Der Hanswurst und der Mann hinter dem Grill

Cover der Wurst- und Durstgeschichte „Der Hanswurst und der Mann hinter dem Grill“ mit Schorsch hinter dem Grill im Imbiss ums Eck

Ein ganz normaler Tag im Imbiss ums Eck. Nur diesmal aus der Perspektive vom Schorsch. Zwischen Fritteuse, schlechten Briefen, müden Gästen und unausgesprochenen Sorgen wird sichtbar, was der Mann hinter dem Grill jeden Tag mitträgt.

Diese Geschichte gibt es auch als eingesprochene Fassung.

Gelesen von: Michael Elze
Plus Bonus-Song: Morgen wieder aufmachen

Worum geht’s?

Der Schorsch merkt mehr, als er zeigt: wer knapp bei Kasse ist, wer nicht nach Hause will, wer nur kurz irgendwo stehen muss. Doch irgendwann wird ihm klar, wie viel von den Sorgen der anderen bei ihm hängen bleibt.

Am Ende fragt er sich, ob er den Laden überhaupt noch weiterführen will. Dann rechnet er noch einmal nach und merkt, dass die anderen nicht nur etwas nehmen…

Die Geschichte lesen

Der Schorsch schließt morgens nicht auf, weil er Hoffnung hat. Hoffnung ist nichts, womit man einen Imbiss führt. Hoffnung ist etwas für Leute, die neue Fenster einbauen und dann glauben, die Straße sehe danach anders aus. Der Schorsch schließt auf, weil es halb zehn ist, weil der Schlüssel in seiner Hand liegt und weil ein Laden, der nicht aufmacht, irgendwann keiner mehr ist.

Die Tür klemmt unten links. Wie immer. Der Rollladen rattert hoch. Draußen hängt ein grauer Vormittag über der Straße, mit Mülltonnen am Bordstein, nassen Kippen im Rinnstein und einem Lieferwagen mit Warnblinker, der dort steht, wo er eigentlich nicht stehen darf. Drinnen riecht es nach gestern: Fett, kalte Soße, Rauch, Bier auf dem Boden, das einer weggewischt hat, aber nicht mit echter Überzeugung. Der Schorsch bleibt einen Moment im Eingang stehen. Andere Menschen würden lüften.

Er macht Licht. Die Neonröhre über der Speisekarte flackert zweimal, dann bleibt sie an. Currywurst. Pommes. Frikadelle. Bier. Spezi. Kaffee steht auch dran, obwohl der Kaffee im „Imbiss ums Eck“ eher eine Drohung als ein Getränk ist. Der Schorsch bindet sich die Schürze um. Sauber. Na ja. Sauber genug. Dann wischt er über die Theke. Die Schlieren verschwinden nicht, sie wechseln nur die Richtung. Manche Dinge werden nicht sauberer. Sie werden nur neu verteilt. Fett. Sorgen. Zuständigkeiten. Schuld.

Früher, als der Schorsch noch Seelsorger bei der Bundeswehr war, hat er morgens noch andere Räume betreten. Schlafräume, Büros, Kapellen, Aufenthaltsräume mit Automatenkaffee und Stühlen, auf denen keiner bequem sitzen konnte. Da roch es nach Bohnerwachs, Uniformstoff und unterdrückten Sätzen. Heute riecht es nach Fritteuse. So groß ist der Unterschied eigentlich nicht. Damals haben die Leute auch nicht direkt gesagt, was los ist. Sie haben gesagt: Herr Seelsorger, haben Sie mal kurz? Oder: Ist eigentlich nichts. Oder: Ich frag nur für einen Kameraden. Irgendwann kam heraus, dass der Kamerad sie selbst waren. Dass die Freundin weg war. Dass der Vater gestorben war. Dass sie nachts nicht schlafen konnten. Heute sagen sie: Machste mir ’ne Currywurst? Auch das heißt manchmal: Ich weiß nicht wohin mit mir.

