Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der Hanswurst und der Keil der Erkenntnis“ mit Hanswurst vor einem verschlossenen Kastenwagen an einer Waschstraße

Ein sauberer Kastenwagen, ein Schlüssel auf dem Beifahrersitz und dreieinhalb Stunden gepflegtes Versagen: Der Hanswurst sperrt sich beim Autowaschen aus und entdeckt dabei, dass Hilfsbereitschaft manchmal dort auftaucht, wo man sie am wenigsten erwartet.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Michael Elze
Plus Bonus-Song: Keiner hat ein Handy

Worum geht’s?

Der Hanswurst verriegelt aus Versehen den Transporter vom Getränke-Manni und steht ohne Handy, Geld und Schlüssel im Industriegebiet.

Während mehrere Leute abwinken, hilft ihm Aisulu aus Kasachstan stundenlang bei der Suche nach einer Lösung. Am Ende öffnet der ADAC das Auto in einer Minute und der Hanswurst nimmt vor allem eine Erkenntnis mit: Hilfsbereitschaft ist nicht selbstverständlich. Aber sie existiert.

Die Geschichte lesen

Der Getränke-Manni sagt am Morgen, als hätte er’s gestern Abend schon beschlossen, während ich noch im Halbschlaf an meinem Restbiergedächtnis knabbere: „Hanswurst, du bist doch eh grad nix am Machen. Fahr mal den Kastenwagen durch die Waschstraße. Innen auch. Ich muss zu so ’nem Seminar.“

Ich sage: „Seminar.“

Der Getränke-Manni nickt ernst, als würde er gleich an der Harvard Business School referieren. „Für Getränkemarktbesitzer. Irgendwas mit Zukunft. Bierkultur 4.0. Und Lieferketten. Und Pfand als Lebensgefühl.“

Ich sage: „Ich bin nicht mal Pfand.“

Ich würde jetzt gern in den Imbiss ums Eck gehen, mich neben den Hape stellen, so tun, als hätte ich nie Verantwortung gekannt, und dem Schorsch beim mürrischen Brutzeln zusehen. Aber der Autor – diese literarische Arschgeige – schiebt mich natürlich in den Kastenwagen.

Der Kastenwagen riecht nach allem, was man in einem Getränkemarkt verkaufen kann, und nach dem, was man im Getränkemarkt eigentlich nicht verkaufen darf, aber trotzdem im Kastenwagen landet. Leergut, Staub, klebriger Boden. Irgendwo hinten klappert eine Kiste, als würde sie mich auslachen.

Draußen ist es kalt. So ein Industriegebietskalt. Eine Kälte, die nicht aus Wetter besteht, sondern aus Beton, Blech und der Gewissheit, dass hier niemand aus Spaß ist.

Die Waschstraße ist so eine ohne Personal. DIY, wie das Leben. Ein Automat, der mit dir spricht, als wärst du ein Kunde und nicht ein Mensch. Ich werfe Münzen rein, der Wagen wird von außen gewaschen, Wasser prasselt, Bürsten drehen, Schaum fliegt. Das Auto sieht für ungefähr sechs Minuten aus, als hätte es ein anderes Leben.

Innen bin ich dran.

Ich sauge. Ich wische. Ich schiebe Dreck von einer Ecke in die andere und nenne das dann einfach „Reinigung“. Ich finde unter dem Beifahrersitz zwei Kronkorken, eine Handvoll steinharter Gummibärchen, einen Pfandbon aus einem Jahr, als die Welt noch kein Dauerkrisen-Abo hatte, und ein eingetrocknetes Gummiband, das wie ein fossilierter Wurm aussieht.

Beim Staubwischen an der Tür komme ich mit dem Lappen irgendwo hin, wo ein Knopf ist. So ein Knopf, der im Auto immer da ist, aber nie wichtig, bis er wichtig ist. Ich merke nichts. Ich bin ja auch nur der Hanswurst. Mein Talent ist, Dinge zu merken, wenn es zu spät ist.

Als ich fertig bin, denke ich: Jetzt noch kurz hinten den Laderaum checken, ob da nicht noch irgendwo klebrige Apokalypse ist. Ich steige aus, ziehe die Fahrertür zu, gedankenverloren, weil mein Gehirn gerade ein sehr kleines Nickerchen macht, und gehe nach hinten.

