
Ein heruntergekommenes Hausboot, die große Atelier-Vision vom Hape und der Getränke-Manni mit einem Vorschlaghammer: Was als Renovierungsprojekt beginnt, endet erwartbar nass. Denn ein Boot hat viele Dinge. Einen Keller eher nicht.
Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.
Gelesen von: Monika Wittmann
Worum geht’s?
Der Hape kauft ein altes Hausboot und will daraus gemeinsam mit dem Hanswurst, der Jaqueline und dem Rest der Truppe ein schwimmendes Atelier machen.
Dann beschließt der Getränke-Manni, dem Boot einen Keller zu verpassen, schlägt ein Loch in den Rumpf und versenkt das ganze Projekt. Der Traum vom Hape geht unter, aber natürlich nicht seine nächste Idee.
Die Geschichte lesen
Der Hape hat wieder eine Idee. Was im Prinzip nichts Gutes bedeutet, aber auch nicht sofort was Schlechtes. Das hängt meist davon ab, wie früh am Tag die Idee kommt und ob Alkohol im Spiel war. Diesmal kam sie spät. Und ja.
„Ein Hausboot mit Werkstatt und Blick aufs Wasser!“, sagt der Hape und hält mir eine zerknitterte Immobilienanzeige unter die Nase. „Atelier unten, Wohnen oben. Oder umgekehrt. Je nach Gezeiten.“
Ich bin der Hanswurst. Literarisch erfunden, von einem Autor, der anscheinend einen Hang zur Biernostalgie und Würstchenromantik hat. Ich hab keine Kontrolle über das hier. Also sag ich Sachen wie: „Klingt nach Abenteuer, Hape. Aber bist du sicher, dass du nicht wieder nur irgendein Möbelstück aus deiner Kindheit therapieren willst?“
Der Hape ignoriert das. Er ist schon verliebt. In das Boot. Das er noch nie gesehen hat. Der Hape mit Immobilienideen ist ungefähr so verlässlich wie ein Joghurt mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum: sieht erstmal okay aus, aber nach dem Öffnen… Peng.
„Du hast keine Visionen!“, ruft der Hape begeistert. „Kunst braucht Raum. Raum braucht Wellen. Wellen brauchen… Mut!“
„Und Gummistiefel“, murmele ich.
Wir fahren also los. Der Schorsch bleibt im Imbiss. „Jemand muss ja die Soße hüten“, sagt er, was mehr klingt wie ein religiöses Gelübde als eine Dienstverpflichtung. Der Hopfen-Hugo winkt uns nach. Die Jaqueline kommt mit, weil sie Hausboote cool findet. Und weil sie denkt, der Hape braucht jemanden, der weiß, wie man ein Werkzeug richtig hält. Ich komme mit, weil ich nichts Besseres vorhabe. Und weil ich, na ja, literarisch gezwungen bin.
Der Hafen ist ein trauriger Fleck Stadtwasser. Das Hausboot – na ja, eher ein „Hausklotz“ – liegt schräg im braunen Wasser, als hätte es schon selbst aufgegeben. Außen Moos, innen Muff. Ein durchgesessener Polstersessel steht mitten im Raum wie eine resignierte Metapher. An der Wand hängt ein Poster von Nena. Original. 99 Probleme. Es riecht nach Diesel, Schimmel und Dönerpapier.
„Es hat Charme“, sagt der Hape. Was Künstler halt so sagen, wenn sie nicht zugeben wollen, dass sie Scheiße gekauft haben.
„Ein bisschen Farbe, ein bisschen Liebe, und das hier ist ein Atelier mit Seele“, sagt der Hape.
„Und mit Schimmel“, murmle ich.
Die Jaqueline reißt Fenster auf, trägt Gerümpel raus und nennt uns liebevoll „zwei halbgare Handwerker mit Übergewicht und Überzeugung“. Ich sag ja: sie mag uns.