Neben der Kasse liegt ein Brief. Absender: Hausverwaltung. Das Papier ist dicker als normales Papier, diese Sorte Papier, auf der etwas steht, das man nicht hören möchte. Der Schorsch weiß, was drinsteht. Nicht genau, aber genau genug. Mieterhöhung. Nebenkosten. Brandschutz. Irgendein Wort mit Kosten hinten dran. In solchen Briefen steht nie: Lieber Schorsch, wir wissen, dass du diesen Laden seit Jahren am Leben hältst, obwohl er eigentlich nur noch aus Fett, Trotz und zwei funktionierenden Kühlaggregaten besteht. In solchen Briefen steht: Sehr geehrter Herr. Das reicht schon. Der Schorsch lässt den Brief liegen, dreht den Regler der Fritteuse hoch, schneidet Zwiebeln, stellt die Soße bereit, prüft die Würste und sortiert Bierflaschen im Kühlschrank. Handgriffe, die nichts von ihm wollen, außer dass er sie macht. Das hat der Schorsch an Handgriffen immer geschätzt. Menschen dagegen kommen selten mit einer klaren Bedienungsanleitung.

Der Tag kommt mit dem Getränke-Manni. Der Getränke-Manni kommt nie einfach rein, sondern immer in einem Zustand logistischer Bedrängnis. Zwei Kästen Bier vor sich her, einen dritten im Gesicht. Er redet vom Verkehr, von Kunden, die „mal eben“ sagen und „sofort“ meinen, von Rechnungen, die später bezahlt werden sollen, weil gerade alles so eng sei. Beim Getränke-Manni ist immer alles eng. Der Kalender, der Rücken, die Luft, das Geld. Der Schorsch hört nicht jedes Wort. Er hört den Druck darunter. Er stellt dem Getränke-Manni Kaffee hin, ohne zu fragen. Der Kaffee ist schwarz und bitter und besitzt die emotionale Feinheit eines Mahnbescheids. Der Getränke-Manni trinkt trotzdem und bedankt sich auf diese halb verschämte Art, die Männer haben, wenn ihnen ein schlechter Kaffee gerade geholfen hat.

Der Schorsch denkt: Der kommt hier rein, lädt sein Zeug ab und lässt seine Müdigkeit da. Als wäre der Imbiss eine Sammelstelle für das, was andere nicht mehr tragen wollen. Das ist nicht gerecht gedacht. Aber es ist gedacht. Der Schorsch denkt oft ungerecht. Er spricht es nur selten aus. Das ist sein letzter Anstand. Früher hat er geglaubt, Menschen würden sich irgendwann retten lassen, wenn man nur lange genug bei ihnen bleibt. Heute weiß er: Die meisten wollen gar nicht gerettet werden. Die wollen kurz irgendwo stehen, wo einer nicht erschrickt, wenn sie kaputt aussehen.

Dann kommt der Hape mit einem Schal, der nicht wärmt, sondern Haltung zeigt, und einer Mappe unter dem Arm. Eine Mappe beim Hape ist immer gefährlich. In Mappen wohnen Konzepte. Konzepte sind die Larven des Sachschadens. Der Hape legt die Mappe auf seinen Lieblingsstehstammtisch, redet von einer Serie, vom Imbiss als sozialem Resonanzraum, vom Mann hinter dem Grill. Der Schorsch hört „Serie“ und innerlich geht bei ihm ein Rollladen runter, diesmal ohne Geräusch. Dann sieht er die Skizzen. Der Grill. Die Speisekarte. Der Schorsch von hinten. Der Schorsch mit Zange. Der Schorsch, wie er scheinbar nichts denkt. Auf einer Zeichnung steht er hinter dem Grill, leicht nach vorn gebeugt. Seine Augen sind nicht mürrisch. Sie sind müde. Das gefällt ihm nicht.

Der Hape hat ihn erwischt. Das ist das Problem mit Künstlern, denkt der Schorsch. Die tun so, als würden sie suchen, aber manchmal finden sie tatsächlich etwas. Und dann stehen sie da mit ihrem Fundstück in der Hand und wissen gar nicht, was sie einem damit antun. Der Schorsch stellt dem Hape ein Bier hin. Nicht, weil der Hape eins bestellt hat. Vielmehr weil der Hape so guckt. Wie einer, der schon wieder hofft, dass seine Kunst ihn diesmal nicht im Stich lässt. Im Schorsch bewegt sich etwas, das er nicht gebrauchen kann. Es ist keine Kränkung. Kränkung ist einfacher. Die kann man wegrauchen, wegarbeiten, mit einer blöden Bemerkung plattmachen. Das hier ist eher ein Riss in einer Fliese, die man seit Jahren ignoriert.