Die hintere Tür: zu.

Ich probiere die Seitentür: zu.

Ich probiere die Fahrertür: zu.

Ich gucke durchs Fenster und sehe, wie der Autoschlüssel da auf dem Beifahrersitz liegt, ganz entspannt, als hätte er nie von mir gehört. Mein Portemonnaie liegt daneben. Mein Handy. Meine Jacke. Mein Haustürschlüssel. Mein ganzer kleiner Privatbesitz an Zivilisation.

Ich stehe da wie jemand, der gleich in einem sehr schlechten Lehrvideo vorkommt. Der sechste Sinn oder so. Titel: Deppen, die selbstverschuldet Pech haben.

„Mist“, sage ich.

Das Wort fällt auf den Asphalt und bleibt liegen.

Ich schaue mich um. Zwei Leute saugen ihre Autos aus. Einer macht das mit einer Ernsthaftigkeit, als würde er einen OP-Saal vorbereiten. Ich gehe hin und frage, ob ich kurz ein Handy benutzen darf. Schlüsselnotdienst oder so. Ich kenne keine Nummer auswendig. Nicht vom Getränke-Manni, nicht vom Hape, nicht vom Schorsch, nicht von der Jaqueline. Scheiß-Handy-Zeitalter. Früher konnte ich drei Telefonnummern, zwei Gedichte und den Satz „Bitte schneiden Sie mir das Kotelett nicht zu dünn“ auswendig. Heute kann ich nur noch mein eigenes Versagen.

Der eine sagt: „Hab kein Handy.“

Der andere sagt: „Ich auch nicht.“

Ich starre sie an. Ich will was sagen wie: Ihr steht hier gerade mit einem Staubsauger, der wahrscheinlich per App funktioniert, aber ihr habt kein Handy. Aber ich bin nicht der Typ für Streit. Der Autor macht mich ja immer lieber zum Typen für stilles Leiden. Auch so eine Arschgeigen-Entscheidung.

Ein dritter tut so, als verstünde er kein Wort. Ich spreche extra langsam. Er schaut an mir vorbei, als wäre ich eine schlecht platzierte Werbefahne.

Der vierte ist eine Frau. Mittlere Statur, wache Augen, praktische Jacke. Sie hat diesen Blick, der sagt: Ich hab heute schon mehr erledigt als du in deiner gesamten Erzählinstanz. Sie versteht mein Problem nicht sofort, aber sie versteht es schnell genug.

„Kasachstan“, sagt sie irgendwann, mehr als Erklärung als als Smalltalk. „Deutsch… bisschen.“ Sie lächelt kurz, als würde sie sich dafür entschuldigen, dass die Welt Sprachen hat.

„Reicht“, sage ich. „Mehr kann ich auch nicht.“

Sie heißt… sie heißt nicht. Also für mich. Weil ich vergesse zu fragen.

Die Frau probiert es mit Klebeband. Sie klebt, zieht, ruckelt, flucht leise in einer Sprache, die klingt, als könnte man damit Berge versetzen. Das Fenster bewegt sich keinen Millimeter. Der Kastenwagen ist plötzlich ein Tresor. Und ich bin derjenige, der den Code vergessen hat, obwohl er direkt vor mir liegt.

„Schlüsseldienst nicht gut. Kann nichts. Vielleicht Autohaus?“, sagt sie.

„Um die Ecke“, sage ich, als hätte ich hier irgendeinen Plan.

Sie bietet sofort an, mich zu fahren. Als wäre das selbstverständlich. Als wäre Hilfsbereitschaft etwas, das man einfach macht, ohne vorher zu prüfen, ob es sich lohnt. Ich bedanke mich zu oft. So oft, dass es unangenehm wird. Ich sage auch, sie müsse das nicht. Und sie sagt: „Ist okay.“ Und fährt.

Im ersten Autohaus lungern zwei Mechaniker neben einer Hebebühne rum, als würden sie seit Stunden auf den Moment warten, an dem die Zeit endlich aufgibt. Ich schildere mein Problem.