Der Murat vom Kiosk steht plötzlich da, als wäre er aus dem Nebel der Urbanität materialisiert mit Club-Mate und einer rostigen Zange. Der Hopfen-Hugo bringt Bier. Das war absehbar. Irgendwann steht sogar der Getränke-Manni in der Tür. Er sieht verkatert aus und redet in kapitalismuskritischen Parolen von einer „hydraulischen Wendung der Architektur“.
Wir fragen nicht.
Es läuft. Also schief, aber kontinuierlich. Wir streichen, schleppen, schimpfen.
Und dann: der Moment.
Der Getränke-Manni, der vorher auffällig still war – was bei ihm nur passieren kann, wenn er entweder schläft oder einen Plan fasst –, steht plötzlich mit einem Vorschlaghammer auf dem Achterdeck. In Unterhose.
„Ich hab’s!“, ruft er. „Was fehlt, ist ein Keller!“
„Ein was?!“ ruft der Hape. „Das ist ein Boot, Manni!“
Doch es ist zu spät.
Er setzt an. Schlägt. KLONK! Holz splittert. KRRRKKK! Wasser gluckert. Und plötzlich – ein Gurgeln wie aus einem schlechten Katastrophenfilm, nur dass kein Held kommt, um uns zu retten. Nur der Geruch von nassem Moder steigt auf.
Ich schau nach unten.
„Manni… du hast ein Loch in den Rumpf gehackt.“
„Ich weiß! Für die Treppe!“
„Das ist ein Boot, kein Bungalow!“, schreit der Hape.
Und dann: gluck – das Boot sackt. Langsam. Würdevoll. Wie ein alter König, der sich nochmal in die Fluten stürzt, bevor ihn die Geschichte vergisst.
Wir stehen im knietiefen Hafenwasser. Ich halte eine verklebte Leuchte überm Kopf. Der Hape blickt traurig auf seine Farbrolle. Der Manni redet was von „unerwartetem Materialwiderstand“. Die Jaqueline lacht. „Das war’s dann wohl mit dem Hausboot.“
„Versenkt“, sag ich.
Wir retten uns mit den restlichen Bierkästen ans Ufer.
Der Hape sitzt in der Sonne, klatschnass, die Finger voller Farbe, sein Traum auf dem Hafengrund. Er seufzt. „Na ja. Vielleicht war das Boot auch nur eine Metapher.“
„Für was denn?“, fragt die Jaqueline.
„Für Hoffnung.“
Ich sag: „Oder für eine schlechte Idee mit langem Anlauf.“
Der Murat bietet allen eine Schnapspraline an. Wir greifen zu.
Ein paar Tage später. Hape steht wieder im Imbiss. Still. Philosophisch. Ich frag: „Und? Noch traurig wegen dem Boot?“
„Geht“, sagt er. „Ich hab jetzt was Neues.“
Er macht die Tür zum Hinterhof auf. Da steht es.
Ein Hausschwein.
Rosa. Zufrieden. Es grunzt.
„Das ist Rosa Luxemburg“, sagt Hape. „Mein neues Projekt. Sie frisst nur Bio. Und sie versteht mich besser als das Boot.“
„Wird sie auch deine Muse?“
„Vielleicht. Wenn sie lernt, keine Farben mehr zu fressen.“
Der Hanswurst (also ich) lehnt sich zurück. Denkt: Der Hape und seine Träume. Ich mag das. Es gibt Schlimmeres, als jemandem beim Träumen zu helfen. Auch wenn’s mal ein bisschen nass wird dabei.
Und falls du, lieber Leser oder liebe Leserin, denkst, das war alles frei erfunden – dann sprich mal mit dem Getränke-Manni. Oder besser nicht. Der erklärt dir dann, wie Boote eigentlich gar nicht sinken können, wenn man sie von unten her thermodynamisch stabilisiert.
Oder so…
ENDE