Kurz vor zwölf kommt der Hanswurst. Er kommt nicht, er trudelt herein. Er bleibt in der Tür stehen, als müsse er prüfen, ob die Welt noch richtig eingerichtet ist. Dann erklärt der Hanswurst, er sei wieder hierhergeschrieben worden. Eigentlich habe er zu Hause bleiben wollen. Aber der Autor, diese Arschgeige, brauche offenbar einen Zeugen für den ganz normalen Tag vom Schorsch. Der Schorsch stellt ihm die Currywurst hin und sagt: „Dann sei still und zeug.“ Der Hanswurst sagt, er sei eine fiktive Figur und dürfe reflektieren. Der Schorsch sagt: „Du darfst auch mal zahlen.“

Der Schorsch schaut den Hanswurst an. Der Hanswurst redet oft davon, dass er eine Figur sei. Dass der Autor ihn lenke. Dass er keine Wahl habe. Früher hat der Schorsch das für einen Tick gehalten. Dann für eine Masche. Inzwischen weiß er nicht mehr, was es ist. Vielleicht hat jeder irgendwann eine Erklärung dafür, warum er nicht geht. Der Hanswurst hat seinen Autor. Der Hape hat seine Kunst. Der Getränke-Manni hat seinen Betrieb. Der Murat hat seinen Kiosk. Die Jaqueline hat ihre Bewegung. Und der Schorsch hat seinen Grill. Der Grill ist auch nur eine Ausrede mit Gasanschluss.

Der Hanswurst könnte mal nach Hause gehen. Tut er aber nicht. Er bleibt am Stehtisch, wo der Hape schon steht. Beide essen, trinken, reden. Der Hape erzählt von seiner Serie über den Schorsch. Der Hanswurst findet sofort, das sei sozialer Grillrealismus. Der Hape schreibt das gleich auf. Der Schorsch bereut, dass er lesen kann. Da stehen sie also wieder. Zwei Männer in den mittleren Jahren, beide auf ihre Art aus der Kurve getragen. Der eine redet sich zum fiktiven Opfer, der andere malt sich zum unverstandenen Künstler. Beide stehen sie in seinem Laden und tun so, als sei dieses Stehen eine Haltung. Dabei ist Stehen oft nur das Gegenteil von Losgehen.

Gegen eins füllt sich der Imbiss. Ein Bauarbeiter sagt „wie immer“, obwohl er jeden Tag etwas anderes nimmt. Eine Frau vom Pflegedienst bestellt Pommes ohne alles und zahlt passend. Zu passend. Menschen, die passend zahlen, haben oft vorher gerechnet. Der Schorsch legt ihr eine kleine Portion Mayo dazu. Sie sagt, das habe sie nicht bestellt. Er sagt, er wisse das. Sie schaut ihn kurz an. Dann nickt sie. Der Schorsch mag solche Momente nicht, weil sie ihn weich machen. Weichheit ist in einem Imbiss ungünstig.

Der Schorsch brät, schneidet, kassiert, stellt Bier hin, nimmt Leergut weg. Die Bewegungen sitzen. Jeder Handgriff liegt so tief in ihm, dass er nebenbei denken kann. Denken ist aber nicht immer ein Vorteil. Manchmal ist Denken nur das Geräusch, das entsteht, wenn die Vergangenheit gegen die Gegenwart stößt. Bei der Bundeswehr hat einmal ein junger Soldat vor ihm gesessen, der nicht weinen wollte. Der Soldat hatte gesagt, er funktioniere. Der Schorsch hatte gesagt, das täten Maschinen auch. Die gingen trotzdem kaputt. Der Satz fällt ihm heute wieder ein, als der Hanswurst am Stehtisch lacht. Der Hanswurst lacht zu laut. Der Schorsch hört das. Er hört auch, dass der Hape schneller trinkt. Dass die Frau vom Pflegedienst vor der Tür kurz stehen bleibt. Dass der Getränke-Manni beim Ausladen müder war als sonst. Er hört eine Menge. Viel zu viel. Das ist vielleicht sein eigentliches Problem. Nicht, dass die Leute zu viel wollen. Sondern dass er es merkt.