Der erste sagt: „Nee.“

Der zweite sagt: „Keine Zeit.“

Ich sage: „Ihr müsst ja nix machen. Nur sagen, wie man’s macht.“

Der erste schaut mich an, als hätte ich gefragt, wie man zur dunklen Seite des Mondes kommt. „Keine Ahnung.“

Der zweite sagt: „Schlüsseldienst.“

„Ohne Handy“, sage ich.

„Tja“, sagt der zweite und findet, dass das Gespräch damit beendet ist.

Wir fahren zum nächsten Autohaus. Das, das die Marke vom Kastenwagen verkauft. Die Frau fährt, als wäre sie mein Schutzengel. Ich sitze daneben und fühle mich gleichzeitig dankbar und klein.

„Du kannst wirklich gehen“, sage ich. „Du hast bestimmt… spannendere Sachen.“

Sie lacht kurz. Kein Spott. Eher so ein: Du bist echt ein besonderer Fall, Hanswurst. Dann sagt sie: „Ich helfe.“

Im zweiten Autohaus warten wir. Wir warten so lange, dass ich in der Lounge die komplette Einrichtung auswendig kenne. Ein Wasserspender, der aussieht, als würde er heimlich über dich urteilen. Eine Kaffeemaschine. Ein Prospektständer voller Zukunftsversprechen.

Irgendwann kommt ein Mann von der Service-Annahme. Er hat das Gesicht von jemandem, der jeden Tag hundert Probleme serviert bekommt und keins davon bestellt hat und auch keine Lust darauf hat etwas davon zu lösen.

Ich erkläre es wieder. Ich erkläre auch, dass ich ein Depp bin. Das ist wichtig. Damit er nicht denkt, ich sei nur ein Opfer. Ich möchte wenigstens der Täter meiner eigenen Dummheit sein.

Er sagt: „Zu wenig Personal. Und Werkzeug… schwierig.“

„Aber ihr verkauft doch die Autos“, sage ich.

„Verkaufen ist was anderes als öffnen“, sagt er. Und irgendwie stimmt das auch als Lebensweisheit.

„Wir können warten“, sagt er dann.

„Worauf?“, frage ich.

Er zuckt die Schultern. „Dass jemand Zeit hat.“

Ich schaue zur Frau. Sie schaut zurück. Und dann sagt sie, ganz ruhig, als würde sie gerade eine mathematische Gleichung lösen: „ADAC.“

Ich starre sie an. Natürlich. ADAC. Das Offensichtliche. Das Einfache. Ich hab’s nicht gedacht, weil mein Gehirn seit der Tür-zug-Aktion in einer Art Selbstschutzmodus ist.

„Ich weiß nicht, ob…“, sage ich. „Ist ja nicht mein Auto.“

Der Service-Mann findet irgendwo im Internet die Nummer raus. Ich darf sogar das Telefon vom Autohaus benutzen. Luxus. Die Telefonate laufen so: Erst geht er dran, dann reicht er mir den Hörer rüber, dann erklärt er dem ADAC wieder, wer ich nicht bin.

„Ich bin nicht der Getränke-Manni“, sage ich zum dritten Mal in irgendein Callcenter. „Ich bin der Hanswurst. Stellvertretend. Quasi moralisch verantwortlich.“

Am anderen Ende sagt jemand Dinge wie „Fahrzeughalter“ und „Legitimation“. Ich sage „Pfandbon“. Das hilft nicht.

Irgendwann klappt es. Ein Einsatz wird aufgenommen. Ich bekomme ein Zeitfenster, das sich anfühlt wie ein Witz mit Anlauf.

Wir fahren zurück zur Waschstraße. Die Frau murmelt, dass ihr Mann bald heimkommt und sie noch fünfundzwanzig Minuten Weg hat. Ich nicke, als wäre ich ein vernünftiger Mensch. Sie will mir sogar ihre Jacke dalassen, weil es draußen gerade aufgefrischt hat.

