „Rallye heißt nie, dass man einfach nur trinkt. Rallye heißt, dass irgendein sportlicher Mensch sich ausgedacht hat, wie Trinken anstrengend wird.“
Die Jaqueline hebt die Biermarken. „Es gibt Bier.“
Das Argument sitzt.
Hinter dem Riesenrad steht ein Bierwagen. Davor eine kleine Bühne, ein Mikrofon, drei Biertische und ein Schild:
1. Rummel-Rallye der Nachbarschaft. Finale: Zapfen, Tragen, Denken.
Ich bleibe stehen.
„Denken?“, frage ich. „Auf dem Rummel?“
Auf der Bühne steht eine Frau mit Headset und ruft: „Team Jaqueline bitte nach vorne!“
Team Jaqueline.
Ich drehe mich langsam zur Jaqueline.
„Team Jaqueline?“
„Ich musste einen Teamnamen angeben“, sagt die Jaqueline.
„Und da hast du einfach deinen genommen?“
„Natürlich. Ich wollte gewinnen.“
Das Finale besteht aus drei Stationen.
Erstens: drei Bier zapfen, ohne dass der Schaum überläuft.
Zweitens: einen vollen Bierkrug-Parcours laufen, ohne zu kleckern.
Drittens: eine Schätzfrage beantworten.
Der Hape übernimmt die Schätzfrage, weil der Hape glaubt, Wissen sei im Grunde nur Fantasie mit Fußnoten. Die Jaqueline übernimmt den Parcours, weil sie auf jedem Untergrund aussieht, als hätte sie ihn vorher trainiert.
Mir bleibt das Zapfen.
Ich stelle mich hinter den Hahn. Vor mir drei leere Krüge. Hinter mir Leute. Viele Leute. Zu viele Leute. Ich höre den Hape sagen: „Das wird performativ.“ Ich höre die Jaqueline sagen: „Du schaffst das.“ Ich höre den Autor irgendwo im Hintergrund irre kichern.
Ich fasse den Zapfhahn an.
Und dann passiert etwas Merkwürdiges.
Ich kann das.
Ich zapfe das erste Bier. Schräg halten. Laufen lassen. Kurz absetzen. Schaum setzen lassen. Nachziehen.
Perfekt.
Zweites Bier.
Perfekt.
Drittes Bier.
Noch perfekter.
Der Budenmann von vorhin steht inzwischen am Rand und nickt anerkennend. Ein alter Mann ruft: „Der kann was!“
Ich weiß nicht, wie ich mich dabei fühle. Ich kann selten was auf Anhieb. Meistens kann ich stehen. Trinken. Kommentieren. Und gelegentlich den Autor beleidigen, wenn er mich wieder in irgendwelche Situationen schreibt, für die ich weder Kleidung noch Haltung habe.
Aber hier stehe ich plötzlich hinter einem Bierwagen und zapfe wie ein Mensch mit Aufgabe.
Die Jaqueline rennt ihren Parcours fehlerfrei. Kein Tropfen geht daneben. Nicht mal aus Versehen. Der Hape beantwortet die Schätzfrage.
„Wie viele Glühbirnen leuchten auf dem Riesenrad?“
Der Hape schaut hoch, kneift die Augen zusammen und sagt: „Zu viele, aber eine zu wenig.“
Die Moderatorin zögert.
„Das ist falsch“, sagt sie.
Dann flackert oben am Riesenrad tatsächlich eine Birne aus.
Die Moderatorin schaut wieder hoch.
„Das ist jetzt… technisch gesehen… richtig.“
Der Hape verbeugt sich. „Kunst ist Präzision im falschen Moment.“
Wir gewinnen.
Ich weiß. Es ist lächerlich. Aber wir gewinnen.
Als Preis bekommen wir keinen Plüschhai. Kein Herz. Kein Geld. Nicht mal einen Fresskorb.
Wir bekommen eine Urkunde.
Darauf steht: Ehrenamtliche Bierwagenunterstützung beim morgigen Familiennachmittag.
Ich starre auf das Papier.
„Das ist kein Preis“, sage ich. „Das ist Arbeit.“
Die Jaqueline klatscht in die Hände. „Überraschung.“
Der Hape grinst. „Das ist hervorragend. Der Preis ist Verantwortung.“
„Der Preis ist Ausbeutung mit Urkunde“, sage ich.
Die Jaqueline legt mir eine Hand auf den Arm. Nicht fest. Nur kurz.
„Der Sportverein macht morgen den Ausschank. Die Hälfte der Leute ist krank. Ich hab gesagt, ich finde Hilfe.“
„Und da dachtest du an uns?“
„Ja“, sagt die Jaqueline. „Weil ihr zwar dauernd so tut, als wärt ihr nutzlos, aber wenn’s drauf ankommt, steht ihr da. Und meistens kippt ihr nicht um.“
Der Hape nickt langsam. „Das stimmt. Wir sind stehende Ressourcen.“
Ich will schimpfen. Wirklich. Ich will der Jaqueline sagen, dass man Menschen nicht mit Biermarken in Ehrenamt lockt. Ich will dem Autor sagen, dass er ein Depp ist, weil er aus einem Rummelabend schon wieder eine kleine Lektion gemacht hat.
Aber dann schaue ich auf die drei frisch gezapften Biere.
Auf die Jaqueline, die lacht.
Auf den Hape, der schon wieder auf die Urkunde kritzelt und aus „Bierwagenunterstützung“ das Wort „Bierwagenunterstützungskunst“ macht.
Und auf das Riesenrad, das sich langsam dreht. Runde um Runde. Immer wieder hoch, immer wieder runter. Wie das Leben, nur mit mehr Schrauben und schlechterer Musik.
„Also gut“, sage ich. „Aber morgen zapfe ich nur, wenn ich zwischendurch auch probieren darf.“
„Qualitätskontrolle“, sagt die Jaqueline.
„Volksnahe Schaumforschung“, sagt der Hape.
Ich nehme mein Bier, stoße mit den beiden an und denke: Vielleicht ist ein Rummel gar nicht so schlecht. Man verliert Geld, Würde und gelegentlich die Orientierung. Aber manchmal gewinnt man auch etwas.
Zum Beispiel die Erkenntnis, dass man für Arbeit kein Plüschtier bekommt.
Sondern höchstens noch ein Bier.
Und ganz ehrlich: Es hätte schlimmer kommen können. Der Autor hätte mich auch ins Kettenkarussell schreiben können.
Dann wäre ich jetzt nicht gerührt.
Dann wäre ich nass. Und vollgekotzt…
ENDE