Am Nachmittag kommt der Murat. Keine Ware, keine Bestellung, keine große Geschichte. Nur Augen, die zu wach sind. Der Schorsch macht ihm Kaffee. Dann erzählt der Murat von einem Kunden am Kiosk. Blaue Partei, Ausländer, alles zu viel, früher besser. Derselbe Mann kauft danach türkischen Honig für seine Frau. Der Murat hat ihm gesagt, er sei nicht mal konsequent beim Hassen. Der Hape nennt das absurd. Der Murat sagt, nein, das sei Alltag. Da ist dieses Wort wieder. Alltag. Der ganz normale Tag. Der Tag, der keine Geschichte sein will und trotzdem eine ist, weil in ihm alles steckt, was sonst in großen Worten versteckt wird.

Der Schorsch stellt dem Murat eine kleine Schale Pommes hin. Der Murat sagt, er habe keinen Hunger. Der Schorsch sagt, dann solle er sie anschauen. Der Murat schaut die Pommes an. Dann isst er eine. Dann noch eine. Der Schorsch denkt: Auch der Murat kommt hier rein und legt seinen Dreck auf meinen Tresen. Die Rechten, die Wut, den Kiosk, die Sorgen. Und dann steht er da und tut so, als sei er der Einzige, der noch Haltung hat. Das ist wieder ungerecht. Aber auch nicht ganz falsch. Der Murat hat Haltung. Der Schorsch weiß das. Und gerade deshalb nervt es ihn. Menschen mit Haltung sind anstrengend, weil sie einen daran erinnern, wo man selbst nur Gewohnheit hat.

Der Murat sagt irgendwann, der Schorsch sei ein guter Mensch. Der Schorsch sagt, er solle nicht übertreiben. Der Hanswurst mischt sich ein und sagt, der Schorsch sei kein guter Mensch. Er sei ein fairer Mensch. Das sei härter. Der Satz bleibt im Raum. Fair. Das klingt besser, als es ist. Fair heißt oft nur: Man macht gerade genug, damit man sich nicht schuldig fühlen muss. Eine Pommes extra. Ein Kaffee, der nicht berechnet wird. Ein Spruch, der im richtigen Moment ablenkt. Eine Wurst, die etwas größer ausfällt, weil einer heute kleiner aussieht. Fair ist keine Rettung. Fair ist ein Pflaster auf einem Beinbruch. Der Schorsch will das sagen. Er sagt es nicht. Weil der Murat wirklich gerade eine Pommes braucht. Weil der Hanswurst wirklich zu laut lacht. Weil der Hape wirklich auf dieses blöde Blatt schaut, als hänge daran sein Platz in der Welt.

Dann kommt die Jaqueline. Die Jaqueline bringt Bewegung in Räume, auch wenn sie stillsteht. Sie sieht sich um und merkt sofort, dass Stimmung im Raum hängt. Sie nimmt dem Hanswurst eine Pommes aus der Schale und sieht den Schorsch an. Nicht flüchtig. Richtig. Das macht sie manchmal. Der Schorsch hasst es. Sie sagt, er sehe aus, als würde er gleich jemanden beerdigen. Der Schorsch sagt, er sehe immer so aus. Die Jaqueline sagt, nein, heute mehr innerlich. Der Imbiss wird nicht still. Die Fritteuse rauscht, der Kühlschrank brummt, draußen fährt ein Bus vorbei. Aber am Stehtisch verändert sich etwas. Der Hape legt seinen Stift hin. Der Hanswurst senkt die Gabel. Der Murat isst die letzte Pommes und schaut nicht auf.

Der Schorsch merkt, dass sie etwas von ihm erwarten. Nicht viel. Nur Wahrheit. Das ist meistens schon zu viel. Die Jaqueline sagt, sein Problem sei, dass er alles merke und so tue, als merke er nichts. Der Schorsch legt die Zange ab. Das passiert selten. In seinem Kopf steht plötzlich eine ganze Schlange von Sätzen bereit. Nicht die guten Sätze. Nicht die, die man sagt, wenn man als fairer Mensch gelten will. Sondern die anderen. Die, die man nachts denkt, wenn der Laden leer ist und der Rücken zieht und der Brief von der Hausverwaltung auf dem Tisch liegt.

Er denkt: Ihr kommt hier alle rein und wollt etwas. Ihr wollt Wurst, Bier, Wärme, Publikum, Widerspruch, Nachsicht. Ihr wollt, dass ich euch kenne, aber nicht zu genau. Ihr wollt, dass ich merke, wie es euch geht, aber bloß nicht frage. Ihr wollt einen Ort, der bleibt, während ihr selber dauernd bröckelt. Und ich? Was will ich? Ruhe vielleicht. Geld, das reicht. Einen Morgen ohne Brief. Einen Tag ohne den Getränke-Manni, der schon mit fremder Erschöpfung die Tür aufdrückt. Ohne den Hape, der aus allem Kunst macht. Ohne den Hanswurst, der seine Unfähigkeit zum Aufbruch zur literarischen Existenzkrise adelt. Ohne den Murat, der recht hat und deshalb die Laune verdirbt. Ohne die Jaqueline, die in Sätze greift, als hätte sie dafür eine Berechtigung.