„Nein“, sage ich. „Du hast schon… alles.“

Sie telefoniert noch mit ihrem Schwager. Der Schwager ist auch keine Lösung. Dann fährt sie wirklich. Und ich stehe wieder da. Allein mit dem Kastenwagen, der zwar sauber ist, aber eben verschlossen wie ein schlechter Charakter.

Ich warte. Eine Stunde. Dann noch eine halbe. Ich denke an Currywurst. Ich denke an den Hape, der daraus ein Kunstprojekt machen würde. „Eingesperrt im Kapitalismus, Hanswurst. Das Auto ist die Gesellschaft.“ Ich denke an den Schorsch, der nur „Selber schuld“ sagen würde und damit recht hätte. Ich denke auch an die Jaqueline, die wahrscheinlich längst mit irgendeinem Werkzeug hier stünde, weil sie in ihrer Sporttasche immer das halbe Bauhaus mitführt.

Und ich denke: Der Autor hätte das jetzt abkürzen können. Ein kurzer Schnitt, zack ADAC, Ende. Aber nein. Er will, dass ich leide. Weil er’s lustig findet. Arschgeige.

Dann kommt der ADAC.

Ein Wagen. Ein Mann. Routine im Blick. Er sagt nicht viel. Er guckt kurz, nickt einmal, als hätte er diese menschliche Dummheit schon tausendmal gesehen und als wäre sie ihm trotzdem noch sympathisch.

Er schiebt einen kleinen Keil zwischen Türrahmen und Fahrertür. Dann ein kleines aufpumpbares Luftkissen. Er pumpt. Dann noch eins. Der Keil fällt raus. Ein daumendicker Spalt entsteht, als wäre das Auto plötzlich bereit, mir zu verzeihen.

Er nimmt eine Stange, schiebt sie rein, hakt irgendwo an, drückt. Und klack. Tür offen. Eine Minute. Alles heil. Keine Scheibe kaputt. Kein Drama. Nur ich, der Hanswurst, und meine dreieinhalb Stunden Lebensverlust.

„Das war’s?“, frage ich, weil ich es nicht fassen kann.

Der ADAC-Mann sagt: „Das war’s.“

Ich lasse die Rechnung an den Getränke-Manni schicken. Ist sein Auto. Sein Seminar. Seine Lieferkette. Meine Dummheit.

Später stehe ich beim Getränke-Manni im Markt. Er kommt zurück vom Seminar, wie ein Mensch, der in einem Konferenzraum Kaffee getrunken hat.

„Und?“, fragt er.

„Sauber“, sage ich. „Innen. Außen. Und mein Leben ist jetzt um dreieinhalb Stunden kürzer.“

Er lacht, sagt irgendwas wie „Passiert“. Und dann sehe ich auf dem Tresen einen kleinen Zettel.

Darauf steht in krakeligen Buchstaben: ein Name. Und eine Nummer. Und darunter: „Wenn wieder Tür zu, rufen. Ich bin die Aisulu.“

Ich starre den Zettel an, als wäre er ein kleines Wunder aus Papier.

„Die Frau war hier?“, frage ich.

Der Getränke-Manni nickt. „Kam rein, hat gefragt, ob das dein Wagen ist. Hat gesagt, du bist guter Mensch, aber bisschen…“ Er sucht nach dem Wort, findet es nicht, entscheidet sich für: „…verpeilt.“

Ich halte den Zettel, als müsste ich ihn vor dem Autor verstecken. Weil der sonst wieder irgendwas draus macht. Ich bin gerührt. Und ich bin wütend, dass mich das rührt.

„Ich hab sie nicht mal nach ihrem Namen gefragt“, sage ich.

„Jetzt hast du ihn“, sagt der Getränke-Manni.

Ich stecke den Zettel in mein Portemonnaie. Nicht ins Handy. Ins Portemonnaie. Analog. Wie früher.

Und ich denke: Hilfsbereitschaft ist nicht selbstverständlich. Aber sie existiert. Manchmal kommt sie aus Kasachstan, fährt dich zweimal durchs Industriegebiet und bringt dir am Ende sogar noch ihren Namen vorbei.

Der Autor wird daraus bestimmt irgendeine Moral basteln. Das macht er ja gern, der Depp. Aber ausnahmsweise kann er sich die Moral sparen…

ENDE