Ohne all diese Menschen.

Der Schorsch stellt sich das vor. Einen Tag ohne sie. Der Grill wäre sauber. Die Luft ruhiger. Kein Bier, das zu früh geöffnet wird. Keine Mappe. Kein Gelächter, das nicht stimmt. Keine politischen Gespräche. Kein „wie immer“, kein „machste mal“, kein „Schorsch, sag du doch auch mal“. Nur der Laden. Der Kühlschrank. Die Fritteuse. Der Brief. Und der Schorsch. Der Gedanke ist nicht erleichternd. Das ärgert ihn.

Die Jaqueline wartet immer noch auf eine Antwort. Der Schorsch sagt schließlich, was er sagen kann. Er sagt, er sei müde. Mehr nicht. Das Wort fällt nach unten. Zwischen Tresen und Stehtisch. Zwischen Soße und Bierflasche. Zwischen die Leute, die sofort verstehen und deshalb nichts sagen. Und weil keiner etwas sagt, redet der Schorsch weiter. Nicht viel. Aber genug, um sich selbst zu überraschen. Er sagt, es sei manchmal anstrengend, immer der Mann hinter dem Grill zu sein. Der, der den Rauch kennt, die Preise, die Abstände zwischen den Besuchen, die Sorten von Schweigen. Der, der sieht, wenn einer weniger Geld hat. Der, der merkt, wenn einer nicht nach Hause will. Der, der sich die Sorgen der anderen nicht aufschreibt und sie trotzdem nicht loswird.

Er sagt nicht, dass er Angst hat. Er sagt nicht, dass der Brief auf dem Tisch liegt. Er sagt nicht, dass er gestern Abend kurz überlegt hat, einfach nicht mehr aufzumachen. Aber vielleicht hören sie es trotzdem. Der Hanswurst räuspert sich. Der Schorsch sieht ihm sofort an, dass jetzt wieder so ein Satz mit Autor kommt. Und ja, natürlich kommt er. Der Hanswurst sagt, vielleicht schreibe der Autor den Schorsch heute kaputt, damit alle mal merken, dass Nebenfiguren auch Verschleiß haben. Der Schorsch schaut ihn an. Ausgerechnet der Hanswurst. Ausgerechnet diese fiktive Dauerbaustelle von Mensch sagt etwas, das stimmt. Der Schorsch sagt, der Autor könne ihn mal. Der Hanswurst hebt das Bier. „Willkommen im Club.“

Am frühen Abend leert sich der Imbiss. Der Murat muss zurück zum Kiosk. Die Jaqueline geht zum Training oder kommt davon. Der Getränke-Manni ruft an und fragt, ob er noch Leergut holen soll. Der Schorsch sagt nein, obwohl drei Kästen voll sind. Der Hape und der Hanswurst bleiben. Natürlich bleiben sie. Der Hape zeichnet wieder. Der Hanswurst trinkt sein Bier langsamer als sonst. Menschen, die langsamer trinken, wollen entweder nicht nach Hause oder nicht betrunken werden. Beim Hanswurst ist es meistens beides. Der Schorsch fragt, ob noch einer will. Der Hanswurst fragt, ob Currywurst gemeint sei. Der Schorsch sagt, die Frage sei offen. Der Hanswurst überlegt. Dann sagt er nein. Der Schorsch schaut auf. Der Hape legt den Stift weg. Das sei neu, sagt er. Der Hanswurst zuckt mit den Schultern. Vielleicht wolle der Autor Charakterentwicklung. Der Schorsch sagt, vielleicht habe er auch Sodbrennen. Auch möglich, sagt der Hanswurst.

Es ist ein kleiner Moment. Nicht groß. Nicht sauber. Aber der Schorsch merkt ihn sich trotzdem. Weil der Hanswurst zum ersten Mal seit langem nicht einfach nimmt, was noch da wäre. Vielleicht ist das schon viel.

Später, als der Hanswurst und der Hape gehen, bleibt der Schorsch allein im Imbiss zurück. Die Tür fällt hinter ihnen zu. Draußen ist die Straße nass. Die Laternen spiegeln sich auf dem Gehweg. Der Stehtisch steht leer, aber nicht unbenutzt. Leere Tische können sehr laut sein. Der Schorsch räumt ab. Zwei Pappschalen. Drei Bierflaschen. Eine Serviette mit einer Zeichnung vom Hape. Auf dem Boden liegt ein Centstück. Der Schorsch hebt es auf und legt es neben die Kasse. Er weiß nicht, warum. Vielleicht, weil Dinge nicht einfach liegen bleiben sollen.

Dann nimmt der Schorsch den Brief von der Hausverwaltung. Er setzt sich auf den Hocker hinter der Kasse, auf dem er nie sitzt, wenn Gäste da sind. Er öffnet den Umschlag mit einem Messer, das eigentlich für Brötchen gedacht ist. Es ist, wie erwartet, kein guter Brief. Mieterhöhung. Nebenkosten. Brandschutzprüfung. Bitte um Rückmeldung. Sehr geehrter Herr. Der Schorsch liest alles. Einmal. Dann noch einmal. Es ist nicht unmöglich. Aber es ist auch nicht nichts. Es ist diese Sorte Schreiben, die einem nicht direkt ins Gesicht schlägt, sondern nur den Boden zwei Zentimeter schiefer stellt.

Der Schorsch legt den Brief auf den Tresen und schaut in den Laden. Auf die Speisekarte. Auf den Stehtisch. Auf den Hocker, auf den sich der Hanswurst nie setzt, weil Sitzen schon zu viel Entscheidung wäre. Auf den Tresen, an dem der Murat seinen Kaffee getrunken hat. Auf den Abdruck der Wasserflasche von der Jaqueline. Und plötzlich merkt der Schorsch, dass seine Abrechnung nicht aufgeht.

Er hat den ganzen Tag innerlich gerechnet. Was die Leute nehmen. Was sie abladen. Was sie kosten. Zeit. Nerven. Aufmerksamkeit. Wärme. Geduld. Fritten, die keiner bestellt hat. Kaffee, den keiner verdient. Sätze, die er nicht sagen will und trotzdem denkt. Er hat gerechnet wie einer, der endlich beweisen will, dass er im Minus ist. Und ja. Er ist im Minus. Natürlich ist er im Minus. Aber er hat die falsche Währung benutzt.

Denn wenn der Schorsch ehrlich ist, bringen sie auch etwas rein. Nicht genug Geld. Nicht genug Ruhe. Nicht genug Dankbarkeit. Aber sie bringen den Tag in Bewegung. Sie bringen Geräusche, Zumutungen, schlechte Witze, richtige Beobachtungen, Hunger, Wut, Schwäche, Übertreibung, diesen ganzen unordentlichen Menschenkram. Ohne sie wäre der Laden sauberer. Aber leer. Und leer ist kein Zustand, den der Schorsch gut aushält.

Der Schorsch steht auf, nimmt den Brief und legt ihn in die Schublade. Dann nimmt er ein Blatt Papier aus dem Druckerfach. Einen Moment lang überlegt er, ob er etwas darauf schreiben soll. Wegen Erschöpfung geschlossen. Wegen Zumutung geschlossen. Wegen Menschen geschlossen. Er nimmt den Stift. Schreibt aber nichts davon. Er schreibt: Morgen geöffnet. Dann schaut er auf die zwei Wörter. Sie sehen klein aus. Fast lächerlich. Zwei Wörter gegen Miete, Müdigkeit, Kundschaft, alte Soldatenstimmen, kaltes Fett, kaputte Filter im Kopf und eine Welt, die dauernd etwas will.

Der Schorsch ergänzt darunter: Keine großen Reden.

Dann hängt er den Zettel von innen an die Tür. Er löscht das Licht. Die Neonröhre geht mit einem kurzen Zucken aus. Der Laden fällt in Dunkelheit. Der Schorsch zieht den Rollladen runter und schließt ab. Draußen riecht die Stadt nach Regen, kaltem Asphalt und irgendeinem Leben, das noch nicht ganz aufgegeben hat.

Der Schorsch steckt den Schlüssel ein.

Nicht aus Hoffnung.

Aber auch nicht ohne.

ENDE

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